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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-06-24 · 26 (24.6.1904) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
26 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 414 Dr. ffilocb’s Mocbenscbrift, Nr. 26 Beweis der Nutzlosigkeit jeder Ersetzung verwendet werden. Treffend bemerkt jedoch Jentjch: „Die Germanen sind auch nicht in einem Tag geduldige Stubenhocker und Aktenschrelber geworden." Tatsächlich waren die Germanen noch tausend Jahre nach der ersten Berührung mit den alten Kulturvölkern kaum so weit in der Aneignung und Ausnützung des überlieferten Kulturschatzes gekommen, wie die amerikanischen Neger von heute. Das Beispiel der Europäisierung Japans während der letzten Jahrzehnte hat nicht seinesgleichen. Die Grundbedingung jeder dauernden Hebung der niederen Rassen ist die Erweckung ihrer wirtschaftlichen Energie. Eine Pferdezüchterregel sagt: die halbe Rasse kommt durchs Maul hinein; der enge Zusammenhang zwischen der höheren Geisteskultur und der materiellen Grundlage zeigt sich deutlich in dcm Zusammenfallen der klassischen Knnstcpoche in Frankreich, England, Spanien und Holland mit dem ersten grasten Aufschwung der Wirtschaft, der nicht immer gleichzeitig die politisch glänzendste Lage bezeichnet. Unsere Vorstellung von der nur durch Zwang besiegbaren Trägheit der Naturvölker ist ganz falsch. Ratzel führt ein: Menge Beispiele für den emsigen und verständnisvollen Ackerbau der Neger, Polynesier u. a. an. In Südamerika stehen die Pflanzungen der Indianer und Neger oft in höchster Blüte, während daneben Spanier und Portugiesen in trägster Verkommenheit leben. Die Unlust der Naturvölker richtet sich meist nicht gegen die Arbeit als solche, sondern gegen eine ihnen ungewohnte und nicht zusagende Form derselben (Berawerks-, Fabriksarbeit) und gegen die ungünstigen Bedingungeil. Ein kürzlich erst Zurückgekehrter Forscher berichtet, wie er seine Karawanenmannschaft in das höchste Erstaunen and nachher in die eifrigste Tätigkeit versetzte, als er die vereinbarten Bedingungen wirklich cinhielt. Nichts ist vielleicht so geeignet, uns den eitlen Wahn, durch unsere Abkunft der Völkeradel zu sein, zu rauben, als ein Rückblick auf den historischen Anfangszustand unserer Kulturvölker und eine Betrachtung verschieden weit vorgeschrittener Zweige derselben Sprachverwandtschaft oder Nasse. Um nur einen Zug zu erwähnen, war das Menschenopfer (das wohl auch mit Genuß des Fleisches verbunden war) bei allen Germanen noch l nge nach ihrer Berührung mit der Kultur in Gebrauch, die Kelten in Irland waren nach Diodor überhaupt Menschenfresser, von den Galliern des Brennus berichtet es Pausanias, nach Plinius wurden die Gallier erst durch die Römer dieser Sitte entwöhnt, aber noch der heilige Hieronymus sah in seiner Jugend die Schotten ihr frönen, ja die letzteren sollen erst im späten Mittelalter davon abgekommen sein. Die Slaven Norddeutschlands verspeisten fast durch das ganze Mittelalter hindurch ihre alten Eltern, von den Litauern wird noch 1603 eine Reihe von Fällen der Menschenfresserei angeführt. Man kann mit der größtmöglichen Exaktheit den Satz beweisen, daß die zwischen den entferntesten Gliedern einer Sprachfamilie oder Rasse bestehenden Knlturunterschiede größer sind als die zwischen;wei beliebigen Rassen als Ganzes Die tiefsten Steppenbewohner Jnnerasiens sprechen iranische Dialekte. Die Ainos Japans, deren Verwandtschaft mit der weißen europäischen Rasse nach Baelz höchst glaubhaft ist, werden selbst von den Japanern als barbarische Wilde verachtet. Die Albanesen, Kurden und andere Mitglieder der weißen Raffe stehen gewiß niedriger als viele Mongolen und Neger. — Welch enormen Abstand ferner zwischen den Westfinnen und den Magyaren einerseits, irgend einem nomadisierenden Finnenstamm Sibiriens, den Samojeden oder Ostjaken anderseits! Es ist übrigens interessant, die Verlegenheit der Rasscngläubigen zu beobachten, wenn ihnen die Kulturleistungen unserer mongolischen Vettern entgegengehalren werden. Man braucht bloß das unsäglich flache Urteil Chamberlain's über die Chinesen anzusehen. Aber selbst ein so besonnener Vertreter dieser Richtung wie Woltmann bringt es fertig, zu schreiben: „Von den Mongolen haben nur einige die untere (sie!) Stufe der Zivilisation erreicht." Und an anderer Stelle (S. *65) sagt er: „Wir können nur wiederho'en, daß wir vom Standpunkt der historischen Anthrovologie alle Blutkreuzungen der kaukasischen Rasse mit Negern und Mongolen verdammen müffen und daß selbst die Vermischung mit dein mediterranen und alpinen Typus im großen und ganzen als schädlich anzusehen ist." Mit dem letzten Halbsatz fliegen also ganz Süddeutschland, die Mittelmeerländer, Frankreich, die Niederlande und Oesterreich in den Sumpf der rassenlosen Unkultur. Es ist natürlich, daß den Naffengläubigen der Begriff Mongole nicht bloß Chinesen (die mit den Mongolen im engeren Sinn weder sprachlich noch sonstwie zusammengehören) deckt, sondern auch alle Mongoloiden, Ugro-Altaier (Türken, Finnen u. i. w.) Sehr lesenswert ist in dieser Beziehung die eben erschienene Schrift eines hervorragenden Fachgelehrten, Heinrich Winkler, dessen deutscher Patriotismus in ihr gegenüber magy rischen Chauvinismus zu recht kräftigen Ausdruck kommt. Trotzdem faßt er sein Gesamturteil in folgende Worte zusammen: „Daß die finnischen Völker zum größten Teil nicht über die einfachen Verhältnisse von Ackerbauern und Viehzüchtern hinausgelangt sind, liegt lediglich an der Natur, der von ihnen bewohnten Landstriche, keineswegs etwa au einer geringeren Begabung. Ueberhaupt legt derjenige, der unter finnischen Völkern gelebt und sie mit den umgebenden indogermanischen zu vergleichen Gelegenheit gehabt hat, sehr bald den allgemeinen, aber unberechtigten indogermanischen Ucberlegenheitsdünkel ab. Wo irgend die Verhältnisse den finnischen Völkern günstig sind, fällt der Vergleich oft recht bedenklich zu ihren Gunsten aus; daß die Suomifinnen, das heißt die Bevölkerung Finnlands, ebenso die Magyaren Kulturnationen im besten Sinne des Wortes sind, sieht jeder, der je die beiden Völker in ihrer Heimat kennen gelernt hat. Das geistige Leben Finnlands steht in jeder Beziehung auf dem Niveau der besten Vertreter des Jndogermanentums; der Gegensatz zu den Nachbargebieten mit russischer Bevölkerung ist ein so gewaltiger, daß man aus Asien nach Europa zu kommen glaubt, sowie man aus Rußland nach Finnland kommt und einen etwas näheren Einblick in die hochstehenden, geordneten finnischen Verhältnisse und das rege geistige Leben dort gewinnt. Abgesehen aber von der Bewältigung aller Kulturaufgaben des modernen Lebens auf technischem, wissenschaftlichem, gesellschaftlichem Gebiet finden wir hier einen aufgeschlossenen Sinn für Formenschönheit, überhaupt für alle Gebiete der Kunst; die ganze finnische Nasse ist in hohem Grade färben- und tönefroh, dabei von einem feinen Gefühl für das wirklich Schöne im Reich der Töne, der Farben und Poesie." (S. 98/99.) Und doch soll nach den Rassentheorien die Mischung mit den Mongoloiden die heute niedrige Stufe der.Russen verschulden! Fast alle Urteile der Nassentheoretiker über China zeugen von der vollendetsten Unkenntnis der Zustände. Man spricht von der „Unbeweglichkeit" der chinesischen Rasse, obwohl doch kein Reich der Welt häufigeren Umwälzungen ausgesetzt war! Freilich hat der Fortschritt Chinas seit etwa 100 Jahren sich verlangsamt, woran das Opium einen nicht geringen Anteil hat. Wie konnte der Chinese bei seiner angeblichen „Nüchternheit" und „Seelenlosigkeit" (Chamberlain) eine so von reichster Phantasie erfüllte Kunst schaffen? Die Behauptung von der unglaublichen Bedürfnislosigkeit der chinesischen Arbeiter, mit der man uns zur „nationalen Verteidigung" aneifern will, ist längst als törichte Fabel entlarvt Selbst der Zopf — uns das Sinnbild des zähesten Konservativmus — ist verhältnismäßig neuen Datums. Die Chinesen trugen das Haar frei, bis 1644 die Mandschu den Zopf und das rasierte Vorderhaupt zum Symbol des loyalen Neuchinesentums erhoben. Seitdem gilt das Auflösen des Zopfes als Zeichen revolutionärer Gesinnung. China hat schon vor Jahrtausenden Ideen verwirklicht, die wir zu den stolzesten Errungenschaften unserer Zeit zählen. Im Jahre 134 v. Chr. bestimmte Kaiser Wu-Di, daß in allen Provinzen die durch Tugend und Gelehrsamkeit über das gewöhnliche Maß hinausragenden Männer ausgewählt und zum Staatsdienst herangezogen werden sollten. Unter Wang-Mang (9—23 p. C'.r. n.) wurde die Sklaverei abgeschafft, 517 das Tieropfer beseitigt. Seit den ältesten Zeiten herrscht absolute Toleranz in Glaubenssachen und eine im Vergleich mit Europa überaus große Rede- und Preßfreiheit. Der Gedanke, daß der Fürst der Diener des öffentlichen Wohles sein müsse, ist ebenso uralt. Ich erwähne bloß die moralischen Errungenschaften, weil Chamberlain ja so oft betont, daß die Kultur nicht in einer Anhäufung nützlicher Handgriffe, sondern in der Verfeinerung des Gemüts und des Geistes besteht. Warum China nicht unsere technisch-wirtschaftliche Entwicklung nehmen konnte, obwohl es seit langem mit vielen neueren Erfindungen versehen war, setzt Babington treffend auseinander. Wie vollkommen der chinesische Geist den europäischen in sich aufnehmen kann, haben neuerdings mehrere in Europa und Amerika lebende Diplomaten gezeigt, zum Beispiel' der Botschafter Wutingfang in Washington, dessen geistreiche Feder den besten unserer Literaten gleichkommt. Tscheng-Ki-Tong, ein Diplomat, der sich lange in Paris aufhielt, veröffentlichte ein lehrreiches Buch über China, das wenige seiner europäischen Berufsgenossen mit lolcher Grazie und solch feinem Humor hätten schreiben können. Das ganz falsche Augenmaß, das die Rassentheoretiker bei ihrer Beurteilung fremder Raffen beweisen, entspringt aus ihrer Unkenntnis des wahren Zustandes der eigenen. Nur einem von jeder Weltkenntnis völlig entfernten Kopfe kann der wahnwitzige Gedanke verziehen werden, ein Goethe oder Kaut seien repräsentativ für „das deutsche Volk", Noch immer bilden die primitivsten Formen des religiösen Empfindens. Fetischismus. Totemismus und Ahnenkult, halbwegs unter christliche Tünche gebracht, einen lebendigen Faktor im Bewußtsein der großen Mehrheit in unseren Kulturvölkern, noch werden in protestantischen und katholischen Ländern die Priester von der bäuerlichen Bevölkerung für nichts anderes als Zauberer gehalten, die ebensogut weiterhexen können wie irgend ein afrikanischer Medizinmann. Und nicht blos die „Ungebildeten" denken so Vor wenigen Monaten mußten die Wiener Hoftheater die Loge 13 abschaffen, die wahrscheinlich nicht blos von Proletariern besucht war, und vor Kurzem verlautete, daß gewisse Luxuszüge am Freitag so schlecht besetzt seien, daß mit der verringerten Benutzung gerechnet werde. Jeder der uns so lächerlich erscheinenden Züge in der Psychologie der „Wilden" läßt sich heute wenigstens als Rudiment noch in unseren Gebräuchen und Anschauungen Nachweisen, wofür Spencer reiches Belegmaterial bietet. Die Menschenfresserei der Naturvölker entspringt nicht sowohl dem Gaumenreiz der Delikatesse, als dem Aberglauben, daß der Mut, die Stärke und andere Eigenschaften des Verzehrten damit erworben würden. Noch 1892 wurde' iu dem russischen Dorf Stary-Multan (30 Meilen von der Universitätsstadt Kasan) von strenggläubigen russischen Bauern ein Dorfgenosse zu Ehren des alten Gottes Kurban geschlachtet, sein Blut getrunken, Lungen und Herz verzehrt. An der Opferung beteiligten sich der Schulze, der Polizeidiener und der Kirchenälteste des Dorfes. Die Bauern waren von der Rechtmäßigkeit

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