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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-06-24 · 26 (24.6.1904) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
26 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 26 auch unter dem Vorwände, daß sie die christliche Religion verachten und Jesus Christus verspotten." Eigentümlich ist es, wie sich ein so gut gläubiger Christ wie der berühmte Jesuitenbekümpfer Blaise Pascal zu den Juden oder vielniehr zum Judentum stellte. Einen großen Teil des dazu erforderlichen Wissens hat er freilich aus dem gegen Judentum und Mohammedanismus gerichteten kiigio üdei des Dominikaners Raimund Martini (geb. 1236), geschöpft, dessen Werk zuerst in Paris, als Pascal ein junger Mann war, gedruckt worden ist. Für Pascal ist das Alte Testament ebensogut wie das Neue ein heiliges, von Gott inspiriertes Buch, der Pentateuch von Moses geschrieben und alle darin berichteten Wunder sind wirklich ganz jo, wie sie erzählt werden, geschehen. Aber er sucht alle darin enthaltenen Prophezeiungen als auf Jesus bezüglich, als durch diesen erfüllt auszndeuten. „Die Juden sind ohne Tempel, ohne Opfer, ohne Anzeichen von Religion (?), zerstreut, verfolgt und verachtet", sagt er, „und all dieses beweist die Wahrheit der christlichen Religion. Man wundert sich, daß sie nach so vielen Jahrhunderten der Verfolgung noch existieren, aber eben diese Existenz verbunden mit ihrer elenden Lage, beweist die Wahrheit des Christentums. (C’est une chose etonnante de voir ce peuple subsister depuis tant d’annees et de le voir toujours miserable, etant necessaire pour la preuve de Jesus Christ qu’ils subsistent pour le prouver et qu’ils soient miserables puisque ils Font crucifie.) Er widerspricht sich aber selbst, wenn er an einer anderen Stelle die vielen Verfolgungen durch die Heiden, welche die Christen ausgestanden haben, als Beweis der Wahrheit ihrer Religion anführt. Die Juden haben doch viel länger dauernde und härtere Verfolgungen ausgehalten. Einer seiner und auch älterer christlicher Apologeten Beweise, daß Jesus der wahre Messias sei, ist die Stelle in Genesis, 49. 10: „Nicht weichen wird das Szepter von Juda, noch der Herrscherstab von seinen Füßen, bis der Schiloh kommt, und ihm wird der Gehorsam der Stämme." — „Schiloh ist Jesus, und wie er gekommen ist, wurde das Szepter von den Juden genommen für immer; sie sind ohne Reich, ohne König, ohne Herrschaft und ohne Hoffnung." Ich möchte wissen, was die modernen Antisemiten, welche beständig über die Weltherrschaft der Juden, über die Unterjochung des christlichen Volkes klagen, zu diesem Beweis sagen. Einige Schwierigkeit findet Pascal nur bei Berechnung der siebzig Wochen der DanieFschen Prophezeiung; aber er hilft sich darüber mit der Bemerkung hinweg, daß es sich nur um eine Differenz von zweihundert Jahren handelt. — Kleinigkeit. Bei alledem ist für ihn die jüdische Religion „ganz göttlich in ihrer Autorität, in ihrer Dauer, in ihrer Lehre, ihrer Moral und ihren Folgen". Am jüdischen Volke bewundert er vorzüglich die Aufrichtigkeit, die Treue und Liebe, mit der es die Bibel bewahrt, selbst mit Gefahr des Lebens verteidigt, obwohl darin auch viel Schlechtes von ihm erzählt, seine Undankbarkeit gegen Gott, sein Götzendienst ihm vorgeworfen und die göttliche Strafe vorher verkündet wird. C’est une sincerite qui n’a point d’exemple dans le monde, ni sa raeine dans la nature, schließt er. Der englische Rechtsgelehrte Johann Selden, um vierzig Jahre vor Pascal geboren, rühmt an den Juden, daß sie untereinander fest Zusammenhalten, nicht betteln und durch ihr Geld Einfluß zu erwerben wissen. „Ihr sagt, sie werden allgemein gehaßt, bei Gott, die Christen Haffen einer den anderen ebenso so sehr." Ein anderer Engländer, der Philosoph Lord Shaftesbury (geb. 1671), ist der Meinung, daß wahre uneigennützige, auf keine Belohnung im Jenseits rechnende Freundschaft und Patriotismus nur bei Heiden und Juden zu finden seien; diese Tugenden, sagt er, fordert die christliche Religion nicht von ihren Bekennern. Der Philosoph beruft sich dafür auf den frommen Bischof Taylor, welcher die Bemerkung gemacht Seite 411 hat, daß das Wort F reundschaft in unserem Sinne im Neuen Testament gar nicht vorkomme. Nur einmal (in der Epistel Jakobi 14. 4) werde die „Freundschaft dieser Welt" genannt, und da werde sie als Feindschaft Gottes bezeichnet. ziz l. Aus dem Alten Testament führt Shaftesbnry als Beispiel David und Jonathan an. Noch günstiger äußert sich der englische Historiker Charles Merivale über die Juden. „Die Zerstörung des jüdischen Staats mit allen Denkmälern einer alten aber noch lebenskräftigen Zivilisation", sagt er in seiner „Geschichte der Römer unter den Kaisern", „war das größte Verbrechen Roms. Der mutwillig begonnene Angriffskrieg ward mit einer Barbarei geführt, von der wir kein zweites Beispiel in der Geschichte zivilisierter Staaten finden. Jerusalem teilte das Schicksal von Targuiuii und Korinth; aber die Römer, welche Zion in eine Ruine verwandelten, begriffen nicht, daß sie da eine Station vernichteten, welche für die Welt wichtiger war als Hetrurien, ja selbst wichtiger als Griechenland. Doch, nicht gänzlich vernichltt! Ter heimatlos gemachte Jude wanderte als Gefangener oder Flüchtling durch das große römische Reich und weit über dessen Grenzen hinaus, die Saat ausstreuend, welche ,hm auf dem Sinai auvertraut worden war, mit der Kraft, die weder von egyptischer noch von syrischer oder römischer Tyrannei gebrochen werden konnte, mit jener Hoffnung, die kein langes Warten vernichten konnte, mit den Gesetzen, welche Propheten und Patriarchen verehrt hatten und die immer weiter gelehrt wurden. Nach dem Tempel von Jerusalem blühte die Schule von Tiberias, Jahrhunderte lang haben Christen und Mohammedaner, die Weisen des Morgenlandes und des Abendlandes den Einfluß der jüdischen Schriftgelehrten gefühlt, wenn sie es auch nicht eingestehen wollten." Wenige Monate vor dem Tempel von Jerusalem war der Jupitertempel zu Rom im Kriege der Prätendenten um den Kaiserthron zerstört worden. Dazu bemerkt Nierivale: „Palästina war die Wiege des Evangeliums, die Inden zuerst berufen, es auszulegen. Die Zerstörung ihres materiellen Tempels löste die Baude, welche den neuen Glauben an sein Vaterland knüpften, und öffnete ihm den Weg für seinen Erobeeungszug durch die Welt. Der Tempel von Zion ist nicht wiedercrbaut worden, der auf dem Kapitol wurde mit großer Verschwendung wieder hergestellt; aber das blieb ein erfolgloser Versuch, das Veraltete zu befestigen, das Absterbende zu beleben, einen abgenutzten Glauben mit neuem Gedankeninhalt zu füllen." Vielt leo de tribu Juda lautet die Inschrift auf dem Obelisk vor der Peterskirche in Rom. In ähnlichem Sinne bezeichnet der französische Theolog E. de Pressense in seiner Histoire des trois premiers siecles de l’eglise chretienne die Juden als die von Gott zur Ausführung seiner Ratschlüsse ansgewählte Minorität, die aber zum Besten Aller diente. Der jüdische Monotheismus erreicht nach seiner Ansicht „mit seinem ersten Aufschwung eine Höhe, welche Griechenland auf der höchsten Stufe seiner Entwicklung nur geahnt hat, ohne sich da behaupten zu können und sogar ohne je das Joch des Polytheismus ganz und gar abzuschütteln". Dann fährt er fort: „Im Judentum gibt es keine Scheidung der Andacht und des sittlichen Lebens; die Andacht oder die normale Frömmigkeit ist das zur höchsten Potenz erhobene sittliche Leben." Nach Franzosen, Engländern und Italienern wollen wir auch einen Deutschen zum Wort kommen lassen. Es ist traurig aber wahr, daß wir da nn achtzehnten Jahrhundert eine verhältnismäßig reichere Auswahl für unseren Zweck finden, als in der Gegenwart. Wie sich Lessing und Herder zu Juden und Judentum verhielten, ist allbekannt; wie Gellert den Juden schilderte, ist bereits in diesen Blättern (am 2. Juli 1897, S. 567) Dr. Mocb s Mocbenscbritt.

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