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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-08 · 28 (8.7.1904) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
28 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 454 * Dr. 3BIocbTs MocbenscbrM. Nr. 28 wurde, oder um 10 Uhr, als die erste telephonische Meldung einlief, seine Schuldigkeit getan, so wären die gräßlichsten 3 Stunden — von 12 bis 3 Uhr mittags — erspart geblieben und wie viele Morde wären unterblieben. Zwei Stunden waren genug, das ist außer jedem Zweifel, denn der Beweis ist an derselben Stelle, zur selben Zeit und an denselben Menschen erbracht worden. Nun liegt Ihnen aber, meine Herren Senatoren, unter den Zivilklagen eine vor, die besondere Berücksichtigung verdient. Fischmann klagt auf Schadenersatz für seinen geplünderten Laden und berichtet, daß der Plünderung beigewohnt haben: der Vizegouverneur, der Polizeipräsident, der Kommissär und sein Adjunkt. Diese Behauptung ist jetzt durch das Urteil im Kriminalprozesse bestätigt worden. Man stand da, unterhielt sich über die kulturhistorischen Beweggründe der Ereignisse und ließ die Verbrecher plündern und dann ruhig ibren Weg ziehen. Ich fasse zusammen: Sie sehen, was die Angeklagten für die Juden hätten tun können und was sie getan haben. Ich habe nämlich folgendes bewiesen: 1. Hätte Herr v. Raaben und die übrigen ihre Pflicht am ersten Tage getan, so wäre es zu den Ereignissen am zweiten nicht gekommen. 2. zur Beruhigung waren im Kulminationspunkte zwei Stunden völlig genügend. Der Senat beschloß auf Antrag des ersten Staatsanwaltes die Verwerfung der Klagen, weil der Senat in dieser Zusammensetzung Zivilgericht sei und als solches keine Möglichkeit habe, die Zweckmäßigkeit von Maßregeln zu prüfen, welche die Staatsraison einem höheren Beamten diktiere. Kifchenew. Die Abrechnung des Kischenewer Komitees ist nach sehr langem Zögern endlich erschienen. Der Grund für diese ungewöhnliche Verzögerung war für alle Welt ein offenes Geheimnis, das, so unangenehm es für uns Juden auch ist, dennoch an dieser Stelle dem großen jüdischen Publikum enthüllt werden muß. Gleich nach dem furchtbaren Kratvall haben nämlich die jüdischen Millionäre in Kifchenew, ergriffen von dem über die Gemeinde plötzlich hereingebrochenen entsetzlichen Elend, vielleicht auch von Dank gegen die Vorsehung erfüllt, die sie davor geschützt hat, selber ein Opfer der Katastrophe zu werden, sehr große Beträge zur Unterstützung der Opfer des Krawalls gezeichnet. Aus Dank für diese Freigiebigkeit wurden nun diese Herren an die Spitze des von der Regierung genehmigten Hilfskomitees gestellt. Kaum jedoch war der erste Schrecken überwunden, als es vielen Komiteemitgliedern schon leid tat, solche große Summen versprochen zu haben und sie suchten nun unter allen möglichen Vorwänden sich ihren Verpflichtungen zu entziehen . . Die Tatsache ist so schmachvoll, daß die übrigen Komiteemitglieder, darunter der edle Dr. Mutschnik, sich schämten, vor die große Oeffentlichkeit zu treten, bevor nicht wenigstens ein großer Teil der von den Komiteemitgliedern gezeichneten Beträge eingezahlt worden ist. Dieses ist nun endlich geschehen. Von den 160.000 Rubel, welche die Herren von Komitee gezeichnet haben, sind mit Ach und Krach 54.000 eingezahlt worden und so konnte man schließlich unter voller Darlegung der Ursachen der Verzögerung zur endgiltigen Rechenschaftslegung schreiten. Leider hat die Zensur es verhindert, das vom Komitee mit vieler Mühe und großer Sorgfalt gesammelte vollständige Material über die Opfer der Katastrophe im Berichte zu veröffentlichen, so daß die jüdische Oeffentlichkeit über den ganzen Umfang der Kischenewer Greuel vielleicht erst in einer späteren Zukunft unterrichtet werden wird. Im Ganzen hat das Kischenewer Komitee aus 728 Plätzen 1,010.343°30 Rubel erhalten. Die Spenden liefen aus sämmtlichen fünf Erdteilen ein, die größte Beteiligung wies jedoch naturgemäß Rußland^ selber auf, wo nicht weniger als 663 Städte und Städtchen sich mit größeren und kleineren Beiträgen an der Sammlung beteiligt haben. Ferner haben im Ganzen 22 jüdische und nichtjüdische Zeitungen Sammelstellen eröffnet, jedoch war das Ergebnis der Sammlungen in den russischen Zeitungen ganz nkinimal, da die Christen in Rußland mit sehr wenigen rühmlichen Ausnahmen sich nicht im Geringsten bewogen fühlten, die von ihren Glaubensgenossen in Kifchenew verübten Schandtaten durch Spenden auch nur einigermaßen wieder gut zu machen. Eine einzige Ausnahme machten die russischen „Ncnvosti“. Dieses liberale Blatt vertritt zwar nichts weniger als jüdische Interessen, da sich jedoch seine Leser meist ans Juden rekrutieren, so brachte es nicht weniger als 42.000 Rubel für die Opfer der Kischenewer Katastrophe auf. Noch mehr als die „Nowosti“ hat der rein jüdische Interessen vertretende und ausschließlich von Juden gelesene russische „Wosscliod“ geleistet. Die jetzt von Herrn v. Plehwe für die Dauer von 6 Monaten unterdrückte Wochenschrift hat über 50.549 Rubel gesammelt. Es folgt die hebräische „Hazeiirah“ mit 20.534, der im Jargon erscheinende, von den Aermsten der Armen gelesene „Fraind“ mit 12.000, der inzwischen eingegangene „Hameliz“ mit 9925, der „Hazofeh“ mit 8985 und der inzwischen gleichfalls eingegangene „Hasmon“ mit 1831 Rubel. Im Ganzen haben die verschiedensten Zeitungen 157.594°62 Rubel gesammelt. Dazu kamen die anderen Spenden ohne nähere Bestimmung im Betrage von 820.525 Rubel, so daß für die Unterstützung der Opfer des Krawalls 978.119'63 Rubel 2,102.957 20 Mark eingelaufen sind. Dazu kamen spezielle Spenden und Einnahmen im Betrage von 32.223°67 Rubel und zwar waren davon bestimmt: Für die Hinterbliebenen der Ermordeten 7009, für ein Kinder-Hospital 9997, zur Errichtung von genossenschaftlich betriebenen Werkstätten 5559; anonyme Spenden 6454 und Zinsen 4143 Rubel. Das Komitee glaubte ursprünglich schon im Herbst 1903 sich auflösen zu können, da man hoffen durfte, daß nach Einbringung der Ernte sich die ökonomische Lage der Juden wesentlich bessern werde. Aber die Ernte hat die auf sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt und die Zahl der Notleidenden hat zugenommen statt abzunehmen. Dazu kam noch, daß die durch den Krawall Eingeschüchterten keine Courage hatten, sich in dauernden Geschäften zu engagieren, die Geschäftsstockung artete zu einer veritablen Krisis aus und das Resultat war, daß das Komitee außer den direkt vom Krawalle betroffenen Juden es noch mit Hunderten von jüdischen Familien zu tun bekam, welche durch den Krawall noch indirekt brotlos wurden. Aus diesem Grunde sah es sich gezwungen, seine Tätigkeit zu verlängern und solange in Aktion zu bleiben, bis die Spenden ganz und gar auszubleiben begannen. Am 25. Jänner 1904 hatte das Komitee seine letzte Sitzung abgehalten, in der beschlossen wurde, sich aufzulösen und den in seinem Besitze sich noch befindenden Restbetrag von 1036 Rubel dem Vereine zur Unterstützung von Ortsarmen zu überweisen. Während seiner sechsmonatlichen Tätigkeit (vom 15. April 1903 bis 25. Jänner 1904) hat das Komitee 3809 vom Krawall unmittelbar betroffene Familie unterstützt und 6805 Familien, welche indirekt durch die auf den Kawall gefolgte Geschäftsstockung in Not geraten sind, gefördert. Für die erste Kategorie wurden 533.573, für die zweite 156.072 Rubel verausgabt. Eine große Summe wurde für die Witwen und Waisen der ermordeten Juden verwendet, so daß alle Spender für Kifchenew das beruhigende Bewußtsein haben dürfen, daß wenigstens für die Hinterbliebenen der heiligen Märtyrer von Kifchenew ausreichend gesorgt worden ist. indem für sie nicht weniger als 100.200 Rubel verwendet wurden. Ferner sind verausgabt worden für Emigrationszwecke 15.390, Aerztehonorar re. 3041, für Rechtsbeistand 14.700, Unterhaltung des Bureaus 4041, für die Volksküche 23.057 und zur Unterstützung verschiedener Bildungsanstalten 16.748 Rubel. Endlich hat die Beerdigung der vom Pöbel geschändeten Thorarollen 581 Rubel gekostet. Nach Abzug der für verschiedene spezielle Zwecke gespendeten 31.904 Rubel verblieb noch ein Restbetrag von 110.035.88 Rubel, von dem 50.000 der „Jca" zur Errichtung einer großen jüdischen Kolonie im Gouvernement Bessarabien und 50.000 Rubel dem Odcssaer Komitee für Kolonisation Palästinas zur Gründung eines 50 Familien umfassenden Dorfes in Palästina überwiesen wurden. Die Bauern des in Palästina zu errichtenden Dorfes müssen Juden sein, welche von dem Kischenewer Krawall unmittelbar getroffen wurden. Der Rest von 11.035.88 Rubel wurde, wie gesagt, dem Vereine zur Unterstützung Kischenewer Ortsarme überwiesen, worauf das Komitee sich aufgelöst hat.

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