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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-01 · 27 (1.7.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
27 (1.7.1904)
Date
1904-07-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 426 Dr. UBlocb s 'MocvenscdrlN. Rr. 27 Charakter. Um diese zu verstehen, wollen wir einen Blick auf die Entwicklung der semitischen Kultur überhaupt werfen. Sowie bei anderen primitiven Völkern, die wir noch heutzutage in Australien und Afrika auf einer tiefen Entwicklungsstufe antreffcn, gingen auch die ursprünglichen Semiten in ihren Ideen von dem aus, was das ganze Leben ausfüllt: D e m Kampf u m s D a f e i n und d i e F o r t p f l a n z u n g. Und da sie hiebei mit den Tieren in enge Beziehung traten, teils in feindlichem, teils in freundlichem Sinne, entwickelten sich bei ihnen jene religiösen Vorstellungen, welche mau wissenschaftlich Totemismus nennt: Verehrung einzelner Tierarten; leblosen Gegenständen, welche damit zusammenzuhäugen schienen, schrieben sie besonders feindliche und freundliche Kräfte zu. Nach einem portugiesischen, in Süd-Afrika gebräuchlichen Worte: Fetioao, nennt man sie Fetische und den Vorgang Fetischismus. Hier ist es nicht uninteressant, hinzuzufügen, daß der Fetischismus bei entarteten Individuen und Schichten weit vorgeschrittener Völker mit sogenannter reicher Kultur wiederkehrt. Dabei werden die Ahnen als gute oder drohende Geister des Lebens verehrt: Der Ahnenkultus, aus dem sich der Dämonen- Kultus entwickelt. Auf einer noch höheren Stufe hat ein Stamm oder Stammeshäuptling mehrere Stämme überwunden und sie samt ihrer Nachkommenschaft zu Sklaven gemacht.' Er und seine Sippe haben damit große Massen billiger Arbeitskräfte gewonnen, die sie für sich und ihren Haus-Fetischismus verwenden. Es werden große Fetische aus Stein gebaut, die Bilder der Ahnen. werden ausgestellt und ihnen große Gehäuse, Tempel gebaut, die durch die Kraft von Millionen Sklaven eine uns kaum verständliche kolossale Dimension annehmen. In allen großen Sklavenstaaten des Altertums war dies der Fall, in Indien, Kaschmir und Tibet, Persien, Babylonien, Assyrien, auch in den Inka- und Azteken-Staaten Mittel- und Süd-Amerikas. Diese waren nie zugleich Fetische für das gemeine Vplk oder den Sklaven, sondern nur des Königshauses und. allenfalls der bevorzugten Vasallen. Volk und Sklaven durften höchstens in entsprechender Ferne bleiben und behielten lange den allerprimitivsten Fetischdienst auf einer Stufe, wo er noch immer kein Symbol einer übersinnlichen Welt i st, sondern dar Gegenstand selbst ist mit Zauberkraft begäbt. Nur die oberste Schichte hat einen höheren Kultus, den der Dämonen und Ahnen. , . ■ Aus diesen haben sich die babylonischen Götter entwickelt, welche Gegenstand der Delitzsch'schen Vorträge sind. Es hat sich aber nie eine ethische oder philosophische Einheit daraus entwickelt, und wenn Delitzsch behauptet, daß die einzelnen Götter unter einem Hauptgott subsumiert werden, und darin den Kern zu einer in den höheren Kreisen eintretenden Umbildung zum Monotheismus erblickt, so hat er, wie ihm der Pfarrer Jeremias nachweist, die Zitate nur aus dem Zusammenhang gerissen; es kann kein Monotheismus entstehen, wo die Götter-Gestalten ein Geschlecht haben, wo es weibliche und männliche Gottespersonen gibt, sie tragen vielmehr den Charakter der Geschlechts-Fetische, und Dämonen-Spuren von solchem Fetischismus finden sich auch bei den Juden und die Bibel sucht es auch gar nicht zu beschönigen; sie sagt, daß der Vorfahre Abrahams, Terach, ein Götzendiener war, sie schildert die Verwandten Jacobs, wie Laban, als Fetischaubeter. und läßt Rachel bei ihrer Flucht die Fetische ihres Vaters wegtragen. Das Alte Testament stellt eine Sammlung der ältesten Schriftwerke des Judentums dar, die an verschiedenen Stellen ausbewahrt, im Laufe der Zellen zum Teil vernichtet und verloren waren durch die vielen Katastrophen, denen das jüdische Volk unterworfen war. Nach jeder Katastrophe wurden sie wieder gesammelt, ergänzt und abgeschrieben. Auf diese Weise entstand der zum Teil mosaikartige, zum Teil sich wiederholende Charakter der biblischen Schriften. Aber daran kann kein Zweifel sein, daß sie in letzter Linie auf der Tradition des jüdischen Volkes aus den ältesten Zeiten beruht. Für 'den K u l t u r h i st o r i k e r und Völkerpsychologen, sowie für den Anthropologen sind nicht die Schöpfungsgeschichte und die Geschichte von der Sintflut und den' ersten Menschen von solcher Bedeutung, w i e die G e s ch i ch t e. der U r- Väter. Denn von ihr aus geht der Charakter der jüdischen Kulturgeschichte als Minoritätsgeschichte. Schon Abraham wird bereits als Diener des ewigen Gottes, Gott als Richter der ganzen Erde hingestellt, und bezeichnend ist es, daß Abraham nicht in dem mächtigen Reiche der Kasdim (Assyrer) bleibt; und,, darin hat Delitzsch das-Richtige getroffen: gewiß zweigt sich der jüdische Stamm von dem großen Volke der Babylonier ab, gewiß nahm er eine gewisse Kulturhöhe von demselben an, aber nicht i m B e r e i ch e dieser fortschreitenden und deshalb auch degenerier e n d e n Kultur, läßt die Bibel Abraham die Lehre vom einigen.Gotte ausbilden, sondern er muß hinüber über den Euphrat. Als Nomade, a l s d a s Haupt e i n e s H i r t e n st a m m e s außerhalb des a s sy risch e n S t a a t s w e s e n s, wenn auch im Bereiche seinerKultur, läßterihn zur Erkenntnis d er E i n h e i t G o t t e s k o m m e n. Mächtige Staatsgebilde eignen sich nicht zu theosophischen Neubildungen. Die Genüsse einer verfeinerten Kultur, die Ansammlung von wirtschaftlicher Macht, welche die Befriedigung aller Wünsche und Leidenschaften so leicht macht, ist nicht geeignet, die Sehnsucht nach Erkenntnis von Dingen zu fördern, die den Lebensgenuß und die Macht nicht vermehren. Und wo in solchen Despoten-Staaten, üin solche handelt es sich, eine Gottheit machtvoll über die anderen Gottheiten herrscht, bedeutet dies nicht einen Ansatz zum Monotheismus, sondern der mächtige Gott ist eben der Gott des Königs, die anderen Dämonen sind die Dämonen des niederen Volkes. So finden wir diese außer bei den Assyriern auch in den Jnkastaaten, während in demokratisch regierten Staaten, wie in Griechenland, die Lokal-Gottheiten der Haine- und Berge und Inseln die Götterwelt darstellen, und nur spät zeigen sich die Ansätze zu einem ersten Gott wie Zeus und Jupiter,' Und auch da gebietet er nie machtvoll über die übrige Götterwelt. ’ ' . , Ganz anders entwickelt sich der jüdische Monotheismus. Seine höhere Stufe wird ihm. nicht durch die Könige' gegeben, sondern durch die demokratischen Volksführer, die Propheten, die den Königen entgegentreten als Anwälte der Witwen und Waisen, der Gedrückten und Armen. Dies war nicht möglich in einem gewaltigen nach Millionen Menschen zählenden Staatswesen, dies war nur möglich bei einem kleinen Volke, welches politisch weder durch Zahl noch durch Macht sich auszeichnete. Die assyrische Kultur hat gewiß in einzelnen ihrer Erfindungen fortgewirkt bis an den heutigen Tag. Unsere Einteilung des Jahres, die Maße und Gewichte sind assyrischen Ursprungs. Assyrien hatte ein fester gefügtes Staatswesen, beherrschte zeitweilig den ganzen Orient vom Indus bis an den Nil, zahlreiche Bauten und Denkmäler künden seinen Ruhm. Aber seine Kultur hat es nicht beabsichtigt, einer großen Masse von Menschen das Erdenwallen zu erleichtern, - sie beabsichtigte nicht, das geistige Leben der großen Masse zu erleuchten, die geistigen Kräfte derselben zu stählen und zu mehren; im Gegenteil, nur dadurch, daß die große Masse bar jeden menschlichen Rechtes blieb, daß ihr jede Erkenntnis versagt blieb, war es möglich, die große Masse von Muskelar b e i t z u gewinnen, welche die staunenswerten Werke aufrichten konnte, deren Ueberreste wir sehen. Und als . sich ein Mittelstand bildete, der Handels- und Industrie-Unternehmungen schuf, brachte es die große Masse nie auf die Stufe einer auch nur halbwegs freien Lohnarbeiterschaft, sondern neben landwirtschaftlichen Sklaven trat der Arbeiter-Sklave auf; und nur so erklärt' es sich, wie Franz Oppenheimer 'mit Recht nachweist, daß die Zerstörung des Staates auch zur Vernichtung des Volkes geführt hat, wie wir das später bei den Persern sahen, wie wir es bei den E g y p l c v it sehen und zum 'Teile auch 'bei den G r i e ch e n. Auch den Judenstaat hätte, wäre er resistenter

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