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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-15 · 29 (15.7.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
29 (15.7.1904)
Date
1904-07-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Lette 462 Dr. Dlocb's MocbenscdrLtt. Rr. 2S in eine ökonomische Wüste verwandelt, wie der Bauer zur Auswanderung getrieben und der Jude zum Hungertode verurteilt wird. Sechs Jahre sind es, seit die schrecklichen Bauernaufstände in Westgalizien und die darauf folgenden Katastrophen galizischer Kreditinstitute die furchtbare wirtschaftliche Krankheit des Landes enthüllt haben. Sechs Jahre, daß iu der von der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" veraustalteten Enquete über die galizische Judeufrage führende Persönlichkeiten der Stanczykenpartei selbst den Ruf nach allmählicher Industrialisierung des Landes erhoben haben, wenn nicht mit den Juden auch die Schlachzizen und die Bauern zugrunde gehen sollen. Und was ist von staatswegeu bis heute geschehen, um jene Forderung zu verwirklichen, um neue Erwerbsgebiete zu erschließen, neue Tätigkeiten anzuregen und neue Hilfsquellen ins Land zu leiten? Wahrhaftig! Weniger noch als nichts. Denn weder die Gründung christlicher Kreditgenossenschaften, noch die seltsame Förderuugsarbeit, die der Judustriefond des Landesausschusses verrichtete, hat den geringsten Wert. Ja, im Gegenteil. Viele dieser Gründungen und Schöpfungen erstanden auf schwindelhafter Basis und brachen nur bald genug zusammen. Wir haben es tausendmal gesagt und sagen es immer wieder, daß die Judenfrage in Galizien nur ein Stück der großen ökonomischen Frage ist, deren Lösung immer dringender und unaufschiebbarer wird, wenn der österreichische Kaiserstaat sich nicht auf die Dauer mit einem Ballaste schleppen will. Ob Herr v. Koerber Zeit und Gelegenheit finden wird, sich auf seiner galizischen Reise mit diesen Dingen zu beschäftigen, deren Kern ja nicht an der Oberfläche liegt und zu deren genauer Kenntnis es doch wohl eines längeren Zeitraumes bedarf, als dem Ministerpräsidenten auf seiner offiziellen Fahrt zur Verfügung stehen wird, muß dahingestellt bleiben. Es wäre allerdings Sache der jüdischen Vertretungen und vor Allem der Führer der Lemberger Judenschaft, den Ministerpräsidenten sehr nachdrücklich auf diese Frage zu verweisen und ihm die notwendige Information anzubieten, deren Entgegennahme freilich im Belieben des Herrn v. Koerber stünde. Allein es ist mehr als zweifelhaft, ob die Repräsentanz der galizischen Judenschaft diese ihre Aufgabe erfassen und erfüllen wird. Wir erinnern uns da einer bezeichnenden Episode aus den letzten Jahren: Ein hervorragender, seither leider verstorbener jüdischer Schriftsteller Lrm aus Paris nach dem Osten, um die Not und das Elend unserer dortigen Glaubeusbrüder mit eigenen Augen zu schauen. Man setzte ihn iu Lemberg in einen Fiaker und zeigte ihm ein prunkvolles Gemeindehaus, ein großartig eingerichtetes Spital und ein prächtiges Waisenhaus, in welchem phantastisch uniformierte Waisenkinder den illustren Gast mit rauschender Blechmusik empfingen. Verwundert fragte der Schriftsteller bei dem Anblick solcher Herrlichkeiten, wo denn eigentlich die Stätten des Elends und des Jammers zu sehen wären? Und in verschwiegener Abendstunde, nachdem der Lärm der offiziellen Empfänge verrauscht war, mußte ihn ein Freund schier verstohlen in die Hütten der Armut führen, die iu Lemberg einen ganzen großen Stadtteil bilden. Wie würde es erst Herrn v. Koerber ergehen, wenn er wirklich gewillt wäre, in der galizischen Hauptstadt die Not der Juden kennen zu lernen? Vom Jahrmarkt des Lebens. GLoffen zur Tagesgeschichte. (Das bevor st ehende Lueger-Jubiläum. — Der Lueger-Kultus. — Der Organisator, der Finanzmann, d e r K ü n st l e r.) Wir gehen einem fteudigen Ereignisse entgegen, dem sechzigsten Gebuttstage Dr. Lueger's. Es ist nicht recht ersichtlich, auf welcher Seite eigentlich das große Vergnügen ist, auf der der Feiernden oder des Gefeietten, aber der Anlaß rückt heran, und allenthalben wird dazu gerüstet, wie zu einem großen, festlichen Kulturereigniß. Es werden Kommissionen gebildet und umfassende Vorbereitungen getroffen. Es wird hoch hergehen. Man wird Versammlungen abhalten, großartige Huldigungen ersinnen und begeisterte Reden halten. Es wird an einer kirchlichen Feier nicht fehlen, und als harmonische Ergänzung dazu wird sich wieder ein volltöniger Chor von haßerfüllten Schmähungen wider die Juden gesellen. Denn Dr. Lueger, das Oberhaupt der Wiener Bürgerschaft, ist zugleich das Oberhaupt jener Partei, deren Programm die Bedrückung und die Verfolgung der Juden ist. Es wird ungemein festlich werden. Dr. Lueger ist eingestandenermaßen nicht sehr entzückt von der geplanten Feier. Das begreift sich. Er, der so lange der große Charmeur, der „schöne Karl" war, dessen Volkstümlichkeit zum guten Teil im weiblichen Element der christlich-sozialen Partei wurzelt, er, der interessante Junggeselle, mag es eben nicht sonderlich angenehm empfinden, daß nun sein nahendes Alter mit solchem Tamtam an die große Glocke gehängt wird, aber schließlich gibt es doch einen Trost dabei. Wird auch die kleine Eitelkeit verletzt, so wird der großen umso effektvoller geschmeichelt werden. Man wird ihn feiern als den großen Mann und seine Unsterblichkeit wird ihm bei Lebzeiten noch garantiett und eskomptiert werden. Der Lueger-Kultus besteht schon lange; er wird nun in das Stadium der Delirien treten. Er wird gefeiert werden als der Führer seiner Pattei und als der unumschränkte Gebieter über sie, als der Mann, der die Stadt Wien verjüngt und verschönett hat, als der Organisator und Finanzmann, der weitausgreifende Unternehmungen geschaffen, das Verkehrsleben mächtig entwickelt und die zu alledem nötigen Mittel aufgebracht hat. Man wird ihn preisen als den Hüter der Gerechtigkeit und der Humanität, als den Mann mit dem rühmlichst bekannten goldenen Wienerherzen und endlich als den genialen Redner. Auf alle großen Festivitäten pflegt ein mehr oder minder gelinder Katzenjammer zu folgen. Es wird vielleicht eine Weile dauern, bis er sich einstellt und jene philosophische Stimmung erzeugt, die gewöhnlich die elegische Gefolgschaft eines rechten Katzenjammers bildet und die dann zu Einkehr und Umkehr mahnt, aber er wird sich einstellen, sofern nicht alle Psychologie der aura popularis trügt. Eines hat Dr. Lueger sicherlich verstanden: seine Werke auf den Glanz herzurichten. Wien wird tatsächlich täglich schöner. Unverkennbar ist insbesondere der hortikulturelle Fortschritt. Es wird mehr Sorgfalt auf die städtischen Gattenanlagen verwendet, als je zuvor. Das Grün entwickelt sich wunderhübsch. Die Stadt Wien hat endlich einen Gartendirektor, wie sie ihn längst hätte haben sollen und sie holt nun nach, womit sie lange genug den anderen Großstädten gegenüber in: Rückstand geblieben ist. Auch die neuen Architekturwette, die aller Ecken und Enden aus den: Boden wachsen, bieten einen schönen Anblick dar. Wenn man aber auch all das sproßende Grün und die steinerne Pracht dem Walten des Bürgermeisters allein gutschreiben wollte, was vielleicht doch nicht ganz den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen würde, so hätte man noch immer das Recht, mit Schopenhauer zu siagen: „Ja, ist denn die Welt ein Guckkasten?!" Die Welt ist nicht nur da, daß man sie sich ansehe, sondern daß man in ihr lebe, und was nützt alle Pracht und Schönheit, wenn Ungerechtigkeit und Unduldsamkeit Tausenden von Mitbürgern das Leben vergällt und verbittert in dieser schön dekottetten Umgebung? Es kann zweifelhaft sein, ob die Schönheit der Natur und der Bauwette vornehmlich Herrn Dr. Lueger auf Rechnung zu setzen seien, darüber herrscht kein Zweifel, daß das vollgerüttelte Maß von Anteil und Verantwortlichkeit für die Leiden einer gehässig verfolgten und bedrückten Minderheit ihm zufällt. Seine Getreuen werden ihm das bei den rauschenden Festen nicht sagen, aber gesagt muß es werden und darum sei es hier gesagt: so viel wie er hat keiner beigetragen zur Verrohung der Gemüter und zur Verwilderung der Sitten in dem angeblich s» gemütlichen Wien.

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