Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 27 Dr. Blocb s MlocdenscbrM. Seite 429 wegen gröblicher Ausschreitung und Beschimpfung seiner christlichen Mitbürger von zwei Gerichten rechtskräftig verurteilt worden, und diesen Sekretär hätte sodann die kommunale Oberbehörde als Kommissär zu einer Generalversammlung — sagen wir — der Genossenschaft der Mechaniker entsendet. Welcher Aufnahme hätte er sich dort wohl zu erfreuen gehabt, und wie hätte es dräuend und stürmisch ausgerauscht im antisemitischen und klerikalen Blätterwald! Zur Generalversammlung des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft erscheint als Gremialkommissär — Herr Dr. Demel. Mit dem Manne, mit dem sich die Gerichte bereits zur Genüge zu beschäftigen hatten, haben wir uns nicht mehr zu beschäftigen. Bon Interesse bei diesem absonderlichen Fall ist höchstens noch das Verhalten des Gremialpräsidenten Herrn Leopold v. Pollak, der es für angemessen hielt, bei diesem Anlasse, als sich ein Sturm der Entrüstung wider eine derartig starke Zumutung erhob, seine schützenden Fittige auch über diese geheiligte Amtsperson zu breiten. Wir sind nicht der Meinung, daß Herr Leopold v. Pollack, der oft genug und in ernsten Stunden bekundet hat, daß ihm ein gutes jüdisches Herz in der Brust schlägt, die Absicht gehabt habe, die Geschäfte der Antisemiten zu besorgen, und wir beabsichtigen keineswegs, in den Chor der nun neuerdings gegen ihn erhobenen Anklagen und Vorwürfe einzustimmen. Wir respektieren seine wohlmeinende Absicht, wir fürchten aber, daß seine Prämissen falsche sind. Er wandelt aus demselben Wege, der nun von einem Teile der liberalen Presse beschritten wird, und ihm ist es noch anzurechnen, daß es nicht geschäftliche Hintergedanken sind, die ihn den Versöhnungspfad aufsuchen lassen. Er meint es ehrlich und glaubt daran, daß das Judentum mit dem Antisemitismus paktieren könne. Er kennt die Leiden des Judentums und fühlt sie mit, und er hofft, sie durch das Mittel des Entgegenkommens lindern zu können. Diese Hoffnung und die von ihr erfüllte Bemühung macht seinem Herzen Ehre, aber schließlich ist sie doch das Produkt einer falschen Rechnung. Der Antisemitismus kann gar nicht anders sein, ° als er ist, und durch jede menschliche Regung würde er sich selbst aufheben.. Durch eine Konnivenz den Inden gegenüber würde er den Ast absägen, auf den er sitzt. Es nützt nichts, ihm die Hand zu reichen; sein Sitz ist zu hoch. Man soll sich nur nichts vergeben und lieber in Geduld warten, bis er herunterfällt. Wird auch noch kommen. Wigh. Gin neuer Prophet. Wir leben in einer Zeit, wo der Widerspruch noch die einzige Pikanterie eines entnervten Geschlechtes bildet. Man darf sich daher heutzutage über Widersprüche, Paradoxien und Absurditäten nicht wundern. Auch das Wort semitische Antisemiten hat für uns Kinder des 20. Jahrhunderts den komischen Beigeschmack verloren. Jcr, diese Spezies ist gar nicht mehr so rar. Man findet sie überall, in der „guten" Gesellschaft, wo die vornehmen Herrschaften jeden zynischen Witz jüdisch färben und jeder häßlichen Karrikatur eine Judennase aufsetzen; im Geschäftsleben, wo die Herren Chefs ihre Angestellten „Judenjungeu" schimpfen und von jüdischer Ungeschicktheit sprechen, und in der Literatur, wo die witzigen Herren durch den alles zersetzenden, alles zerstörenden Kritizismus ihre „Objektivität" bekunden. Wenn ein Deutscher deutsche Art und deutsches Wesen beschimpft, dann nennt man es wohl jämmerlich, wenn ein Pole über alles Polnische höhnt, dann wird er als Verräter gebrandmarkt. Wenn aber ein Jude die jüdische Geschichte und die jüdische Religion mit Spott und Schmach bedeckt, dann verlangt er noch eine Prämie für seine „Objektivität". Objektivität? Es gibt kaum ein zweites Wort, mit dem so viel Mißbrauch getrieben wird. Wir können da, wo unser Ich als Einzelindividuum oder als Teil einer Gesamtheit interessiert ist, gar nicht objektiv sein, weil wir aus unserer Haut nicht heraus können. Liebe und Haß sind die beiden Elemente, zwischen denen unser Leben pendelt, und unser ganzes Fühlen und Denken ist von dem einen oder andern Gefühl mehr oder weniger beeinflußt. Während die Liebe wohl etwas schön färbt, aber doch aharmonisch, versöhnend wirkt, wirkt der Haß vergiftend, zersetzend, zerstörend, — am meisten der Haß, der eine vergiftete Liebe darstellt. Ich muß gestehen, auf mich wirkten die über das Judentum witzelnden Juden stets abstoßend. Ich hatte dabei stets das Gefühl, als wenn jemand seinen eigenen Vater mißhandelt, seine eigene Mutter mit Schmach bedeckt. Oesterreich und besonders Galizien scheint ein Boden zu sein, auf dem solche merkwürdige Propheten des Abfalls üppig gedeihen. Vor etwa zwölf Jahren trat ein Herr Dr. Caro in dem antisemitischen „Grenzboten" mit seiner neuen Lösung der Judenfrage auf. Dieses neue System hatte nur den einen Reiz, daß nun von einem Juden verkündet wurde, was bisher als privilegierte Weisheit der Antisemiten galt. Wenn ich nicht irre, hat dieser Herr sich nachher taufen lassen und hat eine Professur erhalten. Ich gönne ihm die Professur, gönne es aber dem Judentum noch mehr, daß es diesen Sohn verloren hat. Seitdem wimmelte es in Oesterreich von antisemitelnden Juden. Ja, ich glaube, wenn es so weiter geht, wird es bald in Oesterreich mehr antisemitelnde als mauschelnde Juden geben. Jetzt tritt in der Harden'schen „Zukunft" in Berlin ein neuer Vernichtungsapostel des Judentums auf. Der Mann heißt Dr. Elias Jakob und lebt in Lemberg. Wir haben es also mit einem Judentumsfeind mitten im Ghetto-Milieu zu tun. Das macht die Sache nicht sympathischer. Ein Assimilant, der kaum den Kaftan abgelegt hat, ist eine nicht gerade schöne Erscheinung. Der Artikel ist in seltener Bescheidenheit üverschrieben. „Das Wesen des Judentums" ist aber im Grunde nach Form und Inhalt mehr ein Beitrag zur Psychologie des Renegatentums als des Judentums. Hätte dieser Herr eine Habilitationsschrift zur Erreichung eines antisemitischen Lehrstuhls geschrieben, die Schrift brauchte wahrlich nicht anders auszufalleu. In der Tat wird nur eine Richtung aus diesem verworrenen und verwirrenden Artikel Nutzen ziehen: die antisemitische. Ich habe selten etwas Zersetzenderes und Cynischeres gelesen, als diese philosophisch verbrämte lange Predigt. Es ist darin keine Spur von psychologischer Vertiefung, von Verständniß der jüdischen Velkspsyche, ein ewiges, trockenes Witzeln, ein Operieren mit allen möglichen Sentenzen, eine in Formalismus erstarrte Seele. Der Verfasser legitimiert sich in der Einleitung als ein dem Ghetto entstammender ehemaliger Talmudjünger. Das war nicht nötig, das hätte mau auch so merken können.*) Aber der Herr lebt heute noch, trotz seines antijüdischen Gebahrens, innerlich im Ghetto-Milieu. Das erklärt Manches. Denn im Ghetto ist alles sprunghaft, nichts Abgeklärtes, nichts Harmonisches. Es fehlte eben die freie Entwicklung, die allein zu einer harmonischen Lebensanschauung führen kann. In der Tat, der ganze Aufbau des Artikels und die Art der Beweisführung sind echt populistisch. Geistige Athletik statt gerader Gedanken, trockene Nörgeleien statt eines psychologischen Verständnisses. Sehen wir uns die Gedankenwelt dieses Herrn näher an! Er wirft die Frage auf: „Wie konnten die Juden sich so lange erhalten? Und woher stammt der Haß, mit dem *) Anmerkung: Unser geschätzter Mitarbeiter befindet sich hier vollständig auf falscher Fährte. „Dr. Elias Jacob" ist ein Pseudonym nicht für einen österreichischen oder galizischen Renegaten; der Autor, der sich hinter diesem Schriststellernamen verbirgt, ist, wie wir zu wissen glauben, ein Beamter der Berliner jüdischen Gemeinde. Ob er aus Russisch-Polen oder aus Galizien gewandert kam, gleichviel, seine superklugen Mätzchen verraten den „gelernten" Berliner. Nicht aus dem Ghetto-Milieu ist der Artikel zu erklären, sondern aus der Atmosphäre, welche auch die Rathenaus und Genoffen erzeugt hat. Die Redaktion der „Oesterreichischen Wochenschrift".