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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-06-17 · 25 (17.6.1904) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
25 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 404 Dr. Dlocb's Mocbenscbrttt. Ar. 25 „Mir ist sehr leid, daß ich nicht deutsch gelernt habe, — unter deutsch verstand er profanes Wissen überhaupt — und als ich frappiert aufblickte, fetzte er erklärend hinzu: „Wenn i ch „deutsch" gelernt hätte, dann wäre das Deutsche nicht so weit gekommen." — Er hätte dann, wollte er damit sagen, den religiösen Fortschritt mit gleichen Waffen wirksam bekämpft. Am fünften Tage meines dortigen Aufenthaltes ging ich zum Rabbi Abschied nehmen und sagte ihm: „Ich habe an den Rebbe vom Schwiegervater einen Brief, der eine Bitte enthält, deren Erfüllung ich in P r e ßb u r g erhoffte. Da es aber denn doch nicht angeht, daß ich den Brief dem Schwiegervater zurückbringe, übergebe ich denselben, stehe aber hiervon meiner Bitte ab. Und nun taufend Dank für Alles." Ich wollte mich entfernen: er aber öffnete das Schreiben, sah auf das Datum und bemerkte: „Es ist wahr, damals war ich noch zu Hause; aber bleiben Sie noch wenigstens bis morgen." Ich blieb und an diesem Tage sprach er mit mir über solche Themata, welche zum Spe,ialfache des Rabbiners gehören. Am anderen Morgen übergab er mir ein versiegeltes Schreiben an den Schwiegervater, welches die so sehr ersehnte Approbation, die Haturuh des Preßburger Rabbiners, enthielt. Beini Abschiede sagte er mir, er habe sich gefreut, daß er sich hier mit mir beschäftigen konnte, „denn in Preßburg" — „In Preßburg" fiel ich ihm ins Wort, „da ist ja der Rebbe Preßburger Ro w." Nun aber war ich erst am Anfang des Anfanges. Die schönsten Diplome geben noch immer kein Brot und die Zeit drängte. Die drei Jahre Kost waren zu Ende und ich wollte den armen Schwiegereltern nicht eine Minute länger als bedungen war, zur Last fallen. Ohne sie zu ftagen, ohne Aussicht auf Subsistenzmittel, nur auf Gott vertrauend, mietete ich eine Wohnung; doch blieb ich noch auf ihr Drängen bis nach den großen Feiertagen im Hause. Das Honorar für den Unterricht zweier Zöglinge und die Zinsen der Mitgift mußten hinreichen, um unsere mehr als bescheidenen Bedürfnisse zu decken. Aber das beseligende Bewußtsein, endlich einmal einen eigenen Herd zu haben, am eigenen Tisch zu sitzen und sich von der eigenen guten Frau vorteilen zu lassen, würzte das frugalste Mahl. Kurze Zeit darauf, nachdem ich den Schwiegereltern die Last abgenommen hatte, trat eine Aenderung in ihren Lebensverhältnissen ein. Am 2. November 1861 starb der Rabbiner R. Bär. An diesem Manne bewährte sich der Spruch des Talmuds: „Größer sind die Toten bei ihrem Sterben als bei ihrem Leben." Seine letzte Stunde war gekommen und sein Dasein zählte nur nach Minuten. Tiesergriffen umstanden wir, seine nächsten Getreuen, das Lager, aus dem er, nach Luft ringend, röchelnd lag, und kaum verständlich sagte er, wir mögen „Maariv441) beten — er betete mit . . . Da trat der Schwiegervater aus Bett und sagte zu dem sterbenden Rabbi: „Den „Taruz“2) auf die „Kasche44 H) des „Raschbuh44, welchen der Rebbe mir vorige Woche gesagt hat, haben die Anderen noch nicht gehört. Möchte der Rebbe nicht den -Taraz“ auch ihnen sagen?" Es war erschütternd zu sehen, wie der hinscheidende Lehrer seine letzte schwindende Kraft zusammennahm und stockend, in abgebrochenen Worten, fast lallend, sein letztes „Stückel Thora" sagte, und wo er nicht weiter konnte, da half ihm der Schwiegervater aus; als er zu Ende war, da hauchte er seine reine, fromme Seele aus. So starb er, wie er gelebt, mit der Thora auf den Lippen. Nach seinem Ableben ward der Schwiegervater mit der Leitung des Rabbinats betraut. Er erhielt 200, sage zweihundert, später dreihundert Gulden Jahresgehalt! Heute wäre die Mikloser Gemeinde in der Lage, viel munifizenter zu honorieren, da sie im Jahre 1895 unerwartet und in eigentümlicher Weise in den Besitz einer Erbschaft von rund einer halben Million Kronen gelangte, die ein Mann jener Gemeinde testiert hat, in welcher er sterben werde. Zum Glück für Miklos war der Mann verhindert, seine Absicht, einen Tag früher a b z u r e i s e n, auszuführen. Das Testament wurde nach seinem Tode vorgefunden, aber den testierten Nachlaß suchte man vergebens. Der Mann wurde hinausgetragen, ohne Sang und Klang, ohne Nachruf, zu dem ihn sein Leben nicht berechtigte. Schon hatte man ihn ins Grab gelegt, da kam der ,Zuberer44 atemlos gelaufen, mit den Sparkassebücheln in der Hand, die er in einem Unterkleide eingenäht gefunden. Zur Zeit des Ablebens des Rabbi Bär jedoch hatte die Mikloser Gemeinde noch nichts geerbt, als höchstens die Pflicht, für die Rabbinerswitwe und vier unmündige Kinder zu sorgen, und so mußte sich mein armer Schwiegervater mit dem geringen Gehalte bescheiden. Seine Lage wurde aber doch eine bessere; er brauchte nun nicht mehr die alten Pfeifen auszuklopfen, er hatte stets seinen „Kreuzer Münz" auf Tabak, und heiterer klang sein: „Gehen wir lernen!" Bald darauf, am 30. Dezember 1861, erhielt auch ich eine Stelle als Prediger, Rabbinats-Assessor und Schuldirektor in K o m o r n. Und nun, an der Endstation meiner Lebenswanderung angelangt, will ich die Hauptmomente meiner Erlebnisse, insoferne sie von allgemeinem Interesse sind, in möglichster Kürze mitteilen. — IX. Komorn. Komorn (Komürom), am äußersten Ende der Insel Schütt gelegen, wo die Waag in die D o n a u sich ergießt, hat einen Weltruf, den die Stadt ihrer als uneinnehmbar geltenden Festung verdankt, welche schon zur Zeit der Römer bestand, aber seit Mathias Corvinus (1458—1490) immer mehr erweitert und befestigt wurde. Der Volksmund will den Namen der Stadt von jener steinernen Jungftau ableiten, welche gleichsam als Wahrzeichen Komorns von einem Festungsturme aus mit der ausgestreckten Hand dem nahenden Feinde den Daumen zeigt, als wollte sie sagen: „Komm morgen!" Daher angeblich der Name Komorn, was aber unrichtig ist, da der lateinische Name Comaromium ist. Um welche Zeit die Komorner jüdische Gemeinde, die an Juden nach der jüngsten Volkszählung (1900) nur aus 2296 Seelen besteht, gegründet wurde, läßt sich nicht genau bestimmen. Wohl nennt die Geschichte Ungarns einen aus Oesterreich eingewanderten Juden namens H e n u k, dem König Bäla IV. (1235—1270) im Jahre 1251 die Festung und den Ort, der damals nur noch ein Dorf war, verpfändete, welcher Henuk und dessen Söhne als Kammergrafen (Comes) genannt werden; aber diese jüdische Grafenfamilie war überhaupt die einzige jüdische Familie in Komorn und auch diese ist unter den Juden bald verschwunden. Merkwürdig ist es, daß die Geschichte der Juden in Komorn — m i t einem Ritualmord-Prozeß beginnt, von dem ich umsomehr Mitteilung machen will, als dieses Prozesses in gar keinem Geschichtsbuch Erwähnung geschieht. Man kennt die in Ungarn vorgekommenen Blutbeschuldigungen: Von Tyrnau (1494), von Ep erie s (1764), von Tisza-Eszlar (1882); aber der Prozeß von Komorn blieb bisher aus den vergilbten Akten des städtischen Archivs unbekannt, ohne daß die Geschichte Notiz von ihm genommen hätte. Und doch ist derselbe nicht ') Abendgebet. *) Antwort. 3) Frage.

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