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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-08 · 28 (8.7.1904) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
28 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 444 Dr. Mocb's Mocbenscbrm. Nr. 28 Ich hatte diesen Ausspruch, so trefflich er ist, nicht sür erschöpfend. Nicht der tausendjährige Groll, sondern das vieltausendjährige Leid ist es, welches im Judentum noch immer Propheten der ganzen Menschheit entstehen läßt. Im Herzen eines Juden steht geschrieben: Du sollst den Fremden nicht unterdrücken, denn Du selbst warst ein Fremdling im Lande Egypten. Das Leitmotiv aller humanitären und sozialen jüdischen Gesetze. Um diese Quelle der Begeisterung sür die ganze Menschheit nicht versiegen zu lassen, muß das Judentum erhalten werden; das ist nur dann möglich, wenn alle die Gebildeten, Energischen und Intelligenten es als ihre Pflicht a,flehen, auszuharren bei den Gedrückten, Armen und Verfolgten, nicht bloß in materieller, sondern auch in moralischer Hinsicht. Daß dieses Bedürfnis gefühlt wird und daß nur der einen wirklichen Einfluß auf die Volksmassen gewinnt, der diesem Bedürfniffe cntgegenkommt, zeigt die zionistische Bewegung. Man mag über ihre politischen Endziele denken, wie man will, das Eine ist sicher, daß der Zionismus mit dem Volke so spricht, wie dieses es versteht, daß er sich für die kleinen und großen Schmerzen des Volkes in viel höherem Maße interessiert als alle anderen Kreise und daß er für ihre moralische Hebung viel richtigere Mittel anwendet als andere. Gerade der Zionismus, wenn auch sein werbendes Auftreten an manchen Stellen als lärmendes mit Recht gerügt wird, beweist die unverwüstliche Kraft des jüdischen Volkes, die Kraft, welche nicht erst nach eineui Himmel nach dem Tode strebt, sondern danach, hier auf der Erde einer möglichst großen Zahl von Nebenmenschen das Erdenwallen zu einem schönen zu gestalten. Nichtig hat Goethe das Judentum in seinen fragmentarischen Elvigen Juden mit den Worten charatterisiert: Die Priester schrieen weit und breit ES ist. es kommt die letzte Zeit, Bekehr' dich sündiges Geschlecht! Der Jude sprach: mir ist nicht bang, Ich hör' vom jüngsten Tag so lang. Dr. Theodor Herzl f. A. Von B. G. Er lebte und starb sür sein Volk. Er hat nicht vergeblich gelebt und er ist zu früh gestorben, allzu früh für sein Werk, das sein Lebenswerk war. Ich war bei ihm am letzten Tage, den er in Wien verlebt hat. Er wußte noch nicht, daß es der letzte sein sollte, der vorläufig letzte vor Antritt des in Aussicht genommenen Urlaubs, und wir wußten Beide nicht, daß es überhaupt und definitiv der letzte sei. Frühsommer-Souuenschein lachte zu den hohen Fenstern der freundlichen und behaglichen Wohnung im Cottageviertel herein. Er leuchtete Einem, der schon gezeichnet war vom Tode. Unsichtbar gezeichnet, denn er schien noch immer in der Blüte männlicher Kraft zu stehen, und er war noch, da er tot ist, sei auch * das gesagt, ein Bild edler, männlicher Schönheit. Auch darin hatte ihn die Natur begnadet, die sonst ihre Gaben spärlich' verteilt, hier hatte sie sie gehäuft: das große Herz, den klaren Verstand, die vollendete körperliche Bildung. Ein wenig bleich war er und das dunkle Auge blickte schwermüüg. Er klagte nicht; er stellte resigniert fest, daß er am Ende seiner Kräfte sei. Er müsse ausruhen, um wieder arbettstüchtig zu werden, aber es sei eine aufgezwungene Ruhe, denn sein Herz hänge an der Arbeit und er dürfe noch nicht niederbrecheu. Die Vorarbeit zur Ruhe war eine außerordentliche. Berge von Manuskripten, Akten, Briefschaften türmten sich auf seinem Schreibtisch und harrten der Erledigung. Die Post, die ihm der Briefträger brachte, war eine erstaunlich große und sie charakterisierte den Mann. Wir sahen die Einläufe zusammen durch. Wohl ein Dutzend Briefe zeigte auf den Umschlag schon den Aufdruck „Verein Dr. Theodor Herzl". Und diese Briefe kamen aus Rußland, aus Südafrika, aus Nord- und Südamerika, aus Asien, aus weltentlegenen, kulturfernen Gegenden. Eine Ansichtskarte aus Transvaal war mit seinem Bildnis und mit seiner faksimilierten Unterschrift geschmückt Das Facsimilie war aber unecht, sein Name wies einen orthographischen Fehler auf Immerhin doch ein Beweis für seine Volkstümlichkeit und für das Bemühen der Industrie, dem Bedürfnis der allgemeinen Verehrung für das Haupt der zionistischen Bewegung in der Diaspora entgegenzukommen. Während wir von der großen Sache sprachen, der er sein Leben gewidmet hatte, hörte seine Gemahlin still zu, und es standen ihr die Tränen in den Augen. Und ich begriff: wenn die beste Lebenskraft eingesetzt wird für eine einzige große Sache, so kann es nur mit manchem Verzicht und manchem Opfer geschehen. Unsere Unterhaltung wurde durch eine ärztliche Konsultation unterbrochen. Ihr Ergebnis war der Beschluß sofortiger Abreise, und so trat Herzl seine Todesfahrt an. Die Reise ging über Frauzensbad, das nicht die erhoffte Linderung bot, ins Semmeringgebiet nach Edlach, wo das müde Herz zu schlagen aufhörte. „Mein Herz schlägt unregelmäßig!", hatte er mir mit trübem Lächeln bei unserem letzten Zusammensein gesagt. Ich hatte ihn verstanden Sein Herz schlug für sein Volk und dessen Sache bis zum letzten Augenblick, und wahrhaftig — dafür hat es niemals unregelmäßig geschlagen. In doppelter Eigenschaft ist Theodor Herzl in die Oeffentlichkeit getreten. Zunächst als Journalist und Schriftsteller, und sein Name und sein Gedächtniß würde in Ehren aufbewahrt worden sein, auch wenn er nicht die andere, große und historische Mission auf sich genommen hätte. Robert Hamerling war es. der den Satz aufgestellt hat, daß die beste deutsche Sprache und der feinste Styl, die in unseren Tagen überhaupt produziert würden, in den Feuilletonspalten unserer Zeitungen zu suchen sei. Zu den führenden Geistern des deutschen Feuilletons zählte Theodor Herzl. Er führte eine feine und vornehme Klinge. Er war vom Wirbel bis zur Sohle Aristokrat, Aristokrat des Geistes und des Herzens. Niemals ist seiner Feder eine unfeine Wendung entschlüpft und niemals ein unedler Gedanke. Ein vornehmer Gedanke hielt da immer die Hochwacht, und das ist umso höher anzuschlagen, als er ein eminent witziger Kopf war. Er wußte aber seinen Witz zu zügeln. Niemals gestattete er ihm freien Spielraum auf Kosten des guten Geschmackes oder der Redlichkeit. Seinem literarischen Charakter nach war Herzl Satyriker, und man tut Unrecht, wenn man ihn, wie das vielfach geschehen ist, als Humoristen anspricht. Witz ist noch nicht Humor und auch Satyre ist es nicht. Seine Muse lächelt nicht durch Tränen. Nicht im Gemüte spiegelt sich bei ihm die Torheit der Menschen, sondern in dem des kritischen Verstandes, und es ist ein vornehmes, aber auch ein bitteres Lächeln, mit dem er diese Spiegelungen verfolgt. Und wenn er gelegentlich, wie in seinen Darstellungen aus dem Kinderlieben, die Gefühlssaite anklingen läßt, dann steht er nicht auch auf seiner vollen Höhe. Da spielt auch ein Teil Empfindsamkeit mit herein, die einen reinen Eindruck nicht aufkommen läßt. Das macht, daß Herzl, literarisch genommen, eine kühle Natur, von kühler Vornehmheit war. Er hat niemals über die Stränge geschlagen und er wird seine Geltung behaupten als ein Klassiker des deutschen Styls. Er hat die Sprache gemeißelt wie ein berufener Künstler den leuchtenden Marmor, und was aus seiner geistigen Werkstätte hervorging, war ziseliert bis auf den allerl.tzten Schliff. Eine historische Persönlichkeit ist Theodor Herzl geworden als Schöpfer und Führer der modernen zionistischen Organisation. Sagen wir es gleich vorweg, er hat zahlreiche und leidenschaftliche Gegnerschaften gefunden, aber stellen wir gleichzeitig auch fest, daß die Uütadelhaftigkeit seiner

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