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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-01 · 27 (1.7.1904) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
27 (1.7.1904)
Date
1904-07-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 430 Dr. Wlocd's MLocdenscdrLtt. Nr. 28 fast alle diationcn dieses Volk verfolgen?" Liese Fragen sind schon oft von Feinden und Freunden des Judentums ausgeworfen worden, und ich glaube wirklich nicht, daß die Erörterung dieser Fragen zu einem Ziele führen wird, weil hier gar zu viele, zum Teil uns gänzlich unbekannte Faktoren mitspielen. Allein, stellt man diese Frage, dann brauchen wir die Antwort nicht zu scheuen. Was sich so lange erhalten hat, das muß doch eine innere Existenzberechtigung haben. Und daß eine unter fremden Völkern lebende Minorität, die nicht ausgeheu kann und will und die stets das lebendige Gewissen der Völker darstelll, weil sie religiös und ethisch um einige Generationen voraus ist, gehaßt wird, ist menschlich begreiflich. Auch die Deutschen werden im Auslande selten geliebt und auch sie erhalten sich lange in ihrer Eigenart. Die beiden Begriffe scheinen im innigen Kontakte zu stehen und einander zu bedingen. Wenn man sich als Individualität erhält, dann wird man von der anders gearteten, Majorität gehaßt, und umgekehrt: wenn man gehaßt wird, erhält mau sich umso zäher. Man weiß manchmal nicht, was hier Ursache und was Wirkung ist. Wie gesagt, diese Antwort liegt ganz nahe unb sie befriedigt gewöhnliche Sterbliche. Aber nein, solche altmodische Antworten passen unseren um jeden Preis originell sein wollenden Herrn nicht. Er muß ja eine patentierte radikale Lösung des jüdischen Problems finden. Und mit der Spitzfindigkeit des Jeschibah-Bochur grübelt und klügelt er, bis er das Ei des Kolumbus gesunden hat. Die ganze jüdische Geschichte ist ihm ..wie Thon in der Hand des Töpfers", er modelt sie nach Belieben. Ja, wenn es sein muß, kann er auch die Worte der Bibel ein wenig korrigieren. So zitiert er: „Und es graute den Egyptern vor den Kindern Israels". Es muß natürlich heißen: „Und die Egypter fürchteten die Kinder Israels". Sonst geben die darauffolgenden Sätze gar keinen Sinn. Charakteristisch für die Denkweise des Herrn Doktor Jakob ist folgende Stelle: „Bei dieser Betrachtung drängte sich mir ein Gedanke auf, den ich, so sehr auch das durch Erziehung und Vererbung mir überkommene Gefühl dagegen sich sträubte, nicht abzuweisen vermochte. Wenn ein Unternehmen nach langem Gedeihen ins Stocken geraten ist, so mag mau das Recht haben, über die Ungunst der Zeit und der Umstände zu klagen und auf eine bessere Zukunft zu hoffen. Wenn aber das Unternehmen von Anfang an als unglücklich sich erwiesen hat und im Laufe der Zeit immer ungünstiger sich gestaltet: mit welchem Recht will man da über Zeit und Umstände klagen und auf eine bessere Zukunft hoffen? Es ist eben ein verfehltes Unternehmen, für das es nur einen einzigen Ausweg gibt: die Liquidation oder den Konkurs." Die Gründung des jüdischen Staates war also ein Fehler, weil seine Existenz nur einige Jahrhunderte gedauert hat. Das Entstehen und Uutergehen eines Staates sind Dinge, für die die Völker meistens ebenso wenig verantwortlich gemacht werden können, wie für eingetretene Naturereignisse. Es sind nicht die schlechtesten Staaten, die schnell vernichtet wurden, und es sind nicht die besten, die von langer Dauer waren. Ein Staat entsteht nicht zu ethischen Zwecken und geht nicht nach einem Programm zu Grunde. Ein Staat ist kein Geschäft, bei dem man so leicht die . Bilanz ziehen und die Ursache des Bankerotts sagen kann. Es zeigt sich schon hier der ganze trockene Formalismus des Verfassers. Er beleuchtet nicht das Problem, dringt nicht in die innere Statur der Sache ein, er sucht nur die Formel. F. S. (Fortsetzung folgt.) Erkläret mir Graf Germdur Diese« Zwiespalt der Uatur. Vor wenigen Wochen erschien im Verlage von Eugen Diederichs (Jena und Leipzig 1904) ein größeres Werk, betitelt: „Immanuel Swedenborg, Theologische Schriften." Uebersetzt und eingeleitet von Lothar Brieger-WasserVogel. Wird man auch den schwedischen Gelehrten und Theosophen Swedenborg (1688—1772) nicht mit Emerson zu den Repräsentanten des Menschengeschlechtes zählen, so bleibt es immerhin interessant, den Verfasser von „Neue Kirche" oder „Das neue Jerusalem" kennen zu lernen. Man wird sogar mit großem Interesse viele Stellen dieses Mystikers, der nach Aufklärung strebte, lesen, so wenn er z. B. in seiner Schrift: „Ueber das Wort und seinen geistigen oder inneren Sinn" (a. a. O. S. 227) bemerkt: „Die wahre Lehre der Kirche besteht in der Anweisung zum Glauben und zu tätiger Liebe. Denn nicht die Lehre des.Glaubens macht die Kirche, sondern sein Leben, die tätige Liebe. Lehren können noch so schön sein, wenn nicht nach ihnen gelebt wird, sind sie wertlos. Jedermann kann einsehen, daß Glaubenslehren nicht fürs Gedächtnis, sondern fürs Leben, nicht für das Denken, sondern für die Tat gegeben sind. In den Kirchen von heutzutage lehrt inan wohl den Glauben, aber nicht die tätige Liebe, welche man einfach in die „Moraltheologie" genannte Wissenschaft verwiesen hat. Die Kirche wäre erst dann wahrhaft sie selbst, wenn die Menschen einander als Glieder der gleichen Kirche auf Grund eines in tätiger Liebe erbrachten Lebens anerkennen wollten." - Man erkennt in biefcn Sätzen den gewaltigen Einfluß, den das Alte Testament, das Swedenborg im Urtexte gelesen hat, auf ihn ausgeübt hat. Vieles allerdings enthalten die Schriften Swedenborgs,das der vernünftig Denkende verwerfen muß. Was soll man aber dazu sagen, wenn der Herausgeber, Herr Lothar Brieger-Wasser Vogel, in der Einleitung betitelt: „Swedenborgs Weltanschauung", „Ein Versuch", S. 13 bemerkt: „Platon hatte, wie ja allgemein bekannt ist, das Christentum vorbereitet. In Christus wurde nun Gott, der alte unsichtbare Gott der,Juden, welcher, von uns jetzt maßlos m i ß v e r st ä n d e n, i n Wahrheit nichts gewesen war als ein Rückfall, als der ins Unermeßliche erhobene T i e r m e n s ch, zu einem wahrhaften Gottmenschen, in dem das Geistige das Tier völlig überwand und vernichtete" (a. a. O. S. 13). Als ich diese blasphemische Anschauung über den erhabenen, einzig dastehenden, jüdischen Gottesbegriff las, als ich ferner Lothar Brieger-Wasservogel klagen hörte: „Der arme Brillenschleifer (Spinoza), welcher noch dazu das Pech hatte, ein Jude § u s e i n, also der aller materiellsten Kirche a nz u g e h ö r e n, hatte für den Augenblick freilich wenig Erfolg", dachte ich, Lothar Brieger-Wasservogel sei einer der verbissensten Antisemiten. Wie erstaunte ich aber, als mir die Nummer 3 der jüdischen Zeitschrift „Ost und West" 1904 in die Hände kam und ich Herrn Lothar Brieger-Wasservogel hier mit Begeisterung ausrufen hörte: „Wir Juden sind geborene Künstler, mögen auch Chamberlain und Driesmans dagegen sagen, was ihnen einfällt. . . . Seitdem Moses im Egypterlande der Gedanke des Gottesstaates auftauchte, bis zum Tage, da Lesser Ury seine schönste Landschaft malte, sind wir Märtyrer der Phantasie gewesen, die . . . all unser Schaffen schön macht und unserem Leben das Gepräge großer Linien verleiht. Die Zeiten könnten vorüber sein, da man dem Juden, dem duldensten aller Gottesmänner, vorwarf, er habe keinen Sinn für die Kunst, sondern sein Streben ginge nur nach dem Rohen der Materie!" Herr Lothar Brieger-Wasservogel wird daher wohl begreifen, wenn wir die Anfrage an ihn richten: Erkläret mir Graf Oerindur, Diesen Zwiespalt der Natur! Brüx. Dr. B i a ch.

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