Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 28 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Heile 452 Dr. Dwcv s MocbenscvrM. Sir. 28 übrigens später, nach dem Tode Kasimirs, unter der Regierung Ludwigs d'Aujou auch in Polen das Bürgerrecht, wo die Ghetti, die Sondersteuer, die Abzeichen, die Wohnungs- und Gewerbebeschränkung, lauter Einrichtungen deutscher Provenienz, eingeführt wurden. Allerdings hat Deutschland seit damals auf dem Gebiete der Kultur und Humanität gewaltige Fortschritte gemacht, während andere Länder zurückblieben. Aber selbst der jetzige Antisemitismus, der das zwanzigste Jahrhundert schändet, ist von deutscher Herkunft und Bismarck sein Pathe! Teplitz, 5. Juli. Leo Herzberg-Fränkel. Minister v. Plehwe und die Juden. Unsere Leser kennen die verschiedenen Acußerungen des Herrn von Tatistcheff, welchen Herrn von P l e h w e mit der Mission nach Deutschland entsendet hat, um auf die öffentliche Meinung zu Gunsten Rußland einzuwirken. Der Sendling T a t i st ch e f f hatte auch mit dem Herausgeber der „Preußischen Korrespondenz" eine Unterredung. Dieselbe erhielt dazu von jüdischer Seite folgende Zuschrift: „Herr v. Tatistcheff führt die Abneigung, welche sich bei weiten Gruppen der deutschen Liberalen gegenwärtig in potenzierter Form gegen Rußland äußere, auf unzutreffende Darstellungen bezüglich der Haltung der russischen Regierung in der Judenfrage zurück. — Herr v. Tatistcheff sucht demgegenüber nachzuweisen, daß Plehwe sich ernsthaft bemühe, die Lage der Juden zu beffern, und erreicht hiedurch zwei Ziele. Er beschwichtigt nicht nur in der Judenftage sondern aus der Frage des ruffischen Absolutismus, der auf allen Völkern Rußlands lastet, wird ein kleines Stückchen Judenftage. Schließlich ist Kischenew nur ein Sympton! Die tausende wchrlosen Chinesen, die man in Blagowestschensk in den Amur getrieben, die 29 Millionen Rubel, die man den Armeniern genommen hat (wenn die Türkei auch nur annähernd Aehnliches getan hätte, hätte es eine Flottendemonstration gegeben!), die Behandlung der Finnen, die in Deutschland tiefen Eindruck gemacht hat, in geistiger Beziehung die Behandlung Tolstoi's, die harten Strafen für Verbreitung der patriotischen und doch wahrlich gemäßigten „Oswobosdjenie", die administrative Verschickung, kurz das Drum und Dran des absoluten und reaktionären Staates find natürlich jedem Liberalen, richtiger jedem gebildeten Westeuropäer antipathisch. Ich möchte nun bemerken, daß wir Juden im Westen die Verhältniffe der Juden in Rußland nur unter dem Gesichtspunkt der allgemeinen Kuttur beurteilen. Da in Rußland die große Mehrheit aller Juden wohnt, kann schließlich dem russischen Reiche nicht Unheil widerfahren, ohne daß eben dieser Mehrhett aller Juden wenigstens ökonomisch Nachteile entstehen. Trotzdem hegen die deutschen Juden — abgesehen von einzelnen der Börse angchörenden Gruppen — mit den deutschen Liberalen überwiegend den aufrichtigen Wunsch nach russischen Mißerfolgen. — Die wirtschaftlichen Nachteile, welche die Juden Rußlands im Falle solcher erleiden würden, hätten andere Untertanen Rußlands in ähnlicher Weise zu ertragen. Es handelt sich für uns also um eine rein menschliche Frage, und wir sind mit der überwiegenden Mehrheit aller Liberalen der Meinung, daß der Zukunft der Menschheit mit kriegerischen Mißerfolgen der Ruffen besser gedient ist, als mit russischen Siegen. Diese Auffassung würde auch dann keine Aenderung erleiden, wenn Herr von Tatistcheff mit der Behauptung Recht Hätte, daß Plehwe sich bemühe, die Lage der Juden in Rußland zu verbeffern. Eine solche Versicherung hätte zu anderer Zett mehr Eindruck gemacht als jetzt, wo anscheinend in Rußland die Absicht besteht, eine neue Anleihe in Deutschland auftunehmen. Die Gründe, die für die Sinnesänderung des Herrn von Plehwe anderweit angegeben find, dürsten schwerlich Unbefangene überzeugen. Herr von Plehwe soll danach zu seiner veränderten Stellung in der Judenftage durch die Beobachtung gelangt sein, daß die ftommen Kreise der russischen Juden, die deren überwiegende Masse bilden, von der revolutionären Strömung nichts wissen wollen. Es hieße Herrn von Plehwe beleidigen, wenn man ihm die Dummheit zuttauen wollte, eine derartige Binsenwahrheit nicht schon vorher gekannt zu haben, und so bleibt eben nur die einzige Erklärung übrig, daß Rußland während des jetzigen Krieges mit den europäischen Sympathien zu rechnen hat. Bei diesen aber handelt es sich, wie bemerkt, nur zum kleinsten Teil um die Judenftage und solange — um eins von den vielen Symptomen hervorzuheben — die Verbreitung der „Oswobosdjenie" stärker bestraft wird als der Mord, dürsten Milderungen in dem Gesetz über die Juden nicht ausreichen, um die Stimmung Europas zu ändern. Ganz abgesehen davon, daß man Milderungen nach dem Kriege auch wieder abschaffen kann und daß es dem europäischen Empfinden überhaupt widerstrebt, wenn Untertanen, welche die Blutsteuer neben allen anderen Pflichten zu leisten haben, nicht bloß in ihren politischen Rechten, sondern auch in ehrlicher Erwerbsmöglichkeit durch eine speziell gegen sie gerichtete Gesetzgebung und Beamtenwillkür gehemmt werden dürfen. Es ermangelt in dieser Beziehung gewiß nicht der Pikanterie, daß den jüdischen Soldaten, die in Port Arthur und der Mandschurei sich erschießen lassen dürfen, vor Ausbruch des Krieges der Aufenthalt dort nicht gestattet war. Aber, wie bemerkt, die Judenfrage ist nur ein kleines Symptom der großen russischen Frage, und eine anscheinende Sinnesänderung in dieser Frage wird solange als eine auf Opportunitätsgründen fußende, vorübergehende Maßnahme gelten müssen, als nur dieses Symptom sich ändert und nicht das Regierungssystem, von dem diese Behandlung ein Symptom darstellt." Die Greuel von Kischenew. Das Plaidoyer Winawer's im Prozesse vor dem russischen Reichsgericht. Am 26. Mai hat das russische Reichsgericht (der „Dirigierende Senat") in öffentlicher Sitzung die vorjährigen Greueltaten von Kischenew behandelt. Es lagen dem Senat Zivilklagen gegen die damaligen Kischenewer Verwaltungsbeamten vor, in denen diese der Fahrlässigkeit im Amte beschuldigt und zum Schadenersätze verhalten wurden. Den bedeutsamsten Teil der Verhandlung bildete das Plaidoyer Winawer's, der seinerzeit an dem hinter verschlossenen Türen geführten Prozeß in Kischenew kräftig mitgewirkt hat. Die Angeklagten, nämlich der damalige Gouverneur von Bessarabien, Generallieutenant v. Raaben, der damalige Vizegouverneur Ustrugow, der damalige Polizeipräsident Chansenkow, der Polizeikommissär Lutzinski und dessen Adjunkt Makedon waren zur Verhandlung nicht erschienen, sondern hatten schriftliche Erklärungen eingereicht. General v. Raaben behauptet in seiner Schrift, er hätte seine volle Schuldigkeit getan, gibt aber zu, daß er während der kritischen Tage seine Wohnung nicht verlassen habe. Der Vizegouverneur berief sich darauf, daß er bei Anwesenheit des Gouverneurs keine Initiative haben konnte. Ebenso wälzen die übrigen Angeklagten die Schuld auf den Gouverneur, da sie ihm nur zu gehorchen hätten. Frisches Menschcnblut Winawer schildert die Vorfälle folgendermaßen: Am 6. und 7. April 1903 ist in Kischenew etwas Wildes geschehen; alle Grundlagen des sozialen Lebens sind zusammengestürzt. Auf den Straßen dampfte frisches Menschenblut; menschliche Schädel wurden eingeschlagen. Augen ausgestochen; Frauen auf offener Straße vergewaltigt. Und derjenige, der die oberste Macht in Händen hatte, machte nicht den mindesten Versuch, dem wütenden Gesindel entgegeuzutreten und ihm zu gebieten: Hände weg. Dieses Gut ist mir anvertraut und ich werde es beschützen. Nicht das Erwachen des Tieres im Menschen ist das Schrecklichste an diesem Schrecken, sondern daß kein Wärter da war, der es zähmen sollte. Einer der-Angeklagten behauptet in seiner Verteidigungsschrift, man habe es mit einem „sehr komplizierten" Fall zu tun gehabt. Aber was ist denn Kompliziertes daran und was ist einfacher als das? Wenn ich einen Mörder sehe, der zu einem Hiebe auf meinen Bruder ausholt, so suche ich ihm das Messer aus der Hand zu schlagen, ohne zu fragen, ob ich dazu verpflichtet bin; völlig genug ist es für mich, wenn ich das Recht dazu habe. Was aber jedem gegenüber so ohneweiters klar ist, das wurde „sehr kompliziert", als es sich um Juden handelte;