Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 422 Dc. BlocD s Mocvenscbntt. Nr. 26 höchsten Kreisen gewesen. Er war es, der die oberwähnte Petition überreichte, so wie er auch den Vorschlag der Juden des Süroser Komitates unterbreitete, die Zinsen des „ungarisch-israelitischen SchulfondeS" für „verwundete Krieger" zu verwenden! Und so vertrat er auch die Sache des hiesigen Rabbiners beim k. k. Kultusminister in Wien, wohin derselbe klagend sich gewendet hatte. Auch von anderer Seite machten sich Einflüsse geltend, die auf einzelne Mitglieder des Vorstandes wirken wollten. So schrieb ein Herr B e t t e l h e i m aus Preßburg an den Präses unserer Gemeinde, seinen Neffen: „Wenn der Almemor verrückt wird, so kommt dann Chorgesang und die Abschaffung der reichhaltigsten Piutim, und so sehen wir unsere Brüder in d e n W u n d e n i h r c r U nwissenheit verbluten." Ein Schwiegersohn des Rabbiners, selber Rabbiner, ermahnt den Vorstand: „Sie haben Weiber, Sie haben Kinder — o, wie kann Gott den nagenden Wurm dieses greisen Mannes heben und i 11 Ihrer Brust beherbergen!" Das alles half nicht: auch der Wurm, der sich eine Herberge suchen könnte, verfing nicht. Der Tempel wurde nach dem Willen des Vorstandes erbaut. Ein fernerer Grund des Konflikts zwischen Gemeinde und Rabbiner war die 1859 gegen den Willen des Rabbiners erfolgte Ausnahme eines Rabbinatsassessors, Oberlehrers und Predigers. Die Wahl war eine unglückliche, weil der Mann sich zum Werkzeug gegen den Rabbiner brauchen ließ. So vollzog er eine Trauung im Tempel ohne Erlaubnis des Rabbiners, und als er zum zweiten Male es versuchen wollte, da inszenierte die fanatisierte Menge einen solchen Exzeß, daß der Oberlehrer von der Estrade verjagt wurde und Rabbiner Frieden nahm dann, nach vorausgeschickter Erklärung, daß er in einer Zwangslage sei, die Trauung vor. Im Jahre 1861 aber trat im hiesigen Gemeindeleben eine vollständige Wendung zum Besseren ein. In diesem Jahre wurde mit dem politischen System der „Rechtsverwirkung" gebrochen, der ungarische Reichstag ein berufen und die drückenden Fesseln des Absolutismus werden mit stürmischem Jubel abgeschüttelt. Zu diesen Fesseln gehörte auch — der jüdische Gemeindevorstand in Komorn, den der königliche Kommissär aus eigenerMachtvollkommenheit eingesetzt und viele Jahre im Amte belassen hatte. Wohl waren es die intelligentesten und vornehmsten Männer der Gemeinde, aber es war ein „Octroi", ein Zwang, und den erträgt am allerwenigsten ein Jude gern. Bei der Neuwahl wurden daher diese Männer alle wie von einem Sturme hinweggefegt und Männer aus der Mittelklasse traten an ihre Stelle. Und siehe! — Alle die syn - agogalen Neuerungen wurden nun mit Z ustimmung des Rabbiners durchgeführt, nur e i n Mann fiel zum Opfer — der Oberlehrer, dem gekündigt wurde, und es wurde — im Einverständnis mit dem Rabbiner — ein Konkurs für einen Rabbinats-Assessor, Prediger und Schuldirektor mit dem Jahresgehalt von fünfhundert Gulden, freier Wohnung und Emolumenten ausgeschrieben, um welchen Posten ich mich bewarb. Wie man sieht, war der Boden, den ich betreten wollte, ein vulkanischer und war jeden Moment eine Eruption zu befürchten. Am 20. Dezember 1861 kam ich zur Probepredigt. Mein erster Gang war zum Rabbiner und meine erste Frage war, ob der Konkurs mit seiner Zustimmung ausgeschrieben wurde, da ich sonst sofort die Rückreise antreten würde. Mit sichtbarem Vergnügen bejahte er die Frage, wie er überhaupt mich sehr liebevoll behandelle. Ich sollte nun dem Vorsteher meine Aufwartung machen, aber da bedurfte ich eines ortskundigen Führers, denn der wohnte in einer entlegenen, iveltvergeffenen Gasse, wo er ein Wirtshaus hatte. Er war nicht zuhause und die Frau empfing mich in der Schänke, wo ich wartete und Zeit hatte, darüber nachzudenken, warum denn die Komorncr Gemeinde das Präsidium so weit ab von der Stadt und in ein Wirtshaus verlegt habe. Aber als der Vorsteher nachhause kam, da fand ich in ihm einen intelligenten, welterfahrenen Mann; er war Honvedhauptmann und Kommandant, der Peterwardeiner Festung gewesen und — die Gemeinde bedurfte damals eines strammen Kommandanten. Meine Predigt, in deren Rahmen ich auch eine talmudische Abhandlung fassen zu müssen glaubte, gefiel. Nur einer von den Malkontenten bemängelte, ich sei zu wenig gemessen und würdevoll zur Kanzel gegangen und zu rasch zurückgegangen; ein anderer, daß ich nicht lange genug vor der heiligen Lade gestanden; alle aber fanden, daß die Predigt zu kurz gewesen; sie waren an 2—3stündige Reden gewöhnt. Als ich aber aus Wunsch des Vorstandes am folgenden Sabbat eine zweite Predigt hielt, da habe ich den Fehler recht gründlich gut gemacht, ich sprach — am 29. Dezember — bei grimmiger Kälte, volle anderthalb Stunden. Die Leute tanzten — vor Kälte — ich aber nahm an: vor Entzücken, und sprach weiter! Nun hatten sie genug und ich wurde Sonntag auf sechs Jahre ausgenommen mit der Klausel, daß ich tausend Gulden Pönale zahlen nüisse, wenn ich innerhalb dieser Zeit meine Stellung verlassen sollte. Nur der abgetretene Vorstand — die Elite der Gemeinde — samt seinem Anhang schmollte und verhielt sich passiv. Am 7. Mai 1862 trat ich mein Amt an. Vor der Stadt erwartete mich die ganze Gemeinde: ich fuhr in Begleitung von zwei alten, angesehenen, talmudkundigen Männern zum Gemeindehause, wo die Begrüßung stattfinden sollte. Da angekommen, sagte ich zu meinen Begleitern: „Vor Allem muß ich zum Rabbi hineingehen, um ihn zu begrüßen." „Wozu auch? Ist gar nicht nötig" sagten die Herren; „er wird schon selber zur Sitzung kommen." Ich ließ es mir aber nicht wehren, und so betrat ich, von ihm begleitet, den Sitzungssaal. Die Schmollenden eroberte ich mir durch eine Trauungsrede. Eine arme, Vater- und mutterlose Waise trat unter den Trauhimmel und ich sprach der Situation entsprechend, mit der bei solchen Anlässen sehr wohlfeil zu erzielenden Wirkung, daß ich vom lauten Schluchzen des weiblichen Geschlechtes oft unterbrochen wurde! Und vom Prediger gilt das Wort: Wer die Weinenden auf seiner Seite hat, der hat gewonnenes Spiel. Am darauffolgenden Sabbat kam die ganze Partei, über dreißig Personen stark, mich zu begrüßen — der Friede war hergestellt. Ich legte den Schwerpunkt meiner Tätigkeit aus die jüdische Volksschule, in der ich auch einen Talmudkurs eröffnete. Der Rabbi verbrachte den größten Teil des Sommers im Bade und ich vertrat ihn im Amte. Eines Tages erhielt ich vom Stadtmagistrate eine Einladung, zur Abnahme eines Eides im Amtslokale zu erscheinen. Damals war in Ungarn die Justiz von der Kommunal-Verwaltung nicht geschieden und die Verwaltungsbehörde im Komitate und in der Stadt übte bis 1873 auch die Gerichtsbarkeit aus, und wenn ein Jude einen Eid ablegen sollte, so mußte der Rabbiner kommen, um ihn zu admonieren, ihm die Heiligkeit des Eides ans Herz zu legen und ihm die Eidesformel vorzusagen, welche noch Verböczy im Jahre 1514 formuliert hatte. Das war der Eid mors j u d a i c o, der als gelber Fleck dem Juden bis in die neueste Zeit an geheftet blieb. Sonst schickte immer der Rabbiner den Schächter zur Erfüllung dieser Formalität. Ich aberging selber. Ich bat um die Eidesformel und diese lautete: „Ich N. N., Jude, schwöre .... und wenn ich schuldig bin, somögedieErde michverschlingen, wie sie Dathan und Abiram verschlungen hat, und wenn ich schuldig bin, so möge Aussatz mich bedecken, wie er N a a m a n bedeckt hat" — und so noch eine ganze Reihe von haarsträubenden Flüchen und Verwünschungen.