Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 28 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 448 Dr. Llocb's MocvenscbrM. Nr. 28 gelten. Er ist mir angelegentlichst empfohlen und ich hoffe, daß er durch feine gleichmäßige Güte gegen jedermann eure Zuneigung erwerben und erhalten wird. Ich verlasse euch jetzt, indem ich euch Gesundheit und Glückseligkeit wünsche, um die großen Gaben zu genießen, die die göttliche Vorsehung euch verliehen hat; denn die Abschaffung der Sklaverei auf allen diesen Inseln muß als ihr Werk und nicht als Menschenwerk betrachtet werden. Ich schließe und fordere euren Pastor auf, euch ebenfalls auf eine ihm gefällige Weise anzureden." Der ehrenwerte Herr Atkins eröffuete seine Rede, indem er verschiedene von den von Herrn Hart g äußerten Gesinnungen heraushob und seine aufrichtige Bewunderung derselben zu erkennen gab. Er erklärte, daß es ihm eine hohe Befriedigung gewähre, der gegenwärtigen Zeremonie beizuwohnen, nicht bloß darum, weil die Freigelassenen seiner Kirche angehören und weil es gerade der Krönungstag der Königin ist, sondern hauptsächlich darum, weil er diesen Moment als den Anfangspunkt der Freiheit auf Jamaika betrachte und weil das große Geschenk durch Herrn Daniel Hart Esqu, einen Gentleman von israelitischem Glauben, gegeben 'sei. Der Widerschein, den dieser Umstand auf mehrere Glieder der christlichen Kirche werfe, die beständig von ihrer Philanthropie prahlten — er wolle nichts darüber erwähnen, er überlasse es der Welt, den Eindruck davon zu empfinde». Er fordere nur noch alle aus, ein Preislied auf den Leuker des Weltalls, von dem alles Gute komme, anzustimmen und den alten 100. Psalm abzusingen." Daß es auch jetzt noch Tausende und Hunderttausende von Juden gibt, die von den gleichen, humanen, religiösen, edlen und menschenfreundlichen Gesinnungen erfüllt sind, wie einst der erste Sklavenbefreier auf Jamaika, das steht außer Zweifel, davon bringt jeder Tag Beweise. Gibt es aber auch jetzt noch Pfarrer, die das, wenn sie es auch wissen, und sie müssen es wissen, vor ihren ihrer religiösen und moralischen Leitung anvertrauten Pfarrkindern offen aussprechen würden? _ Rabbiner, Stark. Das „heilige" Feuer. Es gehört nicht zu den angenehmen, appetitlichen Dingen, sich mit der antisemitischen Presse in ihren verschiedenen mehr oder minder unsauberen Organen zu beschäftigen; aber wenn man sie bekämpfen will, darf man sich auch nicht scheuen, sie hie und da in die Hand zu nehmen. Und mitunter wirkt diese Beschäftigung auch ganz erheiternd, besonders wenn so ein Blättchen sich mit einem ihm nicht in den Kram passenden Vorgang abzufinden hat. Da vergißt es seinen sonst anfdringlich zur Schau gestellten, sei es rein deutschen, sei es rein christlichen Charakter und verfällt in den ihm wohl naturgemäßeren antijüdischen oder intolerant-klerikalen Ton. So ist z. B. ein Blatt, das sich die „Deutsche Zeitung" nennt und stets seine lryale antidemokratische Gesinnung hervorkehrt, über den deutschen Kaiser in recht flegelhafter Weise hergefallen, weil er einen mit Recht verurteilten Antisemiten nicht begnadigen wollte und weil er von dem „Juden" Ballin, dem Direktor der Hamburg-Amerika Dampferlinie, gesagt hat: „Das ist mein Mann". Eine großartige, den Zuschauer ungemein belustigende Verwirrung hat aber der russisch-japanische Krieg in der antisemitischen Journalistik hervorgerufen. Das rennt verwirrt und ratlos herum, wie ein Ameisenhaufen, in den man mit einem Stock hineingeftoßen hat. Die Alldeutschen gönnen den Slavophileu, den Protektoren der Tschechen, die Niederlagen, aber sie können doch einer Regierung, die in Verfolguug der Juden so erfindungsreich und rücksichtslos ist, ihre Sympathie nicht versagen. Auch mag der russische Cäsaropapismus vielleicht nach dem Geschmack der „Los von Rom-" Leute sein. Die russische, sich selbst die rechtgläubige nennende Kirche ist wieder den Bekennern der alleinseligmachenden Religion antipathisch und man freut sich wohl in klerikalen Kreisen, daß sie zu Gunsten der zarischen Waffen keine Wunder tun kann, selbst nicht gegen die heidnischen Japaner; sind doch der römischen Kurie Heiden und Ungläubige sonst lieber gewesen als Ketzer und Schismatiker. Andererseits kann man wieder in den Kreisen des konservativen und reaktionären Adels, den Hauptstützen der klerikalen Presse, die Blamage des automatischen russischen ReLierungssystems nicht ohne Mitgefühl und Besorgnis betrachten. Bei alldem muß es Erstaunen erregen, in dem „Vaterland", dem Leibblatt der österreichischen Feudalen und Klerikalen, eine Verspottung und Verhöhnung der russischen Konfession zu finden, wie sie vielleicht kaum ein sozialdemokratisches Blatt, schon aus Furcht vor Konfiskation, gewagt hätte. Wir Juden sind natürlich durch Konfiskation uns beleidigender und verleumdender Zeitungsartikel nicht verwöhnt und können daher mit dem Gefühle des^ Mannes, der sich freute, nicht das Hemd anzuhaben, das die Wäscherin gerade mit dem Waschbläuel bearbeitete, das Feuilleton „Das „heilige Feuer" in Jerusalem" im „Vaterland" vom 16. Juni l. I. lesen. Ja wir gönnen ihm sogar die weiteste Verbreitung. Doch bemerken wir vor allem, daß die Gänsefüßchen beim „heiligen Feuer" aus der Druckerei des Vaterlands stammen, das dadurch gleich in der Titelzeile zu verstehen gibt, daß das heilige Feuer der Orthodoxen eigentlich ein sehr unheiliges ist. Und ist es nicht „der Wunder höchstes", wenn das Organ der frommen Katholiken sich über Wunder lustig macht? Notabene nicht über von jüdischen Wünderrabbis oder türkischen Derwischen, sondern von christlichen Geistlichen verrichtete Wunder. „Und nicht gar Sarazenen oder Juden, denn Christen nur allein hat es zu Feinden": könnte inan mit Dante sagen. > Freilich sind es nur griechische Geistliche, die verächtlich gemacht werden, nicht katholische, welche das Monopol ans Wunder zu haben scheinen, aber die griechisch-russische Kirche ist doch auch eine christliche und steht der katholischen näher als die reformierte. „Was sind die Wunder von Lourdes oder ähnliche gegen das Wunder des „heiligen Feuers", das sich prompt alljährlich zur bestimmten Zeit in dem heiligsten Hause der Welt, in der Grabeskirche zu Jerusalem, ereignet, ereignen muß mit mathematischer Sicherheit, und zwar auf Befehl des schismatischen griechischen Patriarchen?" fragt das „V a t e r l a n d" und fährt dann höhnend fort: „Und da gibt es dann noch Leute, die behaupten, daß heutzutage keine Wunder mehr geschehe):!" Wir gehören nicht zu diesen Ungläubigen. Wir kennen die Wunder von Lourdes sowie die auf Bestellung verrichteten Wunder des heiligen Antonius, welche klerikalen Instituten so viel Geld einbringen. Ja, wir wissen noch mehr, wir wissen von einem ebenfalls „alljährlich zur bestimmten Zeit mit mathematischer Sicherheit sich ereignenden" Wunder, das wir selbst vor einigen Jahren mit angesehen haben. Daran scheint der dem geistlichen Stande angehörende Verfasser des „vaterländischen" Feuilletons vergessen zu haben; denn es ist nicht anzunehmen, daß ihm das in Händen eines katholischen Prälaten alljährlich sich am 19. September sich ereignende wunderbare Flüssigwerden des Blutes des heiligen Januarius im Dom zu Neapel unbekannt geblieben sei. ' In Neapel läuft jetzt alles friedlich, wenn auch unter großem Lärm, ab. Anders in der Grabeskirche zu Jerusalem, die am griechischen Charsamstag „buchstäblich vollgepfropft ist mit Leuten aus allen Weltgegeuden, vorzüglich aber mit Russen, schismatischen Griechen, Armeniern, Kopten und Abessyniern". — „Wer die Sache nicht mit eigenen Augen angesehen", fährt das „Vaterland" fort, „der kann sich gar