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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-15 · 29 (15.7.1904) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
29 (15.7.1904)
Date
1904-07-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Rr. 29 Dr. Dlocb's Wocbenscbrtfk Sette 469 die Unwissenheit und geistige Trockenheit dieser Leute nicht mit dem Talmud, sondern mit ihrer Armut und mit der polnischen Nachbarschaft zusammenhängen. Weiß er nicht, wie die frommen Juden in der spanischen oder egyptischen Kulturperiode ausgesehen haben? Es soll mich gar nicht wundern, wenn er auch die zerrissenen Stiefel der galizischen Juden auf ihre Frömmigkeit und ihren Talmud zurückführt. (Schluß folgt.) F. S. Korrespondenzen. Dr. Theodor Herzl. Nachruf, gehalten unmittelbar nach dessen Begräbnisse von dem Präsidenten der Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern in der Vertreterfitzung am 7. Juli 1904. Wir kommen von einem Begräbnisse. Vor einer Stunde haben wir einen der edelsten Söhne unserer Gemeinde, Doktor Theodor Herzl, zu seiner letzten Ruhestätte geleitet. Als ich vor ein paar Tagen — ich weilte damals in Prag — die mich tief erschütternde Todesnachricht erhielt, richtete ich sofort ein Beileidstelegramm an die „Neue Freie Presse", beauftragte ich ferner telegraphisch das Bureau der Gemeinde, in meinem Namen sofort Beileidstelegramme an alle Beteiligten (deren Adressen ich in Prag nicht erfahren konnte) zu entsenden. Und nach meiner Rückkunft hieher erklärte ich mich bereit, namens des Vorstandes unserer Gemeinde dem Dahingeschiedenen am Grabe ein Wort des Nachrufes zu sprechen. Es ist Ihnen bekannt, daß Herzl testamentarisch sich jede Grabrede verbeten hatte. Wenn ich nun hier in dem kleinen Kreise der Vertreter unserer Gemeinde dem Dahingeschiedenen ein Wort des Gedenkens weihe, so ist es wohl selbstverständlich, daß vor dem frischen Grabhügel der Kampf der Meinungen ruht, daß ich es nicht als meine Aufgabe betrachte, heute hier des politischen Zionismus, dessen hochbegabtester, energischer Vertreter und Führer der Dahingeschiedene war, zu erwähnen, daß ich der auch nur. entferntesten Berührung der Frage, ob wir es da mit erreichbarer realer Wirklichkeit oder mit einer vielleicht nicht gefahrlosen Utopie zu tun haben, aus dem Wege gehe.°> M'M^ Wohl aber muß es anerkannt und ausgesprochen werden, daß unser Hingeschiedener Glaubensbruder Theodor Herzl mit allem Feuereifer, dessen nur eine den edelsten Regungen offene Menschenseele fähig ist, mit aller Liebe für seine Stammesgenossen, wie sie nur ein wahrhaft gutes Herz empfindet, mit aller ihm in so hohem Maße eigenen Begabung in Rede und Schrift, mit dem ganzen ihm eigenen Zauber seiner Persönlichkeit für seine Ideale eintrat. Er sah die Verfolgung, die Leiden seiner Stammesbrüder; er sah den schweren Druck, unter dem sie seufzen dort in jenen Barbarenländern des Ostens und Nordens, über welchen noch die schwarze Nacht des Fanatismus und Vorurteiles lagert, wo die Sonne der Hümanität, der Aufklärung, der religiösen Toleranz noch nicht aufgegangen ist; er sah die Kränkungen und Bedrückungen, unter denen sie leiden — auch in Mittel-Europa, auch bei uns, in Oesterreich.. Und wenn ihm da das Herz warm wurde, wenn er, ein Dichter, ferne Zukunftsgebilde in die Nähe gerückt zu erschauen wähnte, wenn er heilige, geschichtliche Erinnerungen und daran sich knüpfende Hoffnungen in den schwer belasteten Gemütern erweckte und stärkte, wenn er unsere Jugend unserem Bunde erhielt; wenn wir, die Alten — trotz allem und allem — dies sahen und erkannten und das alles sich heute in unserer Erinnerung zusammendrängt, dann ersteht vor unserem Auge in hellleuchtendem Glanze das Bild des Verklärten. Unbeirrt in unseren Ueberzeugungen und Anschauungen und den Wegen, welche wir zu wandeln haben, rufen wir ihm die Prophetenworte nach: Deine Ruhestätte ist die Ehre. Das Andenken des Gerechten sei gesegnet. * * U MOhne Entfaltung jedes Gepränges, prunklos und schlicht wurde Theodor H e r z l am 7. d. M. zu Grabe getragen. In dem Testament fand sich die Bestimmung vor, daß an seiner Bahre keine Reden gehalten werden sollen. So ist es auch geschehen. Aber die großartige Teilnahme, die gewaltige Anzahl der Trauernden, die tief ergriffen den Sarg umstand, gestaltete das Leichenbegängnis Herz l's zu einer imposanten Trauerkundgebung für den Toten; diese Massenbeteiligung stellte einen Pomp dar, der viel eindringlicher dem Schmerz über den frühzeitigen Hintritt H e r z l's Ausdruck verlieh, als dies Reden und Kränze gekonnt hätten. Seine journalistischen Kollegen hatten sich in stattlicher Zahl eingefunden, ungemein zahlreich, nach vielen Tausenden erschienen die Vertreter der zionistischen Vereine, die ,aus Wien, der Provinz und dem Auslande herbeigeeilt waren, um dem verehrten Manne die letzte Ehre zu erweisen. In der Hainzingerstraße standen dicht gedrängt die trauernden Scharen, die nach Tausenden zählten, Leidtragende aus allen Schichten der Gesellschaft, die Herzl die letzte Ehre erweisen, seiner Leiche das letzte Geleite geben wollten. Die zionistischen Vereine sorgten für musterhafte Ordnung und die Sicherheitswache hatte angesichts der enormen Beteiligung alle Vorkehrungen getroffen, damit alle Anordnungen sorgfältigft beobachtet wurden. Das Wiener Judentum war nicht allein durch zahlreiche Mitglieder des Kultusvorftandes, mit dem Präsidenten Dr. Alfred Stern und den beiden Vize-Präsidenten Landesschulrat Dr. Gustav K o h n und kais. Rat Moriz Hirsch an der Spitze, vertreten, sondern sämtliche hervorragende Vereine und Korporationen haben Delegationen entsendet. Es war ein fast endloser Zug, der sich zum neuen Döblinger Friedhof bewegte, wo die Beisetzung stattfand. Die Oberkantoren Bela G u t t m a n n und Meyer S ch o r r brachten im Vereine mit dem verstärkten Chorpersonal die Trauergesänge ergreifend zum Vortrage. Herr Rabbiner Dr. Feucht wang im XVIII. Bezirk sprach das Gebet, dann defilierten alle Teilnehmer vor dem frischen Grabe. Sonntag vornuttag 10 Uhr fand im großen Mufikvereinssaal die Trauerfeier statt, die ernst und würdig verlief und bei allen Teilnehmern einen nachhaltigen Eindruck zurückließ. Der Saal und die Galerien waren schon vor 10 Uhr vom Publikum überfüllt. Es waren zahlreiche Damen unter den Anwesenden. An der Wand in der Mitte des Podiums war das Porträt Dr. Herzl's in schwarzer Umrahmung angebracht. Die Wände des Podiumraumes und die Galeriebrüstungen waren mit schwarzem Tuch ausgeschlagen. In der ersten Loge rechts hatte die Witwe Herzl's mit ihrem Söhnchen und einigen Familienmitgliedern Platz genommen. Der Trauerfeier wohnten das zionistische Aktionskomitee, die noch in Wien zurückgebliebenen Abordnungen, zahlreiche Mitglieder des Kultusvorftandes mit dem Vizefekretär Dr. Adler, Vertreter des Rabbinates, der israelitisch-theologischen Lehranstalt und die jüdisch-akademischen Vereine bei. Die Feier begann mit einem Choral, den der Tempelchor unter Leitung des Oberkantors Bela G u t t m a n n ergreifend vortrug. Dann hielt Gemeinderabbiner Dr. Feuchtwan g die Trauerrede, welcher an die Erzählung des Wochenabschnittes anknüpfte, daß die Stämme Gad, Rouben und Manasse nicht über den Jordan ziehen wollten, nicht mit ihren Brüdern fürs heilige Land kämpfen wollten, da sie diesseits des Jordans fette Tristen und Weideplätze hatten. Da sagte ihnen der Führer, daß sie nur dann rein vor Gott und Israel seien, wenn sie bewaffnet und gerüstet hinüberzögen und wenn das Land erobert sein werde. Es gebe kein größeres Lob für einen jüdischen Glaubensbruder, als daß er rein vor Gott fei, rein vor Israel. Es gebe auch jetzt solche drei Stämme Gad, Rouben und Manasse, die Kronen und Prachtgewänder, Adelstitel suchen. Ihnen hat Herzl zugerufen: „Eure Brüder läßt ihr kämpfen, streiten und fallen? Und ihr freut euch?! Seid rein vor Gott und vor Israel!" Herzl hat es als Jude erfüllt. „Ich sehe sie kommen, die Scharen geknechteter, zerbrochener Judengestalten, in größter Willfährigkeit ziehen sie aus den Ländern des Ostens, die Alles verloren: Gut, Geld, Hoffnung, ihr ganzes Leben; sehe sie kommen mit Männern, Weibern und Kindern, hoffnungerfüllt durch einen Führer, der

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