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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-06-24 · 26 (24.6.1904) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
26 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 416 Dr. Dlocv's MlocvenscbrM. Nr. 26 Das jüdische Mädchen, das vielleicht aus dem fernen Osten kommt, eine andere Sprache spricht, wird der Glaubensschwester eher ein empfängliches Herz entgegenbringen, als denen, die sie nicht verstehen und nur Blicke der Verachtung und der Gleichgiltigkeit für sie haben. Wir sehen, daß ein ungeheures Feld der Tätigkeit, der sozialen Hilssarbeit den Frauen geöffnet ist, und es ist zweifellos notwendig, daß sie innig vereint unter einander arbeiten, um Bemerkenswertes auf diesem Gebiete zu leisten. Der Sammelpunkt in einer Zentrale, die ihnen bestimmte Direktiven geben wird, wird sie sicherer machen, und wenn dann jeder Verein zum Abschlüsse einer bestimmten Zeit die Ergebnisse seiner Arbeit klarlegen wird, so werden die einzelnen untereinander lernen, sich chre gegenseitigen Erfahrungen zunutze zu machen, und es wird mit der Zeit immer mehr Ersprießliches und Gedeihliches zu Tage kommen. Frauen, die in allgemeinen Wohltätigkeits-Veranstaltungen, im Vereine tätig sind, werden auch ihre Kenntnisse zum Nutzen ihrer Mitschwestern in praktischer Beziehung und in ethischer Weise verwerten, und so wird sich auf sicherem Grund dieses große Liebeswerk, das alle vereinen will, bald zn reichem, vielseitigem Leben gestalten. Einzelne Zweifler fürchten, daß dieser Bund uns isolieren könnte von dem Allgemeinen. Doch durch die Vertreterin des jüdischen Frauenvereines in den Vereinigten Staaten Mrs. Salomon wurde diese Ansicht glänzend widerlegt. Sie ist als Delegierte sämmtlicher Frauenvereine aller Konfessionen nach Berlin gesandt worden und erzählte, daß der jüdische Frauenverein bereits mehr als siebzig Städte mit einander verbindet und sich durch sein Schaffen und Wirken so große Anerkennung errungen hat, daß man sie, die Vorsitzende des jüdischen Frauenbundes, mit der ehrenvollen Aufgabe der ersten Repräsentantin des Allgemeinen Frauenbundes der Vereinigten Staaten betraut hat. Es wäre ein erhebender Gedanke, wenn — angeregt durch das Tun der jüdischen Frauen Deutschlands — auch die Schwestern in den Nachbarländern deren Beispiel folgen wollten; daß sich vielleicht über Jahr und Tag das Ideal erfüllen würde, das wir zu erstreben suchen, einst einen internationalen jüdischen Frauenbund zusammenzuberusen der Glaubensschwestern , die in allen Ländern zerstreut leben und die dann Zeugnis ablegen von dem, was jede Einzige auf ihrem Gebiet geleistet. Die heutige Zeit bringt es mit sich, daß die Eltern darauf dringen müffen, all' ihren Kindern — selbst mit großen Opfern — jede Bildungsmöglichkeit offen zu halten und sie zu einem bestimmten Beruf zu erziehen. Das Bleiben des Mädchens in ihrem Elternhause bis zu ihrer Verheiratung ist vielen jetzt nicht möglich. ' Welch' ein beruhigendes und sicheres Bewußtsein wird die Gewißheit für die sorgenden Eltern sein, daß überall sich ihrem Kinde eine Heimat erschließt durch den Bund der Frauen, der jede einzelne bei sich ausnimmt und ihr helfend und ratend zur Seite steht. Dieses Heimatsgefühl, wonach wir uns alle — die irrenden Kinder in der Weltgeschichte — so unendlich sehnen, wird sich wenigstens auf diese Art langsam und segensreich entfalten — und es müßte ein erhebendes und beglückendes Bewußtsein' für jede Frau sein, daran mitzuarbeiten und sich in den Dienst dieser großen Sache zu stellen. Hier können wir zeigen, daß wir im Besitze des höchsten Empfindens sind — in dem unbegrenzten Gefühl der nie aufhörenden sorgenden Mutterliebe, die in stiller, aufopfernder Weise siegreich mit noch so finsteren Mächten kämpfen kann und dieselben durch chre Sanftmut, durch ihre Unermüdlichkeit, durch ihr echtes Vertrauen, auf Gott endlich besiegt. Korrespondenzen. Wien. (Oesterreichischer Liberalismus.) Die „Wiener Allgemeine Zeitung" meldet: „An die juridische Fakultät der Wiener Universität trat die Aufgabe heran, dem Unterrichtsministerium einen Vorschlag behufs Besetzung einer der Lehrkanzeln für römisches Recht zu machen. Wäre bei der Frage, wer römisches Recht in Wien tradieren solle, nur der Rechtsstandpunkt ausschlaggebend gewesen, dann wäre die Frage, auf welchen Gelehrten sich die Stimmen der Wiener Professoren an der juridischen Fakultät vereinigen müßten, wohl rasch gelöst gewesen. Herr Professor Lenel aus Straßburg ist unbestritten heute eine der allerersten Kapazitäten auf dem Gebiete des römischen Rechtes; Herr Professor Lenel ist aber ebenso unbestritten nicht arischer Abstammung. Und so mag es gekommen Mn, daß er zwar ein Auserwählter, aber kein Berufener ward. Und in diesem Falle trat das unseres Wissens noch nicht dagewesene Ereignis ein, daß ein Mitglied des Professoren-Kollegiums selbst das konfessionelle oder, wenn man lieber will, das Racenmoment bei einer rein wissenschaftlichen Frage offen in den Vordergrund stellte. Selbstverständlich war es einem „Liberalen" Vorbehalten, diese Neuerung in unserem akademischen Leben einzuführen. Wohl ist es früher schon vorgekommen, daß im Geheimen das Motiv des Antisemitismus bei Vorschlägen des einen oder des anderen Professoren-Kollegiums eine Rolle spielte; aber daß ein Vertreter der „voraussetzungslosen" Wissenschaft ungescheut und offen sich auf den Standpunkt der „Wiener Bewegung" stellt, in Gegenwart aller seiner Kollegen die Nicht-Opportunität, einen Nicht-Arier vorzuschlagcn, vertritt — diesen Fortschritt hat der Antisemitismus Herrn Hofrat Professor Czyhlarz zu verdanken. Herr Hofrat Czyhlarz, wie gesagt, eine Stütze des „Liberalismus", wie er bei uns so herrlich gedeiht, sah sich nämlich veranlaßt, im P-ofessoren-Kollegium auf den Umstand aufmerksam zu machen, daß Herr Professor Lenel, dessen wissenschaftliche Bedeutung Herr Hofrat Czyhlarz nicht bestritt, jüdischer Abstammung sei. Und Herr Hofrat Czyhlarz meinte, es sei doch sehr schwer, einen Juden für die Lehrkanzel des römischen Rechtes in Vorschlag zu bringen. Das Professoren-Kollegium aber fand dieses Argument des Herrn Hofrates nicht stichhältig. Mit allen gegen vier Stimmen ward Herr Professor Lenel in Vorschlag gebracht: nur die Herren Professoren Czyhlarz, Lammasch, Zallinger und Groß fanden Herrn Professor Lenel nicht fürwürdig, an der Wiener Universität römisches Recht zu tradieren. Die Mehrheit des Professoren-Kollegiums war offenbar noch nicht vorgeschritten genug, den abgeklärten Liberalismus des Herrn Hoftates Czyhlarz zu begreifen. Sie. verstand nicht das Junktim, welches Herr Hoftat Czyhlarz zwischen Abstammung und wissenschaftlicher Bedeutung schuf, ebensowenig, wie es die großen Juristen verstanden hatten, deren Lehren zu interpretieren der Beruf des Herrn Hofrat Czyhlarz ist. Da erschien Se. Durchlaucht Prinz Alois Liechtenstein beim obersten Chef der Unterrichtsverwaltung, Sr. Exzellenz Herrn Dr. Härtel, um in offizieller Mission im Namen seiner Partei dagegen zu protestieren, daß eventuell die Unterrichtsverwaltung einen Gelehrten nicht arischer Abstammung an die Wiener Universität berufe, um an dieser Hochschule römisches Recht zu tradieren. Die Antwort des Ministers lautete dahin: der Straßburger Professor trage gar keine Sehnsucht, die Bekanntschaft des Wiener Antisemitismus oder des ihm gleichwertigen Wiener Liberalismus zu machen. Jüdische Stiftungen in antisemitischer Verwaltung. Wir lesen in der „Arbeiter-Zeitung": Also heute — just heute — soll etwas ganz Besonderes geschehen — eine Erpresserleistung, die mir selbst die Sozi nicht zugetraut hatten und die ihnen zeigt, daß sie gar keine Ahnung haben, wie tief eine politische Verbrecherlaufbahn hinabsinken kann unter das Niveau der Anständigkeit . . . Während Lueger so dachte, standen im Vorraum seines Audienzzimmers drei arme Studenten, die mit klopfendem Herzen einer großen Entscheidung harrten. Sie hatten sich um ein Stipendium beworben und waren zur Audienz vor den Bürgermeister berufen worden, der als Chef des Magistrats über die Vergebung

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