Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-01 · 27 (1.7.1904) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
27 (1.7.1904)
Date
1904-07-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021575--13698-3038382
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

«r. L7 Dr. Blocb s MocbenscdriN. Sette 437 Warum wollen Sie nicht? Seit dreißig Jahren gebe ich dem Rabbi Geld in die Hand und er griff mit beiden Händen zu, und S i e nicht einmal mit der einen? „Nun, ich werde Ihnen etwas erzählen. Einmal waren zwei Bochrim intime Freunde, die Jahre lang beisammen wohnten. Sie reisten dann jeder in seine Heimat, heirateten und sie wußten dann einer vom andern nichts mehr. Der eine war ein reicher Kaufmann geworden und machte eine Geschäftsreise nach Galizien. In einer Stadt angekommen, hörte er, daß dort ein Wunderrabbi seinen Sitz aüfgeschlagen, und er war neugierig, ihn kennen zu lernen. Er ging hin und mußte lange warten, bis all diejenigen, die ihr „P i d j o n" (das Lösegeld ihrer Person) gebracht hatten, abgefertigt waren. Endlich kam auch an ihn die Reihe, und siehe da, es war sein Jugendfreund. Nach gegenseitiger warmer Begrüßung fragte der Kaufmann: „Sage mir einmal, Schmule, wieso bist Du ein „Rebbe" geworden? Was braucht man dazu?" „Was inan dazu braucht?" „Ich werde es dir sagen, Chajim, — nichts anderes als die Kunst muß man kennen, Geld zu n e h m e n u 11 b d ab e i nicht zu lachen. Denn, muß man die Leute nicht auslachen, die da scharenweise kommen und mir für nichts und wieder nichts so viel Geld geben? D a b e i a b e r e r n st zu bleiben — das ist die Kunst!" Nun, sehen Sie. der Rabbiner ist schon dreißig Jahre im Amte und v e r st e h t schon die Kunst; ich aber habe diese Kunst noch nicht erlernt, — e s i st heute das erste Mal — wenn Sie mir das i n's H a u s s ch i ck e n, so lache ich Sie zu Hause aus, und Sie sehen es nicht, — wenn Sie mir aber persönlich Geld in die Hand geben, so kann es geschehen, d a ß ich Ihnen ins Gesicht lache, — wozu soll Ihnen das?" Nun lachte er und schickte mir das Geld ins Haus mit der Bitte, ja nicht zu lachen. So floß mein Leben angenehm und ruhig fort. Mit dem Rabbi lebte ich im besten ungetrübten Einvernehmen; ich ehrte ihn und bemühte mich, ihn auch zu Ehren zu bringen. Wenn ich zu einem Hochzeitsmahle geholt wurde, da setzte ich mich nicht früher zu Tische, bis man nicht nachträglich, auf mein eindringliches Verlangen, auch um den Rabbiner einen Wagen schickte und ich ließ warten, bis er kam. Ich hielt mir stets vor Augen, daß der Mann eine talmudische Größe und daß seine Verbitterung über manche Zurücksetzung eine vollauf berechtigte und natürliche sei. Ich dachte stets an jene Stelle des Midrasch, in der eine wunderbare Kenntnis des menschlichen Herzens sich kundgibt. „Als Gott", sagt der Midrasch (rabda V. B. M. 9), „über Moses den Tod verhängt und Josua an dessen Stelle zu setzen bestimmt hatte, bat Moses: „Herr der We t! möge Josua mein Amt übernehmen, und lass' mich neben ihm leben! Alles, nur den Tod nicht!" „Wohl, es sei", sagte Gott, „tue so, wie Josua d i r getan hat." Am anderen Morgen ging Moses in das Haus Josua's. Verwundert rief dieser: „Wie, mein Meister und Lehrer Moses kommt zu mir!" Sie gingen aus dem Hause und Moses ging zur Linken Josua's. Josua trat in's Stistzelt und Moses wollte ihm folgen, — da senkte sich eine Wolke nieder uitb wehrte Moses den Eingang. Als Josua herauskam, fragte ihn Moses: „Was hat dir Gott gesagt?" „Als Gott sich dir geoffenbart hat, wußte ich etwa, was Er zu dir gesprochen?" Hierauf schrie Moses: „Herr der Welt! Lieber tausend Tode als eine Eifersucht!" Im Jahre 1863 traf ein gewaltiger Schlag die hiesige Gemeinde. Der im Juli 1860 fertig gewordene Tempel drohte schon nach drei Jahren feines Bestandes einzustürzen, der Plafond und das mit denselben verbundene Dach senkte sich, mußte durch Pfeiler gestützt werden und der Tempelbesuch wurde behördlich verboten. Der Schlag war um so wuchtiger, als von dem im Februar 1859 ans dem ungarisch-israelitischen Schulsonde erhaltenen. Darlehen per 10.500 Gulden österr. Währ, vier Jahresraten ä 1050 Gulden samt 5 Perzent Interessen fällig waren und die Exekution auf den Betrag von 6800 Gulden a n g e d r o h t wurde. Da gab es keine andere Abhilfe, als die Gnade Seiner Majestät anzurufen. . Der Vorstand beschloß, eine sünsgliederige Deputation unter meiner Führung nach Wien abzusenden. Ich bemühte mich, mir Protektion in den maßgebenden Kreisen Wiens zu verschaffen. Ich erhielt ein warmes Empfehlungsschreiben vom Generalmajor v. Ruff an den Staatsmini st er Sch m e r l i n g, der dessen Schulfreund gewesen. Ferner kam es mir sehr gelegen, daß ich mit dem hierorts gebürtigen M o r i z Gans von L u d a s y, dem spätern Sektionsrat und Chef der Preßleitung im Ministerium des Aeußern unter A n d r a s s y hier am Krankenlager seines Vaters zusammentraf. Ich erzählte ihm von dem schweren Unglück, das über unsere Gemeinde hereingebrochen war, und von der Audienz, die wir Vorhaben, und er versprach mir in der Tat kräftigste Unterstützung. Vor Mitte Oktober gingen wir nach Wien. Ich reiste einige Tage früher ab, um die ''Audienz zu erwirken und die einzelnen Personen der Deputation in der Kabinetskanzlei anzumelden; und da suchte ich vor Allem Lndasy in der ungarischen Hoskanzlei auf, wo er einen hohen Posten einnahm. Er war nicht anwesend, und um meiner Person mehr Ansehen zu geben, sagte ich, daß ich ein Empfehlungsschreiben an den Staatsminister Schmerling habe. „W a s g e h t u n s d e r S ch merlin g a n?" fuhr mich der Beamte unwirsch an. Als ich am andern Tage Lndasy fand, da begrüßte er mich mit den Worten: „Um Gotteswillen, was haben Sie getan. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich in der ganzen Hoskanzlei die Nachricht, eine Deputation aus Ungarn fei gekommen und habe ein E m p f e h l u n g s schreib e n an Sch m e rling mitgebracht!" Es herrschte nämlich ein findiger Krieg zwischen der ungarischen Hoskanzlei und dem Zentralisten Schmerling, der sich in alle ungarischen Angelegenheiten mengte. Nun, der Fehler war geschehen und Lndasy beruhigte mich, es werde das keine schlimmen Folgen haben. Die Audienz wurde uns für den 15. Oktober bewilligt. Glücklich traf es sich, daß am 17. der s i e b z i g st e Geburtstag des Predigers I. N. M a n n h e i m e r gefeiert werden sollte, und ich hielt es für eine angenehme Pflicht, diesem Altmeister der Rede und edelsten Menschen meine Glückwünsche auszusprechen. In den wärmsten Worten brachte ich ihm meine Huldigung zum Ausdruck, — aber ich junger, kaum flügge gewordener Rabbiner, hatte die Dreistigkeit, hinzuzusügen: „ob schon unsere r e l i g i ö s e n A n s ch a u u n g e n w e i t a u s e i litt n d e r gehen . . ." Ich glaubte diese Bemerkung, um mestw Seele zu salviren, machen zu müssen. Denn „zwei SeeM wohnten, ach, in meiner Brust", — die eine Seele.,welche für alles Schöne und Gute, für j e d w e d e Freiheit^« n ch für Freiheit der Gedanken, mit jugendlich«^Begeisterung schwärmte, und die andere Seele, welche, getränkt vom Geiste der alten Zeit, sich über das Niveau ererbter und unerzogener Anschauungen nicht zu erheben vermochte — und Mannheimer hat in allen jenen Kreisen, in denen ich bisher gelebt, als Vorkämpfer der religiösen Reform gegolten. Lächelnd entgegnete der Edle aus meine Bemerkung: „Und woher wissen Sie denn, daß meine religiösen Anschauungen nicht die Ihrigen seien?" „Aus Ihren Predigten". Und mit folgenden Worten zitierte ich ihm eine ganze Reihe von Aussprüchen aus den Kopf zu: „Sehen Sie, Herr von Mann Heime r!" — das war, wie ich früher erfragte, sein offizieller Titel — Sie sagen in einer Predigt, wo Sie „über das voreilige Urteil in Sachen der Gottesfurcht" sprechen:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.