Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 29 (15.7.1904)
- Date
- 1904-07-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. * Dr. JBlöcb's MocbenscbrM. Seite 467 geführt werden. Und der Bau des Judentums ist logischer als der irgend einer andern Religion. Denn die jüdische Religion ist klarer immanenter und einfacher als irgend eine andere Religion. Sie hat wenig Dogmen und tut der Vernunft keinen großen Zwang an. Die Idee des Gotteskind ertums ist so schlicht, natürlich und doch wiederum so gewaltig, daß sie der Grundstein aller Religionen geworden ist. Sie kann also die Bekämpfung der Logik unmöglich als Hauptziel vor Augen haben. Daß eine Logik, die sich der Religion als zerstörend gegenüb erstellt, von jeder Religion befehdet werden muß, das ist doch wohl begreiflich. Aber auch eine Bekämpfung der Aesthetik, das heißt, eine Verneinung des Schönen, wird man im Wesen des Judentums kaum finden. Das Judentum liebt die Natur als den Ausgang aller Aesthetik und es preist ihre Schönheit in den herrlichsten Farben, nur verbindet es damit auch die Erhabenheit, die Anbetung des Schöpfers in der Schöpfung. Das Endziel des Judentums ist die Hoheit, die Reinheit der Seele, das wahre Menschentum. Die Aesthetik ist das Steckenpferd, das Herr Dr. Jakob mit besonderer Wonne reitet. Für ihn ist nämlich der Götzendienst der Alten identisch mit der ästhetischen Befriedigung, also ist die biblische Bekämpfung des Götzendienstes die Vernichtung der Welt des Schönen. Das aber ist ein sophistisches Kunststück. Götzendienst und Aesthetik hängen nur zufällig bei manchen Völkern zusammen. Nicht weil sie die Schönheit suchten, schufen sie sich ihre Götzen, sondern umgekehrt: kunstsinnige Völker trugen auch in die Götterwelt ihre Kunstempfindungen hinein. Tatsächlich sind nur die mythologischen Figuren der Griechen, die ja im Grunde die Menschenschönheit darstellen, schön. Die angebeteten Gebilde vieler orientalischer Völker wirken geradezu häßlich und abstoßend. Der eigentümliche Reiz des Götzendienstes lag wahrscheinlich mehr in dem häufig mit ihm verbundenen Sinnlichkeitskultus, als in der Anbetung des Schönen. Es ist kein Zufall, daß in der Bibel Götzendienst und sexuelle Verirrung häufig zusammen genannt werden. Das allein erklärt uns, wieso der Götzendienst sich so lange in Israel als geheime Seuche zu erhalten vermochte und warum die Propheten, deren Ziel die Hoheit und Reinheit des Volkes war, so sehr dagegen eifern mußten. Dafür scheint unserm Autor jedes Verständnis zu fehlen. Denn er schreibt: „In den ersten Anfängen der jüdischen Geschichte bewegte sich der Kampf gegen die Aesthetik noch in engen Grenzen. Man begnügte sich mit der Bekämpfung des dem Natursinn des Menschen entsprungenen Götzendienstes. Als aber das Fleisch sich ungeberdig zeigte und die ihm gesetzten Schranken immer wieder durchbrach, nahm der Kampf an Heftigkeit und Ausdehnung zu und artete endlich in eine alle Grenzen des Möglichen überschreitende Raserei aus. Man suchte die Quelle zu verstopfen, aus der die unbesiegbare Neigung zum Götzendienst floß. Da man ihr nicht beizukommen vermochte, suchte man ihren Einfluß durch Entfernung und Absonderung zu unterbinden. Alles, was nicht ethischen Zwecken diente: die Menschen ringsum, das pulsierende Leben, die ganze Natur wurde für unrein erklärt; - sie zu berühren, zu genießen, war erst gestattet, wenn es unumgänglich nötig wurde und auch dann nur unter zahllosen Beschränkungen. Den ungeheuerlichen Zustand, in dem das Judentum vor dem Zusammenbruch seines Staates lebte, zeichnet grell das bittere Spottwort: Sie wollen den Sonnenball reinigen!" Man wird in der ganzen Bibel vergebens nach Belegen für all diese merkwürdigen Behauptungen suchen. Das Judentum ist eine Religion desOptimismus und es verbietet nie den Lebensgenuß, nur möchte es ihn heiligen, d. h. zum höchsten göttlichen Genüsse machen. Ein naturfeiudlicheS Volk war das Judentum nie gewesen. Ein naturfeindlicheS Volk könnte nie so viel Naturfeste feiern, nicht so sehr Gesang. Wein und Frauenschönheit verherrlichen. Man braucht nuv in den Propheten und Psalmen die wunderbaren Naturschilderungen zu lesen, um zu sehen, wie sehr das jüdische Volk sich mit der Natur verschmolzen fühlte. Drastischere und schlichtere Naturbilder als die hebräische Sprache besitzt kaum eine andere. Es gibt kaum einen nicht gesundheitsschädlichen Genuß, den das Judentum nicht gestattet, nur wurde die Mäßigkeit, die Herrschaft des Göttlichen über das Tierische in der menschlichen Brust als religiöses Gesetz verkündet. Die Juden lebten unter anderen inneren und äußeren Verhältnissen als die Griechen, und auch ihre Lebensweisheit mußte eine andere werden. Sie genossen anders aber nicht minder. Asketen waren sie nicht und sollten auch im Sinne der Religion nicht sein. Wunderbare Schwärmer und Sekten gab es freilich vor dem Zusammenbruch des jüdischen Staates in Israel mehr als genug, und wie überall in sozialen und politisch ungesunden Zeiten, tauchten auch hier allerhand Ideen auf, darunter auch die Asketen, die Pharisäer — die viel besser als ihr Ruf waren — und die Essäer. Dem Wesen des Judentums aber entspricht die fröhliche genußreiche Lebensweise mehr als jede andere, und in Zeiten der Ruhe und des Wohlstandes sehen wir die heiteren Farben überall in Israel vorherrschend. Das logikfeindliche Element des Judentums will der Verfasser darin ersehen, daß man Israel als Liebling Gottes proklamierte. Das ist ein alter Vorwurf, — ebenso alt wie ungerecht. Israel war nicht seiner schönen Augen willen Liebling Gottes, sondern weil es sich zur Lehre Gottes, zur hohen Anschauung der Menschlichkeit mitten in einer Welt voller Barbaren bekannt hat. Und dieses winzige Völkchen hat sich dazu bekannt, weil es in sich den Drang und die Kraft fühlte, die höchsten Stufen menschlicher Sittlichkeit zu erklimmen. Der Talmud erzählt die schöne Mythe, wie Gott alle Völker der Erde zu sich rief und ihnen seine Lehre anbot. Alle lehnten sie ab, nur Israel erÜärte sich bereit. Der Sinn dieser Parabel ist, daß diese Lehre in ihrer Strenge und in ihrer radikalen Bekämpfung alles Faulen und Siechen, alles Weichlichen und Verderblichen sich nur für dieNatur derJudenheit eignete. Herr Dr. Jakob will seine Unbefangenheit dadurch bekunden, daß er vor den kühnsten Konsequenzen nicht zurückschreckt und auch in der Form jede Rücksicht außer Acht läßt. Die hochgepriesene arische Aesthetik ist das wohl kaum. Ich übergehe all die cynischen Stellen und all den Spott über den Glauben Altisraels. Wenn der Geist der Zersetzung, wie Jakob oft betont, typisch wäre für das Judentum, dann wäre er der typischeste Jude, den ich kenne. Denn zersetzender, rücksichtsloser als er, kann man schlechterdings nicht sein. Aber der Geist der Zersetzung ist nicht der Geist Israels, sondern der Geist des Ghettos, nickt die Richtung eines freien Volkes, sondern einer geknechteten Masse, deren ganzes Streben durch eine einseitige Beschäftigung in falsche Bahnen gedrängt wurde. Und auch Herr Dr. Jakob ist ein Vertreter des Ghettos,—freilich des Ghetto-Renegatentums. Ob er es jemals wagen würde, in solchen Tönen von christlichen Dingen zu sprechen, — ich möchte es fast bezweifeln. Das Eine drängt sich mir hier wieder mit aller Gewalt auf: Es fehlt dem Verfasser jeder psychologische Blick für die Vorgänge einer Volkspsyche. Ihm ist alles ein Rechenexempel, alles Mechanismus. Der Glaube ist ihm erfunden, absichtlich erlogen, um die Leute zu betrügen; die Ethik ist ihm ein ausgedachtes Produkt, um die Natur zu verdrängen, das Religionsgesetz ausgeklügelt, um die Logik zu erdroffeln. Er begreift gar nicht, daß ein Glaube, der nicht der Seele des Volkes entspricht, sich nimmermehr lange zu halten vermochte, und daß der Glaube ebenso mit der inneren Natur eines Volkes verschmilzt und organisch wächst, wie sein ganzes Wesen. Was der Grundtou aller Religionen ist, das stete Verhältnis zwischen Gott und den Menschen und die Regelung von Lohn und Strafe für Gutes und Böses,