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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-22 · 30 (22.7.1904) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
30 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 30 Dr. Mocb's MocbenscbrM. Sette 479 das Entstehen und Vergehen politischer Richtungen ist gewissen Gesetzen unterworfen. Die Zeit des Liberalismus ist vorbei, weil seine Ziele zum größten Teil bereits dnrchgeführt sind und weil in unserer Zeit die sozialen Fragen und nicht die liberalen Doktrinen die Welt bewegen. Auch die sozialdemokratische Partei wird schwinden, wenn ihre sozialreformerischen Aufgaben gelöst sind und eine andere Zeit mit neuen Idealen Heranrücken wird. Die Juden sind ebenso wenig daran schuld, wie an Naturereignissen. Wären keine Juden bei diesen Parteien, ihr Entwicklungsgang wäre an Nnanzierungen etwas ärmer, im Wesentlichen aber derselbe ge&Iie&en. Auch hier also sehen wir eine Verständnislosigkeit für die äußeren und inneren Entwicklungserscheinungeu bei Herrn Dr. Jakob, wie selten irgendwo. Der Herr ist bei den „gelehrten" Antisemiten in die Schule gegangen und hat sich ihre stereotype Weisheit angeeignet. Das ist der ganze Witz. Dieses Gefühl begleitet Einen durch den ganzen Arükel. Der ganze Jdeenbau ist ein falscher und ungerechter, weil der Verfasser an das Problem mit der Absicht der Zerstörung heranging. Wer etwas zerstören will, der wird es stets morsch finden. Der Neuarier Jakob will die jüdische Ethik oblegen, also darf er auch gar nicht ethisch-jüdisch denken. Und aus diesem Jdeengang kann keine gesunde Frucht herauskommen. Denn der Schluß, zu dem Dr. Jakob gelangt, ist geradezu unsinnig, trotzdem er nichts weniger als neu ist. Der Autor ruft pathetisch aus: „Tauchet unter, verschwindet! Verschwindet mit Euren orientalischen Physiognomien, dem von Eurer Umgebung abstechenden Wesen, Eurer Mission und vor allem mit Eurer ausschließlich ethischen Weltanschauung. Nehmet die Sitten, Gebräuche und die Religion Eurer Wirtsvölker an, suchet Euch mit ihnen zu vermischen und sehet zu, daß Ihr spurlos in ihnen aufgehet." Er gibt zu, daß das nicht leicht ist; aber er tröstet sich, daß „doch einmal der Anfang gemacht werden muß, in Eurem Interesse und im Interesse der Wirtsvölker, die, wenn sie nicht an Euch zugrunde gehen sollen, Euch früher oder später einmal verdauen müssen." Daß das nur durch die Taufe geschehen kann, darüber ist sich also der Autor klar, er schreckt aber auch vor diesem Schritte nicht zurück. Auch diese schmachvollste aller Lügen ist ihm gut genug, um nur das hohe Ziel zu erreichen, „den Wirtsvölkern gleich zu werden." Was diese Taufe ohne Ueberzeugung bedeutet, darüber siud sich alle ehrlichen Männer glücklicherweise einig. Sie ist die Prostitution der Seele, sie bedeutet nicht die Rettung aus dem Elend, sondern die Flucht zum Strebertum, die Pforte zur Charakterlosigkeit. Sie ist ein widerlicher, feiger Schritt, der nicht das Judentum, sondern das Christentum beleidigt. Aber sehen wir ganz von der sittlichen Seite ab und fragen wir uns: Ist eine Massentaufe möglich, und welche Folgen würde sie zeitigen? Wir leben in einer Zeit, wo jeder Jude gewissermaßen unter antisemitischer Kontrolle steht und wo der semitische Blutstropfen noch bis ins fünfte Geschlecht verfolgt wird. Wir haben in den letzten Jahren Fälle erlebt, wo dem Sohne eines sehr hohen preußischen Beamten der Eintritt in ein vornehmes Korps verweigert wurde, weil sein Großvater Jude gewesen ist. Ich weiß Fälle, wo die Kinder längst geadelter Renegaten als Juden von der „besseren" Gesellschaft bezeichnet und gemieden werden. Also — schon den Wenigen, die heute zum Taufbecken ihre Zuflucht nehmen, fällt es in der Regel schwer, ihren Herzenswunsch zu erreichen und unbemerkt unterzutanchen. Und nun denke man sich den Fall, daß auch nur 5—6 Perzent der heutigen Judenheit der schmerzlosen Wasserkur sich unterziehen würden, wenn also in W i e n 7—8000 Juden jährlich aus dem Judentum austräten, was würde da geschehen? Sie würden zum Hohn und Spott der ganzen Bevölkerung werden und eine Art christlicher Sklavengemeinde für sich bilden. Die Christen und namentlich die Antisemiten würden sie nachher noch mehr als bisher meiden und diese Gemeinde wäre im vollsten Sinne des Wortes eine Gemeinde der Schmach, der Niedrigkeit. Die christlichen Neger in Amerika sind ein abschreckendes Beispiel dafür. Und was würde es nützen? Das würde kaum den Ueberschuß der Geburten über die Sterbenden decken. Das Judenlum würde also dadurch kaum geringer werden. Wem wäre damit geholfen? Etwa der neuen Maranuengemeinde, die dem Spott und der Schmach geweiht wäre? 'Oder vielleicht dem Christentum, welches eine neue Schar von Scheinchristen bekäme? Die von allen Halb- und Ganz-Renegaten mit so viel Andacht ersehnte Assimilation ist, wenn überhaupt, nur möglich durch Blut- und nicht durch Wassertaufe, also durch M i s ch e h e n. Nun kann man auch über die Mischehe verschiedener Meinung sein, das aber scheint mir sicher, daß sie im großen Maßstabe heutzutage undurchführbar ist Heute heiraten meistens nur arme christliche Mädchen reiche jüdische Männer und umgekehrt nur verschuldete christliche „Kavaliere" reiche jüdische Erbinnen. Das ist kein sympathischer Zustand und eröffnet keine günstige Perspektive für die Zukunft. Der Staat kann doch nicht jährlich so und so viele christliche Mädchen zur Verheiratung mit jüdischen Männern und so und so viele christliche Männer zur Verheiratung mit jüdischen Mädchen abkommandieren. Aufgehen kann man nur in ein freundliches, aber nicht in ein feindliches El ment. So lange sich die Masse der Christen antipathisch der Judenheit gegenüber verhält, kann von einer Assimilation in diesem Sinne gar nicht die Rede sein. Wie gewisse chemische Elemente sich nur in eine ätzende Säure auflösen, so kann das Judentum nur durch Schmach und Verrat aufhöreu — und das ist, für den anständigen Menschen wenigstens, keine diskutable Lösung. „Sehet zu, daß Ihr Euren Wirtsvölkeru gleich werdet!' Klingt das nicht wie ein bitterer Hohn? Was sollen beispielsweise die Juden Oesterreichs werden? Deutsche, Tschechen, Polen, Slovenen, Rumänen oder Italiener? Oder sollen sie ihre Assimilatiou jedes Jahr nach der neuesten Mode besorgen? Die Sache ist zu ubsurd, von welcher Seite man sie auch anfassen mag. Die Juden bilden heute in Westeuropa überall einen homogenen Teil der Bevölkerung. Sie haben sich genügend assimiliert, um an den westeuropäisch! n Kulturen mit ganzem Herzen teilnchmen zu können. Ihre Religion stört niemand, bte Verschiedenheit des inneren Milieus hat der Kultur nur genützt und nicht geschadet. Sie tragen durch ihre eigenartige Seeleufürbung in die Literatur, in die Kunst und ins Leben eine neue Nuance, eine eigene Note hinein. Das bedeutet, wie alles Mannigfaltige und Eigenartige, eine Bereicherung der Kultur. Wir leben in einer Zeit, wo die Nivellierung als Unglück und die Individualität als das Höchste und Heiligste betrachtet wird. Ein Aufgehen ohne Rest, ein Untertauchen ist nicht nur nicht möglich, sondern gar nicht wünschenswert, Nicht eine intensivere Assimilation, sondern e i n e E r st a r k u n g des jüdischen Bewußtseins tut uns not. Wir dienen unserer Gemeinschaft und den Völkern, mit denen wir leben, am besten, wenn wir uns stolz und frei zu d e m bekennen, zu was die Natur uns gemacht hat. Nicht trotzdem wir Juden sind, sondern weil wir Juden sind, sind wir gute Bürger und nützliche Glieder der menschlichen Gesellschaft. _ F. S. Dom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Jüdische Bomb en. — Jüdische S om m erh itz e. — Ein Held der Feder.) „Im Lokale des jüdisch-irredentistischen Turnvereines in Triest wurden mehrere Bomben, Zündkapseln und Sprengpulver gefunden. Die jüdische Presse ist bemüht, diese Gegenstände als harmlose Feuerwerkskörper hinzustellen." Diese Nachricht stand zu lesen an der Spitze des „Deutschen Volksblatt", und damit

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