Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang XXI ’ä *ä*J Ißt. 27 Dp. Bloch’s Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. s. ft. Pofisparragrn-Arnk Clrsrins-Vrrkrhr Ar. 610.976. LrdsrNon und AdmwistraUon: wir» IX/1, VrrggaWe Ar. 39. Telephon Nr. 14.847. =* Wien, 1. Juti 1904. — >»» 4'!■ =m Erscheint jeden Freitag. - ■» <■ - Brief-Adresse: Wie», IX/1, Berggasse 39. Telegramm-Adreffe: Bloch's Wochenschrift, Wien. =m SrprgSPre!» pfar Srstrrrrtch: Halbjährig 8 Jtronen. Amrelexsmplare 50 Heller. Wr'» Koulimd: Halbjährig 10 Kronen, ganzjährig 20 » Anzeigen: Die4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. 3f= Inhalt: Leitartikel: Die Rolle der Minoritäten in der Kulturgeschichte. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Ein neuer Prophet. — Erkläret mir Graf Oerindur. — Josef Israels. — Korrespondenzen: Plenarsitzung des Knltusvorstandes. Eine Kredit- und Vorschuß-Genoffenschaft für den II. und XX. Bezirk. Wien, Olmütz, Berlin. Cohn contra. Kohn Die Ansiedlung der Juden in Ostafrika. Ein heldenmütiger Arzt. „Bewußte Unwahrheit". Die Juden in Persien. — -Vermischtes: Wien, Vöslau, Olmütz, Wieliczka. Aufruf. — Feuilleton: Jüdische Kulturbilder. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Die Rolle der Minoritäten in der Knttnrgeschichte. Von Salomon ben Meir. In unserer Zeit wird viel von den Rechten der Minorität gesprochen. Die Vertreter der Minderheiten sagen, sie wollen nicht untergehen in der großen Masse, sie wollen ihr eigenes Leben führen und die Majorität habe nicht das Recht, dieses zu bedrohen, weil der bloße Wille zur Existenz das Recht zur Existenz verleihe. Die Vertreter der Majorität aber entgegnen: Wenn die Minorität allen großen Zielen der Kultur hinderlich ist, so muß sie verschwinden. Und hinderlich sei jede Minorität in größeren! oder geringerem Grade. Denn Zweck des Daseins könne jeder am besten in der Majorität finden. Das Bestreben, die Minorität zu erhalten, sei einZeichen von Borniertheit, deren sich ein geistig hervorragender, irgendwie bedeutender Mensch nicht schuldig machen dürfe. Dem gegenüber entsteht nun die Frage: Hat wirklich die Minorität keine kulturgeschichtliche Rolle? Gilt für sie doch genau so wie für das Individuum der Satz: Du mußt herrschen oder untergeh'n, Mußt Hammer oder Amboß sein. Und hat die Majorität immer die Kultur gefördert? Um diese Frage zu entscheiden, ob die Minderheit kulturfördernd oder kulturhemmend ist, müssen wir uns zunächst orientieren, was wir unter Kultur verstehen sollen, und ob diese Art der Kultur, wie wir sie meinen, etwas ist, was für das Menschengeschlecht zu erstreben ist, mit einem Worte, ob es ein Gut im ethischen Sinne ist. Wir wollen dabei die Ethik, um sie möglichst allgemein zu halten, durchaus konfessionslos stellen und sagen: DieKultur ist einEntwicklungsvorgang, durch den eine möglichst große Zahl von Menschen ihr geistiges und körperliches Wohl für die ganze natürliche Lebenszeitbegründetsieht. Ich will nur gleich gestehen, daß diese Definition der Kultur gewiß nicht von allen angenommen werden wird. Es gibt viele, die als Anhänger Nietzsche's und seiner Philosophie es als Ziel der Kultur aufstellen, solche Menschen, und wären sie auch in Minderzahl, zu züchten, welche die hervorragenden Eigenschaften des Körpers und des Geistes in sich vereinigen, welche gx o ße Werke derKun st und Wissenschaft, derTechnikund der staatlichen Macht begründen, ja selbst solche, welche wie schöne und großartige Raubtiere ihre Jndividualitätdurch Taten des Schreckens gegenüber anderenMenschen zurGeltung bringen. Dabei mag der überwiegend größte Teil der anderen Menschen sich im Zustande des geistigen und körperlichen Druckes befinden, leiden und zugrunde gehen. Das Ziel der Menschheit, der Endeffekt aller Kultur ist erreicht durch diese Herren- oder Uebermenschen und durch ihre Herrenmoral. Wenn ich es mir zur Aufgabe gemacht hätte, die Existenzberechtigung einer Minorität schlechthin und um jeden Preis zu beweisen, so könnte ich nichts Besseres tun, als die Argumente Nietzsche's und seiner Anhänger hier noch einmal anzuführen. Aber so wollte esselbst Nietzsche nicht verstanden haben. Nietzsche hat einfach das, was imLaufe der Geschichte meistenteils eingetroffen ist, bestätigt und tatsächliche Verhältnisse gewissermaßen kodifiziert. Durch seine besondere Wertschätzung des Alten Testamentes gegenüber dem Neuen hat er bewiesen, daß er die Rolle der Minderheit und ihren Einfluß auf die Kulturgeschichte ganz anders versteht, daß erdie Ethik, wie sie im Alten Testament gelehrt wird, nämlich die durch selbsttätiges Beispiel der darin handelnden Personen, der mehr passiven vorzieht, wie sie im Neuen Testament durch Sitten spräche und Vertröst ungen auf ein künftiges Reich gegeben wird. In Wirklichkeit ist die Geschichte der Juden des assyrischen Zeitalters, in dem die Erzählungen unserer Bibel spielen, eine solche, wie wir sie verstehen, die eigentliche Tätigkeit einer Minorität im Rahmen einer großen Kultur von Nietzsche'schem