Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 26 JD’c Vlocv's Wocbenscbritt. Seite 419 Bitten und logische Vorstellungen verlorene Liebesmühe, und nur die Drohung, Gewalt mit Gewalt zu vergelten, könnte ihn einigermaßen zur Vernunft bringen. Moskau. (Wolf W i s f o tz k i's Vermächtnis.) Der am 26. Mai in Moskau verstorbene jüdische Philanthrop K. W- Wissotzki hat sein gesummtes Privatvermögen in Höhe von einer Million Rubel unter gewissen eigenartigen Bedingungen dem jüdischen Volke vermacht. Das in Staatspapieren und in Anteilscheinen der großen Teegesellschaft K. Wissotzki u. Ko. bestehende Kapital soll in Beträgen von je 20.000 Rubel jährlich realisiert werden. Alle 5 Jahre tritt das Kuratorium zusammen, um über die Verwendung der inzwischen realisierten 100.000 Rubel zu beschließen. Zu Kuratoren wurden testamentarisch bestellt der Schriftsteller Ascher Ginzburg (Achad Ho'om), der Moskauer Kronrabbiner Hasje und der ehemalige Direktor der Moskauer Internationalen Bank, Herr Schmelkes. Herr Achad Ho'om weilt zur Zeit in Moskau, um mit den Erben Wissotzki's über das große Vermächtnis das Nähere zu besprechen. Ein gleiches, erst nach vielen Jahren realisierbares Vermächtnis hat der Verstorbene schon bei Lebzeiten und zwar bereits im Jahre 1885 der Pariser Alliance hinterlassen. Damals hinterlegte er bei dieser Gesellschaft 10.000 Francs mit der Bestimmung, Kapital und Zinsen nicht eher anzutasten, bis die 10.000 Francs im Laufe der Jahrhunderte sich durch Häufung von Zins und Zinseszins auf 250,000.000 ausgewachsen haben. Mit diesem Gelde solle dann eine hebräische Universität errichtet werden. Inzwischen kam die Zeit dem Testator selber etwas zu lang vor, denn er begann einige Jahre vor seinem Ableben das Kapital durch eine Zuwendung von monatlich 1000 Rubel lebhaft zu vergrößern. Leider hat Wissotzki nicht lang genug gelebt, um die 10.000 Francs selber künstlich auf die gewünschte Höhe von 250 Millionen zu bringen. Es gelang ihm nur den Fond für die hebräische Universität auf 700.000 Francs emporzuschrauben. Von da bis 250 Millionen ist freilich noch ein sehr weiter Weg, allein schon unsere Väter haben gesagt: ..Io olecho hamlocho ligmaur“ (Dir liegt es nicht ob, die ganze Arbeit zu vollenden). Vielleicht finden sich noch jüdische Philanthropen, welche den Fond für eine hebräische Universität, zu der Wolf Wissotzki den Grundstein gelegt hat, noch weiter vergrößern helfen werden. Gegenwehr. In der neuesten Nummer der in London erscheinenden Zeitschrift „Free Russin" werden interessante Mitteilungen darüber gemacht, warum es während der letzten Osterseiertage nicht, wie man mit gutem Grund behauptet hatte, zu neuen Judenhetzen — diesmal in Odessa — gekommen ist. In Charkow, Kischenew, Jelisawetgrad, Nikolajew und Odessa waren für Ostern Judenhetzen vorbereitet und namentlich in Odessa war die Lage so bedenklich geworden, daß der Bürgermeister den Präfekten darauf aufmerksam machte. Diese Vorstellungen hätten aber nicht viel geholfen, wenn nicht bekannt geworden wäre, daß die beiden russischen revolutionären Parteien — die revolutionären Sozialisten und die Sozialdemokraten, sowie der jüdische „Bund" ein Bündnis zu gemeinsamer Abwehr abgeschlossen hätten. Die Zionisten arbeiteten getrennt. Die organisierte Macht der Verbündeten soll 1200 Mann betragen haben, davon mehr als die Hälfte Christen, zumeist Odessaer Arbeiter. Die Vertreter dieser Grichpen erklärten, daß sie, falls die Behörden und das Militär eine ebensolche Haltung wie im vorigen Jahr in Kischenew einnähmen, die Regierungsgebäude, Polizeistationen u. s. w. zerstören würden. Da wurden die Behörden stutzig und boten alles auf, um eine Judenhetze in Odessa zu verhindern. Die Wirkung machte sich in allen anderen Städten geltend. Der Umschlag erfolgte so plötzlich, daß die jüdische Bevölkerung sich ihn gar nicht erklären konnte. — So weit das genannte Blatt, dessen Angaben sich unserer Nachprüfung entziehen. New-Aork. (Zur Ei nw a nd e r u n g s fr a g e.> Der im Gebäude der „Hebrew Charities" an der Ecke der 2. Avennue und 21. Straße tagende Nationalkonvent der israelitischen Wohltätigkeits-Organisationen beriet eingehend die Einwanderungsfrage. Der erste Redner Simon Wolf von Washington, Präsident vom dortigen B'nai Berith, griff aus den kürzlich verlesenen Bericht über „Vorbeugendes Wirken" zurück und sagte, daß noch vor zehn Jahren unter den Israeliten hiervon nicht die Rede zu sein brauchte. Herr Wolf beklagte die jetzt in Europa wie auch in diesem Lande beginnende Bewegung gegen jüdische Einwanderung und erklärte, daß die Frage israelitischer Einwanderung nicht zu einem Spielball der amerikanischen Politik gemacht werden dürfe. Der Jude verlange hier, wie jeder andere amerikanische Bürger, daß in der nationalen Politik nur nationale Fragen in Erwägung gezogen würden. Religiöse Ueberzeugungen Eingewanderter könnten in keiner Weise als Nationalaffairen gelten. Die Uebersiedlung von Juden aus den übervölkerten Distrikten New-Aorks halte er ebensowenig sür eine Frage jüdischer Politik, wie er die Entsendung von Leuten anderer Nationalitäten aus gleichermaßen überfüllten Zentren für eine Sache halte, die nur die betreffende Nationalität anginge. Er sei der Ansicht, daß die sanitäre Wohlfahrt des ganzen Gemeinwesens in der Umsiedlungsfrage ebensosehr interessant sei, wie irgend ein Teil der Bevölkerung solcher Zentren im Besondern. David M. Breßler, der Leiter des industriellen Umsiedlungs-Bureaus in New-Iork, erklärte, daß die Lösung des Problems, dem sein Bureau gegenüberstände, noch in so weiter Ferne sei, daß er bezüglich des endlichen Erfolges keine Versprechungen machen könne. Was geschehen sei, habe gute Resultate gehabt, aber um gründlich erfolgreich zu wirken, müßten die kleineren Gemeinden ihre Mitwirkung leihen. „Zurück zur Scholle" sei die Doktrin, die dem ungewandten Arbeiter gepredigt werden müsse, wenn die übervölkerten Distrikte entlastet und die neu hinzukommenden Scharen sür die Landwirtschaft gewonnen werden sollten. Max Senior, Präsident der „United Jewish Charities" von Cincinnati, sagte, er wundere sich gar nicht, daß die New-Aorker Tenement-Distrikte so übervölkert seien, da New-Aork dem Einwanderer eben mehr Aussicht biete, als landwirtschaftliche Zentren. Erleichterte Berkehrsbedingungen könnten Wohl die Verhältnisse ein wenig beffern, aber immerhin noch nicht in nennenswertem Umfange. Das beste Mittel, um Einwanderer von New-Aork wegzulenken, könne seiner Ansicht noch in der Gründung von jüdischen Zentren in anderen Städten gefunden werden, die diese Oertlichkeiten sür Arbeitslustige anziehend machten. Aehnlich äußerten sich Bernard Ginsberg und Rat. Straus von New-Orleans, indem sie davon sprachen, was bei ihnen geschehen sei, um Zuzügler von New-Aork zu bewillkommnen. Herr Straus erzählte, in New-Orleans hätten sie nach einem Plane verfahren, der so wirksam sich erwiesen habe, daß von einer kürzlich dort angefiedelten Kolonie von 200 israelitischen Familien aus Rußland nicht eine einzige Person aus der Armenliste stehe. Der Plan bestehe darin, den Zuzüglern zu Helsen, sich aus eigene Füße zu stellen, ihnen dann aber zu verstehen zu geben, daß sie arbeiten müßten, wenn sie nicht verhungern wollten. Reverend Isidor Rosenthal, Präsident vom B'nai Berith in Lancaster, Pa., sagte, die Arbeit des Umsiedlungs- Bureaus müsse schon auf Ellis Island beginnen. Das New- Iorker Bureau versuche, zu viel zu tun: es sei nicht die Menge, sondern die Qualität der Umgefiedelten, die den Erfolg bezeugten. „Wir in den kleineren Orten und Städten", so sprach der Redner, „sind bereit, zu tun, was wir können: aber ihr müßt uns auch Leute schicken, denen noch geholfen werden kann, keine Unwürdigen und Untauglichen. Solchen nützt die Verschickung von New-Iork nichts, und auch sür d'e Sache ist dadurch nichts gewonnen. Wir haben keinen Armen in unserem Orte. Wir haben eine jüdische Wohltätigkeits-Organisation mit einem jährlichen Einkommen von 1000 Dollars, aber 100 Dollars können wir nicht wegwersen. Wir haben mehr als 200 Familien, die sich alle selbst erhalten und alle auch bereit find, irgend einen ihrer orthodoxen Glaubensgenossen zu Helsen, sofern er bereit ist, sich selbst zu Helsen."