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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-01 · 27 (1.7.1904) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
27 (1.7.1904)
Date
1904-07-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 27 Dr. Wlocb's Mocdensebrttr. Seite 495 an Juden vermieten würden, aber diese betrachten die Juden infolge eines tiefgehenden Fanatismus als „unrein" und lassen ihre Wohnungen lieber leer stehen. Als ein Schi'it, von der Not gezwungen, sein Haus einem Juden überließ, mußte dieser erst der Habsucht einiger Zwischenpersonen Genüge tun, um endlich das Mietsrecht zu erwerben. Und dabei muß der Jude gewärtig sein, daß der Mohammedaner das Haus einfach wieder als sein Eigentum erklären wird und der Jude wird sich nicht dagegen auflehnen, will er sich nicht noch größeren Unannehmlichkeiten aussetzen. — Vor zwei Jabren kauften die Juden ein altes zerfallenes Badehaus von den Mohammedanern, daß sie unter großen Kosten wieder aufbauen ließen. Doch als das Bad von den Juden benutzt wurde, fanden mohammedanische Priester, daß derRauch der Badeanstalt das ganze mohammedanische Quartier „nödjes" d. h. unrein mache. Erst nachdem die Juden den 2—Zfachen Betrag der ersten Baukosten aufgewender hatten (wer das Geld erhielt, wird leider nicht geschrieben), erreichten sie die Benutzung ihres Eigentums. Die Juden von Schiras sind meistens Kaufleute, und zwar beschränken sie ihre Tätigkeit auf die Stadt selbst, denn nach anderen Städten Handel zu treiben würden sie nicht wagen können: die Perser würden sie dort ruinieren und Gerechtigkeit ist nur eine Zufallssache in diesem Lande. Ein großer Teil der Inden ist Hausierer, die Sonntag morgens in die benachbarten Dörfer gehen und erst Freitag abends nach Hause zurückkehren, um den Sabbat in ihrer Familie zu verbringen. Mehr als einer dieser Hausierer kommt nicht zurück; denn nicht selten werden die Unglücklichen, die die ganze Woche über die steinigen Gebirge gewandert sind, um ein paar Pfennige zu verdienen, von einem Wegelagerer überfallen und getötet, der bestimmt weiß, daß ihn keine Strafe ereilen wird. Die Frauen helfen im Erwerb, indem sie in den Häusern der Mohammedaner mit Seidenstoffen und Schmucksachen hausieren. Hie Hausierer sind aber nicht nur räuberischen Ueberfällen ausgesetzt, es kommt auch vor, daß sie von der Uebermacht der Mohammedaner mit Gewalt zum Islam bekehrt werden. So ereignete sich Ende vorigen Jahres folgender Fall: Ein Hausierer aus Zargun, einem Dorfe bei Schiras, ging nach dein benachbarten Kamedjun, um dort rückständige Zahlungen für gelieferte Kolonialwaren einzufordern. Anstatt Geld erhielt er Schläge und seine Peiniger zwangen ihm unter tausend Qualen, sich zum Islam zu bekehren, außerdem hielten sie den Unglücklichen gefangen. Ein Versuch der Verwandten, ihn zu befreien, niißlang; sie wandten sich nun an den Direktor der jüdischen Schule in Schiras, der unverzüglich den Besitzer des Dorfes Kamedjun, den angesehensten Bewohner von Schiras, von dem Vorfall in Kenntnis setzte. Dieser, ein gebildeter und toleranter Mann, gab sofort den Freilasiungsbefehl. Die Bewohner von Kamedjun häuften bei dem nun folgenden Verhör Lügen auf Lügen, u. A. wurde der Jude bezichtigt, heimlich eine junge Mohammedanerin geheiratet zu haben, das verdiene die Todesstrafe. In der höchsten Not gelang es dem Direktor der Schule von dem Gouverneur von Schiras, Alla-El-Dowlet, einem rechtlich denkenden und strengen Mann, die Freilassung des unglücklichen Juden zu bewirken, der mehr tot wie lebendig zu den Seinen zurückkehrte. Die frühen Heiraten sind eine weitere Ursache des furchtbaren Judenelends in Persien. Aber nirgends ist dieser Mißstand so verbreitet, wie gerade in Schiras. Ein Mädchen von 14 Jahren, das noch nicht verheiratet ist, gilt als „alte Jungfer". Mit 12 Jahren sind die unglücklichen jungen Geschöpfe schon Mütter und es ist unsagbar traurig, solch armes, welkes Kindergesicht über das seines kleinen Kindes gebeugt zu sehen, das schon ebenso welk und elend, wie . das der jugendlichen Mutter aussieht. Die Männer machen die Gesetze. Ein Mann von 40 Jahren findet es ganz natürlich, ein Kind von 5 Jahren zu heiraten. Ein Rabbiner zwischen 65 und 70 Jahren heiratete nach dem Tode seiner ersten Frau ein 9- oder lOjähriges Mädchen. Das sind ungeheuerliche Dinge, die man nur schwerlich glauben kann, die aber leider nur allzuwahr sind. Hoffentlich wird in dieser Beziehung die jetzt errichtete jüdische Schule erzieherisch wirken, die es auch in Hamadan bereits so weit gebracht hat, daß sich die jüdischen Kinder den Heiratsplänen der Eltern zu widersetzen beginnen. Das schlimmste Laster in Schiras ist die Trunksucht, und so unglaublich es uns klingt, die Juden sind ihr ebenso unterworfen wie die Perser: auch sie finden ihren Trost in dem „Lebenswasser". Bor der Ankunft des Gouverneurs Alla-El- Dowlet hatten die Juden das Recht, jede Art Alkohol zu verkaufen, dafür inußten sie jährlich 4000 Frcs. Steuern zahlen. Der Islam verbietet seinen Bekennern, zwar Alkohol zu genießen, ebenso zu verkaufen, aber das hindert nicht, daß alle Abend die Stadt von dem Gejohle und den Abscheulichkeiten der Betrunkenen wiederhallt; Messerstechereien sind an der Tagesordnung. Der neue Gouverneur, wie schon erwähnt, ein strenger, gerechter und vor allem auch unbestechlicher Mann, wollte diesem Uebel mit aller Macht steuern und verbot den Juden den Handel mit Alkohol. Die schwersten Strafen wurden dem Zuwiderhandelnden in Aussicht gestellt. Alles ging gut, bis der Gouverneur eine Zeit lang in Geschäften abwesend war. Die Juden, die jetzt keine Strafe fürchteten, fingen ihren Alkoholhandel wieder an und die Straßen hallten aufs neue des Nachts wieder von dem Geschrei der Betrunkenen. Als der Gouverneur zurückkehrte, erhielten die Schuldigen schwere Strafen; aber das Wohlwollen, das dieser Mann bisher den Juden bewiesen hatte, war begreiflicherweise dahin. Leider ist jetzt Alla-El-Dowlet nach Teheran versetzt worden. Auch aus Hamadan, der Stadt, wo sich die Gräber von Esther und Mordochai befinden, kommen traurige Nachrichten. In Bidjar bei Hamadan*) wurde im vorigen Jahre eine jungejüdische Frau mit Gewalt zu einem mohammedanischen Priester gebracht, der sie dem Islam zusühren wollte. Erst nachdem die jüdische Gemeinde sich darüber in Teheran beklagt hatte, wurde die Frau freigelassen. Mehrere jüdische Häuser waren in Bidjar von Mohammedanern geplündert worden; die Schuldigen hatten ihre gerechte Strafe erhalten. Nachdem ein neuer Gouverneur gekommen war, ein fanatischer Priester, stellte man ihm gegenüber die Plünderung als Erfindung hin; die angesehensten Juden wurden hierauf ins Gefängnis geworfen, außerdem mit einer hohen Geldstrafe belegt. Das sind einige der traurigen Schilderungen, die zu uns aus Persien gelangt sind. Leider kann man sich von der Bedeutung dieser Unterdrückungen nicht das rechte Bild machen, so lange man nicht die jüdische Einwohnerzahl der erwähnten Städte kennt. In den Briefen aus Persien, die mir hier vorliegen, fehlt jeder Anhaltspunkt hierzu. Nach Brockhaus (1898) hat Schiras 32.000 Einwohner und Hamadan 50—70.000 Einwohner, darunter 1000 jüdische. Da die Gesamteinwohnerzahl eventuell um 20.000 differieren kann, darf man wohl auch die Zahl 1000 für die Juden nicht allzu genau nehmen. L. F. Vermischtes. Wien. Am 28. v. M. beging der in weiten Kreisen bekannte und allgemein verehrte Herr S. Heit, Begründer und Mitchef der seit mehr als 40 Jahren bestehenden Fabriksfirma gleichen Namens, bei vollster geistiger und körperlicher Frische im engsten Familienkreise seinen 70. Geburtstag. Herr S. H e i t ist durch seine Wohltätigkeit weit über die Grenzen unserer Kultusgemeinde hinaus, zu deren angesehensten Mitgliedern er zählt, rühmlich bekannt und gehört einer stattlichen Reihe gemeinnütziger Vereine seit deren Entstehen als eifriger, unermüdlicher Förderer an. Im öffentlichen Leben bekundete sich Herr S. Heit stets als charaktervoller Liberaler und vertrat diese Prinzipien auch energisch im Bezirksschulräte, dem er bis :;) Nach Berichten der Direktoren der jüdischen Schulen, die in Schiras und Hamadan von der Alliance Jsraelite Universelle gegründet worden sind.

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