Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 26 Dr. Mocb's MocdenscbrM. Seite 421 Feuilleton. Alle Rechte vorvehalken Indische Knltnrdilder. Bo» Dr. Armin Schnitzer, Oberrabbiner in Komärom. (Fortsetzung.) Das erste in einem Klostergebäude (!) befindliche Bethaus hatte sich für die zunehmende Gemeinde als zu klein erwiesen und man mußte zum Bau eines neuen Gotteshauses schreiten, dessen Kosten von dem Erlöse für die Sitzplätze gedeckt werden sollten. Nun stellten aber die Inhaber der Sitze im alten Bethause die Forderung, daß sie ihr Eigentumsrecht auf dieselben auch im neuen Gotteshause behalten sollen, während die anderen Gemeindemitglieder dieses Recht bestritten. Die Parteien einigten sich dahin, dem Aussprache eines aus drei Rabbinern bestehenden Schiedsgericht sich zu unterwerfen und da finden wir auf dem auch vom Stuhlrichter bestätigten „C o n f r a m i s" (Kompromiß) 51 Unterschriften. Wenn wir die „Chuzzim", d. i. die nicht inkorporierten Mitglieder und die Abwesenden hinzurechnen, so können wir annehmen, daß hier im Jahre 1802 schon mindestens siebzig Familien wohnten. Die Mitglieder des Schiedsgerichtes waren: Der hochberühmte Rabbi D a v i d D e u t s ch, in der Talmudliteratnr bekannt als Verfasser des „Ohel Duwid", damals Rabbiner in D u n a - S z e r d a h e l y, der, nebenbei bemerkt, müde der Chikanen und Anfeindungen seitens der Gemeinde, eines schönen Morgens mit dem Talisbeutel in der Hand, zu Fuß den Ort verließ und nach K o m o r n k a m, wo er nach einigen Wochen von der W a g - N e u st a d t l e r Gemeinde zum Rabbiner gewählt wurde; ferner der Rabbiner der Nachbargemeinde O-Gyalla, der aber während der Verhandlung mit Tod abging, und der dritte war der vorzügliche Talmudgelehrte Abraham F r e y st a d t l, der zwei Jahre darauf (1805) zum hiesigen Rabbiner gewählt wurde, nachdem der e r st e Rabbiner, R. E i s i k Lok in dem genannten Jahre gestorben war. Er wirkte segensreich bis zu seinem am 27. Juli 1830 erfolgten Ableben. Sein Nachfolger im Amte war Rabbi Pinches Löb Frieden, mit dem ich elf Jahre zusammen fungierte. Rabbi Frieden, geboren in Bonyhad am 17. September 1802 als der Sohn des dortigen Rabbi-Assessors Moses Frieden, war ein Abkömmling rabbinischer Autoritäten. Sein Großvater war der Leipniker Rabbiner Jeremias Frieden und sein Urgroßvater R. Götschlik Wannefrieden, Rabbiner in Kunitz. Im Alter von 21 Jahren hat er, wie er in der Vorrede zu seinem agadischen Werke erzählt, in Begleitung seiner Mutter eine Prediger-Tournöe durch Ungarn, Mähren und Böhmen unternommen, und nach dem Tode seines Vaters trat er an dessen Stelle in Bonyhad. Am 12. September 1831 trat er hier sein Amt an. Ueber die näheren Bedingungen der Aufnahme, als: Gehalt, Trauungstaxe und Sportel, findet sich keine Aufzeichnung im Gemeinde-Archiv. Der erste Gegenstand in dem ersten, im Jahre 1837 angelegten Protokoll ist die „Beisteuer", welche der Vorstand auf das Ansuchen des Rabbiners ihm am 25. Dezember für das laufende Synagogenjahr 5598 bewilligte. Diese „Beisteuer" war: „Drei Zentner Semmelmehl, — Ein Zentner Mundmehl, — Zwei Klafter Holz, — Zehn Pfund Kerzen, — Ein Zentner Fleisch, endlich Kaffee und Zucker für zehn Gulden." — Es scheint, daß der Vorstand den Rabbiner unter eine wohlwollende Kuratel setzen zu müssen glaubte, damit die „Rebbezin" das Baargeld nicht zu andern Dingen verwende und der arme Rabbiner Hunger leide. Zwei Jahre später ersuchte der Rabbiner den Vorstand um Einberufung sämtlicher Gemeindemitglieder. In dieser Versammlung klagte er, daß er mit dem Gehalte sein Auskommen nicht finden könne, und die Versammlung votierte ihm eine Gehaltsaufbesserung von fünf Gulden Wiener Währung, also 4 Kronen 40 Heller auf die Woche, jedoch nur für drei Jahre unter der Bedingung, „daß er innerhalb dieser 3 Jahre um eine weitere Gehaltserhöhung nicht einkommen dürfe". Auf dem Protokolle sind 70 Unterschriften." Nur einen einzigen Tag in seinem Leben war Rabbiner Frieden ein reicher Mann! Die Mitglieder seiner Gemeinde beschenkten ihn mit einer Freigebigkeit, wie noch nie zuvor und sonst auch niemals mehr.... Wer noch nie „sein Balbüs" gewesen, schickte ihm wenigstens einen Fünfziger, und Hunderter gab es die Menge! Es war das am Rüsttage des Jomkipur 1849 nach der Uebergäbe bei V i l ä g o s und die Hunderter und Fündiger waren — Kossu t finale n gewesen, die man Tags darauf zum Verbrennen in die Festung tragen mußte! Der arme Rabbiner war nun noch ärmer als zuvor, weil ihm der Erew Jomkipur, auf dessen erhoffte Einnahme hin die „Rebbezen" ihren ganzen Kredit in Anspruch genommen hatte, leider die traurige Enttäuschung brachte. Auch in meinen Zeiten noch scheint kein Geldüberfluß in dessen Hause gewesen zu sein. Er nahm immer Vorschuß auf einige Wochen hinaus; er bezog nämlich ein Wochengehalt! Einmal, Chanuka, machte ich beim Gemeindekaffier einen Kondolenzbesuch und sah auf dem Tische die Quittung des Rabbiners, datiert vom Wochenabschnitte „Beschalach", der erst sechs Wochen später gelesen wird. „Wie??!" fragte ich verwundert, „geht denn diese Woche Beschallach". „Nun, wenn's der Rabbiner schreibt, so geht gewiß diese Sidra." Ich ließ den Mann dabei, aber mit Ende jedes Synagogenjahres wurde dennoch glatte Rechnung gemacht, und — es begann eine neue Sidra — die Sidra „Bereschis" (Am Anfänge). Auch Rabbiner Frieden blieben die schweren Kämpfe nicht aus; auch in seinem Leben stürmte und tobte es gar gewaltig; denn auch an den Pforten seiner Gemeinde hatte der Geist der neuen Zeit mit dröhnender Macht gepocht und Einlaß gefordert; und auch da war es der A l m e m o r, der zur Ouelle der „Mischputim" (Prozesse) geworden. Im Jahre 1856 wurde nämlich der Beschluß gefaßt, ein neues Gotteshaus zu erbauen, und sofort tauchte die „Almemor- und Gitterfrage" auf. Hier aber war der Kampf ein viel heftigerer als in Miklös, weil erstens die konservativen Elemente hier viel turbulenter waren, anderseits war es die Zeit der allgemeinen Reaktion, die Zeit, in der das Konkordat in Blüte stand, wo jede fortschrittliche Regung auch auf jüdischreligiösem Gebiete als „revolutionär" perhorresziert wurde. Haben doch 42 jüdische Gemeinden Ungarns am 4. April 1851 eine Petition um Schutz der Orthodoxie an den Stufen des Thrones niedergelegt, in welcher sie die d y n a st i s ch e Treue ausschließlich den alten gesetzestreuen Juden vindizieren und sagen: „Es war nicht ein orthodoxer Jude, auch nicht ein einziger, der nicht die letzte revolutionäre Katastrophe mit tiefem Abscheu innigst bedauert hat; in der gefährlichsten und wahnsinnigsten Stunde der Empörung haben es die alten Juden nicht unterlaßen, dem Allmächtigen für die Erhaltung ihres durchlauchtigsten Kaiserhauses flehentlich anzurufen." (Heute würde keine einzige dieser Gemeinden das unterschreiben.) Das war die Luft, die in den Fünfziger-Jahren „oben" wehte, und Rabbiner Frieden, eine sonst sehr gutmütige, passive und friedfertige Natur, wurde in seinem Widerstande durch auswärtige Elemente bestärkt, welche jede synagogale Neuerung energisch bekämpften. An der Spitze dieser Elemente stand der Hofwechsler Ignatz Deutsch, der damals persona gratissima in den