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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-15 · 29 (15.7.1904) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
29 (15.7.1904)
Date
1904-07-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 468 Dr. Mocb's MoebenscbrM. Nr. 29 fei es im Diesseits, sei es im Jenseits, sei es in sich selber, oder in der Außenwelt; also die ausgleichende Gerechtigkeit, — das alles ist Herrn Dr. Jakob ein ausgeklügeltes spezifisch jüdisches System. Ich berühre diese Dinge nur nebenher, weil eine gründliche Auseinandersetzung hier gänzlich fruchtlos wäre. Die ganzen Betrachtungen Jakobs über die Vergangenheit Israels haben für mich nur insofern Bedeutung, als daraus seine Schlüsse für die Gestaltung der Zukunft gezogen werden. Diese Zukunft negiert Dr. Jakob gänzlich. Die Juden haben nach seiner Ansicht gar kein Recht, eine Zukunft zu beanspruchen. Ja, es ist eigentlich ein schreiendes Unrecht gegen die Natur, daß sie heute noch existieren. Er schreibt: „Es ist das Gesetz aller organischen Gebilde, daß sie den benachbarten Gebilden sich aupassen, mit ihnen sich verbinden und nach Verlöschen ihrer Funktionskrast in andere, kräftigere Gebilde sich auflösen. Im gewöhnlichen Leben spricht man da von Entwicklung und Tod; der Grieche aber sagt: Alles fließt. Entzieht sich ein Gebilde aus irgend welchen Gründen diesem Fluß, so gerät es in einen Zustand, den mau Fäulnis nennt, und diese Fäulnis greift auch auf die benachbarten Gebilde über und bewirkt bei ihnen eine Erscheinung, die mau Krankheit nennt. Dieses Gesetz des Werdens und Vergehens gilt allgemein. Pflanze, Tier, Menschenstaat: sie blühen, entwickeln sich und gehen, wenn chre Zeit gekommen ist, in andere Gebilde aus. Und nicht nur die Gebilde der Erscheinungswelt, sondern auch alle Jdeengebilde, mögen es Meinungen einzelner Menschen sein oder Wahrheiten, die die ganze Menschheit als ewig giltig anerkannt hat: Alle müssen, wenn ihre Blüte- und Entwicklungszeit um ist, verschwinden und neuen Meinungen und anderen „ewigen Wahrheiten" Platz machen. So sehen wir im Verlauf der Menschheitsgeschichte Völker auftauchen, die in mächtigen, unaufhaltsamen Siegeslauf die Welt durchschreiten, und am Ende in andere Völker untertauchen und mit ihren Göttern, Heroen, Ideen und Wahrheiten verschwinden. Tot sind die Egypter, tot die Assyrer, die Babylonier, Perser, Griechen, Römer; tot ist alles, was sie verehrt und erdacht haben. Und nie wird es gelingen, die dem Moder entrissenen Mumien und Schriftzeichen dieser Völker für uns wieder lebendig zu machen. Nur den Juden war es Vorbehalten, sich gegen dieses Gesetz des Werdens und Vergehens aufzulehnen und zu ihrem' und ihrer Mitmenschen Unglück ihren Auflösungsprozeß Jahrtausende lang aufzuhalten." Das ist wiederum ein Meisterstück pilpulistischer Weisheit. Gewiß, das Ziel des Lebens ist der Tod. Aber was nicht stirbt, das muß doch wohl Lebenskraft, also auch Lebensberechtigung haben. Es will mir doch scheinen, daß nicht das, was sich auflöst und vergeht, sondern das, was besteht und weiterlebt, das Gesunde und Starke ist. Es wird mit dem Wort „Naturgesetz" ebenso sehr wie mit dem Worte „Zeitgeist" viel Mißbrauch getrieben. Goethe sagt. „Denn was ihr so den Geist der Zeiten heißt, Das ist zumeist der Herren eigner Geist, In dem die Zeiten sich bespiegeln". Dasselbe ließe sich von den künstlich konstruierten „Naturgesetzen" sagen. Etwas, was den empirischen Tatsachen widerspricht, kann kein Naturgesetz fein, denn ein Naturgesetz kennt keine Ausnahmen. Die Juden haben sich Jahrtausende gegen dieses Naturgesetz aufgelehnt? Ja, durch welche kabbalistische Mittel haben sie es fertig gebracht? Es ist wirklich ein schreiendes Unrecht, daß die Juden sich nicht erst nach dem „Kausalgesetz" und nach dem „Gesetz des Werdens und Vergehens" erkundigt haben, daß sie mehr dem gar nicht philosophischen Lebensdrang gehorchten. „Zu ihrem und zu ihrer Mitmenschen Unglück", meint Herr Dr. Jakob. Ja, haben wir denn eine feste Norm für das Glück des einzelnen Individuums? Und nun gar noch für das Glück der Völker und Nationen! Wäre ^es wirklich ein Glück, wenn die Juden sich den Römern amalgamiert hätten, um mit ihnen nach kurzer Zeit dem Verfall geweiht zu sein? Und die Mitmenschen!? Ein Volk lebt für sich selber und nicht für die Mitmenschen. Es ist Selbstzweck und nicht Mittel für ethische Dinge. Ja/ dadurch, daß es für sich lebt, seiner inneren Natur getreu, lebt es auch für die ganze Menschheit. Wenn die Menschen erst lernenmenschlich und nicht barbarisch zu denken, dann werden sie wahrlich sich über die Juden nicht zu beklagen haben. Ohne das jüdische Element wäre überall der Weg vom Mittelalter zur Neuzeit ein viel langsamerer gewesen. Nur ein antisemitisches Gehirn vermag in der Berübrung der europäischen Völker mit den Juden ein Unglück zu erblicken. Dr. Jakob lebt in der Tat so sehr in der antisemitischen Gedankenwelt, daß er sich sogar ihre Terminologie zu eigen machte. Auch das Wort Trei 1 schke's von den Wirt s- und G a st- Völkern ist ihm geläufig. Daß die Juden auch nach der Zerstörung ihres Reiches als Volksindividualität sich erhalten konnten, das erklärt Dr. Jakob dadurch, daß die Religion, die früher rein immanent war, nunmehr einen transzendentalen Charakter erhielt, und daß das Jenseits als neues wichtiges Element hiuzukam. Das ist wahr. Aber auch das geschah nicht, mit Absicht und Berechnung, sondern mit Naturnotwendigkeit. Die ganze Religion mußte in der bitteren Knechtschaft düstere Farben annehmen, die Zukunft mußte als Trost dienen, weil die Gegenwart so traurig war. Das ist eine natürliche, begreifliche Metamorphose Gewiß, die Religion wurde im talmudischen Zeitalter immer düsterer und mystischer und der Jude immer mehr von der Natur und der Außenwelt abgeschlossen und mehr nach Innen und nach dem Jenseits gekehrt. Aber das war ein Produkt der Zeit und der Verhältnisse. Und welche gewaltige ethische Kraft liegt darin, daß ein Volk in seiner Not und in seinem tiefsten Jammer nicht verzweifelt und sich sinnlichen Genüssen hingibt, sondern sich geistig vertieft und, seelisch gestärkt, seine Zukunft stets im Äuge behält! Für das alles ist der antisemitische Blick Dr. Jakob's getrübt. Echt antisemitisch ist auch seine Charakteristik der frommen Juden: „Menschen, die wie Schatten durch has Leben huschen, die nichts für das Land, in dem sie leben, empfinden, die ihre Wirtsvölker als unreine Geschöpfe verachten, die Sprache, die Sitten und Gebräuche und Alles, was diesen Völkern heilig ist, verabscheuen. Menschen, die das Leben als Warteraum letrachten und stets darauf harren, wann sie der Messias nach dem gelobten Lande oder der Tod in die Gefilde der Seligen bringen wird. Diese Menschen, deren Augen verlernt haben, Freude an den Schönheiten der Natur und Kunst zu empfinden, die keinen Sinn für eine harmonische, wohlgeordnete und systematische Gedankenentwicklung haben, die bei allem Empfinden, Denken und Handeln stets nur. nach Zwecken fragen, wenn es auch nicht immer gemeine Nützlichkeitszwecke sind, sondern sehr oft gute, edle und heilige Zwecke. Diese Menschen leben oder vegetieren noch genau so, wie sie vor etwa anderthalb .Jahrtausenden gelebt haben. Sie sind nicht um eines Fußes Breite vorwärts gekommen." Dieses Bild ist tendenziös entstellt. Es trifft auf die westeuropäischen Juden gar nicht und auch auf die osteuropäischen nur zum allergeringsten Teile zu. Der gehässigste Antisemit könnte kein trüberes Bild entwerfen. Weiß Jakob nicht, daß es berühmte Talmudisten gab und gibt, die mit dem ganzen Apparat der Wissenschaft und mit dem feinsten Kunstsinn ausgestattet waren, die mit dem ganzen Herzen am Kulturleben der' Völker teilnahmen und angesehene Stellungen im öffentlichen Leben einnahmen? Meint er wirklich, daß der fromme Jude so aussehen muß, wie der jüdische Proletarier in Galizien? Er scheint tatsächlich nur diese Leute im Auge zu haben, er vergißt aber ganz, daß

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