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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-15 · 29 (15.7.1904) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
29 (15.7.1904)
Date
1904-07-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 464 Dr. Dlocb's Mocbenscbrttt. Nr. 39 Seele" kranken, als er sah, wie man seine erhabene Idee als Mittel im Killahgezanke mißbrauchte. Ich habe Herzl noch einmal gesehen und gesprochen, als er herkam, um in einer großen Versammlung für seine Idee zu wirken. Ich sprach ihn mit „Sie" an. Aber sofort erinnerte er sich meiner und verwandelte das gespannte „Sie" in das vertraute „Du" aus der Studentenzeit. Mit der tiefen Wehmut, die uns beschleicht, wenn wir bedenken, daß solche Männer so bald, so früh in der kühlen Erde ruhen müffen, vereinigt sich die Freude, daß wir das Glück gehabt, mit solchen Persönlichkeiten in frühen Verkehr getreten zu sein. Das Judentum unserer Tage hat wenige Männer aufzuweisen, die Herzl gleichen. Er war kein Schwärmer, aber ein Idealist durch und durch, ein Mensch, dem nichts Menschliches fremd war. Daß seine Ideen vielfach verkannt wurden, daß auch er gar manche traurige Erfahrungen machen mußte, dies Geschick teilt er mit allen jenen, deren Adlerflng von den in den Niederungen Kriechenden ja doch niemals wird verstanden werden. Am meisten aber, glaube ich, wurde Herzl von jenen mißverstanden, die sich für seine Anhänger ausgeben.(??) Denn Herzl war eine innige, eine gemütvolle Persönlichkeit, ein Dichter und Denker zugleich. Alles Rohe und Gemeine war ihm fremd. Rauhe Hände, lärmende, vordringliche Schreier tappten an seinem erhabenen Lebenswerke herum und entwürdigten es. „Hinter ihm im wesenlosen Scheine lag, was uns alle bändigt, das Gemeine." Dies Wort gilt auch von Theodor Herzl. „Have anima pia“ rufen wir ihm nach, edler Mensch, „die Spur von Deinen Erdentagen wird in Ewigkeiten nicht untergehen". Brünn. Dr. Max Grünfeld. Wirkung einer Theatervorstellung. Die ruffische Studentenkolonie brachte im Moabiter Stadt" theater zu Berlin Eugen Tschirikow's „Die Juden" zur Aufführung. Der letzte Aufzug des von Dilettanten gespielten Stückes, der das Blutbad von Kischenew auf die Bühne bringt, war von derart nervenerschütternder Wirkung, daß sich der gesamten Zuschauer eine ungeheure Aufregung bemächtigte. Ein junger Mann erhob sich von seinem Sitz und brach dann plötzlich ohnmächtig zusammen, eine Studentin wurde bewußtlos aus dem Saale getragen und ein zweites junges Mädchen lvurde von Krämpfen befallen und stürzte mit gellenden Rufen durch das Theater. Ueber diese Vorstellung schreibt Eduard Höber im „Berliner Tageblatt": Man spielt das Drama „Die Juden" von Eugen Tschirikow, einem Altersgenossen und Freund Gorki's, der neuerdings durch novellistische und dramatische Arbeiten die Aufmerksamkeit seiner Landsleute erregt hat. Ein kühnes Schauspiel, das die grausigen Ereignisse von Kischenew unmittelbar verwertet und grell vor Augen stellt und dessen unbehinderte Drucklegung in Rußland ein verblüffendes Zeichen für momentane Liberalität zarischer Zensoren darstellt. Aber nicht nur ein kühnes Schauspiel, auch ein ernstes, gedankenreiches, von dichterischem Atem beseeltes Schauspiel. Es spielt sich ab in einer Stadt des jüdischen Ansiedelungsbezirkes im nordwestlichen Rußland, im Hause des Uhrmachers Leiser Frenkel. Da sitzt der alte Frenkel, ein Patriarch an Gestalt und Rede, und spricht dem Lehrling Schloime mit warmen Worten von Palästina, wo einst vielleicht die Enkel und Urenkel seinem Volke eine Heimat bereiten werden, und von dem schweren Unglück, das er, der Jude, auf fremder Erde schon durchleben mußte; und der Jüngling lauscht mit zitternder Brust dem Alten und träumt auch schon von einem Lande, wo ihm der Polizist zuruft: „Hab' keine Angst! Ich bin auch ein Jude". Und neben der engen Werkstätte, im Wohnzimmer der Familie Frenkel, diskutiert mannbare Jugend dasselbe Thema: Boruch und Lija, die Kinder Frenkel's, beide von der Universität wegen Beteiligung an Unruhen relegiert, der Lehrer Nachmann, der Student Beresin, der Arbeiter Jserson. In hitziger Erregung fliegen die Worte durch das Zimmer. Nachmann, ein Geistesverwandter Theodor Hei^l's, preist mit flammender Beredsamkeit die glückhaften Ziele des Zionismus und will die anderen zu seiner Anschauung bekehren, sie, deren Helden Marx und Bebel sind, die nicht nur für die Wiedergeburt des jüdischen Volkes, sondern für die Wiedergeburt der ganzen Menschheit kämpfen wollen. Die Szene ist wie aus dem Leben abgeschrieben; Tag um Tag kann man im Kreise junger Russen Zeuge solcher hitzigen, klugen, theoretischen, fruchtlosen Diskussionen sein. Doch ergreifender als dies blaffe Philosophieren ertönen dann die ersten Laute von in aller Wirklichkeit nahendem Unglück: das Dienstmädchen kündigt Frenkels den Dienst, da es gehört hat, die Juden würden jetzt abgeschlachtet, und aus der Stadt kommt in den Laden die Kunde von einer aufkeimenden Judenhetze in Bessarabien. Und schon fliegt ein Stein durch das Fenster der Wohnung, und eine rohe Stimme auf der Straße brüllt: „Schlagt sie tot, die Verfluchten!" Dem alten Leiser Frenkel aber widerfährt doppeltes Unglück. Bebenden Herzens, wenn auch gefaßt und ergeben in sein Schicksal, sieht er der neuen Bedrängnis seiner Stammesgenossen entgegen; härter greift es ihm ans Herz, daß er seine Kinder, die er in seiner Sehnsucht aufwachsen und. wirken sehen wollte, innerlich verliert. Er begreift es nicht, daß Tochter und Sohn die Sorge um ihr Volk hinter die Sorge um die ganze leidende Menschheit zurückgestellt haben, daß sie am Glauben ihrer Vorfahren zu rütteln wagen; und wie ein Verhängnis erscheint es ihm, daß Lija ihre Liebe einem Manne zugewandt, der wohl ein guter Mensch ist, aber kein Jude. In diese von Wehmut und Entsagung erfüllten Gespräche — schöne Früchte der dichterischen Begabung Tschirikow's— schrillen lauter die Rufe der Judenverfolgung hinein: in Kischenew ist ein Blutbad bereitet. Nachmann, der Lehrer, stürzt herein und liest einen Brief aus Kischenew vor: Räuberbanden in den Straßen, Mord, geschändete Frauen, „und das Militär stand daneben und wollte keinen Schutz geben." Schnell schreitet das Unheil weiter. In der Stadt wächst die Unruhe; der Frenkel'sche Laden muß geschlossen und verbarrikadiert werden, man packt alle Wertsachen zusammen, um sie zu verstecken. Lija, von Seelenqual und Furcht vor einer Katastrophe gemartert, schreit in hysterischen Anfällen auf; der alte Frenkel und sein Sohn aber hadern noch heiß miteinander über ihr Judentum und Menschheitbeglückung, während schon die aufgeregte Volksmenge an der geschlossenen Ladentür dröhnt. Dann ein prasselndes Krachen; die Tür ist erbrochen, und eine rohe Männerhorde stürzt herein. Gierig strecken sich die Hände nach Lija aus, die ihr Geliebter Leckt, daß sie aus der Stube flüchten kann. Die Horde dringt nach. Es ertönt ein Schuß; Lija hat sich vor der Schändung gerettet. Da ruft jemand: „Die Kosaken kommen!", und die Verwüster räumen das Feld. Zusammengebrochen hockt der alte Frenkel zwischen den Trümmern seiner Wohnung und hebt die Hände gen Himmel: „Nichts ist mehr da! Der Wind kam von der Wüste her und fegte. . . fegte alles weg" ... Die Wirkung dieser letzten Szene des Schauspiels war ungeheuer. Auf der Bühne brach eben die Räuberbande in den Laden Frenkels ein, da stand m der Mitte der Zuhörermenge ein junger Mann auf und stürzte ohnmächtig zu Boden; auf der anderen Seite führte man im selben Augenblick eine zusammenbrechende Studentin hinaus, und dann stürmte noch ein junges Mädchen mit gellenden Krampfrufen durch den Saal. Eine Minute lang herrschte eine fieberhafte Aufregung im ganzen Raum; dann fiel der Vorhang, und die Erregung löste sich in einen donnernden Beifall aus, der den jungen Dilettanten für ihre, teilweise vorzüglichen, schauspielerischen Leistungen verdienten Dank sagte. Tschirikow's Drama ist jedoch wertvoller, als diese sensationelle Wirkung bekundet; es läßt in fein gesteigerter Entwicklung die Tragödie eines Volkes schauen, ist voll Lebenswärme und Klugheit und bringt Gestalten und Worte, die nur ein dichterisch Begabter zu formen vermag. Inzwischen war es halb zwei Uhr geworden, die echte Endzeit für russisches Theaterspiel. Die Ohnmächtigen hatten sich bald erholt, die Aufregung war schnell verschwunden, schon lachte man wieder und drängte sich um die Tische, wo Speise und Trank geboten wurde. Dann räumte man die Stühle zur Seite, und der Tanz, der das Fest beschließen sollte, begann. Aber Terpsichoren wurde nur wenig gehuldigt. Die meisten dieser jungen Russen und Russinnen sind zu ernst und zu gedankenbeschwert für die leichte Muse; sie saßen lieber bei Tee, Zigaretten und Kuchen und diskutierten wie vorher auf der Bühne die Frenkels und ihre Freunde. Zwischen den russischen Studenten saßen auch drei junge adrette deutsche Studenten — leider nur drei im ganzen Saal.

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