Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 30 (22.7.1904)
- Date
- 1904-07-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 478 Dr. JBlocb s Mocbenscbrttt. Nr. 30 2674 Arier, dagegen nur 312 männliche und 46 weibliche Personen jüdischen Bekenntnisses, somit 856 Juden wegen Betruges verurteilt. Wegen Veruntreuung wurden im selben Jahre 513 männliche und 50 weibliche Personen christlichen Bekenntnisses, dagegen nur 61 männliche Personen und keine einzige weibliche Person jüdischen Bekenntnisses verurteilt. Ein Zufall will es, daß auch eine Zusammenstellung aller jener bedeutenderen ^Defraudationen, welche in ganz Oesterreich-Ungarn vom Juni 1873 bis Oktober 1902 begangen wurden, in unsere Hände gelangt ist. Der Begriff der Defraudation unterscheidet sich allerdings wesentlich von dem Begriffe des Betruges. Allein, wenn ein Beamter der Stadt Wien alle Juden als Fälscher und Betrüger bezeichnet, dann muß es wohl erlaubt sein, als illustrativen Behelf auch dieses Verzeichnis der Defraudationen heranzuziehen. Das Verzeichnis enthält 96 Fälle von Unterschlagungen, deren Beträge K 10.000 übersteigen. Von diesen 96 Defraudanten waren nur 10 Juden. Wir geben die Namen derselben und unter Klammern den defraudierten Betrag: 1880: Jakob Wolf (K 1,600.000), 1884: Eduard Baldey (K 300.000), 1885: M. Reich zusammen mit seinem christlichen Chef Hofmeister (K 2,060.000), Max Breitner (K 600.000), 1892: Moriz Morgenstern (K 40 000), 1900: Karl Singer zusammen mit drei christlichen Kollegen (K 80.000), P. Wechsler (K 70.000), 1901: Heinrich Freiberger (L l 37.000), 1902: Dr. Richard Mandl (K 16.060), Ed. Jellinek (K 4,600.000). Dagegen gehören 86 Defraudanten der christlichen Konfession au und wir nennen hier nur einige der berühmtesten dieser arischen Ehrenmänner: 1873: Rudolf Pokorny (K 1,000.000), 1876: I. A. Lederer u. Josef Senft (K 1,400.000), 1878: Ignaz Leeb (K 480.000), 1880: Julius Straßer (K l,OOO.uOO), 1883: Direktor Hagenauer (K 120.000), 1884: Johann Deibele (K 300.000), 1884: Lukas Jauner (K 4,120.000), 1884: Johann Lukas (K 180.000), 1884: Direktor Zeuari (K 140.000), 1885: Gustav Schadlbauer (K 120.000), 1885: Franz Gridl (K 340.000), 1887: Phil. Zalewski (K 300.000), 1889: Alfred von Kendler (K 4,000.000), 1892: Ludwig Piufsich (K 2,000.000), 1894: Adolf Ferles (K 2,000.000), 1897: kaiserl. Rat Adolf Foschum (K 300.000), 1897: Georg Hofmeister (K 160.000), 1898: Friedrich Schreiber und Victor Tremel (K 140.000), 1899: Bürgermeister Doktor Hödl (K 240.000), 1899: Franz Zima (K 3,000.000), 1901: Eduard Wolfs (K SOO.OOo), 1901: Victor Kecskemeti (K 5,050.000), 1901: Emil Mvudro (K 320.000), 1901: Gustav Wastl (K 155.000), 1901: Msg. Drozd (K 5,000.000), 1901: Adolf Böhm (K 300.000), 1901: Kassier Bekarek (K 156.000). Weder nach der Zahl der Verbrecher, noch auch nach der Höhe der veruntreuten Summen vermögen sonach die Juden mit den Christen einen Vergleich auszuhalten. Was hier von dem Gebiete der Veruntreuungen gilt, das gilt in gleichem Maße von dem weiten Gebiete des Betruges. Es ist notwendig, den allgemeinen Verleumdungen der christlichsozialen Häuptlinge und Hetzer einmal die unumstößliche Macht der Ziffern entgegenzuhalteu. Nicht etwa zu dem Zwecke, um unsere Glaubensgenossen von den ihnen zugefügteu Beschimpfungen rein zu waschen, sondern um zu zeigen, daß die derzeitigen Machthaber der Gemeinde Wien nicht die mindeste Ursache haben, auf ihr Ariertum oder ihr christliches Bekenntnis deshalb mit besonderem Nachdruck zu pochen, weil etwa diese Stammes- und Glaubenszugehörigkeit ein Präservativ gegen Gaunerei und Spitzbüberei bilden würde. Herr Lueger mag der Disziplinaruutersuchung gegen seinen kostbaren Demel welche Wendung immer geben, er wird die aktenmäßig erhärtete Tatsache nicht aus der Welt schaffen können, daß wohl nicht alle Christen, wohl aber ein auch im Verhältnis zur Bevölkerungszahl weitaus überwiegender Bruchteil derselben zu den Fälschern und Betrügern gehört. Gm «euer Prophet. (Schluß aus Nr. 29.) Und wie Dr. Jakob die orthodoxen Juden verkennt, so verkennt er auch die Juden der freieren Richtung. Er begreift nicht, daß für sie das Judentum ein lebendiger und daher entwicklungsfähiger Gedanke ist, daß sich daher bei ihnen ganz unwillkürlich das moderne Leben mit der Religion verbindet. Er sagt: „Ihr modernen Juden aber, die Ihr mit der Kultur fortschreitet und nach den Gesetzen des Landes, dem Ihr angehöret, lebt und dennoch Juden bleiben wollt, Ihr gleicht dem des Rechnens Unkundigen, der zweimal zwei fünf sein läßt. Ihr kennt eben das Judentum nicht und glaubt deshalb, es sei mit dem, was Ihr wollt, zu vereinigen." Ja, warum in aller Welt soll das nicht zu vereinigen sein? Weder bilden in der Theorie Judentum und modernes Leben Gegensätze, noch fehlt es in der Praxis an Männern, die Träger der Kultur und Vertreter der Wissenschaften sind und dennoch dem Judentum treu bleiben. Freilich, der wunderliche Heilige Dr. Jakob scheint in erster Reihe an die äußern Unannehmlichkeiten, die mit dem Judentum verbunden sind, zu denken, denn er argumentiert: „Ihr kommt in die Schule. Wenn Euch die Natur nicht' zufällig mit einer arischen Nase ausgestattet hat, werdet Ihr bald die schmerzliche Erfahrung machen, daß Euere arischen Kameraden von Euch abrücken. Aber ich will annehmen, ein anständiges Gesicht und anständige Manieren haveu Euch geholfen, mit Euern Mitschülern in ein leidliches Verhältnis zu kommen. Dieses leidliche Verhältnis wird, sobald Ihr auf die Universität gelangt, ein jähes Ende nehmen. Selten wird ein Korps oder eine Burschenschaft sich bewegen lassen, Euch aufzunehmen. Und wie bei den Kommilitonen, so geht es Euch beim Militär, bei jeder Bewerbung um irgend ein Staatsamt, in allen Berufsklassen und Gesellschaftsschichten, im öffentlichen und Familienverkehr. Ueberall werdet Ihr hinausgedrängt, höflich oder schroff, je nach dem herrschenden Ton. Ich frage Euch nun: Wie könnt Ihr, die Ihr doch gute Patrioten und mit einer modernen Bildung und mit modernen Ehrbegriffen ausgestattet seid, unter solchen schmachvollen Verhältnissen leben? Und wie denkt Ihr, aus diesem elenden Zustand herauszukommen?" Wäre ich Antisemit, dann hätte ich gesagt, das ist „echt jüdisch" gedacht. So aber sage ich, diese unwürdige, rein materialistische Betrachtung riecht mehr nach Schacher als nach Philosophie. Wie, frage ich, weil Unwissenheit und Ungerechtigkeit die Juden verkennen, darum hätten sie -die Pflicht, ihrer Ueberzeugung untreu zu werden und sich zu den anderen zu flüchten, nur weil jene die Majorität darstellen? Ist das eine würdige Denkweise? Hätten die Heroen der Menschheit stets so gedacht, dann wären die großen Wahrheiten nie Gemeingut der Menschheit geworden. Die Wahrheit und die Gerechtigkeit sind fast immer verkannte Güter und sie befinden sich selten im Lager der Majorität. Darum wird man aber nie aushören, für sie zu leben und zu kämpfen. Auf derselben Höhe steht folgende Stelle: §§ ^„Oder ist etwa der Sinn Eurer Religion erfüllt, wenn Ihr Euch an jede neueutstandene Bewegung herandrängt und sie durch Euer Mitreden und Mittun zugrunde richtet? Der Liberalismus war in der Mitte des XIX. Jahrhunderts ein kräftiger Schößling, der vielleicht manche gute Frucht getragen hätte. Da kamt Ihr, ungerufen heran, hinget Euch wie Kletten an ihn, mit Eurer Not, Eurem Sehnen nach Emanzipation und bürgerlicher Gleichstellung, bis er unter Eurer Last zusammenbrach. Und meint Ihr, daß es der Sozialdemokratie, dem Börsen- und Zeitungswesen unter Eurer Mitbeteiligung besser ergehen wird?" Die Inden kamen nicht ungerufen heran und sie waren auch nicht die Totengräber des Liberalismus. Die Blütezeit des politischen Liberalismus in Deutschland war gerade in den ersten Dezennien n a ch der Judenemanzipation. Auch