Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 27 Dr Blocb’s Mocbenscbritt Seite 433 Wien. (D e m o n st r a t i o n gegen den Magistratssekretär Dr. Demel.) In der am 24. v. M. abends, unter dem Vorsitze seines Präsidenten Leopold P o l l a ck Edlen v. Parnegg abgehaltenen Generalversammlung des Gremiums der Wiener Kansmannschaft kam es zu mehrfachen Demonstrationen gegen den anwesenden Vertreter der Gewerbebehörde, Magistratssekretär Dr. Semel. Vor Beginn der Versammlung war die — an anderer Stelle mitgeteilte — Verurteilung des Dr. Demel während der bekannten Affaire bei Eröffnung der Spiritusausstellung in der Rotunde Gegenstand lebhafter Erörterungen, ebenso die Frage, ob dem Ansuchen der Repräsentanz um Enthebung des Dr. Demel als Gremialkommissär entsprochen wurde. Es erregte Aufsehen, als Dr. Demel in der Versammlung erschien, weil die erörterte Frage nunmehr von selbst beantwortet war. Nach Eröffnung der Generalversammlung durch den Präsidenten nahm Gremialmitglied Bernhard H o f b a n e r das Wort, um Protest einzulegen gegen die Abhaltung der Generalversammlung in Anwesenbeit des Magistratssekretärs Dr. Demel, welcher alle Juden als Betrüger bezeichnete. Redner verlangte die Entsendung einer Deputation an den Statthalter um sofortige Abberufung des Dr. Demel von seiner Funktion als Vertreter der Gewerbebehörde und empfahl, nicht früher in die Beratung der Tagesordnung einzugehen, bis Dr. Demel durch einen anderen behördlichen Vertreter abgelöst werde. (Lebhafter Beifall.) Präsident v. Pollak unterbrach Herrn Hofbaner mit der Bemerkung, daß dies keinen Gegenstand der Tagesordnung bilde. Herr Hofbauer erwiderte, daß er nun annehme, der Präsident teile die Ansichten dieses behördlichen Vertreters, und da er es mit seiner Ehre nicht vereinbarlich halte, der Versammlung länger beizuwohnen, solange der genannte Vertreter der Behörde anwesend sei, verlasse er den Saal. (Mit Herrn Hofbauer entfernten sich mehrere Gremialmitglieder) Hierauf wurde in die Erledigung der Tagesordnung eingegangen und bei Beratung über die Abänderung des Statuts, betreffend die Gehilfenversammlung, kam es zu einer neuerlichen Demonstration gegen Magistratssekretär Demel. Gehilfenobmann P i ck sprach den Wunsch aus, daß jene Bestimmungen, die die Gehilfenwahlen betreffen, nicht abgeändert werden, damit die Wahlfreiheit vollständig gewahrt bleibe. Es sei nicht ausgeschlossen. daß der Magistrat wieder einmal Gehilfenwahlen durchführen müsse Sie werden — sagte Redner — da unsere Vorsicht begreifen, da es bei dieser Behörde mitunter Organe gibt, deren Unparteilichkeit schon gar nicht außer Zweifel steht. Bei diesen Worten wendete sich der Vertreter der Gewerbebehörde, Magistratssekretär Demel, an den Präsidenten mit der Aufforderung, den Redner zu unterbrechen, und drohte die Auflösung der Versammlung an, falls Pick in dieser Weise fortfahren sollte. Vräsident: Ich möchte bitten, keine Aeußernngen zu machen, durch die sich irgend einer der anwesenden Herren . . \ . Pick einfällend: Ich konstatiere, daß es mir nicht einfiel, irgend ein Mitglied des Gremiums zu provozieren. (Lebhafter Beifall und Heiterkeit.) Präsident (zu Pick): Ich weiß, daß Sie hiebei an kein Mitglied des Gremiums gedacht haben. (Neuerliche stürmische Heiterkeit und Bravorufe.) Hierauf wurde die Tagesordnung erledigt und die Versammlung geschlossen. In Kreisen der Kaufnrannschaft wurde das Verhalten des Präsidenten von Parnegg vielfach als Parteinahme für den famosen Gremialkommissär erachtet und scharf kritisiert Welche Ursache Herr v. Pollak hatte, die Jnsultierung der Kaufmannschaft durch die Anwesenheit Dr. D e m e l's zu dulden, läßt sich schwer erraten. Olmütz. (F ü r st e r z b i s ch o f D r. Bauer.) Fürsterzbischof Dr. Bauer empfing heute eine Anzahl von Deputationen hiesiger Korporationen sowie von Klerikern aus einzelnen Dekanaten. Unter anderen wurde auch das Präsidium der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde empfangen, das zur Begrüßung des Kirchenfürsten erschienen war. Dieser erwiderte auf die Ansprache des Präsidenten Dr. Eben, daß er nach seinen Kräften bereit sei, mitzuwirken zur Erhaltung des Friedens sowie überall, wo es gilt, Werke des Friedens zu üben, der Not zu steuern, die Armen zu unterstützen und Hilfe zu bringen. Er ließ sich dann den Rabbiner Dr. Oppenheim sowie die einzelnen Mitglieder des Präsidiums vorstellen und konversierle längere Zeit in liebenswürdiger Weise mit jedem einzelnen, insbesondere mit Dr. Oppenheim, mit welchem er über Talmudübersetzungen und arabische Dichtungen sprach, ein Gebiet, auf welchem sich Doktor Bauer sehr informiert zeigte. Berlin. Am Montag den ‘^O. Juni hielt auf Veranlassung der jüdischen Gemeinde zu Berlin Fräulein American aus Amerika einen Vortrag über den „Verband jüdischer Frauen in den Vereinigten Staaten^. Rednerin führte ungefähr folgendes aus: Die Juden sind in Amerika vor dem Gesetze gleich, aber nichtsdestoweniger sind starke Vorurteile zu bekämpfen, wenn auch nicht in religiöser, so doch in „nationaler" und sozialer Hinsicht. Juden werden in Amerika nie die höchsten und einflußreichsten Stellen erreichen, auch wenn sie die größte Begabung dazu zeigen; gesellichaftlich sind Juden und Christen vollständig von einander getrennt. Auch Amerika hat keine Staatsreligion; die betreffenden Gemeinden stellen den Religionslehrer, der jüdische Religionsunterricht findet Sonntag vormittags statt, ist aber zn gerinn, um den Kindern nach dieser Richtung eine genügende Ausbildung zu .gewähren. — Als im Jahre l893 in Chicago das Parlament der Religionen tagte, tauchte zum erstenmale der Gedanke Eines jüdischen Frauenkongreffes auf. Ich schrieb in zwei Jahren mehr cüs 6Ö00 Briefe. um schließlich 14 jüdische Frauen zusammeuzubringen. „Wir fühlten uns als Jüdinnen, die von einem Volke stammen, das eine großartige Geschichte hat." Keine einzige jüdische Frau war imstande, über jüdische Wissenschaft zu berichten, nur auf dem Gebiete der Wohltätigkeit hatten sie sich bisher betätigt. Wir zogen daraus die Lehre, daß vor allem das Interesse an der Bibel und der jüdischen Wissenschaft wiedererweckt, und der Unterricht der Kinder nach dieser Richtung ausgebaut werden müsse. 1893 stießen wir auf viel Jndifferentismns, heute haben wir 71 Ortsgruppen mit 10.000 Mitgliedern in den Bereinigten Staaten. Tie größte Ortsgruppe hat 1100, die kleinste 12 Mitglieder. Zwei besondere Komitees sind gebildet worden, dem einen untersteht die Pflege der Religion und jüdischen Wissenschaft, dem anderen die Wohltätigkeilsbestrcbungen. Wir haben auch in die Komitees der Religionsschuleu Frauen gebracht. Für die männliche und weibliche Jugend im Alter von 13—18 Jahren haben wir 2tf Union sections gegründet, wo jüdische Wissenschaft gepflegt wird und das Gefühl der Zusammengehörigkeit aller Juden geweckt werden soll; auch dabei haben wir gute Erfolge zu verzeichnen. Wir wollen jüdisches SelbsUewußtsein schaffen, das gegründet ist auf tüchtigem jüdischen Wissen. Cohn contra Kohn hieß der etwas absonderliche Rechtsstreit, der kürzlich vom Amtsgericht und Landgericht zu Gunsten des Verklagten entschieden worden ist. Bei dem Verklagten Kohn hatte sich der Kläger unter dem Namen „Cohrs" um die Stelle eines Reisenden schrifllich beworben und war unter diesem Namen angestellt worden.^ Erst als er zur Krankenkasse angemeldet werden sollte, stellte es sich heraus, daß er nicht Chors, sondern Kohn hieß. Er wurde infolge dessen entlassen, beanspruchte darauf Gehaltszahlung, wurde gegen den Prinzipal klagbar, ist aber in beiden Instanzen mit seinem Anspruch abgewiesen worden. In dem Urteile des Amtsgerichts heißt es u. a. nach dem „Bl. f. Rechtspfl.": Wenn sich der Kläger dem Verklagten gegenüber bei Abschluß des Vertrages „Cohrs" nannte, so setzte er diesen über eine Eigenschaft in Irrtum. Diese Eigenschaft muß als eine im Verkehr wesentliche angesehen werden. Der Kläger hat sich beim Be» suche der Kundschaft dieser mit seinem Namen vorzustellen. Es ist aber eine durch die Erfahrung bestätigte Tatsache, daß ein den Kunden sympathischer Name diese eher zur Erteilung vo» Bestellungen veranlaßt, als wenn der Reisende einen Massennamen führt. Es kann dem Verklagten ohne weiteres geglaubt werden, daß er den Kläger nicht engagiert haben würde, wenn er feinen wahren Name» gekannt hätte, zumal er mit Rücksicht auf seine Kundschaft einen christlichen Vertreter engagieren wollte und der Name Cohrs ihn in der Annahme bestärken mußte, einen solchen engagiert zu baden. Mit Recht weist ferner der Verklagte darauf hin, daß die Gleichheit seines eigenen Namens — Kohn — mit dem des Klägers leicht Verwechslungen hätte veranlassen können." Das Landgericht hatte sich diesen Gründen angeschlossen und den Verklagten zur sofortigen Entlassung für berechtigt erachtet, da die Beilegung des Namens Cohrs seitens des Klägers ein unzulässiger Vertrauensmißbrauch sei. „Gerade das Verhältnis des kaufmännischen Prinzipals zu seinen Reisenden beruht, wie wenige andere Dienstverhältnisse, auf dem Vertrauen des ersteren und die Zuverlässigkeit des letzteren, besonders deshalb, weil der Reisende bei seiner fortgesetzten räumlichen Trennung vom Handelsgeschäfte der unmittelbaren Kontrolle durch den Prinzipal entzogen und seiner eigenen Gewiffenhaftigkeit unterstellt ist. Zu der hiernach vom Reisenden dem Prinzipale geschuldeten Offenheit seiner äußeren Persönlichkeit in einer Weise, die den Prinzipal jedem Zweifel hierüber enthebl, versteht es sich ganz von selbst, daß hierfür oberstes Erfordernis die Nennung des wahren, dem Reisenden rechtlich zukommen den Namens ist. Die Anfiedlnng von Juden in Ostafrika. Im englischen Hause der Gemeinen protestierte derAbaeordnete Wason gegen das Projekt einer zionistischen Niederlassung in Ostafrika. Tie Durchführung dieses Planes könnte dazu dienen, Unruhe» hervorznrufen. Die Bevölkerung des Landes, so behauptete der Redner, sei im höchsten Grade erregt (!) über den Gedanken, daß das Land an russische und rumänische Juden ausgelicfert werden solle. Die Folge werde wahrscheinlich ein Aufstand der Eingebornen sein. Keine der englischen selbstregierenden Kolonien würde jemals die Errichtung einer Niederlassung von solchen Leuten dulden, die weder die englische Sprache, noch die der Eingebornen verstehen. Major Evans-Gordon erklärte, daß vorläufig diese ganze Niederlassungsfrage noch sehr schattenhaft sei. Der Baseler Zionistenkongreß habe zwar anerkannt, daß das Anerbieten der englischen Regierung außerordentlich großmütig sei, aber ein Teil des Kongresses sei der Ansicht gewesen, daß eine Niederlassung in Ostafrika von dem wahren zionistischen Ziel, nämlich von der Niederlaffung in Palästina, ablenken würde. Trotzdem sei man übereingekommen, an Ort und Stelle zu untersuchen, wie weit die Idee einer Ansiedlung durchführbar sei. Die Schwierigkeiten seien jedoch so große» daß es als fraglich bezeichnet werden müsse, ob auch nur eine einzige jüdische Familie wirklich die Ansiedlung versuchen werde. In dieser Ansiedlungsfrage eine Bedrohung des Bestandes des englischen Weltreiches zu erblicken, sei einfach lächerlich. Earl Percy erklärte, daß die Annahme. England wolle Staatsgebiet an die jüdische Nation abtreten, eine vollständig irrige sei, da es sich immer nur um die Frage einer