Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-08 · 28 (8.7.1904) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
28 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021576--13724-3038392
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 28 Dr. Mocb s Mocbenscbrirr. Seite 445 Person und seiner Gesinnung trotzdem niemals und von keiner Seite angetastet worden ist. Das verdient festgehalten zu werden, da, wo es sich um so erbitterte und zum Teil geradezu fanatische Kämpfe gehandelt hat. Den Anstoß zur Bewegung hatte er durch sein Buch „Der Judenstaat" gegeben. Ich hatte zuvor nie etwas vom Zionismus gehört, und da habe ich, dessen Leben selbst' dem Dienste des gedruckten Wortes gewidmet ist, zum erstenmale mit vollem Bewußtsein und aller Eindringlichkeit am eigenen Leibe die Wirkung des gedruckten Wortes erfahren. Ich las das Buch und bald darauf die Verhandlungsberichte des ersten Kongresses und damit war ich in einen völlig neuen Jdeenkreis eingetreten, war für die Sache gewonnen. Gleichwohl gedenke ich nicht, hier und jetzt, da der Grabhügel frisch aufgeworfen ist, als ein Rufer im Streite der Meinungen aufzutreten. Es seien lediglich in aller Kürze die Grundzüge der Herzlichen nationalen Politik angedeutet. Das Buch an sich ist eine literarische Merkwürdigkeit. Es ist in gewissem Sinne eine Entsagung. Es weist nichts auf von der wundervollen Grazie der Form, die sonst alle Schriften Herzlos auszeichnet. Mit puritanischer Absichtlichkeit ist da aller Glanz der Sprache vermieden und vermieden die sonst bestechende Schönheit des Ausdrucks. Man gewinnt sofort den Eindruck, daß er nicht glänzen und nicht bestechen, daß er überzeugen will und daß es ihm heiliger, blutiger Ernst ist um die Sache, die er vertritt. Herzl als Lehrer und Agitator beginnt als Pessimist und endet als Optimist, ohne daß aber diese Zwiespältigkeit seiner Lehre Eintrag täte. Er ist Pessimist in seinen Voraussetzungen. Die Lage der Inden ist in der ganzen Welt eine trostlose und sie kann keine bessere werden. Seit zweitausend Jahren tragen sie die Leiden der Diaspora. Bei allen Völkern sind sie verhaßt, werden sie mißhandelt, verfolgt, getreten, verachtet. Wo sie hinkomnien, rufen sie den Antisemitismus ins Leven. Das ist ein ehernes Gesetz, wie es das Lohngesetz ist. Es hat Völker gegeben, und es gibt deren noch, die den Juden nicht unfreundlich gesinnt sind. Wenn aber, dadurch angelockt, ihnen die Juden in größerer Zahl Zuströmen, dann tritt auch unfehlbar der Antisemitismus in die Erscheinung. Das ist so und daran ist nichts zu ändern, und es ist Torheit oder Selbstbetrug, da auf Besserung zu hoffen. Es gilt endlich, die Lehre zu ziehen aus der Geschichte zweier Jahrtausende. Zwei Mittel der Abhilfe bieten sich dar, das erste ist die Assimilation, Aufgebung des eigenen Volkstums und der eigenen altehrwürdigen Religion, Verkriechen, Untertauchen, Verschwinden. Das wäre ein Mittel, aber es hat keinen Zweck, sich damit zu beschäftigen. Es würde erstlich nicht gründlich helfen und zweitens - die Hauptsache! — die große Mehrheit der Juden will es nicht, sie will vielmehr ihr Volkstum und Religion bewahren. So weit der Pessimist, der alle Zuknnftshoffnung unter solchen Verhältnissen aufgegeben hat, und nun tritt sein Optimismus in die Erscheinung: Heil kann nur Zion bringen und wird es bringen. Es ist ergreifend, zu beobachten, welch' tiefgehende Bewegung diese Lehre unter der Judenschaft, so weit sie mühselig ist und beladen, hervorgerufen hat. Man hat vorwurfsvoll gefragt, ob es denn nicht sträflich sei, in den Herzen von Millionen unglücklicher Menschen solche Hoffnungen aufflammen zu lassen, die sich vielleicht niemals werden verwirklichen lassen. Herzl glaubte an die Verwirklichung und er hat eine ungeheure Summe von Arbeit verrichtet, um die Verwirklichung vorzubereiten und näher zu bringen. Und selbst wenn die Verwirklichung noch weit, weit ausständig, vielleicht sogar unmöglich wäre, darf man wohl die Gegenfrage stellen, ob es nicht doch gerade ein segensvolles Tun sei, in den Herzen der Menschen, denen das Leben nichts, aber auch gar nichts bietet als Not und unsägliches Leiden, wenigstens eine große und schöne Hoffnung entzündet und so ihrem gequälten Dasein einen idealen Inhalt gegeben zu haben. Nicht für die reichen Juden, die sich selbst zu helfen wüßten, sollte der Zionismus das Bekenntnis sein, sondern für die ungeheuere Mehrheit, die in Armut und Sorge andauernder und hoffnungsloser Verzweiflung preisgegeben ist. Denen wollte Theodor Herzl helfen und darüber brach sein Herz. * * * Vom Großherzog von Baden ist an die zionistische Parteileitung in Wien folgendes Telegramm gelangt: „St. Blasien, 5. Juli 1904. An das Aktionskomitee des zionistischen Kongresses in Wien i Mit aufrichtiger Teilnahme vernehme ich die schmerzliche Nachricht von dem Ableben Ihres Präsidenten, des Herrn Dr. H e r z l. Ich danke Ihnen für die Benachrichtigung und spreche Ihnen mein warmes Mitgefühl an Ihrer tiefen Trauer aus. Ich schätze mit Ihnen die hob e Bedeutung dieses Verlustes und bewahre dem Verstorbenen dankbares Angedenken. Friedrich Großherzog von Baden." * * * Dienstag ist das Testament Dr. H.rzl's eröffnet worden. Es enthält außer privaten vermögensrechtlichen Bestimmungen nur Verfügungen über das Leichenbegängnis, darunter den ausdrücklichen Wunsch, daß am Grabe keinerlei Reden gehalten werden. Eine weitere Bestimmung besagt: Ich wünsche, in der Gruft bei meinem Vater beigesetzt zu werden und dort zu liegen, bis das jüdische Volk meine Leiche nach Palästina überführt. Iiidifch-anlisenrilische Synrpofierr. Motto: „Selten habt Ihr mich verstanden, selten auch verstand icy Euch, nur wenn wir im Kot uns fanden, da verstanden wir uns gleich." Man muß das Citat aus Heine nicht wörtlich nehmen, man kann sich auch bei Hummernmayonnaife und Champagner finden und dabei doch eine gemeine Seele sein. Die Wiener Lokalchronik der letzten Tage und Wochen hat das bewiesen. Bei verschiedenen Festlichkeiten hat die Wiener antisemitische Gemeindeverwaltung auch jüd'sche Journalisten zu Tische geladen. Wir meinen damit nicht Journalisten, die das Judentum vertreten, sonderrr Leute, die leider noch Juden geblieben sind, obwohl sie nicht einen Funken jüdischen Bewußtseins ihr Eigen nennen. In der rührseligen Stimmung, welche die gediegenen Weinproben aus dem Wiener Rathauskeller auslösten, ist der antisemitische „Herr von Wien", der große Lueger, in überschwänglichen Worten gefeiert worden. Die edlen Seelen haben sich gefunden. Vergessen war der zwanzigjährige Kamps gegen antisemitische Rohheit und Niedertracht, vergessen war aller Schimpf und Unglimpf, den Dr. Lueger ein ganzes Menschenalter hindurch auf die sogenannte „Judenpresse" gehäuft, vergessen waren die Fußtritte, mit denen jüdische Journalisten im Rathause regaliert worden sind, vergessen war die Tatsache selbst, daß Dr. Karl Lueger auch jetzt noch nur bei üppigen Gelagen versöhnliche Phrasen drechselt, daß aber seine Taten noch immerfort seine Worte Lügen strafen. Während im Rathause die Becher schäumen und jüdische Journalisten mit jauchzendem ,,Evoe!" nicht nur die Hände des antisemitischen Diktators lecken,' werden dabei in den magistratischen Amtsräumen verdiente jüdische Beamte, die auf ein Leben treuer Pflichterfüllung zurückblicken, vor die Türe gesetzt, proklamiert Herr Lueger im Gemeinderate den Grundsatz; daß die verfassungsmäßige Gleichheit der Konfessionen für ihn nur papierene Geltung habe, wird eben jetzt der Plan erwogen, eine Schule zu sperren, weil nach dem Gesetze ein jüdischer Schulleiter für dieselbe bestellt werden müßte. Die Scham- und Charakterlosigkeit wird soweit getrieben, daß man sich ruhig den blutigen Hohn gefallen läßt, der in der Bestellung eines Bielohlawek zum Vertreter des Stadtrates bei Schriftsteller- und Journalistentagen liegt. Nicht einen Augenblick kam diesen Leuten zum Bewußtsein, wie tief sie sich, erniedrigen, wie sehr sie den leisesten Funken von Selbstachtung verleugnen, wenn sie sich von den derzeitigen Machthabern der Kommune Wien zu essen und zu trinken geben laffen. „Sage mir, mit wem Du umgehst, und ich sage Dir, wer Du bist."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.