Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 26 Dr. Blocb s MocbenscdrM. Seite 4i3 gesetz selbst einen Riegel vorschiebt. E§ ist ein Fechterstück, nnd vielleicht das unfeinste, das sich der Bürgermeister der Reichsbauptstadt Wien bisher geleistet. Was will dagegen noch der Zug kleinlicher Bosheit bedeuten, daß einem Studenten ein Stipendium verweigert wird, weil er Gewissen genug hat, jetzt schon, da er allem politischen Parteigetriebe noch fern steht, ein für alle Lebenszeit bindendes Gelöbnis hinsichtlich seiner zukünftigen Parteistellung abzulehnen? Es ist ja möglich, daß ein junger Mensch da an seiner Ehrlichkeit zugrunde geht. Er wird.kaum beachtet und rühmlos in's Dunkel der Vergessenheit versinken. Der Bürgermeister aber hat seinen Ruhm gemehrt. Seine Partei jubelt ihm auch dafür zu, daß er Studenten und Lehrer und alle jene, die irgendwie seiner Botmäßigkeit unterstehen, in einen Gewissenskonflikt hineinzwingt, der nur von jenen leicht genommen wird, die kein Gewissen haben. Sie müssen für jetzt und alle Zeit Parteigrundsätzen abschwören, die dem Führer der christlich-sozialen Partei nicht genehm sind. Auf der einen Seite die gesicherte Anstellung, das tägliche Brot, auf der anderen die Eidesformel, die nach der jeweiligen Charakteranlage vielleicht noch weniger als eine Formel, nämlich eine Formalität ist. Es müßte ein Statistiker kommen, der die Gabe hätte, in die Tiefen der Herzen zu sehen, um festzustellcn, ob durch eine solche Methode die Reihen der christlich-sozialen Partei verstärkt werden oder nur schlechtweg die der Lügner und Heuchler. Was da für moralische Verheerungen angerichtet werden können, ist gar nicht abzusehen, und wenn die Lügner und Heuchler zu verdammen sind, so sind doch ganz gewiß auch jene nicht von aller Verantwortung freizusprechen, die in ihrem übermütigen Machtgefühl sich nicht scheuen, sie gewaltsam in einen so grausamen Gewissenszwang hineinzutreiben. Der Richter läßt den Angeklagten nicht schwören und selbst einem Zeugen gegenüber wird der seines Amtes mit Einsicht und Menschlichkeit waltende Richter Anstand nehmen, ihn zu einem Eide zu zwingen, wo offensichtlich eine grausame Zwangslage einen falschen Schwur befürchten läßt. Wer aber eine städtische Anstellung oder sonst ein städtisches Benefizium anstrebt, der muß sich durch das kaudinische Joch eines Eides durchzwängen, den kein Staatsgruudgesetz vorschreibt und den ein menschlich gesinnter Brotgeber niemals abfordern sollte. Die Leute müssen zusehen, wie sie in dem Kampfe eines starken persönlichen Interesses und einer Formel zurechtkommen, einer Formel allerdings, die für gläubige Gemüter eine unwiderstehlich zwingende Kraft hat. Sind es also durchwegs gläubige Gemüter, die sich unter das Joch beugen, dann ist ja Alles gut; es ist kein Unheil angerichtet und die öffentliche und private Moral hat keinen Abbruch erlitten. Wenn aber nicht?!! Bemerkenswert hierbei ist, daß Dr. Lueger seine Leute nur die Sozialdemokratie und die deutschnationale Gesinnung abschwören läßt. Er verlangt nicht auch die Abfchwörung des Judentums, der jüdischen Abstammung, des jüdischen Geistes, der jüdischen Religion. Das könnte unter den obwaltenden Umständen einigermaßen auffallen. Denn so verhaßt dem antisemitischen Heerbann die Sozialdemokraten und die Alldeutschen sein mögen, den Judenhaß hegen sie doch mit weit höherer Liebe. Nicht ohne Grund. Denn er bildet die breite und sichere Basis ihrer Volkstümlichkeit und der durch diese erlangten Macht. Es wäre aber ganz überflüssig, da der Juden noch besonders zu gedenken. Es bedarf da nicht einmal erst einer Formalität. Die Juden werden so wie so nicht angestellt. Whig."v Die Fortschriltsfähigkeit der Menschenrassen^) Das Hauptargnment der Rassentheorien ist die angeblich „feststehende" Unfähigkeit der Naturvölker, fortzuschreiten, auf die manche Stimmen sogar die Notwendigkeit einer neueinzuführenden Hörigkeit gründen wollen. Die moderne Völkerkunde zeigt uns aber immer deutlicher, daß die ungünstigsten Urteile über die zurückgebliebenen Rassen *) Aus einem soeben erschienenen Beitrag zur Rassenfrage „Moderne Rassentheorien" von Friedr. Hertz (Wien 1904. C. W. Stern). gerade von den unzuverlässigsten und flüchtigsten Beobachtern herrühren. Wir haben aus den besten Quellen, die aus treuem und eingehendem Studium beruhen, ein weitaus günstigeres Bild erhalten, dessen einzelne Züge man z. B. in den Fachwerken von Ratzel und Waitz zusammengefaßt findet, Natürlich sind die Verhältnisse äußerst verschieden. da gerade der Naturmensch dem natürlichen Milieu völlig unterworfen ist und sein Charakter diesem entspricht. Wir kennen aber viele „niedrige" Rassen, bei denen die Frau eine geachtete Stellung einnimmt und deren Ehrbarkeit sehr streng ist. Besonders wird oft sie große Liebe zu den Kindern hervorgehoben, die es vielen Negerstämmen ganz unmöglich (nnd auch unnötig) erscheinen läßt, ein Kind zu schlagen. Auch Zartgefühl gegen Alte und Schwache ist häufig, wo es die Verhältnisse gestatten. Gobineau behauptet, daß das Gefühl der Ehre einzig dem Arier eigen sei. Im Gegensatz dazu wird uns von dem übertriebenen Ehrgefühl der Fldschi-Jnsulaner, mancher Neger, der Beduinen, Tungusen u. a. berichtet. Speziell von den Tungusen hören wir, daß durch Beleidigungen verursachte Zweikämpfe selbst zwischen den nächsten Verwandten häufig sind. Der ritterliche Indianer ist ja eine Lieblingsfignr unserer Jugend. Gastfreundlichkeit, Mut, Redlichkeit sind Züge, die uns in ethnographischen Schilderungen nicht mehr auffallen, weil sie zn häufig sind. Viele Naturvölker übertreffen selbst die Europäer an Reinlichkeit. Unsere Vorstellungen von Despotismus und Knechtschaft des Volkes bei den Negern übersehen oft die festen Schranken, die die öffentliche Meinung dem Häuptling zieht und die einem wahren Mitwirkungsrecht des Volkes gleichkommen. — Im Lundareich wird der Herrscher beständig von einem Gefolge begleitet, dessen Aufgabe es ist, zu verhüten, daß er sich berausche oder rauche, weil er im unzurechnungsfähigen Zustand Grausamkeiten verüben könnte — eine primitive Form des Konstitutionalismus. — Häufig ist überhaupt die Volksversammlung souverän, deren Bild mit der taciteischen Schilderung der germanischen Einrichtung übereinstimmt. Außerordentlich ist der Kunstsinn vieler Wilden, deren Erzeugnisse geradezu überraschend sind. Ihr Geschmack ist manchmal selbst dem europäischen überlegen und ihr ganzes Leben ist mit Kunstfreude weit mehr gesättigt als unseres. Treitschke sagt: „Man kann den Adel einer Nation daran erkennen, ob bei ihr die Kunst älter ist oder der Komfort. — Danach wären die Römer, die zwar Wasserleitungen, Kloaken, Straßen, aber keine Kunst zu ihren Großtaten zählen, weniger edel als die Eskimos, Buschmänner u. a., deren ärmliches Leben nur durch eine erstaunliche Kunstübung verschönt wird. Das seine Gerechtigkeitsgefühl der Neger wird häufig gerühmt. Bei den Galla muß der auf der Tat ertappte Dieb das Doppelte ersetzen. Hat er aber nur gestohlen, um seinen Hunger zu stillen, so wird er wieder freigelassen. Die Römer, deren XII Tafeln den Dieb noch mit Geißelung und Verknechtung bestrafen, kannten diese Berücksichtigung der Not nie. Chamberlain spricht den Semiten jede Fähigkeit zur Rechtsbildnng ab und weist zur Begründung mit Hohn auf die seiner Ansicht nach auf der untersten Stufe des Rechtsgesühls stehenden Araber Zentralafrikas hin Gerade an den afrikanischen Arabern hebt aber Ratzel (II. 431) das „feine Gefühl gegenüber der Ungerechtigkeit" hervor. Wenn auch diesen günstigen Zügen viele ungünstige gegenüberstehen, so darf doch die Schuld der Europäer an letzteren nicht übersehen werden. Erst machen wir die Wilden durch Sklaverei, Schnaps, Krankheiten nnd Grausamkeiten der schrecklichsten Art zum Tier, um dann die geistige und sittliche Kluft zwischen uns höheren Wesen und jenen Tiefstehenden als Natnrtatsache hinzustellen. Wenn die Rassengläubigen nun die edleren Züge der Menschlichkeit, die die „Wilden" aufweisen, nicht ganz leugnen können, so sprechen sie ihnen doch wenigstens jede Fähigkeit der Weiterentwicklung ab und prophe;eien, daß das „Rad des ewigen Fortschrittes über die Idylle der Unkultur Hinwegrollen nrüsse. Und doch, welche Fülle von sinnreichen Erfindungen bei diesen Ausgestoßenen! Selbst bei den niedrigen Australiern finden sich Anfänge der Schrift. Die Polynesier haben Seekarten, die Fidschis, Hawaianer u. a. bedienen sich des Druckverfahrens zur Herstellung bunter Gewebemuster. Auffallend ist die große Leichtigkeit, mit der Neger und Indianer selbst mehrer-' fremde Sprachen erlernen und sich das Lesen von Schrift und Noten aneignen. Ter bekannte Erzbischof Jreland sprach sich kürzlich dahin aus, daß der von den Negern Amerikas gemachte Fortschritt während der seit Erlassung der Emanzipationsproklamation verstrichenen 40 Jahre beispiellos in der Weltgeschichte sei: kein Volk von irgend einer Farbe oder Raffe habe so Großes geleistet, und er sei fest überzeugt, daß in den nächsten 40 Jahren dieser Fortschritt vervierfacht werde. Aeußerst lehrreich und die weiteste Beachtung erfordernd ist in dieser Beziehung die Selbstbiographie des Negers Booker T. Washington, der sich vom Sklaven zu einer der hervorragendsten Persönlichkeiten der Vereinigten Staaten emporgearbeitet hat und dessen Schilderung niemand ohne freudige Rührung lesen kann, der fähig ist, an der Begeisterung für die höchsten Strebungen der Menschheit teilzunehmen. Eine große Fülle von Belegen, sowohl geniale und hervorragende Neger als auch die allgemeine Bildungsfähigkeit betreffend, führt Schneider (Die Naturvölker, 1886. II. Band) an, auch Steinmetz fügt noch einiges Neue hinzu. Diese Beispiele genügen allein, um zu beweisen, daß der Weg zur Kultur keiner Raffe verschlossen ist. Freilich kommen häufige Rückfälle vor, die dann als