Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 438 Dr. Dlocb's MocbenscvrM. Sir. 27 „Er betet nicht - wie weißt Du, wo er und wie er mit seinem Gölte sich verständiget? rachmono libo boü. (Gott bedarf des Herzens nur). „Er hält den Sabbat nicht — der Mensch ist nicht da um des Sabbats willen, sondern der Sabbat um des Menschen willen" (Mechilta II. B. M. 31). *) Gewinn und Verlust ist der seine, Dir ist er dafür nicht verantwortlich." „Er ißt und trinkt, was im Gesetze verboten ist — ist denn das Essen und Trinken der ganze Glaube, die ganze Seligkeit, daß Du ihn deshalb aus Deinem Herzen verstoßest, und meinest nun, es werde ihn Gott eben so unbarmherzig auch aus seinem Reiche verstoßen?" Der milde Greis blickte mich mit seinen Glutaugen an und sprach so sanft und weich: „Lieber junger Freund! Seien Sie auch nicht voreilig im Urteil! Sic müssen bedenken, in welcher Zeit ich diese Reden gehalten habe. Als ich herkam, da war auf der einen Seite r c l i g i ö s e r N i h i l i s m u s, auf der anderen Seite äußere Werkheiligkeit ohne innern ethischen Gehalt, — andachtsloser Lippendienst und zelotischer Eifer; — da warfen sie herum mit dem Worte Jisroel" (Abtrünniger Israels) und haben den Besten des Volkes jedes religiöse Empfinden abgesprochen. Dagegen mußte ich mein Wort erheben. Jedes Wort zu seiner Zeit! Sehen Sie, es wäre ein Unsinn, wenn ich hier in Wien, wo man wohltätig bis zur Verschwendung ist, über Geiz und Engherzigkeit sprechen würde, ebenso iui’utt Sie in Ko morn gegen Verschwendung eifern würden. Heute würde ich diese Reden nicht halten." Er ging dann sofort auf den Zweck meiner Reise über und bemerkte: „Ich mache Sie aufmerksam, daß Sie zur Audienz sehr gut sich vorbereiten sollen, denn es kommt oft vor, daß der geübteste Redner, wenn er als Sprecher einer Deputation vor den Kaiser tritt, die Geistesgegenwart verliert und die Sprache ihm versagt". Am 15. Oktober gingen wir zur Audienz. Auf der Treppe begegneten wir den Grafen Palffy, den Statthalter Ungarns, der dort schon seinen Kalpak abnahm. Da ergriff ein Zittern die martialische Gestalt des Vorstehers. „Wenn der Statthalter von Ungarn schon auf der Treppe das Haupt entblößt, wie wird's erst oben sein." Der große Vorsaal war gefüllt. Denn der Kaiser hatte seit zwei Monaten keine Audienzen erteilt und die höchsten Würdenträger des Staates waren gekommen, um vor den Landesherrn zu treten. Aber alle, selbst der greise Feldmarschall Heß, kamen sie bleich und bewegt heraus; das ist die a’masz hamalchus, die Ehrfurcht vor dem König, von der die Alten sprechen. Endlich kam die Reihe an uns. Ich hielt namens der Deputation die Ansprache, in welcher ich in gedrängter Kürze ein treues Bild unserer trostlosen Lage entwarf. Nachdem ich unsere Bitte vorgebracht hatte, erwiderte der Monarch: „Ich werde mir darüber Bericht erstatten lassen." Das war das Zeichen, daß die Audienz zu Ende sei. Tags darauf wurden wir vom Hoftanzler Anton Grafen von ForgLch empfangen. Sprecher war v. L u d a s y, der eine ungarische Rede hielt, von der wir alle nur sehr wenig verstanden haben. Das merkte der Hoftanzler und er antwortete in deutscher Sprache: „Ich werde Ihre Bitte, die dieser würdige Sohn Ihrer Stadt so beredt mir vorgetragen, so weit es an mir liegt, erfüllen." „Exzellenz!" bemerkte ich, „hier ist Gefahr im Verzüge, die Exekution steht vor der Türe." „Jnsolange Se. Majestät nicht geruhen, das Gesuch an mich herablangen zu lassen, kann ich nichts verfügen; übrigens ist ja morgen Samstag, da wird man Sie ja in Ruhe lassen." *) Die Stelle der Mechilta sowie die mit derselben kongruierende Talmudstelle (Joiua 85, d.) bezieht sich allerdings nur auf den Fall der Todesgefahr, wo der Sabbat in unsere Hand gegeben und die Verletzung des Sabbats nicht nur erlaubt sondern geboten ist. „Exzellenz, die Steuerbehörde,hält den S a b b a t h nicht." „Nun, dann schreiben Sie ein Gesuch an mich, ich stelle Ihnen meine Kanzlei zur Verfügung." Ich schrieb das Gesuch, und noch am selben Tage wurde die Exekution telegraphisch s i stiert. Samstag am 17. ging ich zur „Mannheimer- F e i e r". Das war eine dieses Veteranen des Gotteswortes würdige Feier. Ich hörte die beiden Meister Mannheimer und I e l l i n e k nach einander, beide groß und doch so verschieden von einander. Mannheimer's Rede floß wie eine sprudelnde Quelle, ein Labsal für die durstende Seele, ein Quell, „dessen Wasser nie versiegen". Er sprach wie ein Prophet und auch seine Sprache war eine biblische; es schien, als würde jedes Wort unmittelbar ihm aus den Herzen fließen und wirkte darum auch so mächtig auf das G e m ü t. I e l l i n e k' s Rede war ein vollendetes Kunstwerk, ein goldener Leuchter, fein ciseliert und ausgearbeitet, „das Ganze ein getriebenes Stück aus reinem Golde". Seine Sprache war klassisch, sein Vortrag künstlerisch vollendet, jeder Tonfall bemessen, jede Pause vorher bestimmt, jede Bewegung der Hand erwogen, jede Pose berechnet. Zuerst sprach Jellinek die Festrede über die Helden Israels, ihre Kämpfe, ihre Gegner und ihre Waffen; als solchen Helden feierte er Mannheimer. Der Jubilar antwortete hierauf nicht von der Kanzel herab, sondern auf der Estrade stehend, in freier Rede. In seiner Bescheidenheit lehnte er alles gespendete Lob ab, in höchst geistreicher Weise den Schriftvers anlvendend: Adonay jitton omer — liamwaszrosz zowo roiv. jrp 'HK m 822 rmrc-sn (Ps. 68, 12). „Gott ist es, der die Sprache, die Macht des Wortes gibt, und da verkündet man von mir, als hätte ich große Schlachten geschlagen, und preist man mich als Helden!" — Dann ergriff er den übergroßen Kelch, ein Ehrengeschenk der Gemeinde, dessen früheren Inhalt, tausende von Dukaten, er einer Mannheimer-Stiftung für Rabbiner- und Lehrerwitwen gewidmet hatte, und mit dem Becher in der Hand, setzte er auseinander, was ihm dieser Becher sei; ein koss jeschuos (Ps. 116, 13) Kelch des Heils, ein koss tanchumim (Jer. 16, 7) ein Kelch des Trostes, ein koss rewujuh (Ps. 23, 5) ein Kelch der Fülle. Jedes Auge hing an den Lippen dieses greisen Rednerfürsten und jedes Herz war tief bewegt. Das war eine Feier, würdig der Wiener Kultusgemeinde und würdig des Mannes, dem sie gegolten. Tags darauf traf ich mit Dr. Jellinek bei einem Buchhändler zusammen und ich sprach ihm meine Bewunderung über die gestrige Predigt aus. Er wehrte ab mit den Worten: „Ueber eine gehaltene Predigt rede ich nicht mehr. Bei Ihnen in der Provinz, wenn Sie vormittags predigen, kommt nachmittags die halbe Gemeinde und da wird die Predigt besprochen, belobt, jeder Teil hervorgehoben, auch kritisiert, und Sie müssen wieder den ganzen Nachmittag sprechen; der Kehlkopf aber ist nicht von Eisen. Ich habe den Grundsatz: vabbor ei dne lli88roe1, bs sprich z u den Kindern Israels, w e j i s s u li*) dann aber sollen sie abziehen, dann sollen sie mich in Ruhe lassen." Trotz diesem köstlichen Witz aber konnte er sich nicht die Bemerkung versagen: „Sehen Sie, alle Welt hatte erwartet, daß ich die Festrede auf N o 6 Mannheimer mit dem ersten Satze des Wochenabschnittes: „Eie toldaus Noach, das ist die Lebensgeschichte Noes, beginnen werde; aber was alle Welt erwartet, das sage ich nicht." Ich erwiderte darauf folgendes: »Jüngst sagte mir ein Gemeindemitglied in Komorn: „Sie, Herr Rabbiner, sind ein glücklicher Mensch; so oft Sie predigen, geht immer gerade die Sidra, die Sie brauchen." Auch Sie Herr Doktor, sind ein solch glücklicher Mensch und Sie machen keinen Gebrauch von Ihrem Glücke." Jellinek lächelte wohlgefällig und ich empfahl mich. (Fortsetzung folgt.)