Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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?eite 418 Dr. Blocb’s THUocbenscbrtft. Nr. 26 Ein Schreiben des früheren Kultusministers Saenger. Vor wenigen Monaten wurde die Petersburger Gesellschaft durch einen plötzlichen Wechsel in der Leitung des russischen Ministeriums für Volksaufklärung überrascht. Der bisherige Kultusminister Saenger wurde nach kaum zweijähriger Amtstätigkeit nicht nur Knall und Fall verabschiedet, er wurde gegen alle bis dahin in Rußland entlassenen Ministern gegenübergeübte Gepflogenheit nicht einmal zum Mitgliede des Staatsrates ernannt. Man wußte zwar, daß Saenger der kleinen, übermächtigen von Pobedonoszew, der Kaiserin-Witwe und Herrn v. Plehwe geführten antisemitischen Partei immer ein Dorn im Auge war, da er ihr noch nicht genug judensrcfscrisch schien. Der Haß der Antisemiten allein erklärte aber noch keineswegs die überstürzte und überaus ungnädige Entlassung, welche bis dato ein nicht genügend aufgeklärtes Rätsel blieb. Jetzt bringt die in Stuttgart erscheinende, sehr gut unterrichtete liberale „Oswoboschdenie" einiges Licht in diese dunkle Affaire. Es stellt sich heraus, daß Exminister Saenger außer dem Haß der Antiscmiten sich auch noch den Unwillen der russischen Militärpartei, namentlich aber den des allmächtigen Kuropatkin zugezogen hat. Der edle Marschall Rückwärts, den der Berliner Börsenwitz „Kuroki-packt-ihn" nennt, ist, wie bekanntlich alle russischen Militärs, ein wütender Judenfresser. Eines Tages fiel es ihm nun ein, allen Judenabkömmlingen den Eintritt in die militärischen Erziehungsanstalten zu verbieten. Wohlgemerkt, nicht etwa bloß den Juden, was bei einem Kuroki-packt-ihn selbstredend wäre, sondern auch den Abkömmlingen von einer Reihe von Generationen getaufter Juden soll der Eintritt in die Kadettenanstaltcn und somit der Zutritt zur militärischen Karriere gesperrt bleiben. Der hochgelahrte Großfürst Konstantin Konstantinowitsch gab als Chef aller militärischen Erziehungsanstalten dem Projekt seine freudige Zustimmung. Es fehlte noch die Einwilligung des Kultusministers, welcher sie jedoch in folgenden authentischen Schreiben verweigerte: Ministerium für Volksauftlärung, Departement der allgemeiner: Angelegenheiten, den 23. November 1903. Nr. 36/509. An den Herrn Kriegsminister? In der Meldung vom 12. d. M. sab Nr. 142 haben Ew. Exzellenz die Güte gehabt, meine Ansicht über einen auf Beschluß des Kriegsrates dem Staatsrate vorzulegenden Gesetzentwürfe hören zu wollen, wonach der Uebergang zum Christentume den Juden noch nicht das Recht zum Eintritt in irgend eine militärische Erziehungsanstalt gewährt. Anläßlich dessen erachte ich es für meine Pflicht, Ew. Exzellenz zu benachrichtigen, daß ich nicht in der Lage bin, mich zugunsten dieses Projekts auszusprechen. Dasselbe würde einerseits einer offiziellen Verleugnung der geheimnisvollen Wirkung der heiligen Taufe gleichkommen, andererseits aber würde eine solche Maßregel in unserer Gesetzgebung ein ganz neues Prinzip einsühren, durch welches die Rechte des einzelnen ruffischen Untertans an eine bestimmte Abstammung geknüpft werden. Nach Proklamierung eines solchen Prinzips würde es unverständlich bleiben, wie die allgemeine Wehrpflicht noch auf die Juden angewendet werden kann. Gcz. Der Minister für Volksausklärung Saenger. Der Departementschef Rachmaninow. Inzwischen hat die Anwendung der allgemeinen Wehrpflicht auf die Juden in überaus weitem Umfang stattgefunden. Derselbe Kuropatkin, der die Juden bis ins zehnte Geschlecht rechtlos machen möchte, hat nunmehr weit über 20.000 Juden unter seinem Kommando und ist sehr auf die Tapferkeit und den Patriotismus derselben angewiesen. Kultusminister Saenger ist aber, weil er es sehr schüchtern gewagt hat, für die Juden und gegen denselben Kuropatkin einzutreten, mit Schimpf und Schande aus dem Amte gejagt worden. Das von ihm bekämpfte Gesetz ist inzwischen soweit gediehen, daß es allerdings erst nach Beendigung des Krieges bestimmt in Kraft treten wird. Denn „die geheimnisvolle Wirkung der Taufe" scheint bei den Juden auszubleiben, und so bleibt der russischen Regierung nichts weiter übrig als „das Recht des Staatsbürgers an eine bestimmte Abstammung zu knüpfen". Odessa. (O b e r b ü r g e r m e i st e r S e l j o n n i an Herrn v. P l e h w e.) Kurz vor den diesjährigen russischen Ostern tauchte bekanntlich in der gesamten europäischen Presse das bestimmte Gerücht über bevorstehende Judenkrawalle in Südrußland, speziell in Odessa auf. Wie sehr dies Gerücht begründet war und welcher Gefahr die Juden von Odessa, Kischenew und Nikolajew entgangen sind, beweist ein Schreiben des Stadtoberhauptes von Odessa, P. Seljonni, an Herrn v. Plehwe, welches jetzt im Wortlaute bekannt wird. Das vom 18.—30. März datierte Schreiben beginnt mit einer Schilderung der von der „Nowoje Wremja" des Herrn Suworin und der (inzwischen eingegangenen) „Snamja" des Ehrenkruschewan in Odessa betriebenen forzierten Judenhetze. Danach ist der edle Kruschewan Ende Februar mit einem ganzen Heer von Trabanten in Odessa erschienen, um da sein Blättchen „Snamja" in Zehntausenden von Exemplaren zu verbreiten. Auf den Straßen, in Hotels und Restaurants, in Laden und in den Zeitungspavillons wurde das Blatt dem Publikum aufgedrängt, ja selbst als Wurst- und Käsepapier bei demselben eingeschmuggelt. Dann heißt es in dem Schreiben wörtlich: Das Volk reißt sich um die „Snamja", ihr bluttriefender Inhalt wird lebhaft diskutiert . . So wird der Pöbel mit dem Gift des Aufruhrs und des Krawalls bis zur Uebersättigung gefüttert. Schon spricht man von dem zu Ostern bevorstehenden Judenkrawall als von einer feststehenden Tatsache, schon werden alle Vorbereitungen dazu ganz ungeniert auf offener Straße betrieben. Dieselbe Katastrophe wie in Kischenew wird von demselben Kruschewan jetzt für Odessa vorbereitet. Auf den Straßen tauchen in kleinen Gruppen von 20 bis 30 Mann sehr verdächtig aussehende Gestalten auf, welche angeben, nach Odessa gekommen zu sein, um die Stadt zu besichtigen. Ich kann mich noch auf den Odessaer Judenkrawall von 1881 besinnen und eben die große Ähnlichkeit in der Volksstimmung und der zum Krawalle getroffenen Vorbereitungen von damals und jetzt veranlaßt mich, an Euer Exzellenz das gegenwärtige Schreiben zu richten. Auch damals wurde gegen die Juden in gewissen Blättern systematisch gehetzt, wenn auch die damalige judenfeindliche Presse nicht im Entfernten das drucken durfte, was jetzt in der „Snamja" ungestraft erscheinen darf. Die Wirkung einer solchen Presse im Ansiedelungsrayon ist eine ganz andere als in Petersburg, Moskau und den sonstigen Gebieten mit einer verschwindenden jüdischen Bevölkerung, und was für jene Gebiete unschädlich sein mag, ist für unsere Gegend äußerst gefahrvoll. Der hiesige Pöbel kennt die Folgen der Judenkrawalle und weiß aus eigener Erfahrung, daß die Teilnehmer und Veranstalter von Judenexzessen in mehr als 9 bis 10 der Fälle völlig straflos ausgehen. Ich höre auch, daß die von den Behörden anerkannte antisemitische Studentenverbindung „Einheit ist Macht" in aller Offenheit den Judenkrawall organisiert. Ich bin — schließt das Schreiben des Herrn Seljonni — Stadtoberhaupt von Odessa und habe als solches die Interessen der meiner Fürsorge anvertrauten Stadt ohne Rücksicht auf Religion und Nationalität zu vertreten. Ich weiß am besten, wie schwer Odessa an den Folgen der Pest und der vorjährigen Streiks gelitten hat. Würde jetzt noch ein Krawall ausbrechen, so ist die Stadt um Jahrzehnte in ihrem Gedeihen zurückgeworfen. Nun der Krawall wurde von Herrn v. Plehwe schließlich noch in der 11. Stunde abgewinkt, das geschah aber keineswegs etwa aus Furcht, den Fortschritt von Odessa zu hemmen, sondern weil die Sozialisten im Vereine mit dem jüdischen „Bund" mit einem Gegenkrawall gedroht und weil ferner die Juden den Behörden erklärt haben, im Falle man in ihre Häuser eindringen sollte, dieselben sofort und unbekümmert um die etwaigen Folgen in Brand zu stecken. Einem Herrn v. Plehwe gegenüber sind