Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 428 Dr. Mocb's MlocbenscbrM. Nr. 27 wie keine, aber auch keine Ungerechtigkeit vermieden wird, um nur alle erdenklichen Vorteile und Annehmlichkeiten des Lebens der großen christlich-arischen Bevölkerung zu entziehen und sie ausnahmslos den Juden zuzuwenden, die in Wien, in ganz Oesterreich ein Wohlleben führen wie Gott in Frankreich. Sie taumeln von Genuß zu Genuß, sie werden von Tag zu Tag üppiger und wissen sich vor Uebermut kaum noch zu fassen. Die fettesten Aemter in der städtischen Verwaltung haben sie an sich gerissen, — sie hatten ja immer eine besondere Schwäche für mühelosen Erwerb. Alles fliegt ihnen nur so zu. Die Anstellungen bei Gericht, in den Ministerien, in der Statthalterei, im Staatsdienst überhaupt, sie brauchen sich nur als Juden zu bekennen und sofort fliegen alle Türen vor ihnen auf. So werden die Verhältnisse dargestellt, obschon alle Welt weiß, daß, wenn alle Türen den Juden weit geöffnet werden, es lediglich zu dem Zwecke geschieht, daß sie sie von außen wieder zumachen. Nun ist es zur Abwechslung wieder einmal die Universität, der von den Juden die ernsteste Gefahr droht. Hofrat Dr. Leopold Psaff hat um seine Versetzung in den dauernden Ruhestand angesucht. Es fehlen ihm noch einige Jahre zur Altersgrenze und er wünscht nicht, seine Ehrenjahre im aktiven Dienste abzuwarten. Es hätte keinen Zweck, hier den Ursachen seiner Amtsmüdigkeit nachzuforschen. Nach reichlich genossenen Ehrenbezeigungen — er ward ins Reichsgericht und in das Herrenhaus berufen, er ist durch hohe Orden ausgezeichnet worden — mag er sich nun an der Schwelle des Alters doch in gewiffen Stücken zu Unrecht zurückgesetzt wähnen. Wie dem auch sei, — es heißt sogar, daß er wieder bereit sei, sein Demissionsgesuch zurückzuziehen — der Lehrstuhl für das österreichische bürgerliche Recht drohte vakant zu werden und sofort äußert sich in Leitartikeln und in Reden die tätliche Angst, daß der verwaiste Stuhl durch einen Juden besetzt werden könnte. Diesem Unglück muß unter allen Umständen vorgebcugt werden. Merkwürdig bleibt cs immerhin, daß die Augst immer wieder...sich von neuem regt, wenn eine besondere wissenschaftliche Qualifikation in Frage kommt. Da kompliziert sich die Sache schon. Handelt es sich daruni, einen Konzeptspraktikanten bei der Stadt oder im Staatsdienst anzustellen, da ist die Geschichte sehr einfach, und keinerlei Angstgefühle tauchen auf. Ist der Bewerber ein Jude, dann wird die Angelegenheit rasch und glatt erledigt. .Da ist von einer besonderen Unruhe -niemals etwas zu bemerken und alles geht ganz einfach und selbstverständlich zu. Kommt aber einmal der Ruf besonderer wissenschaftlicher Leistung und Befähigung mit ins Spiel und damit auch der Druck eines in Fachkreisen erworbenen Ansehens und weiters auch der Druck der öffentlichen Meinung, die eine Berühmtheit auch gewürdigt und an die richtige Stelle gesetzt zu sehen wünscht, dann gibt es immer förmlich eine Panik. Denn wenn einmal nicht aus den Taufschein, sondern auf Tüchtigkeit und Wissen gesehen wird, dann taucht immer die entsetzliche Gefahr auf, daß es wieder ein Jude sein könnte, den die berufenen Instanzen nach strenger Auslese als den Würdigsten bezeichnen. Dann geht das große Haberfeldtreiben los. Erst kommen die prophylaktischen Maßregeln. Man beschimpft von vornehcrein das Profefsorenkollegium und die ganze Fakultät. Das schadet einmal nie, und nützen kann es doch vielleicht. Und dann schimpft man der Reihe nach alle jene Gelehrten, die vermöge ihrer wissenschaftlichen Bedeutung und des Weltrufes, den sie durch ihre Werke errungen haben, wohl die nächste Anwartschaft auf die Berufung hätten, die sich aber sonst vielleicht "durch Geburt oder Gesinnung den Hütern der heiligsten Güter der Kultur vom Schlage der Herren Bielohlawek, Vergani und Schwer verdächtig gemacht haben. Die Schmach ist nicht auszudenken. Es könnte ein Jude sein, der berufen wird, bürgerliches Recht zu dozieren! Hannibal ante portas! Das „Deutsche Volksblatt", die „Deutsche Zeitung", die sinnige „Reichspost" stimmen einen Chorus an, in dem leidenschaftlicher Zorn und elegische Wehmut harmonisch zusammen klingen. Den Grundbaß übernimmt Herr Bielohlawek in seinem erleuchteten Organ für Volksausklärung, in seiner „Volkspresse". Die Schmach des Jahrhunderts ist eine vollständige. Hofrat Freiherr v. Schey lehrt auch bürgerliches Recht und Hosrat Grünhut liest Handelsrecht, und dieser wie jener ist Jude. Es wird nicht untersucht, ob sie etwas leisten, es wird nur sestgestellt, daß sie Juden sind. Es wird nicht gefragt, ob sie ihre Professur und ihre Stellung in der wissenschaftlichen Welt überhaupt errungen haben, weil sie Juden sind oder ob nicht etwa, trotzdem sie Juden sind. Man möchte sich an die Stirne greifen, wenn man die antisemitischen Blätter, die da vorgeben, Bildung zu verbreiten, daraufhin durchlieft, wie sie sich zu derartigen Fragen stellen, und man muß sie lesen, wenn ma". sich ein halbwegs zutreffendes Bild von den kulturellen Erscheinungsformen machen will, die zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Oesterreich den charakteristischen Ausdruck der sozialen Vorherrschaft bilden. Das muß festgehalten, muß angenagelt werden zum ewigen Gedächtnis. Man wird sich dereinst schämen müssen, und man soll nicht auf bequeme Weise darum herumkommen können mit der billigen Ausrede, das sei ja gar nicht wahr und alles nur tendenziöse Uebertreibung gewesen. Bei der ganzen Geschichte haben aber die antisemitischen Volksbeglücker nur Eines nicht bedacht, daß sie nämlich mit ihrer vielgerühmten Rassentheorie nun selber in ein böses Gedränge geraten. Fassen wir die Dinge einmal ins Auge, wie sie liegen. Die Juden sind eine verächtliche, minderwertige Rasse. Darüber ist nichts mehr zu reden, das ist eine ausgemachte Sache. Es ist die selbstverständliche Voraussetzung und braucht ebensowenig erst bewieien zu werden, wie die Tatsache, daß zweimal zwei vier ist, die man auch hinnimmt als Grundlage für weitere Berechnungen und Schlüsse, ohne sich erst mit e nem langwierigen Beweise aufzuhalten. Gut. Wir haben es mit einer feststehenden Tatsache zu tun. Wie erklären sich aber dann gewisse Erscheinungen, die jedesmal und ausnahmslos wahrzunehmcn sind, wenn jene tiefstehende, minderwertige Rasse auf irgend einem Gebiete menschlicher Betätigung den Kampf aufnimmt und in den Wettbewerb eintritt gegen die Abkömmlinge der höherstehenden Rasse, die Juden immer und ebenfalls ausnahmslos unter weit günstigeren äußeren Umständen die Arena betreten. Um wie viel muß ein semitischer Bewerber mehr leisten als der arische, um diesem gleich gewertet zu werden?! Im jeglichen Wettbewerb ist es ein Nachteil Jude zu sein, ein Vorteil, sich Christ nennen zu können, ein ganz außerordentlicher Vorteil, insbesondere, christlich-sozialer Christ zu sein. Und doch das große Geschrei, die Angst, die Panik, wenn irgendwo auch ein jüdischer Bewerber auftritt. Das aufgeregte Gekläff will kein Ende nehmen; es ist, als wäre ein fremder Hund ins Dorf geraten. Immer die peinigende Angst, der Jude könnte sich doch als der bessere Mann erweisen. Wozu der Lärm? Was steht den Herren zu Diensten? Bei gleicher Leistung, gleicher Fähigkeit und gleichem Verdienst, wird dem Juden doch ganz gewiß nicht der Vorrang eingeräumt. Er muß viel mehr leisten, als der Andere, um die gleiche Chance zu haben, und seine Ueberlegenheit muß eine zwingende und in die Augen springende sein, wenn seine Chance die bessere sein soll. Die Vordringlichkeit der Juden — du lieber Himmel, der alte Gemeinplatz! In wissenschaftlichen Dingen, im geistigen Wettkampfe überhaupt verfängt die Vordringlichkeit nicht. Es kann sich einmal einer durch Vordringlichkeit um seine Professur bringen, aber es ist noch keiner lediglich mit der Vordringlichkeit zu einer Professur gekommen. Denn da müßten erst wissenschaftliche Leistungen vorausgegangen sein und man kann sich einer Professur nicht gewaltsam bemächtigen, die Entscheidung erfolgt durch Wahl und Berufung und da ist für die maßgebenden Faktoren die Zugehörigkeit zur semitischen Rasse niemals eine Empfehlung gewesen. Wie nähmen sich die Dinge aus, wenn der Wettbewerb immer ein reeller, ein ehrlicher und gerechter wäre? Ach ja, es ist doch eine sehr minderwertige Rasse. Recht deutlich wird der Vorteil, der durch den Zufall der Geburt vermittelt werden kann, illustriert durch die Phasen, welche der Fall Demel während der letzten Woche durchlaufen hat. Man stelle sich vor, ein Magistratssekretär jüdischen Bekenntnisses — an sich schon eine Unwahrscheinlichkeit! — wäre