Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-08 · 28 (8.7.1904) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
28 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021576--13722-3038390
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. L8 Dr. Dlocd's MocvenscdrM. SeUr 413 wie er sich an den jüdischen Kaufherrn wenden mußte, wenn er orientalischen Brokat oder Gewürze beziehen wollte oder wenn er Geld an's heilige Grab nach Jerusalem schicken wollte. Und häufig genug war Handelsherr und Gelehrter in einer Person vereinigt. Der jüdische Reisende Benjamin von Tudela schildert uns den blühenden Zustand der jüdischen Gemeinden in Indien, Marokko und Bochara, von denen heute nur ärmliche Reste übrig geblieben sind. Zu einer Zeit, wo in Deutschland der Bauersmann an die Scholle gebunden, der Adelige roh und unwissend, der Bürger kleinlich war und voll des lächerlichen Aberglaubens steckte, repräsentierte der Jude in Europa den Typus des gebildeten Menschen, dessen, der die gesamte bekannte Welt mit seinen Interessen umfaßte. Was Wunder, daß er sich über den Arierhoch erhaben dünkte; was Wunder, daß das an Zahl kleine, an sichtbarer Macht unbedeutende zerstreute Judentum sich einerbesonderen Erwählung Gottes zu erfreuen glaubte. Nicht aus der Bibel stammt die Idee eines absoluten A u s e r w äh l t s e i n s, wie sie bis ins Mittelalter hinein herrschte, sondern aus diesen tatsächlichen Verhältnissen. Erst als auf den Wegen der Juden die Venetianer und andere italienische Handelsherren zu gehen begannen, trat der Einfluß des Judentruns zurück. Eine solche Exklusivität, wie die Juden sie in der damals bekannten Welt übten, war übrigens nicht ihre Eigenschaft allein. Die deutsche Hansa, welche mit Beginn des 12. Jahrhunderts, als die Kultur in Deutschland auszugehen begann und es im slavischen Osten noch nicht einmal dämmerte, ihre Handelsfaktoreien in russischen und polnischen Ebenen und an den Gestaden des baltischen Meeres errichtete, hatte ein förmliches System der Abschließung der Hanseaten in den Niederlassungen, um ja den Handel nicht an andere übergehen zu lassen. Der religiöse Fanatismus, der erst später in Westeuropa gegen die Juden sich entfesselte, war vielleicht für die großen Massen ehrlich, obzwar auch da vielfach Raublust zu gründe lag, für die leitenden aber war er nur Vorwand, um die wirtschaftliche Stellung der Juden, eine Folge ihrer höheren Intelligenz, durch die Judenverfolgungen zu ruinieren. Und nur deshalb wurden sie abgehalten von allen Stellen, wo man höhere Bildung, wo man Einfluß und Beziehungen, wo man Gewerbe und Industrie erlernen konnte. Auf den erniedrigenden Kleinhandel, auf das erniedrigende Zinsnehmen wurden sie zurückgedrängt, und so trat nach Jahrhunderten jener Zustand ein, den Mendelssohn antras nach den verheerenden, von einem schweren Tiefstand der Bildung zeugenden, aber doch das Streben nach idealer Betätigung beweisenden Ereignissen, wie sie die sabbathaische Bewegung über die ganze Judenheit ausbreitete. Auch anderswo sehen wir Aehnliches. Das ist wohl die Zeit des tiefsten Standes der Kultur der Juden. Ich möchte sie vergleichen mit den sich wiederholenden Epochen des Altertums, in welchen es schien, als sei auch das Judentum dem Fetischismus verfallen. Wie bekannt, spielten in dieser Zeit die abstrusen Auslegungen der Kabbalah, die Amulette und sonstiger Fetischdienst eine große Rolle. Und so wird es verständlich, daß kurz vorher noch Spinoza, der selbst in einem Briefe an einen ehemaligen Schüler, der ihn zum Katholizismus bekehren wollte, die Freiheit und edle Einfachheit der jüdischen Lehre pries, dennoch sich dem damaligen Judentum gegenüber ablehnend verhielt. Das Judentum hat diese traurige Epoche überstanden. Es ist kein Hindernis mehr vorhanden, daß die Juden wieder die Funktion der Minorität erfüllen, an der sie solange gehindert waren. Nur e i n Hindernis, allerdings ein großes, bilden sie selbst. Von den Juden, welche durch ihre Bildung oder soziale Stellung aufgestiegen sind, betrachtet ein jeder sich als Selbstzweck. Die schrankenlose Betätigung seiner eigenen Meinung und Idee, ohne Rücksicht auf den Zusammenhalt mit anderen, betrachtet er als Endzweck seines Lebens. Im Gegensatz zu den Gebildeten der anderen Völker, welche von ihrer Höhe herabsteigen zu jenen, die noch nicht soweit gekommen sind, die nicht über Nacht zu ihrer Höhe emporklimmen können, halten sich die gebildeten Juden ferne von ihren sozial lieferstehenden Glaubens¬ und Stammesgenossen. Gewöhnlich glauben sie ihrer Pflicht genüge getan zu haben, wenn sie Wohltätigkeit an ihren Glaubensgenossen üben, sonst aber ihnen im Denken und Fühlen ferne bleiben. Und doch muß die Frage, ob es einen kulturhistorischen Sinn hat, eine solche Minorität, wie es das Judentum ist, zu erhalten, entschieden bejaht werden. Nicht im Interesse dieser Minorität selbst, die ja dadurch nur tausendjährige Leiden verlängert. Denn von den Juden müssen die Worte Max Piccolomini's gelten : „Wer mir folgt, der sei bereit, zu sterben": sondern im Interesse der Menschheit und des menschlichen Fortschrittes. Ob jemand bei der Minorität ausharren will, ist seine persönliche Sache, ethisch zu rechtfertigen ist der Abfall in keinem Falle, und man verschone uns mit übelangebrachten Versuchen, das, was man aus persönlichen Rücksichten tut, aus solchen für die Menschheit rechtfertigen zu wollen. Die Millionen der Juden im fernen Osten und Westen bejahen ihren Willen zum Leben trotz Drangsal und Verfolgung, und es wäre Feigheit, sie deshalb m verlassen, weil man in gewissen religiösen Fragen anders denkt als sie. Sind sie zurückgeblieben, so muß man sie vorwärts führen, und im Grunde genommen, ist ihr Glaube mit allen Schlacken doch nur der Glaube an die Einheit in der Natur, und wenn sich Fetischismus beigemischt hat, so müssen die Fortgeschrittenen alle Bedingungen schaffen, um dieses zu entfernen. Denn die Funktion des Judentums ist der Kampf gegen den Fetischismus, ist der Kampf für die Solidarität des Menschengeschlechtes, wie es in den Prophezeiungen des Jesaias heißt: Die Erde wird voll von der Erkenntnis, wie die Tiefen von den Wässern. In einem Vortrage sagte ein geistreicher Mann, die Juden opferten sich, ihre Lebensfreude, ihre Genüsse für ein Nichts, etwa so, wie jener berühmte Heine'sche Matrose, der, als er im Lebensüberdruß ins Wasser sprang, es mit den Worten tat, er sterbe für den großen Admiral Jackson. Wie die meisten Gleichnisse, trifft auch dieses nicht zu. Der Matrose war lebensüberdrüssig und wollte sich noch einen schönen Abgang machen, indem er sich hinter dem Namen eines großen Mannes verschanzte. Die Juden find aber gar nicht lebensüberdrüssig. Wenn wir hören, wie das jüdische Proletariat in Rußland einen heldenmütigen Kampf kämpft, wie es die Marseillaise in hebräischer Sprache ertönen läßt, wie es der Fackel- und Bannerträger der russischen Arbeiterschaft überhaupt ist, dann sehen wir was die Erhaltung des Judentums — ich spreche ausdrücklich von der Konfession — wert ist. Ich möchte nicht schließen, ohne einen Ausspruch des bekannten Berner Sozialphilosophen Stein anzuführen: „Marx und Lassalle waren beide israelitischer Herkunft. Nicht umsonst strömen Israeliten, die nur Unverstand schlechthin mit Kapitalisten identifiziert, scharenweise dem Sozialismus zu, trotzdem oder vielmehr weil dieser der ergrimmte Feind des Kapitals ist. Die edler veranlagten Israeliten können es der Gesellschaft nicht vergessen, daß sie ihre Vorfahren bis vor einem halben Jahrhundert durch Ausschluß von aller produktiven Arbeit dazu verdammt hat, Kapitalisten werden zu müssen. Sie waren das lebendige erschreckende Beispiel eines gespensterhaft durch die » Jahrhunderte dahinwandelnden, äußerlich vielleicht zuweilen mit Brillanten behängten, aber seiner gesellschaftlichen Stellung nach jammervollen Rassenproletariats. Das Rassenproletariat ist jedoch schlimmer als das ökonomische, denn die ökonomische Schranke ist zu durchbrechen, die der Rasse aber nicht. In der Brust eines Marx und eines Lassalle macht sich der verhaltene titanenhafte Groll zweier Jahrtausende in vulkanischen Erschütterungen Luft. Aus jeder Zeile, die Marx schrieb, aus jedem Wort, das Lassalle sprach, blickt das konzentrierte Elend von Jahrhunderten hervor. Nur sie, die stolzen Abkömmlinge eines Stammes, derben ihm von der Gesellschaft gereichten Wermutsbecher von Leiden, Zurücksetzungen, Aechtungen und Ungemach bis auf die Neige ausgekostet hatte, waren dazu geschaffen, die Befreier des von der kapitalistischen Gesellschaft niedergehaltenen Weltproletariats zu werden."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.