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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-01 · 27 (1.7.1904) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
27 (1.7.1904)
Date
1904-07-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 27 Dr. Blocb’s MiocdenscvrM. «eite 427 gewesen und wäre er schließlich von seinen Nachbarn auf dieselben wirtschaftlichen Schäden gebracht worden, dasselbe Schicksal erreicht; a b e r n u r d e m M o n o t h e i s m u s ist e s z u danken, wenn mit dem Staat nicht auch das Volk zugrunde ging. Neben dem noch lebenden P ar s i s das einzige große Beispiel der Konservierung eines Volkes ohne S t a a t s l e b e n. Diese Konservierung des Volkes wäre aber noch immer kein genügender Grund, ihm eine besondere Rolle in der Kulturgeschichte zu erteilen. Diese Rolle besteht vielmehr darin, daß es durch die I d e e n, die es schuf, das Bestehen e i n e r M e n s ch h e i t m ö g l i ch machte, daß es die Solidarität des Menschengeschlechtes g es ch a f f e n h a t, d a ß e s i m m e r n o ch ein Kämpfer gegen den Fetischismus ist und bleibt. Noch deutlicher vielleicht sieht man dies an der Entwicklung des alten Indiens. Trotz der weltflüchtigen theosophischen Lehre Buddhas ist das Volk dieses herrlichen, schönen, reichen Landes erstarrt im beschränkenden, tödtenden Kastengeist und die von Buddha gegründete ideale Religion ist in Wirklichkeit verkommen in Fetischismus und Dämonenkultus. Denn alles, was uns von den schönen und erhabenen Lehren Buddhas berichtet wird, ist in Wirklichkeit nur toter Buchstabe in den gelehrten Büchern und ohne jeden Einfluß auf Staats- und Wirtschaftsleben. Ich brauche nur zu erinnern an die geradezu kindische Verehrung der verschiedenen künstlich in Stein gehauenen Fußspuren, welche als Eindrücke der Füße Buddhas göttlich verehrt werden und die entstanden sein sollen in dem Momente, wo er den Gipfel der Vollkommenheit in Nirwana erreicht hat. Ich erinnere weiter an die alles niederdrückende Gewalt des Dalai Lama, des buddhistischen Papstes, der die 6. Inkarnation (Fleischwerdung) Buddhas darstellen solle und von dem alles Körperliche, selbst das Unappetitlichste göttliche Verehrung heischt. Für den Theologen ist die monotheistische Gottes-Idee Selbstzweck. Die Erkenntnis, das ihr der Welt und allen moralischen und physischen Einrichtungen den Ursprung verdankt, ist für ihn Hauptsache. Der Kulturhistoriker hingegen prüft alles auf den Wert, den es für den Fortschritt und das Wohlbefinden der Menschheit gehabt hat; und dieser Prüfung muß sich auch der Monotheismus unterziehen. Da ist es am nächsten, daß wir wiederum die alten orientalischen Völker mit denen vergleichen, welche den Monotheismus geschaffen haben. Wenn uns auch in den Gesetzen des Hamurabi, welcher übrigens nach Oppent nicht, wie Delitzsch behauptet, identisch ist mit dem Amraphel der Bibel, der ein Elamite war, ein System der bürgerlichen Gesetzgebung entgegentritt, in welchem noch eine gewisse Wertschätzung des Menschenlebens sich kundgibt, so war dies in der Götterverehrung und im Rechte des Königs ganz wertlos und Hekatomben von Menschen, namentlich Kindern, wurden den Göttern geopfert bis in eine ziemlich späte Zeit unter dem Einflüsse der alten semitischen, namentlich der alten babylonischen Götterlehre. Daß die Erzählungen der Bibel von den Opfern des Moloch historisch sind, beweist der Fund, welchen Professor Selin in der altkanaanitischen Stadt Taanak gemacht hat, wo um einen Altar der Astarte Krüge mit Kinderleichen aufgefunden wurden. Aus diesem selben Milieu gingen unsere Ahnen hervor und die Opferung Jsaks, die „Akedah", ist eine poetifche Verklärung des kulturhistorischen Vorganges, der zur Aufhebung der Menschenopfer geführt und sie durch Tieropfer ersetzt hat. Der kulturhistorische Wert dieser Reminiszenz würde auch dann nicht schwinden, wenn die Hypothese von Wellhausen richtig wäre, daß diese Darstellung erst zur Zeit der Propheten entstanden, in eine viel fernere Vergangenheit zurückversetzt wurde. Auch dann wäre die Beseitigung der Menschenopfer von der jüdischen Minorität zu einer Zeit geschehen, wo noch die gesamte Menschheit, die alten Griechen eingeschlossen, am Menschenopfer festhielt, die ja bei den Germanen und Kelten bis hart an die Grenze des Mittelalters fortgeführt wurden. Und der bei den Rörnern, Germanen und Slaven bestandene Gebrauch findet sich im Bolksbewußtsein, namentlich der germanischen und slavischen Völker noch heute und durch einen psychologischen Prozeß, den wir in der Völkerpsychologie öfter finden, werden Reminiszenzen aus der eigenen fernen Vergangenheit den andern, besonders den gegnerischen Völkern imputiert. Und das ist die eigentliche Wurzel des Ritualmord-Aberglaubens bei den heutigen germanischen und slavischen Völkern, die ja durch die Beimischung des gothischen Blutes zu den Spaniern und Griechen auch dort noch reichliche Nahrung finden. Allerdings hat die jüdische Minderheit diese Rolle der Aufklärung, die ihr die Menschheit zuerteilt, teuer genug be zahlt; oder wenn wir genauer sein wollen, sie ist dazu anserwählt und befähigt worden durch das unerschöpfliche Maß von Leiden, von Unterdrückung und Verfolgung, der sie von dein Momente an ausgesetzt wurde, wo sie aus einem Hirtenstamm ein ansäßiges Volk geworden ist. Das jüdische Volk stellt eine Auswahl im Sinne der Darwinischen Lehre dar. Dtlrch Kampf und mannigfache Schicksale zeigt Darwin iX'ii Untergang der minder widerstandsfähigen Wesen und das Erhaltenbleiben der lebensfähigeren, die Vervollkomninung der Lebewelt. Eine solch Selektion zeigt auch die Tierwelt. Und wie nicht die größten Tiere, sondern die anpassungsfähigsten sich erhalten haben, fr haben sich auch nicht die größten Reiche und Völker erhalten. Wie das Mammut und das Dinotherion auSgestorben, der Mensch aber sich erhalten und fortwirkt, so sind die großen asiatischen Reiche und Völker gestorben, das Judentum aber lebt. Durch Leiden ist das Judentum zu der Rolle gekommen, welche es als Lehrer der Humanität in der Geschichte gespielt hat und zum größten Teile noch spielt. Nicht u ui s o n st wird im jüdischen Schrifttum immer wieder dem Juden v o r g e h a l t e n, er sei verpflichtet, d e nt Fremdling u n d dem Bedrückten G e r e cht i g k e i t widerfahren zu lassen, Witwen u n d Waisen zu schütze n, denn au ch e r lv a r ei n Fremdling und ein Sklave im Lande Egypten und dazu habe ihn Gott hinausgeführt aus Mizraim, um ihn heilig, d. h. edel zu machen. Nur in diesem Sinne hat er immer das Wort vom „auserwählten Volk" verstanden. Und diesen Sinn hat a u cf) der e wige K a m p f d e s Propheten gegen den Götzendienst und für die Lehre vom einigen, unsichtbaren Gott. Ohne dieselbe wäre die Rolle des I u d e n t n m s als Lehrer der Menschheit schlechterdings undenkbar. Nicht aus theologischen, sondern aus rein kulturhistorischen Gründen hat der Monotheismus die veredelnde und erhaltende Rolle am Judentum gespielt. Allerdings ist nicht immer dem ganzen Volke die monotheistische Lehre in Fleisch und Blut übergegangen. Immer wieder und wieder treten neue Propheten, d. h. neue begeisterte Führer des menschlichen Fortschrittes zugleich als Vorkämpfer des Monotheismus auf. Immer wieder sinkt ein Teil des Volkes iit die Sitten der umgebenden Majorität zurück und von der Minorität ist es wieder nur eine Minorität, welche vorwärts strebt und den edlen Gehair der mosaischen Lehre erhält. (Schluß folgt. vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgefchichle. (Das Wohlleben d e r I u d e u. — T i e v e r j u d e t e W i s s erschuft. — T i e ui i u d e r w e r t i g c N a ) s e.) Wieder einmal sind cs die Verhältnisse und Zustände au der Wiener Universität, welche dem antisemitischen Heerbann und seinen publizistischen Vertretern den immer willkommenen Anlaß bieten, auf die Juden hinzuhaueu. In der Tat, es ist auf die Dauer ganz unerträglich geworden, wie die breite Masse der Antisemiten durch die Juden unterdrückt, terrorisiert, tyrannificrt,

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