Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 28 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Ar. 28 Dr. Blocb s MocvenscvriN. getn 449 keinen Begriff von dem u. geheueren Spektakel machen, von der Unsumme von Fanalismus, Blödheit und Geldgier, die alle Zusammenwirken beim Wunder des heiligen Feuers." — „Als 1834 das „„Wunder"" vor sich ging, waren zirka 6000 Leute in der Heiligen Grabeskirche, und kaum war das „„Heilige Feuer"" erschienen, als sich ein furchtbarer Tumult erhob und bei 300 Leute getödtet wurden, teils durch Erdrücken, teils durch die fälschlich alarmierten türkischen Soldaten, die stets zahlreich an diesem Tage aufgeboten werden. Ueberhaupt geht dieses „„Wunder"" selten ohne Unglücksfälle ab." Auch als der fromme, nicht wundergläubige Feuilletonist des „Vaterland" die Grabeskirche besuchte, bewachten mehrere Bataillone türkischer Soldaten mit Krummsübel und Gewehr die Zugänge und er konnte nur durch die Vermittlung eines türkischen Offiziers ihre festgeschloffenen Reihen passieren. Auch den funktionierenden Geistlichen, dem „schismatischen koptischen Bischof", dem ebenfalls „schismatischen armenischen Patriarchen" und dem syrischen Bischof, wurde von dem türkischen Militär mit größter Mühe ein enger Durchgang gebahnt. „Nach dem dreimaligen Umzuge der griechischen Geistlichkeit um die Heilige Gravkapelle begab sich der Patriarch mit einigen aus dem hohen Klerus in das Innere der Kapelle, die nun abgeschlossen wurde. Aber nur wenige Minuten dauerte es, da reichte man von innen eine hellbrennende, lodernde Fackel, „das heilige Feuer", heraus, au den eigens hiezu aufgestellten Diakon. Das Wunder war geschehen, das Feuer vom Himmel gekommen!" Nun folgte ein ungeheuerer Tumult, da die Gläubigen sich herandrängteu um ihre Kerzeubündel am heiligen Feuer anzuzünden. Der Feuilletonist bemerkte auf den Galerien der Armenier viele Frauen, „die ihre Kerzen an Schnüren herabließen und selbe, nachdem sie augezündet, blitzschnell emporzogen und sich — horribi.e dictu — Brust und Busen mit dem „heiligen Feuer" verbrannten. Diese fanatischen Leute glauben fest, daß dieses Feuer wohl brenne aber nicht verbrenne, wie weiland der brennende Dornbusch." Manche Gläubige sollen auch das „heilige Feuer" bis nach Rußland in Laternen tragen. Vielleicht auch nach Port Arthur? Der Feuilletonist berichtet noch, daß das „absonderliche Wunder" für die Geistlichkeit sehr einträglich ist und daß ein Armenier 30.000 Zechinen au die schismatischen Griechen für die Erlaubnis, seme Kerze zuerst am „heiligen Feuer" anzünden zu dürfen, gezahlt haben soll. Er nennt auch den ganzen Vorgang „eine Schmach und Schande für die zivilisierte christliche Welt" und fordert die europäischen christlichen Staaten auf, „diesem feuergefährlichen aberwitzigen Betrüge sobald als möglich ein Ende zu machen und durch emen kräftigen kalten 'Wasserstrahl für immer auszulöschen das heilige Feuer in Jerusalem". Ob er auch gegen andere einträgliche Wunder kalte Wasserstrahlen (etwa aus Lourdes?) dirigieren möchte, wissen wir nicht. Aber es ist fedenfalls um so anerkennenswerter, daß sich der Katholik um das Leibesheil und die Taschen der „ Schismatiker" kümmert, als in Jerusalem auch Schlägereien zwischen diesen und den Katholiken vorzukommen pflegen, denen nur die mohammedanischen Soloaten ein Ende machen können. Es muß schon den Russen schlecht genug gehen, wenn das „Vaterland" es wagt, ihre Wunder so lächerlich zu machen; aber es spottet seiner selbst und weiß nicht wie: Das „heilige" durch ein Wunder vom Himmel herabkommende Feuer stammt wahrscheinlich von der Erzählung der Bibel vom Propheten Elias her, der von den Christen in Palästina stets besonders verehrt wurde. Es ist auch kein speziell russisches, griechisches oder sonst „schismatisches", sondern ein uraltes gemeinchristliches Wunder, das schon zur Zeit der Kreuzzüge als alljährlich zu Ostern geschehend seit lange bekannt war. Geschichtsschreiber jener Zeit berichten, daß es schon unter mohammedanischer Herrschaft zu geschehen pflegte und daß die Christen in Jerusalem damals glaubten, sie würden alle von den Türken ernivrdet werden, wenn das Wunder einmal ausbliebe. Denn das heilige Feuer muß nicht, wie der Fenilletouist des „Vaterland" memt, „prompt alljährlich zur bestimmten Zeit" herabkommen. Es bleibt auch manchal aus oder läßt sich sehr lange bitten, geradeso wie das Blut des heiligen Januarius. So geschah es z. B. im Jahre 1101, daß lateinische und griechische Priester von der dritten Tagesstunde an abwechselnd das Hochamt hielten. Als um die neunte Stunde der (katholische) Patriarch mit seinen Schlüsseln die Türe des heiligen Grabes öffnete, fand er die Lampe nicht angezündet. Priester und Laien setzten ihr inbrünstiges Beten und Weinen fort, aber die Lampe blieb finster, als hätte sie der „kalte Wasserstrahl" schon getroffen, Fulcher, der Kaplan des katholischen Königs Balduin von Jerusalem, begab sich hierauf mit dem Kaplan des Patriarchen aus den Oelberg, denn das launische Feuer pflegte manchmal dort herabzukommen. Aber auch da blieb alles finster. Und noch trauriger sah es in den Herzen der Einwohner aus, da jeder fürchtete, durch seine Sünden das Ausbleiben des Wunders verschuldet zu haben. Pilger, die einander gehaßt und angeseindet hatten, versöhnten sich vor dem Patriarchen, um durch Friedfertigkeit der Gnade Gottes würdiger zu werden. Am Abend schloß der Patriarch die Kirche und gestattete Niemanden den Eintritt. Aber auch am nächsten Tage kam kein Feuer trotz wiederholter eifriger Gebete und Zeremonien. Da zogen der König mit den Großen des Reiches, der Patriarch mit dem Klerus und alle Lateiner in feierlicher Prozession mit bloßen Füßen, betend und die Gnade Gottes anstehend, zum Tempel Salomonis. Die Syrer und Griechen blieben betend und wemend vor der Kirche, rissen sich die Haare aus und zerfleischten ihre Wangen. (Vergleiche I. Könige, XVIII 28.) Da, als die Prozession zurückkehrte, erblickte man durch die Fenster des heiligen Grabes den Schimmer der durch das heilige Feuer angezündeten Lampe. Der Patriarch öffnete die Türe, ivarf sich dankbar aus die Kniee vor der augezüudeten Lampe und trat mit ihr in die Kirche hinaus, wo sich Tausende herandrängten, um ihre Kerzen daran anzuzünden. Bald entzündete sich eine zweite Lampe vom heiligen Feuer und nach und nach wurden alle Lampen der Kirche davon ergriffen Alles jubelte nun in Jerusalem, das Volk klatschte in die Hände, die Gefftlichkeit sang Psalmen, Trompeten schmetterten*) und wenn es Kanonen gegeben hätte, sie würden gedonnert haben. Das Wunder, bemerkt Michaud, der fromme katholische Geschichtsschreiber der Kreuzzüge und ultraroyalistische Bücherzensor unter König Ludwig XVIII., war auch von guter Vorbedeutung für die Christen, denn sie kämpften bald darauf mit glücklichem Erfolg gegen die Sarazenen. Ja, es erwies sich noch nach achthundert Jahren als echtes Wunder. Denn, wenn es der bösen Tat Fluch ist, „daß sie fortzeugend Böses muß gebären", so ist es der Segen des Wunders, daß es fortzeugend immer Wunder muß gebären. Und ein Wunder ist es ja, wenn das „Vaterland" einmal gegen Wunder und Wunderglauben ganz aufklärerisch spottend auftritt. Sein ungläubiger Feuilletonift unterläßt es aber, das Zustandekommen des Wunders, oder wie er sagt, den „aberwitzigen Betrug" auf natürlichem Wege zu erklären, und da sind wir in der angenehmen Lage, seinen Bericht zu ergänzen, auf Grund der Chronik des Syrers Abulfaradsch, Bar Hebräus (geb. 1226). Wie dieser berichtet, hat ein Feind der Christen dem Khalifen Hakem erzählt, daß, „wenn diese zur Osterfeier in Jerusalem seien, ihre Priester Gaukelei trieben *) Vergl. M. Michaud, Hiatoires des Croisades, IV, 23, Friedr. Willen, Geschichte der Kreuzzüge, 11, 99—100, wo die zeitgenössischen Quellen angegeben sind.