Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 28 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 442 Dr. Wlocb's TKHocbenscbritt. 'Nr. 2Ü der Parsis durch ihre Keuschheit aus. Mädchen schlechten Lebenswandels kommen bei ihnen nie vor. Heiraten ist ihnen zur Pflicht gemacht. Monogamie ist bei ihnen Regel. Sie haben viele Schulen gegründet und stets der Erziehung und Bildung die größte Aufmerksamkeit gewidmet. Fast jeder Parst spricht englisch. Noch am Anfänge dieses Jahrhunderts war der Parst im Handel von den Europäern in einer gewissen Abhängigkeit, heute ist er seinesgleichen. Sie zeichnen sich ferner durch große Wohltätigkeit und durch ihre Treue gegen England aus. Einige von ihnen sind bereits in den englischen Adelsstand erhoben, einer von ihnen, Sir Diusha Manakji, wurde im Jahre 1860 englischer Baronet. Das Gebiet, auf welchem sie zerstreut sind, ist ein sehrausgedehntes; man findet ihre Handelshäuser nicht nur im ganzen indischen Reich, sondern auch in Südarabien, namentlich in Aden, in Ceylon, Singapore, der Mozambiqueküste, in Zanzibar, Madagaskar, seit 1853 auch in China, Conton, Macao, Hongkong, sogar in Australien." Daß auch sie unter Handelseisersucht zu leiden hatten, erhellt aus einem Werke von Mandelslo, der sie am Ende des 17. Jahrhunderts kennen lernte und unter Anderem Folgendes über sie schreibt: „Es fehlt ihnen Offenherzigkeit und Ehrlichkeit, man muß daher sehr acht geben, wenn man mit ihnen geschäftlich zu tun hat; es gibt kaum eine Ware, die sic nicht verschlechtern, und sic versuchen, bei jedem Geschäft den Gegner zu überlisten. Dies wissen die Engländer und Holländer aus Erfahrung, daher bedienen sie sich solcher Leute, um durch dieselben die Kniffe ihrer Stammesgenossen zu entdecken. Es gibt kein Geschäft, in das sie sich nicht hineinmischen, und keine Ware, mit der sie nicht Handel treiben." Sie waren die ersten, welche in Indien die Brantweinbrennerei eingeführt haben. Seit Mandelslo's Reise sind mehr als zwei Jahrhunderte vergangen. Dank der englischen Freiheit, der Bildung, dem Studium und der Arbeit sind sie aus einem kleinen, ungebildeten, im ganzen indischen Reich zerstreuten, verachteten Völkchen auf den hohen Stand der Kultur emporgestiegeu, auf welchem sie sich heute befinden. Sie sind die ehrlichsten Kausleute in Indien geworden, offenbar, weil sie in Folge der Bildung eingesehen haben, daß auch im Handel Ehrlichkeit und Treue einen Geschäftsmann besser vorwärts bringen, als Unehrlichkeit, weil der Kaufmann häufig des Kredites bedarf, welcher dem Ehrlichen viel leichter bewilligt wird, als dem Unehrlichen. Wie die Juden, haben die Parsis ihre heiligen Schriften, die Zendavesta und den Vendidad, die in der Zendsprache geschrieben sind und nur von sehrwenigen Parsis verstanden werden; ihre Sitten und Gebräuche bei Geburten, Hochzeiten, Todesfällen, Begräbnissen u. s. w. haben sie treu bewahrt und sind nie in die anderen Völker Indiens aufgegangen." Aus dieser Darstellung ist zu entnehmen, wie außerordentlich groß die Aehnlichkeit zwischen diesen beiden Völkern, den Juden und den Parsis, ist. „Sehr viele der hier angeführten Details aus der Geschichte der Parsis haben ihr Gegenstück in der Geschichte der Juden. Ja, es ist sogar physisch zwischen ihnen eine ausfallende Aehnlichkeit. Wie man in einigen Teilen Europas — Polen, Ungarn, Galizien, namentlich in kleinen Dörfern am Land, fast in Allem und Jedem auf den Dorfjuden angewiesen ist, geradeso ist es in Indien und teilweise in Südarabien mit Bezug auf die Parsis der Fall. Der Parsi ist dort, was bei uns der Jude ist, er hat ein kleines Wirtshaus mit Zimmern und verkauft dem reisenden Europäer Alles, was dieser benötigt, wie ich dies aus Erfahrung lveiß und auf meinen Reisen in Indien wiederholt zu beobachten Gelegenheit hatte. Auch sie sind fast in der ganzen Welt zerstreut, ohne Land, das ihnen weggenommen wurde. Wie die Juden, hatten auch die Parsis von ihren Eroberern namenlos zu leiden, wie die Juden hingen sie stets treu am angestammten Glauben, wie jene die Sprachen der Völker, unter denen sie wohnten, annahmen (Spanisch, Deutsch), so die Parsis Guzerati. Wie die Juden ihre Rabbiner, so hatten die Parsis ihren Panchayet. Wie jene, so zeichnen sie sich aus durch Wohltätigkeit und Bildungsdrang und erwarten Alles vom Fortschritt und der Zivilisation, der sie, wie auch jene, ihre Gleichstellung verdanken. Wie bei jenen, fällt der Begriff ihrer Nationalität mit den: ihrer Religion genau zusammen." Aber bei aller Aehnlichkeit der Schicksale beschränkt sich die Rolle der Parsis bloß auf die vorderasiatischen Länder und ist beiweitem nicht so universell über den ganzen Erdball verbreitet wie die der Juden und ihre r e l i g i ö s c n L e h rcn sind durchaus nicht von dem weittragenden Einfluß auf die Denkarbeit aller übrigen, sie i m G r u n d e hassenden Völker, wie die religiösen Ideen der Juden. Der Grund hiefür liegt darin, daß die Grundideen des Judentums sich mit jedem Humanitären und wissenschaftlichen Fortschritt decken, daß sie ihm Vorarbeiten und seine Bekenner, auch wenn sie von dem positiven Glauben nichts wissen, für den Fortschritt fähig und geeignet machen. Und dies kommt daher, daß in der denkwürdigsten und wichtigsten Epoche, welche die Menschheit durchgemacht hat, am Ausgang aus dem klassischen Altertum, die jüdischen Ideen mit dem Fortschritt, wie ihn die griechische Philosophie darstellte, sich vermählend, die theoretischen und ethischen religiösen Ideen der heutigen Kulturmenschheit erzeugten, da diese an Reinheit aber lange nicht erreicht und praktisch nur zum geringen Teile ausgeführt sind. Wenn auch Konstantin der Große, die christliche Lehre zur offiziellen Staatsreligion erhob,- so war sein und seiner Nachfolger Christentum doch nur ein maskiertes Heidentum. Die eigentlichen Träger d e r R e l i g i o n d e r Liebe waren doch nur die Juden. Sie waren aber lange Zeit auch die einzigen Träger der griechischen Bildung. Schon zur Zeit des römischen Kaiserreiches waren jüdische Kolonien in Spanien, in Südfrankreich, am Rhein und in den römischen Provinzen Nordafrikas, dem heutigen Marokko, Tunis, Tripolis und Egypten. Als zur Zeit des Königs Cyrus ein großer Teil der in Babylon angesiedelten Juden nach Palästina zurückkehrte, blieb noch ein beträchtlicher daselbst zurück, da sie dort bei vollständiger religiöser Freiheit auch eine vollständige bürgerliche Gleichberechtigung hatten. Aber nicht bloß das, sie hatten auch eine vollständige, religiöse und nationale Autonomie unter einem Oberhaupte, welches Nosch-Gelutha, Exilarch, hieß. Dort erreichte das geistige Leben der Juden die höchste Blüte; dort waren die Schulen von Sura, Pumbedita und Nehardea. An der von Harun al Raschid gegründeten Hochschule für Medizin in Bagdad wirkten jüdische Hochschullehrer und bezeichnend ist, daß die medizinischen Bücher des im 11. Jahrhundert verstorbenen Jsak e l Israeli, genannt Jsak I u d a e u s, bis ins 17. Jahrhundert an den europäischen Hochschulen gelehrt wurden. Nachdem das finstere byzantinische Christentum die Lehren der heidnischen Philosophen verlassen hatte, waren die Juden die einzigen, welche sie in lateinischen und hebräischen Uebersetzungen den Europäern vermittelten. Als ganz Vorderasien in die Hände der Araber fiel, waren sie die einzigen Vertreterwestlicher Kultur. Von den Gestaden des Euphrat und Tigris zogen sich geistige und wirtschaftliche Beziehungen zu den Juden, nach Indien, nach Bochara und selbst nach China, wohin Juden aus Bochara gezogen waren, und südlich nach dem Jemen an der arabischen Ostküste, von hier nach Abessynien, wo ein jüdischer Staat gegründet worden war, aber auch weit nach Westen hin, nach Amalfi am Golf von Neapel, das damals die erste Handelsstadt Italiens war, nach Narbonne in Südfrankreich, nach Granada und Sevilla in Spanien, nach Trier am Rhein. Ein Gutachten, das der Rabbi von Bagdad erteilte, ward an den Ufern des Rheins ebenso bekannt, wie auf den Küsten Marokkos oder an denen des arabischen Meerbusens. Zu einer Zeit, wo ganz Deutschland von einem Kaiserbeherrscht wurde, der erst in seinem Mannesalter schreiben lernte, wurde die jüdische Jugend bereits literarisch gebildet und sprach außer der Landessprache gewöhnlich auch hebräisch und arabisch. Und wenn ein gelehrter Mönch in Deutschland, Spanien oder Italien etwas über Aristoteles, Hipokrates oder Galen schreiben wollte, mußte er sich ebensoan den jüdischen Gelehrten wenden,