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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-06-24 · 26 (24.6.1904) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
26 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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BamagsragsgesesBEäli Seite 412 Dr. 3Blocb’s TKHocbenscbrift. Nr. 26 gezeigt worden. Hier will ich nur noch den Superintendenten und Hauptpastor in Breslau, Johann Timotheus Hermes (geb. 1738), erwähnen. In seinem 1770 erschienenen Roman „Sophiens Reise von Memel nach Sachsen", der seinerzeit viel gelesen wurde, kommen zwei sehr brave und uneigennützige Juden vor. Der eine von ihnen, selbst unbemittelt, unterstützt über seine Kräfte eine arme christliche Familie. Wir nehmen es dem braven Pastor auch gar nicht übel, wenn er einmal die Furchtsamkeit als den Juden charakterisierend bezeichnet. Gebrannte Kinder scheuen das Feuer und die Juden hatten damals und haben an manchen Orten noch jetzt alle Ursache, ihre christlichen Mitmenschen zu fürchten. Freilich kommen im Roman auch sehr gutherzige, edelmütige und fromme Christen vor. Einem frommen, tugendhaften, bekehrungseifrigen Christenmädchen dankt der Jude dafür, daß es ihm das Neue Testament zu lesen gegeben habe, setzt aber hinzu: „Wären alle Christen so wie Ihr Vater und Sie, so würde mir's leid tun, kein Christ zu sein. . . . Wider Ihre Lehre habe ich nichts, denn wie könnte ich verwerfen, was ich nicht verstand. Aber von der Gemeinschaft Ihres Volkes schreckt das mich ab, daß ich erstlich meine Leute im Ganzen tugendhafter finde als die Christen, und dann, daß einige Ihrer geistlichen Schriftsteller wissentlich und vorsätzlich ihr und unser Gesetz und Propheten verdrehen." Wenn einige reiche, sonst wohltätige Juden einem armen Christen Unterstützung verweigern, so entschuldigen sie sich damit, daß „die Christen durch Verachtung und Mißtrauen gegen unser Volk und durch Bitterkeit und Grobheit uns allzusehr vor den Kops stoßen." Daß der fromme Romancier die Bekehrung!der Juden zum Christentum eifrig wünscht, ist leicht begreiflich; aber er will sich zu dem ihm heilig dünkenden Zweck keiner unheiligen Mittel bedienen. Im Gegenteil, was er vorschlägt, können sich die Juden gut gefallen lassen. Man hat auch bald nach seiner Zeit den von ihm vorgezeichneten Weg eingeschlagen, den man in neuester Zeit wieder — zu verlassen begonnen hat. „Man schätze", sagt er, „nur gehörig das unvergleichliche Talent dieses Volkes; man ehre es da, wo es Ehre verdient; man öffne ihm, für beide Geschlechter, unsere Erziehungsanstalten, man ziehe es in gesittete Gesellschaften, man entfremde es nicht, sondern nehme es auf in kosmo-' politische Verbrüderungen . . . man weise es nicht eher zu den Geistlichen, als bis es alle übrigen Stände unter uns kennt, man führe es (ohne Naturalisationsakte) an alle unsere aufsteigenden Stufen, man adle seinen jetzt lebenden größten Mann*); mit einem Wort: man leuchte ihm vor mit wirklich christlichem Leben" u. s. w. Ist das nicht das gerade Gegenteil zum Verhalten der alldeutschen und christlich-sozialen Antisemiten? M. L. Dom Jahrmarkt des Lebens. Glosse« zur Tagesgeschichte. (Der Bürgermeister und das Staatsgrundgesetz. - Christliche Apotheker. — Die neue Nuance. — Der Eid und die christlich-soziale Moral. Die beste Parade ist der Hieb. Ein so erfahrener Klopffechter wie Dr. Lueger muß das wissen. Er weiß es und handelt darnach. Es handelt sich um eine offenkundige, bewußte, beabsichtigte Verletzung und schnöde Mißachtung der Staatsgrundgesetze, deren unverbrüchliche Einhaltung der Herr Bürgermeister beschworen hat. Die Stadt Wien baut ein neues Versorgungshaus. Das neue Versorgungshaus wird mit einer neuen Apotheke ausgestattet. Das Amtsblatt der Stadt Wien veröffentlicht den Vertrag der Kommune mit dem Gremium der Apotheker, *) Wohl Mendelssohn gemeint. und im § 2 dieses Vertrages heißt es: „Das Apotheker- Gremium stellt das erforderliche ch r i st l i ch e Personal bei". Die Stadt Wien hat das neue Versorgungshaus mit dem Gelde der Wiener Bevölkerung erbaut. Die Wiener Bevölkerung ist nicht ausschließlich christlich. Gerade Dr. Lueger und seine Getreuen werden nicht müde, es ebenso häufig wie geräuschvoll zu beklagen, daß es in Wien zu viele Juden gäbe. Es ist ein fundamentaler Rechtsgrundsatz, daß vor dem Gesetze alle Staatsbürger gleich zu achten seien. Es mag ja eine thörichte Banalität sein, sich immer und immer wieder auf ein Gesetz zu berufen, das ja doch niemals eingehalten und auch von jenen, die zu seinen Hütern berufen sind, immer kalt lächelnd übertreten wird, aber schließlich — es besteht einmal und der geltenden und herrschenden Rechtsanschauung bleibt absolut nichts anderes übrig, als sich, ob es nun etwas nützt oder nicht, auf dieses Gesetz zu berufen. Daß für die Machthaber in Stadt und Land und Staat das Staatsgrundgesetz nur auf dem Papiere steht, daß die gesetzlich normierte und gewährleistete Gleichheit vor dem Gesetze die Ruhe ihres Schlafes nicht stört und ihnen auch sonst keine Unbequemlichkeit verursacht, darüber braucht man ja weiter keine Worte zu verlieren, aber wenigstens Eines könnte erwartet werden, daß der allseitigen stillen Vereinbarung zur Nichtbeachtung des Gesetzes nicht auch noch der Hohn und die schamlos enthüllte Schadenfreude zugesellt werde. Die fortschrittliche Minderheit im Gemeinderate hat im Hinblick auf den erwähnten famosen Paragraph den Herrn Bürgermeister interpelliert, ob er nicht geneigt sei, eine entsprechende Abänderung jener ungesetzlichen Bedingung herbeizuführen. Dr. Lueger war in der Beantwortung der Interpellation ganz auf der Höhe der erforderlichen geistigen Kapazität eines Führers der antisemitischen Bewegung in Oesterreich. Er ist ein alter Fechter und mit allen Salben geschmiert, zu deren Bezug er nicht erst einer neuen, judenreinen Apotheke bedurfte. Er hält sich nicht damit auf, eine Position zu verteidigen, die absolut unhaltbar ist; er versucht nicht, einen Hieb zu parieren, dem er es mit kundigem Blick ankennt, daß er jede Parade durchschlagen muß, er bekennt sich vielmehr sofort zu der Theorie nützlicher Lebensweisheit, daß die beste Parade der Hieb sei und schlägt zurück. Er läßt das Staatsgrundgesetz Staatsgrundgesetz sein, macht eine frivole Finte und ripostiert. Er erklärt: „In den Staatsgrundgesetzen steht nur, daß die geehrten Herren des. israelitischen Bekenntnisses" — man konnte sicher sein, daß eine Perfidie folgen werde, wenn der Kommandant der Geistesheroen vom Schlage Bielohlawek von den Juden als von geehrten Herren spricht, — „angestellt werden können, angestellt werden dürfen, aber daß sie angestellt werden müssen, steht nicht drinnen." Nie ist eine größere Albernheit mit höherer Selbstzufriedenheit vom kurulischen Sitze aus der versammelten Korona verkündet worden, wie in diesem Falle, aber Lueger hatte für das geistige Niveau seiner Getreuen wieder einmal das Nichtige getroffen. Der Sitzungsbericht verzeichnet an dieser Stelle lebhaften Beifall und Heiterkeit bei der christlich-sozialen Majorität. Und damit ist nun wieder eine sehr ernste prinzipielle Frage abgetan. Das konnte man ja längst wissen, daß es vergeblich sei, an das Gefühl für Gerechtigkeit bei den christlich sozialen Prätorianern zu appellieren, aber die neue Nuance, die Ungerechtigkeit frei einzubekennen ohne auch nur den Versuch einer Rechtfertigung, so ganz ohne Scham und ohne jede zimperliche Rücksichtnahme auf politisches Ehrgefühl und politischen Anstand, die verdient doch verzeichnet zu werden. Es wird mit logischen Begriffen eine Volte geschlagen, aber der Falschspieler läßt es dabei an Geschicklichkeit fehlen. Die fortschrittliche Minorität hat nicht verlangt, daß Juden angestellt werden müßten. Denn das wußte sie, daß bei den herrschenden Zuständen ein solches Verlangen ein durchaus platonisches Vergnügen bleiben würde. Sie wollte nur das, was das Staatsgrundgesetz will, daß wenigstens die Möglichkeit offen gelassen werde. Dr. Lueger aber, der dieses Grundgesetz interpretiert und dabei so tut, als leiste er ihm Genüge, gibt sich den Anschein, als bemerke er gar nicht, daß er mit jenem Paragraphen dieser Möglichkeit und damit dem Staatsgrund-

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