Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 28 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 446 Dr. Dlocb's TKHocbenscbrtft. Nr. 28 Es hieße den jüdischen Parasiten der Wiener antisemitischen Gemeindewirtschaft zu viel Ehre erweisen, wollte man bei ihnen die Meinung voraussetzen, daß eine Wandlung Lueger's und der Luegerpartei im Sinne des konsessionellen Friedens und der gesellschaftlichen Anständigkeit möglich sei. So weit reicht ja gar nicht der Horizont dieser Herren! Ihren Bedürfnissen ist genug getan, wenn sie gefüttert werden, gleichviel ob die Hand, die ihnen das Futter darreicht, eine wohlwollende ist oder ob sie ihnen die Brocken mit verächtlicher Geberde hinwirft. Sie ersterben in hündischer Demut vor jedem Attribute der Macht; mag dieses Attribut auch aus einem Purpurmantel bestehen, der von den Bluthunden des „Deutschen Volksblatt" gefärbt wurde. Daß. der gesättigte Lueger heute auch lüstern ist nach den Lobsprüchen der sogenannten „Judenpresse" ist genügend charakteristisch für die Ueberzeugungstreue dieses Mannes selbst. Daß aber gewisse Vertreter der öffentlichen Meinung sich so tief prostituieren, ihm den begehrten Weihrauch mit vollen Händen zu streuen, beweist nur, daß der Wiener Diktator diese Leute von allem Anfang an richtig eingeschätzt hat. Wir haben dagegen nur Eines zu tun: Wir können es nicht verhindern, daß dieser oder jener Jude sich mit der Gemeinheit gemein macht, aber wir müssen es laut und mit aller Entschiedenheit ablehnen, daß solche Individuen als Vertreter des Judentums gelten. Wir müssen ihnen unsere volle Verachtung ins Gesicht schmgen, mit derselben Vehemenz, mit der sie ihnen bisher die Häupter der antisemitischen Partei ins Gesicht geschlagen haben. Wir müssen sie als seile Seelen brandmarken, mit denen die Juden und die Judenheit nicht das Geringste zu schaffen haben. Wir müssen erklären, daß in den Reihen unserer Glaubensgenossen noch genügend Ehre und Anstandsgefühl vorhanden ist, um jeden Bund, ja um auch nur einen Austausch konventioneller Höflichkeiten zwischen uns und den Herren Lueger, Bielohlawek und Schneider zu perhorreszieren. Mag im Kothe sich wohl finden, wer gewohnt ist, im Kothe sich zu wälzen, das Judentum hat sich stets in einer reineren Atmosphäre bewegt und deshalb ist es unsere Pflicht, die ekelhaften und schamlosen Liebediener der Herren Lueger und Genossen — mögen sie auch zufällig und wie wir hinzufügen müssen, leider jüdischen Bekenntnisses sein — weit von uns zu weisen. Vom Aabrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Die Sensationsereignisse und ihre eigentliche Bedeutung. — Der Fall Hervay. — Die christliche Moral, die jüdische Moral und — Herr Vergant.) Ein wenig lange hat es dieses Mal gedauert und wir waren schon recht ungeduldig geworden. Das „Deutsche Volksblatt" war dieses Mal aber auch ungewöhnlich saumselig. Wenn irgendwo ein größeres Unglück sich ereignet, das'die öffentliche Meinung erregt, die allgemeine Teilnahme oder Entrüstung oder auch allgemeines Entsetzen hervorruft, dann gibt es eine befriedigende Lösung der Spannung, doch nur dann, wenn es gelingt, die Katastrophe irgendwie den Juden in die Schuhe zu schieben. Wie den biederen Bauernjungen die ganze „Leich" nicht mehr fteute, weil er dazu nicht seine schöne rote Weste anziehen durfte, so macht auch dem publizistischen Kulturorgane Herrn Vergani's selbst das schönste Unglück keine rechte Freude, wenn es dabei das rote Tuch vermissen muß, das ihm sonst zu den mit Recht so geschätzten Erregungen verhilft. Die Zeiten sind schlecht. Es war doch eine ganz bedeutende Sensation, daß Baron Leitenberger, einer der größten Industriellen Oesterreichs, auf einer Lustfahrt im Automobil einen jähen und schrecklichen Tod fand, aber es hatte doch immerhin seine Schwierigketten, aus dem beklagenswerten und aufsehenerregenden Fall einen Rttualmord zu konstruieren. Der Verunglückte war zudem der Sohn eines Begründers und Ehrenpräsidenten des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus, — die Geschichte wäre also doch zu wenig glaubhaft gewesen. Wenn er nur selber Jude oder wenigstens Judenstämmling gewesen wäre, so hätte sich der Sache doch irgend eine interessante Seite abgewinnen lassen, aber so war rein nichts zu machen. Auch die Schiffskatastrophe in Amerika, bei der tausend Menschen ihr Leben einbüßten, bot keine rechte Handhabe. Das ist sehr bedauerlich. Denn so etwas begibt sich doch nicht täglich, und wenn man mit einem solchen Motiv hätte gegen die Juden hetzen können, so hätte das doch schon ausgegeben. Nicht mehr Anteil als an dem Tode Baron Leitenberger's oder an dem Untergang des amerikanischen Vergnügungsdampfers haben die Juden an dem russisch-japanischen Krieg, aber hier mußte doch ein Uebriges getan werden um jeden Preis. Das geht nicht an, daß man sich Wochen- und monatelang mit einem weltgeschichtlichen Ereignisse beschäftige, ohne auf die Juden zu schimpfen und ihm damit die einzig interessante Seite abzugewinnen. Nun sind also die Juden nicht nur schuld an dem Ausbruche des Krieges, sie geben auch, weil sie so kolossal schlau sind — das Geld her zu seiner Führung. Solche Kleinigkeiten haben die Juden niemals geniert. Was ganz selbstverständlich ist und nicht erst einer Erwähnung bedarf, ist, daß die Juden Tag für Tag Rußland verraten, sonst wären ja die russischen Niederlagen überhaupt nicht zu erklären. Das Alles nur deshalb, weil die Russen ein braves Volk sind, das gelegentliche „Kischenews" veranstaltet. Schwierig wäre die Sache erst dann geworden, wenn zufällig 'die Japaner sich auch durch einige größere Judenmassakres ausgezeichnet hätten. So aber war die Wahl nicht schwer. Bedenklich lange hatte es aber gedauert, bis in dem Sensationsfalle Hervay der richtige Standpunkt gefunden ward. Der arme Bezirkshauptmann ist das Opfer einer verschlagenen Frau und seines eigenen empfindlichen Standesgefühles geworden. Seinem tragischen Geschick wird von allen Seiten das ungeteilte Mitgefühl gewidmet. An sich ist aber dieses Unglück nicht zu verwerten, nicht zu ftuktifizieren, es muß, um für die Agitation fruchtbar verwendet werden zu können, erst auf dje Hphe parteimäßiger Hetze erhoben werden. Das geschieht am besten, wenn man die abenteuerliche Frau, die das Unheil angerichtet hat, zu einer Jüdin stempelt. Vielleicht war sie eine, obschon es noch durchaus keine ausgemachte Sache ist, daß ihr Vater, der berühmte Zauberkünstler Vellachini, wirklich ein Jude war. Immerhin könnte er es gewesen sein, ohne daß es unumgänglich notwendig gewesen wäre, für die etwaigen Hochstapeleien seiner Tochter das ganze Judentum verantwortlich zu machen. Das geschieht aber, und damit erst ist das Ganze in das richtige Fahrwasser gebracht. Es gehört zwar eine entsprechende Dosis von Verlogenheit dazu, aber das Kulturorgan Vergani's ist in der angenehmen Lage, sie aufzubringen. Ein Lügner muß eine gute Phantasie haben, und daran fehlt es auch hier nicht. Um nämlich all den Blödsinn halbwegs plausibel zu machen, muß den Lesern des „Deutschen Volksblatt" eingeredet werden, daß die Juden der hysterischen Hochstaplerin besondere Verehrung und Sympathie entgegenbringen. Das ist natürlich erlogen, und nicht der Schatten eines Beweises läßt sich dafür erbringen, aber als Prämisse für einen Leitartikel wider die Juden wirkt es ganz ausgezeichnet. Das fragwürdige Frauenzimmer, über dessen kriminelle und pathologische Qualifikation die Akten noch keineswegs geschlossen sind, wird einfach zu einer Art „Nationalheldin" des Judentums proklamiert, zu der es mit staunender Bewunderung emporblickt. Infam gelogen. Wie will Herr Vergani den Beweis für die alberne Behauptung antreten? Welche private oder öffentliche Meinungsäußerung kann er anführen, um durch sie eine Aeußerung zu belegen, die ebenso hirnrissig wie ruchlos ist? Es wird ihm nicht gelingen, einen solchen Beleg beizubringen. Das weiß er ganz gut, er weiß aber ebenso gut, daß er das gar nicht nötig hat. Für die antisemitischen Intelligenzen ist diese Methode gerade die richtige. „Wo wir hassen, da liebt der Jude, wo wir verabscheuen, da bewundert er." So schreibt Herr Vergani oder läßt er schreiben in seinem Blatte. Das' mag ja nun richtig sein, aber ich an Vergani's Stelle würde das doch nicht so rund heraus-