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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-15 · 29 (15.7.1904) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
29 (15.7.1904)
Date
1904-07-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 29 Dr. Mocb's MocdenscbrM, Das Gaswerk, Re Stadtbahn, die Elektrische — durchwegs Ruhmestitel für Dr. Lueger. Man spricht nicht davon, daß es angetretene Erbschaften sind. Und wenn all das gar nicht vorbereitet gewesen wäre, hätte es sich nicht unter welcher Leitung immer durch die eigene Schwerkraft des Bedürfnisses einer Großstadt durchsetzen müssen? Wir haben das Ende seiner finanziellen Operationen noch nicht gesehen und Niemand kann heute schon sagen, wie schwer die Stadt noch an ihnen zu tragen haben wird, aber alles zugegeben: die höchste Zweckmäßigkeit des Gaswerkes und aller sonstigen Unternehmungen, der glorreichste Enderfolg aller seiner finanziellen Kunststücke — Alles würde nicht ausreichen, um die tiefen moralischen und kulturellen Schäden wettzumachen, mit welchen sein Einfluß die sozialen Verhältnisse der Stadt Wien geradezu vergiftet hat, jene Schäden, deren Nachwehen sich noch nach Dezennien fühlbar machen werden. Was hat eine schöne Gartenanlage zu bedeuten neben der ungeheuren moralischen Verheerung, die der durch seinen Spezialeid hervorgerufene Gewissenszwang bewirken muß, der Jenen auferlegt wird, die die Not des Lebens und des Erwerbes ihm in die Hände liefert. Und selbst wenn die Stadtbahn ein glänzendes Erträgnis lieferte, was sie nicht tut, was hätte das zu besagen im Zusammenhalt zu dem Geist der Ungerechtigkeit und Gewalttätigkeit, der unter seiner Herrschaft Macht gewinnen und sich ausbreiten durfte? Er ist berufen, die Interessen aller Staatsbürger mit Gerechtigkeit wahrzunehmen und Alle mit gleichem Maß zu messen. Hat er das getan? Der Fall Demel gelangt ihm zur Kenntnis. In offener Sitzung behauptet er, er verhalte sich nicht so, wie er dargestellt worden sei. Schlag auf Schlag beweist ihm das gerichtliche Verfahren, daß er sich tatsächlich so verhalte. Er findet kein Wort des Tadels wider die gröbliche Ausschreitung, er verspricht vielmehr, Erhebungen Pflegen zu lassen über den — Beleidigten! Und auch später nicht der leiseste Tadel über eine gerichtsordnungsmäßig, erwiesene Brutalität eines seiner Beamten. Warum? Weil die brutalen Beleidigungen gerichtet waren gegen die Juden. Allen Kaffeehäusern auf der Ringstraße wird die Benützung des Trottoirs gestattet, einem einzigen nicht. Warum? Weil der Besitzer ein Jude ist. So sichert er sich seine Volkstümlichkeit unter der Masse, die ihm Gefolgschaft leistet. So buhlt er um ihren Beifall, unbekümmert um die Depravation der Gesinnungen und die Untergrabung jeglichen Rechtsgefühles. Und dabei wird der Lueger-Kultus weitergepflegt — auch von Juden. Er ist persönlich liebenswürdig und verschmäht es nicht, unter der Hand auch bei Juden um Volkstümlichkeit zu werben. Wenn es im Stillen und ganz privat geschehen kann, erweist er auch einem Juden einen Dienst und schafft sich so auch unter der Judenschast seine Anhänger. Es wäre aber würdiger, aus solche Gnaden zu verzichten. Denn derartige verschämte Regungen macht er tausendfach wett durch seine öffentliche Wirksamkeit, die immer und überall gegen die Juden gerichtet ist. Oeffentlich hat er noch niemals gewagt, das mit Mannesmut zu vertreten, womit er sich privatim anzubiedern suchr. Die Anbiederung wird dann eine gegenseitige. Privatim kommt er selbst den jüdischen Journalisten entgegen, öffentlich ernennt er Herrn Bielohlawek als den berufenen Vertreter der Stadt bei dem bevorstehenden Journalisten-Kongteß in Wien und stellt diesen unter Hermann Bielohlawek's Patronanz! Und das lassen sich die jüdischen Journalisten bieten, in deren Händen die Leitung dieses Kongresses liegt. Und nun mögen die Feste beginnen. Wenn er einmal von der Bühne abtreten wird, auf welcher er sich als ein so talentvoller Künstler behauptet hat, wird er es tun können mit den letzten Worten Nero's: Dualis artifex pereo! Whig. Seite 463 l Persönliche Erinnerungen an Dr. Theodor Herzl. Vor unserem geistigen Auge steigen sie wieder auf, die Räume des alten Universitätsgebäudes auf dem Umversitätsplatze und in der Bäckergasse. Die jungen und alten Herren, die deute durch die Hallen des neuen Universitätspalastes wandeln, würden ein gelindes Alpdrücken fühlen, wenn man ihnen zumutete, in jenen Räumen sich an dem ewig sprudelnden Borne der Wifsenschaflen zu erquicken. In hygienischer Beziehung war es allerdings keineswegs eine Erquickung zu nennen, in den düsteren Hörsälen, in denen es so muffig und dumpfig roch, gekeilt in fürchterliche drückende Enge, den Worten der Weisheit zu lauschen. Aucy die Weisheit will in freiem, unbeengten Raume genossen werden. Und was soll ich von der sogenannten „akademisch n Volksküche" sagen? Denke aber dabei teurer Leser durchaus nicht an die Voltsküche in der Schönlaterngasse; mit dem Worte „akademische Volksküche" bezeichnete der stets schlagfertige Studentenwitz vielmehr die akademische Lesehalle im Parterre des ehemaligen Universitätsgebäudes in der Bäckergaffe, m der Nachbarschaft der „Schmauswaberl" und des „Hotels Moritz", des berühmten Universitätsgreislers, der so willig „kreidete". — Dort, in der „akademischen Lesehalle" lernte ich zum erstenmale, es war, wenn ich nicht irre, im Jahre 1877, Theodor Herzl kennen, ihn, den wir damals den „großen Schwelger" nannten. Denn nachdenklich, nnt gesenktem Haupte ging er, meist langsam dahinschreitend, durch den geräumigen Lesesaal der „Lesehalle". Selten sah man rhu über eine Zeitung geneigt, er vetelligte sich an dem dort eifrig getriebenen Schachspiele nicht, selten griff er in die eifrig geführten Debatten der Studenten ein, er hielt sich über den Parteien, und ich muff es ganz entschieden zurückrvelsen, wenn in einer Zeitung erzählt wird, e r s e i d a m a l S e i n A ritz ä n g e r Schön erer's gewesen. Der hatte seine Anhänger in dem „Vereine deutscher. Studenten", hier wirkten allerdings für ihn am eifrigsten Juden, und an deren Spitze stand ein Fabrikautenssohn aus Niederösterreich, mit Namen Abeles. In der „akadeiillschen Lesehalle" waren alle Nationalitäten Oesterreichs vertreten, hier spielten sich, so könnte man sagen, auf akademischem Boden zum erstenmale jene Kämpfe ab, die heuteOefterreich zerrütten. Ein sehr bekannter Wiener Advokat, jetzt Regierungsrat und Vertreier regierender Häuser, stand damals an der Spitze der „Lesehalle" und ein bekannter Wiener Journalist und geistvoller Shakespeareforscher weiß von den Kämpfen und Schlachten, die damals auf dem Boden der „akademischen Lesehalle" geführt wurden, manche nicht sehr erbauliche Geschichten zu erzählen. Die Kämpfe endeten mit dem berühmten Lessing-Kommers 1879 und der Auflösung der „Akademischen". — An allen diesen Kämpfen hat sich Herzl nicht beteiligt, er war der schweigsame und sinnende Beobachter. Er hat auch damals noch nichts veröffentlicht; von dem jüdisch-nationalen, ja zionistischen Gedanken sprach er damals noch gar nichts, wohl aber mußte in ihm angesichts der nicht sehr erbaulichen Kämpfe auf den akademischen Schlachtfeldern, wo Juden und Juden einander grgenüberstanden, der Gedanke auftauchen, wie es denn komme, daß sich Juden für die verschiedenartigsten Nationalitäten begeistern, ihres Judentums dabei ganz vergessen. Damals sprachen wir zum ersten Male über diese traurigen Tatsachen und warfen traurige Blicke in die Zukunft, die sich, während die liberale Partei von Tag zu Tag mehr ihrem Niedergange entgegeneilte, Schönerer und die slavischen Parteien an ihrem Sturze arbeiteten, sehr düster gestalten mußte. Ich bemerke nochmals, daß von einer antisemitischdeutschnationalen Partei damals noch nicht die Rede war, daß eine solche den zionistischen Gedanken in Herzl in jenen Tagen nicht zur Reife bringen konnte. Ich erinnere mich, wie ich mit Herzl. im kurzen Gespräche begriffen, von einer Kolonisation Palästinas sprach, wie er über diesen Gedanken in seiner milden Art lächelte, als hielte er ihn für eine Ausgeburt studentischer Schwärmerei. Wie bereits bemerkt, war Herzl eine mehr schweigsame Natur, er griff wenig in die stürmischen Debatten der Studenten ein, und wenn er es tat, so waren es nur wenige, aber höchst inhaltsvolle und bedeutsame Worte, die er redete, man lauschte auf seine kurzen Reden, denn es mußte eine gewichtige Angelegenheit sein, wenn der „große Schweiger" sich an den politischen Verhandlungen beteiligte. Und dieser „Schweiger" halte das Große zuwege gebracht, bei allen Parteien in gleicher Weise beliebt zu sein. Man ahnte es, dieser stets sinnende Mann mit dem miloen Auge, mit dem menschenfreundlichen Angesichte habe bedeutende Ziele im Auge. Herzl wurde von allen geliebt, die Gelegenheit hatten, mit ihm zu verkehren, was die nationalen Heißsporne und die sich dafür ausgaben, nicht von sich behaupten konnten. Ich glaube, niemand von uns hat sich darüber gewundert, als er hörte, der zum Doktor Juris Promovierte sei Mitarbeiter eines großen Blattes geworden, niemand wunderte sich, als er von H e r z l's erhabener Idee hörte, die er in feinem grundlegenden Buche so glänzend verfocht. Wer kennt die Gedanken der Menschens Und mochte Herzl nicht schon in jenen stillen Stunden, die er sinnend und stets nachdenkend in der „Lesehalle" verbrachte, sein großes Werk geplant haben? Was wir alle an Herzl schätzten, das war sein ehrlicher Idealismus. Wie hat man seine idealen Bestrebungen verkannt! Herzl war eine selbstlose uneigennützige Seele, eine Neschomoh tehauroh, eine „anima candida“, und dies haben schon die Studenten, seine Freunde, damals an ihm geschätzt, als er eine wohlbekannte Figur in der „akademischen Lesehalle" war. Es mochte die „reine

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