Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-01 · 27 (1.7.1904) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
27 (1.7.1904)
Date
1904-07-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021575--13692-3038376
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 27 Dr. Wlocb's THHocbenscbrttt Seite 431 Josef Israels. S u nt achtzigsten Geburtstag (27. I u u i). Von Richard Muther. Unter den großen Alten unserer Tage ist Josef Israels der jüngste. Rudolf v. Alt ist 1812, Menzel 1815, George Frederick Watts 1817, Israels 1824 geboren. Man kann sich schwer vorstellen, was für eine Fülle von Erinnerungen solch ein Leben umschließt. Als Israels auftrat, war die holländische Kunst ein Leichnam. Einige mühten sich ab, in armseliger Nachahmung, das noch einmal zu sagen, was im siebzehnten Jahrhundert Don, Mieris und Defuhr sagten. Andere kopierten in geistloser Kleinlichkeit Ruysdael und Everdingen. Wer unternehmend war, wie die Historienmaler Piencman und Kruseman, fertigte Maschinen im Sinne derjenigen an, die in Paris en vogue waren. Mit solchen Werken hat auch Israels begonnen. Er war in Groningen geboren, wo sein Vater ein kleines Wechselgeschäft hatte. Oft lief er mit dem Geldsack unterm Arm nach dem benachbarten Bankhaus des Herrn Mesdag hinüber, dessen Sohn später der berühmte Marinemaler wurde. Als er die Schule verlassen hatte, wollte er Rabbiner werden, studierte Hebräisch und vertiefte sich in den Talmud. Da erwachte der Künstler in ihm. 184. trat er in Amsterdam in das Atelier Jean Krnseman's ein. Die kleine Wohnung, die er bei einer befreundeten jüdischen Familie bezog, lag in der Breestraat, wo einst Rembrandt wohnte. Wie Rembrandt, trieb er sich in dem engen Winkelgäßchen herum, wo in der Tür ihrer Tröolerläden, inmitten geflickter Hosen, invalider Regenschirme und gebrochener Geräte die „Söhne des alten Volkes" sitzen. Doch Form gewannen diese Eindrücke in seinen Bildern noch nicht. Nur die Historienmalerei war knnstfähig. Was er bei Kruseman gelernt hatte, suchte er in Paris za vervollständigen, erst bei Picot, dem Davidschüler, später bei Paul Delaroche. Und als' er nach dreijährigem Aufenthalt 1848 in die Heimat zurückkehrte, malte er das, was in der Delaroche-Schule üblich war. „Hamlet und seine Mutter", „Wilhelm der Schweigsame und Margarete von Parma", «Prinz Moriz von Nassau vor dem Leichnam seines Vaters" lauteten die Unterschriften seiner ersten großen Bilder. Nebenher ging Verkäufliches: elegische, im Mondschein träumende Ritter und kalabresische Briganten. Noch auf der Pariser Weltausstellung 1855 war er mit einem großen Geschichtsbild vertreten: „Der Prinz von Oranien, wie er zum erstenmale sich der Ausführung der Befehle des Königs von Spanien widersetzt". Da kam der Tag von Damaskus, jener entscheidende Moment, wie ihn jeder durchmacht: wo man das Fremde, das man in sich ausgenommen hat, wie einen unnützen Ballast wegwirft, um nur noch dem eigenen Temperament zu folgen. Wie Fenerbach seine Gebnrtsstnnde von seiner Ankunft in Rom datierte, fand Josef Israels sich selbst, als er 1856, dem Krankenbett entstiegen, zur Erholung in Zandvoort, dem kleinen Fischerdorse bei Haarlem, weilte. Er hatte Historien gemalt, weil die Konvention es verlangte; hatte Dinge geschildert, die ihm innerlich gleichgiltig waren. Jetzt sprach die Natur zu ihm. Er fühlte sich hingezogen zu den schlichten, einfachen Menschen. Er sah, daß das Leben der Gegenwart nicht weniger reich an Dramen ist als das der Vergangenheit. So wurde Zandvoort für ihn, was für Millet Barbizon war. „Kinder am Meer", und „Abend am Strand" lauteten die Titel der beiden Werke, mit denen er 1857 im Pariser Salon erschien. Sie bilden die Einleitung zu dem großen Epos, das er seitdem dichtete: zu jenem Werke von Mühe und Arbeit, vom Kampf ums Dasein, von widrigen Winden und grauen Regentagen Soll man im einzelnen diese Werke beschreiben, die seit vierzig Jahren den Ehrenplatz aller holländischen Ausstellungen einnehmen? Es ist kaum nötig, denn wer ein einziges sah, hat es nicht vergessen. Josef Israels ist kein geschickter Maler. In der Bewältigung rein künstlerischer Probleme sind die Impressionisten ihm über. Trotzdem prägen sich seine Werke weit mehr der Erinnerung ein, weil sie nicht gewollt und gemacht sind, sondern rein erlebt und empfunden. Es schlägt ein Menschenherz darin, ein zartes, mitleidvolles, feinfühlendes Menschenherz. Vielleicht kann man auch finden: das Herz eines Juden. . Israels hat vor wenigen Jahren über seine Reise nach Spanien ein sehr lesenswertes Buch geschrieben, und eine Episode, die darin ,über seinen Aufenthalt in Marokko erzählt, ist auch für die Charakteristik Hs Malers Israels wichtig. Er schildert da. wie ihn der Zufall eines Tages in eines der kleinen orientalischen Häuser führte. „Es war im Hofe sehr finster, und ich wagte mich nicht weiter, nicht wissend, was mir passieren könnte. Doch als ich unentschlossen stand und nachdachte, hörte ich rufen: „Marnewafeahego?“ in hebräischer Sprache. Da trat ich ein und sagte meinerseits: „8a1oin adonad, salem allichem ononghi jehiidi me cerets Hollande.“ Ich war eingetreten in einen dunkeln Raum, erleuchtet durch ein kleines, längliches, horizontal liegendes Fensterchen, das heißt ein viereckiges Loch, das nachts oderbeillnwettermit einer Decke verschlossen werden konnte. Grell schien das Licht durch das Viereck und zeichnete sich auf dem Steinflur ab. In der Nähe dieser Oeffnung stand ein langer Tisch mit schiefen Beinen, und darüber lag ein großes weißes Pergament, das beinahe ganz den Tisch bedeckte und mit einer Rolle nach unten hing. Da saß hinter dem Tisch der jüdische Gesetzschr-eiber, beide Arme auf das Pergament gestützt, und wandte sein fürstliches Haupt mir zu. Es war ein prächtiges Gesicht, fein und durchsichtig, bleich wie Alabaster; Falten, kleine und große, liefen um die kleinen Augen und die große, -gekrümmte Nase. Ein schwarzes Käppchen bedeckte den weißen Schädel und ein langer, weingelber Bart lag in großen Strähnen über das beschriebene Pergament. Der alte Mann saß in einer Art Lehnstuhl ohne Rückenlehne und zwei Krücken lagen neben ihm auf der Erde. Auf diesen humpelte er mit mir nach dem offenen flachen Dach, das auf gleichem Flur mit seinem Zimmer lag. Hier lagen Matten, worauf er sich niederließ und mich ersuchte, mich neben ihm zu setzen So sitzend, das fremde Land vor mir, neben mir den langbärtigen Alten, auf den Matten des flachen Daches in Marokko, überkam mich das Gefühl, als ob ich in diesem Augenblick in einer Welt lebte, von der ich einmal geträumt hatte." Erkennt man denselben Menschen, der diese Worte schrieb, nicht auch in den Bildern wieder? Israels hat selten jüdische Themen behandelt. Außer einer Historie seiner frühen Zeit, wie Aaron im Zelt die Weiber seiner Söhne findet, ist mir lediglich das Bild des Trödlers bekannt, der vor sich hingrübelnd inmitten schmutzigen Gerümpels sitzt, „behaftet mit den bösen drei Gebrechen, mit Armut, Körperschmerz und Judentum". Doch haben nicht alle seine Werke diese trübe Schwermut, diese wunschlose Müdigkeit? Bei Meunier kämpferischer Trotz und rauhe Größe, bei Israels ergebenes Dulden und milde Weisheit. Ein Jude spricht, der das Ghetto in der Brust trägt, der in den Niedrigen und Beladenen seine eigene Jugendgeschichtc und die Geschichte seines Volkes malt. Heute lebt der kleine Judenjunge, der einst tagtäglich mit dem Geldsack nach dem Bankgeschäft des Herrn Mesdag wanderte, im Haag wie ein biblischer Patriarch. Das Schicksal hat ihm ein tizianisches Alter, eine ewige Jugend beschert. So kann man zum Geburtstag ihm nicht Wünsche, nur Worte unsäglichen Dankes widmen. Das. was er uns spendete aus bcm „versammelten heimlichen (schätz eines Herzens", wird über die Jahrhunderte hinaus zur Seele der Menschen sprechen. („Die Zeit".) -Korrespondenzen. Aus der Plenarsitzung des Knltusvorstan-es vom 26. Juni 1904, unter dem Borfitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern. Beginn 9 Uhr vormittags. Im Einlaufe werden bekanntgegeben: Von Herrn Jakob Hauser: für die Versorgnngsanstalt...... K 100.— „ „ Kinderbewahranstalt.„ 100.— „ würdige Arme ....... - „ 50.— K 250.— „ Herrn Dr. Alfred Berger für von der Feuersbrunst betroffene Glaubensbrüder in Buczacz. . . . „ 50.— „ Frau Ernestine Brecher zur Verteilung an Insassen . des Versargimgshausks . - - -.. 20.— „ „CH" für das Siechenhaus.• » 20.— „ „Anonymus" für die abgebrannte» Jndengemeinden Buczacz und Delatyn . . ■ „ 10.— „ Herrn Julius Altmann für wohltätige Stiftungen - „ 10.— „ Frau Josefine Herzog für eine arme jüdische Familie „ 10.— Entnahme der Sammelbüchsen im Stadttempel - - „ 249.47 Entnahme der Sammelbüchsen im Leopoldstädter Tempel. „ 133.15 Weiters befinden sich im Einlaufe: Zuschriften der Herren Anton Beck, Carl Lemberger und Dr. Hermann Löwy, mit welchen dieselben erklären, das ihnen übertragene Amt eines Bethausvorstehers zu übernehmen: ein Dankschreiben der Kantorswitwe Stern für die Aufnahme ihres seligen Gatten in die Haskarah des Fünshauser Bethauses, sowie ein Dankschreiben des Rabbiners Dr. D. Feuchtwang für die Beileidskundgebnngen anläßlich des Hinscheidens seiner Mutter. Im Prüsidialberichte bringt der Vorsitzende die Einnahmen und Ausgaben der Kultusgemeinde vom 1. Jänner bis 31. Mai 1904 unter Vergleich der diesbezüglichen Ziffern des Vorjahres zur Kenntnis. Weiters berichtet der Vorsitzende, daß er über erfolgte Einladung der Ministerial-Kommission für die Neugestaltung des Allgemeinen Krankenhauses der am 21. d. M. stattgehabten feierlichen Grundsteinlegung beiwohnte und teilt bei diesem Anlasse mit, daß er an die Ministerial Kommission das Ersuchen gerichtet habe, für die Schaffung einer würdigen Betstätte im neu zu errichtenden Krankenhause Sorge zu tragen. Subventionen werden bewilligt: Dem Belhausvereine „Chewra-Bet-Hatfilah", dem Bethausvereine „Chassidim", der jüdischen Toynbee-Halle in Wien, dem Turnvereine „Zion" in Fünfhaus und dem Vereine der Hörer der israel.-theol. Lehr-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.