Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 26 Dr. Blocb’s Mocdenscvrttl. Seite 415 ihres Vorgehens völlig überzeugt, so daß sie es gar nicht zu verbergen suchten. Gebhardi schrieb 1783: „Das Trinken des Blutes ist nicht einmal in unseren Zeiten ein Merkmal der Barbarei, da es öfters epileptischen Personen gestattet wird, sich ans den Richtplätzen einzufinden und das warme Blut des enthaupteten Missetäters zu verschlingen." Bei der Hinrichtung eines Raubmörders in Hanau 1861 stürzten viele Menschen auf das Blutgerüst und tranken von dem rauchenden Blute. Noch vor einigen Jahren gestand in der Schweiz ein Mörder, er habe den Mord vollbracht, um das Blut gegen Fallsucht zu trinken. Wir haben schließlich eine große Anzahl von Beispielen, daß Europäer jeder Nation vollständig verwilderten und zu Kannibalen wurden. Einer davon, Charles Savage, besaß eine solche Virtuosität im Kannibalismus, daß er alle Eingeborenen überflügelte. Außerdem frönte er allen Lastern der zivilisierten Völker mit einem Raffinement, daß ihn selbst die Wilden zuletzt nicht mehr ertragen mochten, sondern fraßen. Die einzige von der Völkerkunde zugelassene Annahme ist. daß nicht eine feststehende Rassenanlage, sondern äußere Umstände die Entwicklung eines Volkes bestimmen. Alexander Humboldt schon, der als naturwissenschaftlicher Beobachter nicht übertroffeu werden kann, hat als Leitsatz aufgestellt: „Es gibt bildsamere, höhergebildete durch geistige Kultur veredelte, aber keine edleren Volksstämme." Einer der größten Sprachforscher und Ethnographen, Friedrich Müller, hat den Ausspruch getan: „Rasse ist eine Uere Phrase, ein purer Schwindel". Der hervorragende Rechtslehrcr Rudolf v. IHering kommt zu dem Ergebnis, daß „kein Volk von der Natur von allem Anfang an anders ausgestattet worden sei. als das andere", und spricht apodiktisch aus: „Der Boden ist das Volk." „Die Völker in ihrer Wiege vertauscht, und aus den Semiten wären die Arier, aus Ariern die Semiten geworden." Und der Geograph Ratzel, heute wohl die größte Autorität ans dem Gebiet der Völkerkunde, stimmt damit überein: „In der Tat ist die Kluft des Kulturunterschiedes zweier Gruppen der Menschheit nach Breite und. Tiefe völlig unabhängig von der Größe des Unterschiedes ihrer Begabung." „Die Rasse hat mit dem Kulturbesitz au sich nichts zu tun." — So begegnen sich die Ergebnisse der verschiedensten Wissenschaften und der Lebensarbeit ihrer glänzendsten Förderer in der Verurteilung des törichteu Rassenglaubens. Indischer Frauenbund. Von Jda Oppenheim. Montag den 12. Juni vereinigte Fräulein Pappenheim, Frankfurt a. M., im Anschluß an den internationalen Frauenkongreß in Berlin die Delegierten sämtlicher Frauenvereine, um ihnen den Vorschlag zu unterbreiten, einen Bund jüdischer Frauenvereine zu gründen. Aus ihre Einladung waren denn auch zahlreiche Vorstandsmitglieder der verschiedenen Städte erschienen und eine Menge Freunde dieses Unternehmens. Fräulein Pappenheim setzt in ausführlicher Rede auseinander, daß dieser Bund die höchsten ethischen Ziele anstreben soll, daß es notwendig ist — trotz des internationalen Frauenkongresses, der wohl alle Frauen ohne Unterschied des Glaubens und der politischen Richtung unter ein Szepter vereinen will — einen jüdischen Frauenbund zu gründen, weil in unseren Wohlfahrtseinrichtungen durch Tradition und langjährige Gewohnheit Verschiedenes lebendig erhalten bleiben soll, was in einem allgemeinen Vereinsleben doch nicht möglich ist. Die Zwecke und Ziele dieses Frauenbundes sind kurz znsammengefaßt folgende: Neben der einfachen Ausübung der Wohltätigkeit soll soziale Hilfsarbeit angestrebt werden. Wir sollen nicht nur mit unserem äußeren Gut Helsen, sondern wir sollen auch Existenzen aushelfen, sie fördern, sie in ethischer Beziehung erheben und sie zu dem erziehen, was das Ideal Aller sein müßte: zu selbstständigen, in sich gefestigten Persönlichkeiten, die —- welche soziale Stellung sie auch immer einnehmen mögen — doch in ihrem Tun und Handeln sich so betätigen, daß ihnen die allgemeine Achtung, die der Mensch dem Menschen zollen muß, rückhaltlos entgegengebracht wird, ferner, daß ihr religiöses Bewußtsein in ihrem Herzen und in ihrem Geiste so tiefe Wurzeln schlage, daß sie in all' dem Kampfe der verschiedenen religiösen Bekenntnisse unbeeinflußt, treu ihrem Glauben anhängend, dastehen. Dazu sollte in erster Linie angestrebt werden, daß in jeder noch so kleinen Gemeinde in ernstester Weise daraus gehalten werden soll, jüdisches Wissen zu pflegen, Kindern, Halberwachsenen und Erwachsenen Gelegenheit geboten werde, sich darin zu vervollkommnen. Besonders liegt die Aufgabe den jüdischen Müttern ob, von früh an durch ihr Verhalten im Hause den Kindern die erste Anleitung zu geben und ihr Gemütsleben in dieser Beziehung zu beeinflussen. Ferner sollen alle Vereine im Anschlüsse an die Zentrale jene Heranwachsende Jugend unterstützen, die gezwungen ist, für ihren Verdienst zu arbeiten. Sie sollen nicht allein versuchen, den jünger» Schwestern zu Helsen, ihre Interessen zu vertreten, sondern ihnen auch in den Stunden außer ihres Berufes eine Erholung zu schaffen und die Freude an wirklich edlen Vergnügungen ihnen anerziehen; daß in den Stunden, in denen der Körper ausruht, Herz, Geist und Gemüt Anregung finden und auch das — so weit es möglich ist — in Einklang zu bringen mit den Forderungen unseres religiösen Lebens. Die Jugend soll in dem zwanglosen Verkehr überall geeignete Frauen finden, die sich ihnen in mütterlicher Weise nähern und denen sie volles Vertrauen uud Offenheit entgegenbringen können, damit diese, gestützt aus Erfahrungen, ihnen helfen, an geeigneter Stelle für sie eintreten können und so ihre Lage zu heben und zu bessern vermögen. Endlich hat sich der Verein zur Ausgabe gemacht, dem Mädchenhandel nach Kräften zu steuern. In den tiefernsten Verhandlungen, die der internationale Frauenkongreß den Sittlichkeitssragen widmete, ist es allen und besonders den Frauen mehr als vorher zum Bewußtsein gekommen, wie erniedrigend und.schmachvoll, wie entwürdigend dieses Tun ist und welche entsetzlichen Schäden der ganzen Menschheit aus diesem schmachvollen Handel erstehen. Hier ist das Gebiet, aus dem jede Frau, wenn sie Gelegenheit dazu findet, mit all den ihr zu Gebote stehenden Mitteln eingreisen muß, damit dieses Brandmal, das aus unserem Ge schlechte lastet, endlich fvrtgewischt wird. Daß ein großer Perzentsatz dieser unglückseligen Opfer sich aus jüdischen Mädchen rekrutiert, ist nachgewiesen und nur ein Beispiel soll an dieser Stelle genügen, um zu beweisen, wie hoch es an der Zeit ist, daß man diesem schändlichen Gewerbe Einhalt tun muß. Sollen doch selbst nach Frl. Pappenheim's Erzählungen unglückliche, dem Hunger und Elend preisgegebene jüdische Eltern der Auswanderer ihre eigenen, kaum erwachsenen Töchter in öffentliche Häuser geschleppt haben und den Erlös ihrer Schande zu ihrem eigenen Fortkommen verwendet oder damit die beklagenswerten Geschöpfe verheiratet haben. Kaum auszudenken ist es, welch phvsischer und psychischer Niedergang der kommenden Generation daraus erwachsen kann. Diese jungen, so früh in ihrer Blüte geknickten Mädchen, die dann krank und völlig verbraucht aus solchen Häusern entlassen werden, sollte man nicht nur gesundheitlich zu retten versuchen, sondern auch sehen, in sittlicher Beziehung aus sie einzuwirkeu. Wohl sind überall Rettungshüuser und Asyle für derartige Unglückliche geschaffen. Auch Hilst der Verein der „Freundinnen", der durch alle Welt verzweigt ist, den unglückseligen Opfern: doch ist nachgewiesen worden, daß nur eine ganz geringe An zahl jüdischer Mädchen in solchen Rettungshäusern ausgenommen wird. In den Krankenhäusern walten für derartige Patienten wahrhaft drakonische Gesetze, so daß sehr häufig Angst und Scham die Unglücklichen davon abhalten, sich zur rechten Zeit Hilfe zu schassen. Und kommen sie endlich in die Station, nachdem sie vielleicht schon vorher, ohne es zu wissen, in ihrer Umgebung unendlichen Schaden angerichtet, so befinden sie sich in Gesell schaft solcher, die ihnen durch niedrigen EyniSmus, Roheit und Unerzogenheit noch größeren Schaden an ihrer Seele zusügen. Hier müßte die Frau mit edler Selbstverleugnung versuchen, durch Milde und warme Teilnahme, durch Liebe und Freundlichkeit diese Unglücklichen zu sich emporzuziehen, um sie zu brauchbaren Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft zu machen.