Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 29 (15.7.1904)
- Date
- 1904-07-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 466 Dr. Mocb's Mloebenscbrtrr. Rr. 29 äeitiflt, wäre höchst interessant. Nun aber, ihr Eltern, Lehrer und Schüler: „Ist denn Religionsunterricht ein „Gegenstand"? Soll und darf denn Religion etwa wie Turnen und Zeichnen gelernt und gelehrt werden! Es ist nicht zu leugnen, unser Judentum macht gegenwärtig eiue Krisis durch, für die die Vogel-Strauß-Politik verhängnisvoll sein kann. Was fesselt denn den jungen Studierenden ans Judentum? Bis zu den Sechziger-Jahren ungefähr traten nur sehr wenige israelitische Knaben in die Mittelschulen ein und daun erst nach znrückgelegtem 12. oder 13. Jahre. Bis dahin hatten sie eine streng religiöse Erziehung genosicn, Sabbate und Festtage waren schulfreie Tage, an der Seite ihrer Väter lernten die Kinder den Gottesdienst und seine Einrichtungen kenneil und in mehrstündigem Unterrichte in der Woche erlangten sie gründliches hebräisches Wißen und Können. Wie sehr hat sich dies geändert! Unser ganzes Judentum gravitiert ja immer mehr nach den größeren Städten, die ihm früher verschlosien waren; dort tritt nun der Bildungstrieb leichter und intensiver ein, umsomehr, da durch jüdische Wohltätigkeitsanstalteu heute auch arme Kinder zum Studium gelangen. Auch in den Landstädten hat die Zahl der Mittelschulen sehr zugenommen, so daß jüdische Kinder auch hier in Folge der vollständig geänderten Lebensverhältniffe im Studium ihr Heil suchen müssen. In den kleinen Judengemeinden, wo einst oft 4—5 Lehrkräfte eine Schule hielten, steht jetzt eine 1—Lklaffige, deren Lehrkräfte kaum mit den profanen Lehrgegenständen vorwärts kommen, so daß die Kinder möglichst bald, im 10. oder 11. Jahre, den Stadtschulen zueilen und wenn sich früher aus diesen kleinen Gemeinden ein Grundstock auf dem Gebiete hebräischen Wissens wohlvorbereiteter Schüler rekrutierte, entfällt auch dieser heutzutage fast ganz. Und wie ist's in den Städten? Hier ist das jüdische Familienleben in Folge der notwendigen Lebensweise zumeist alles eher als jüdisch. Zum Besuche des Sabbatgottesdienstes hat kaum einer in der Familie Zeit. An den hohen Feiertagen findet kaum das Familienoberhaupt Platz im Tempel (wenn es ihn — sucht!), um das Wort Gottes zu hören und was man sonst vom Judentum hört und am eigenen Leibe erfährt, ist nicht gerade begeisternd. Ja richtig, für die Jugend wurde ja ein eigener Jugendgottesdienst eingeführt. Aber Hand aufs Herz: Erreicht man viel damit? Nun also, wenn nicht in Familie und Gotteshaus, wo denn soll eine Grundl ge für das Judentum gebildet werden? In der Schule, und da nach dem Vorgesagten die Volksschule in Folge der gänzlich veränderten Verhältnisse gar nicht mehr ausschlaggebend ist. in den 2 wöchentlichen Religionßstunden der Mittelschule? Sind sich unsere berufenen Faktoren dieser geänderten Verhältnisse bewußt? Wurde diesen Rechnung getragen? Unseren berufenen Faktoren! Die berufenen Faktoren in Unterrichtsangelegenheiten sind Gemeinde, Land und Staat. Die Gemeinden tun, was sie können und wie sie's verstehen. Der Rabbiner oder Lehrer wird für den Religionsunterricht extra honoriert, er unterrichtet also an der Volksschule genau nach der vorgeschriebenen Stundenzahl, aber jeder, was und wie er es für gut findet. Die Mittelschulen fallen in die Kompetenz des Landes oder Staates und diese stellen Religionsprofefforen an, ohne auf den Unterrichtsgang weiter zwingenden Einfluß zu nehmen. Treten nun die Kinder von der Volksschule zur Mittelschule oder von dieser in eine andere ein, so bringt jeder eine andere Vorbildung mit, weil ja jede Schule, jede Gemeinde sich ihren eigenen Lehrplan vorschreibt. Das sind nun die Voraussetzungen, auf welchen der Religionslehrer der Mittelschule sein judentumerhaltendes Werk aufbauen soll. Prüfend und tastend tritt er an sein Material heran. Der eine ist ziemlich weit voraus, den langweilt die halbvergessene Materie; der andere ist weit zurück, er kann nicht Nachfolgen und verliert Lust und Liebe an der Sache. Der Religionslehrer, unzweifelhaft vom besten Willen beseelt, will vorwärts schreiten, wird nervös, ungeduldig, strenge, der Religionsunterricht, ein Gegenstand des Herzens und Gemütes, wird Gegenstand des Fleißes und Gedächtnisses, wer nicht folgen kann, bleibt zurück'— und das häufige Ende vom Liede bildete die Einleitung dieses Artikels. In der Mitt lschule liegt aber die Zukunft unseres Judentums — wenigstens in Oesterreich! Hier fällt jetzt die Entscheidung über Lebensweg und Beruf, über Eharakter und Eigenart, über Standhaftigkeit und Wankelmut im Glauben! Ueber welche weit wirksameren Voraussetzungen verfügt darum gerade hier jede andere Konfession! Der Katechet z. B. weiß genau, wo er im Religions-Unterricht anzukuüvfen hat, denn sein Feld ist nicht so weit gedehnt und jeweiligen Zufällen, Anschauungen oder Absichten preisgegeben, wie das unserige, auch werden die einschlägigen Bücher einer strengen Prüfung unterzogen, ehe sie die bischöfliche Approbation erlangen, während jüdische Lehrbücher ohne sonderliche Schwierigkeiten und fachmännische Prüfung zur Approbation gelangen. Ein großer moralischer Vorteil ist es auch, daß der Schüler im Katecheten gleichzeitig den geistlichen Würdenträger, den Priester sieht, der sich auch stets und jederzeit als solcher fühlt und führt, während unsere Religio^slehrer sich oft zu sehr auf den „Profesior"-Standpunkt stellen. Leihen nun Land und Staat dem katholischen Religionsunterrichte ihre Unterstützung, während sie dem jüdischen Religionsunterrichte in wohlwollender Neutralität gegenüberstehen, so ist es doppelt Sache unserer berufenen Faktoren, im Interesse der Zukunft unseres Judentums hier einzusetzen! Hiefür Mittel und Wege ausfindig zu machen, ist nicht Zweck dieser Zeilen. Aber einige Andeutungen, wie man den Religionsunterricht den heutigen Verhältniffen und den Anschauungen so vieler, vieler Familienväter näherbringen könnte, ohne seine Erfolge zu beeinträchtigen, seien noch gestattet Man beschränke den Religionsunterricht auf das wirklich Notwendigste, sichte und vermindere den Lehrstoff, vermeide die wissenschaftliche Form eines „Sprach- und Geschichts-Unterrichtes", so daß die Schüler Freude am Unterricht, ihn nicht aber als unangenehmen Zwang empfinden. Einem etwa zu diesem Behufe zusammentretenden Komitee pädagogisch gebildeter Fachleute fielen Aufgaben zu: A) Bibel. Auswahl aller jener Stellen aus dem Pentateuch, die einen historischen und inhaltlichen Zusammenhang ermöglichen, Abfassung einer Buch-Ausgabe des Pentateuch nach Art bereits bestehender Gebetbücher, in der diese Stellen gesperrt gedruckt und mit Uebersetzung versehen sind, während die übrigen zum Studium nicht notwendigen Stellen klein gedruckt und ohne Uebersetzung erscheinen. Ebenso treffe man eine geeignete Auswahl von Psalmen und prophetischen Reden, bei denen man weniger auf geläufige Uebersetzung, als auf geistige Erfassung des Inhaltes und Verständnis der Sprachschönheit sehe, damit dadurch die religiösen und moralischen Gefühle erweckt werden. Durch eingeschaltete Legenden, Parabeln, Erzählungen und Vergleiche aus der Geschichte und dem praktischen Leben mache man die Vortragsform abwechslungsreich und anziehend. B) Hebräische Grammatik. Da eine gründliche Erlernung der hebräischen Grammatik sich bei der geringen Zahl von Lehrstunden und der Ueberhäufung der Schüler mit Lateinisch, Griechisch, Französisch — in vielen Schulen Böhmens und Mährens auch der zweiten Landessprache — ausgeschlossen ist, beschränke man sich darauf, den Schülern stufenweise die wichtigsten Elemente der hebräischen Grammatik beizubringen und vollkommen geläufig zu machen. 0) Biblische Geschichte. Möglichste Vermeidung alles Ballastes an überflüssigen Namen und Jahreszahlen, leichtfaßliche Sprache, keine Ueberarbeitung des Gedächtnisses. Weitschweifige Erläuterungen, Reflexionen. Vergleiche u. s. w. seien vom Schüler nicht zu verlangen. v)Zeremonial-Lehre und Liturgie. Vernünftige Auswahl und Behandlung, damit dem heutigen Zeitgeiste Rechnung getragen werde; besonders vermeide man es, gerade auf jene Vorschriften Nachdruck zu legen, die heute in der Mehrzahl der Familien einfach nicht beobachtet werden können, und dadurch einen Widerspruch zwischen Schule und Familie Hervorrufen. Man sieht, so viel Sätze, so viel Programme, so viel schwerwiegende Aufgaben für die dazu berufenen Faktoren. Unser Judentum leidet aber allerwegen am Mangel einer zielbewußten Organisation, aus der man Rechtsprechung, Schutz, Unterstützung, Ermutigung, Hoffnung schöpfen könnte. Ein in sich geeinigtes österreichisches Judentum vermöchte Angriffen von welcher Seite immer, Gefahren welcher Art immer und Lebensfragen welcher Bedeutung immer wirksam standzuhalten. Alle österreichischen Städte vermochten in diesen Zeiten der politischen und nationalen Wirren einen österreichischen Städtebund zu gründen. Alle Industriellen Oesterreichs einigten sich trotz des heftigsten Konkurrenzkampfes zu einem österreichischen Jndustriellen-Vereine. Und unser von allen Seiten gestoßenes, verfolgtes, eingeengtes, aber doch so widerstandsfähiges, lebenskräftiges und für einen allgemeinen Völkerfrühling geschichtlich notwendiges Judentum vermöchte es nicht, die Elemente einer Vereinigung aufzubringen? Die Zukunft des Judentums liegt in der Mittelschule, der Religionsunterricht in der Mittelschule erfüllt heute im ganzen und allgemeinen seine Aufgabe nicht in einer dieser Tatsache entsprechenden Weise, die Zukunft des Judentums ist also arg bedroht. Ihr großen Gemeinden, die ihr bereits so viele Lasten zu Gunsten der kleineren auf euch nahmt, ihr Rabbiner und Oberrabbiner, deren Lebenszweck und Lebensaufgabe die Erhaltung des Judentums bildet, hier greifet ein! Die Gemeinden der Landeshauptstädte mögen Landes-Organisationen anregen, die sich dann zu einer Reichs-Organisation verdichten — ein Werk, das in wenig Monaten vollendet sein könnte — und diese Reichsorganisation wäre hinfort unser Rückgrat, unsere Zuflucht, diese Organisation müßte sich befassen mit der Regelung aller gebieterisch herantretenden Fragen der Gegenwart und Zukunft, vor allem aber mit der Regelung des Religionsunterrichtes an Volks- und Mittelschulen. Ci« neuer Prophet. (Fortsetzung aus Nr. 27.) Eine leere Formel nur ist auch der Hauptsatz seines langen Artikels: „Die Grundidee oder das Wesen des Judentums besteht in dem Streben, die Alleinherrschaft der Ethik zu begründen und die Logik und die Aesthetik, sofern sie nicht ethischen Zwecken dienen, rücksichtslos zu bekämpfen". Diese Behauptung ist grundfalsch in ihrer Beziehung auf die Logik und nur in beschränktem Maße richtig in ihrer Anwendung auf die Aesthetik. Jede Religion ist im Grunde die Sehnsucht, die Welt mit dem Gemüt und nicht mit dem kalten Verstände zu erfassen. Sie ist eine Befriedigung des Herzens und nicht des Geistes. In ihrer Grundidee also muß sie ebenso wie die Kunst alogisch sein. Ihr Ausbau aber kann nachher mit der Architektur der Logik aus-