Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 25 (17.6.1904)
- Date
- 1904-06-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 25 Dr. Blocb s Wocbenscbritt. Seite 401 Der Koniher Mord. Berlin. Das Rätsel von Könitz nähert sich anscheinend seiner Aufklärung. Aus Könitz wird berichtet: In der Angelegenheit der Ermordung des Gymnasiasten Winter fanden am Samstag lange Verhöre der Frau Rosz, der Frau Berg, der unverehelichten Rosz, des Restaurateurs Heinrich und der Frau Schneidermeister Plath statt. Die Familie Berg soll, wie das „Konitzer Tageblatt" meldet, hauptsächlich von dem Arbeiter Masloff beschuldigt werden. Frau Berg soll mit Winter ein Liebesverhältnis unterhalten und der Ehemann Berg im Zorn darüber den Winter getötet haben. Die Beschuldigung lautet, wie es heißt, auf vorsätzliche Tötung. Die Verhöre dauern von morgens bis spät abends. Jüdische Knnftgegenstände. Danzig. Der Katalog der in der neuen Synagoge aufgestellten alten jüdischen Kunstgegenstände — Gieldzinski-Stiftung — ist nunmehr erschienen und bietet eine von sachverständigen Händen ausgearbeitete treffliche Beschreibung der einzelnen Ritualien. Die Sammlung umfaßt augenblicklich 827 Nummern und entstammt fast gänzlich der berühmten großen Kunstsammlung des Herrn Lesser Gieldzinski, die mit Recht also eine der Hauptsehenswürdigkeiten „des nordischen Venedig" gilt und z. B. auch von ihrer Majestät der Kaiserin regelmäßig bei ihrem Hiersein mit großem Interesse besichtigt wird. Einer glücklichen Anregung folgend sonderte Herr Gieldzinski die jüdischen Kunstgegenstände, die er während seiner langen Lebenszeit in aller Herren Länder gesammelt hatte, ans den übrigen Kunstschätzen aus und überwies sie anfangs dieses Jahres an seinem 75. Geburtstage der hiesigen Synagogengemeinde. Diese wandelte eine Seitenkapelle des herlichen Tempelgebäudes zu einem würdigen und passenden Aufnahmeraum um und ließ daselbst die Sammlung dem Wunsche des Stifters entsprechend zur ständigen öffentlichen Besichtigung aufstellen. Die kleineren und kostbareren Gegenstände sind in eigens konstruierten Glasschränken untergebracht, die größeren frei aufgestellt; alle sind zusammenhängend geordnet und mit Nummern versehen, so daß die Orientierung eine sehr leichte ist. Der Katalog gibt außerdem noch eine eingehende Beschreibung jedes einzelnen Stückes. Die Sammlung umfaßt danach Miniaturdarstellungen einer heil. Lade und eines Almemors, Paroches, Thorarollen, Wimpeln, Thoramäntel und Aufsätze; in großer Auswahl Thorakronen, Schilde und Zeiger, Altarleuchter, Kidduschbecher und Tafeln, zahlreiche Besomimbüchsen, Esrogdosen, Schofars, Kanne und Handtuch für die Priester, Megilloth, handschriftliche Gebetbücher, Gebetbucheinbände, Mesusoth, Sabbat- und Sederschüffeln, zahlreiche Chanukalampen, Amulette, Beschneidungsgegenstände, Ketuba, Brautschleier, Almosenteller, Medaillen, Bilder u. s. w. Doubletten sind nicht ausgenommen; auch da, wo Gegenstände in mehreren Exemplaren vertreten sind — z. B. Thoraschilde, 10 Thorazeiger — sind nur solche Stücke eingereiht, die sich in der Ausführung charakteristisch von einander unterscheiden. Ans der Fülle derselben ragt eine ganze Anzahl von besonderem Kunstwert hervor, z. B. Wimpeln aus der Mitte des 18. Jahrhunderts mit vortrefflichen Seidenstickereien, Thorakronen und Thoraschilde in den eigenartigsten Formen und Größen, Thorazeiger aus verschiedenartigem Metall und Gestein, künstlerisch schöne Chanukaleuchter, alte Sabbat- und Sederschüffeln aus graviertem Zinn oder aus bemalter Majolika, zwei kostbare Megilloth italienischer Arbeit, die eine mit Malereien, die andere mit Federzeichnungen geschmückt. Ganz besonders treffliche Filigranarbeiten finden sich in allen Rubriken. Herr Gieldzinski hat sich durch seine Sammlung ein bleibendes Verdienst um die jüdische Kunst erworben; möge es ihm vergönnt sein, seine Stiftung,. wie er es beabsichtigt, noch weiter vergrößern und ausbauen zu dürfen. Herr Ballin und die „Kreuzzeitung". Es geschehen Zeichen und Wunder. Die „Kreuzzeitung" nimmt Herrn Ballin, den Direktor der Hamburg-Amerikalinie, gegen die Anfeindungen der Organe des Bundes der Landwirte wegen des Verkaufs einiger Schnelldampfer der Gesellschaft an die russische Regierung in Schutz. Das konservative Blatt übernimmt nämlich ohne jeden kritischen Zusatz die Zuschrift eines über die technische Seite der Frage anscheinend gut unterrichteten Lesers, der daraus hinweist, daß man in England, um die Konkurrenz mit den deutschen Schnelldampfern ausnehmen zu können, schon seit langer Zeit mit der Absicht umgeht, die Schnelligkeit der Schiffe durch Einführung der Turbinen an Stelle der Kolbenmaschinen zu steigern. Die Hamburg-Amerika- Linie suche jetzt diesen englischen Versuchen zuvorzukommen. Es zeuge von dem weitem Blicke der Hamburg-Amerika-Linie, wenn sie die günstige Konjunktur benutzt, um die teueren Schiffe, die in kurzem wahrscheinlich wertlos sein werden, jetzt für hohe Preise loszuwerden und erst dann mit Neubauten für Schnelldampfer wieder vorzngehen, wenn das Problem der Turbinenmaschinen definitiv gelöst ist. Er glaube, daß auch der Kriegsmarine damit am besten gedient sein dürste. Herr Ballin wird sich wohl schwerlich haben träumen lassen, daß ihm jemals in einem konservativ-antisemitischen Blatte eine so schmeichelhafte Anerkennung für seinen „weiten Blick" gezollt werden würde. — Einen nicht gerade ehrenvollen Rückzug hat auch das Organ des Bundes der Landwirte in dieser Frage antreten müssen. Die „Deutsche Tageszeitung" hatte zuerst kräftig in das Horn derer gestoßen, welche in dem Verkaufe der für den Kriegsfall als deutsche Hilfskreuzer in Aussicht genommenen Danipfer an die russische Regierung nahezu einen Landesverrat erblickten: als das agrarische Blatt dann obige Erklärung las, bemerkte es ganz naiv dazu: „Wir haben auch nicht geglaubt, daß Herr Ballin seine Schiffe planlos verkauft hat und nehmen auch nicht an, daß die Reichsregierung diese Verkäufe gestattet hätte, tvenn sie nicht genaue Aufklärungen über die Absichten der Hambnrg-Amerika- Linie erhalten hätte." Die Leser des agrarischen Blattes dürften recht verwunderte Augen gemacht haben, als sie diese plötzliche Meinnngsänderung ihres Leiborgans zu Gesicht bekamen. Die Ursache der Plehwe'schen Toleranz. Wir hatten in jüngster Zeit wiederholt Anlaß, die neue, versöhnlichere Haltung des Ministers v. Plehwe gegenüber den Juden in Rußland hervorzuheben. Die Londoner „Times" erklärt diese Wendung in einer längeren Korrespondenz wie folgt: Die Regierung sehe sich genötigt, alle verfügbaren Geldmittel für Kriegszwecke zu verwenden. Infolgedessen sei es unvermeidlich geworden, alle Arbeiten an öffentlichen Bauten, Eisenbahnen u. s. w. einzustellen. Dadurch würden wirtschaftliche Störungen ernstester Natur hervorgerusen werden, Tausende von Arbeitern würden ihren Erwerb verlieren, was wieder zu Unruhen im Innern führen müßte. Angesichts dieser schlimmen Sachlage sei Herr v. Plehwe bemüht, schon jetzt wieder ein neues Anlehen äuszunehmen. Zu dem Zwecke habe er sich mit mehreren jüdischen Bankiers in Rußland in Verbindung gesetzt, die sich aber geweigert hätten, irgend etwas zu tun, bevor v. Plehwe den Juden Rußlands nicht irgendwelche Zugeständnisse gemacht habe. Daraufhin erst habe der Minister ein geheimes Zirkular an die Gouverneure in den Provinzen geschickt mit der Weisung, die Juden nicht zu belästigen. Und er habe sich weiter entschlossen, das Dekret zu widerrufen, durch das den Juden verboten wird, sich innerhalb von 50 Werst von der Westgrenze niederzulassen. Trotzdem scheint aber die Anlehensaffaire nicht vorwärts zu gehen, aus dem einfachen Grunde, weil die maßgebenden Persönlichkeiten Herrn v. Plehwe nicht über den Weg trauen und fürchten, er werde, wenn er seinen Zweck erst erreicht habe, alle seine Versprechungen rückgängig machen, unter dem Vorwand, sie seien ihm erpreßt worden. Cin Hohnmanifest. Wie die soeben erschienene Nummer 181 der „Neuesten Nachrichten" des Bundes aus Libau berichtet, waren dort in der Nacht des 18. Mai unbotmäßige Geister wieder einmal eifrig tätig, denn am Morgen des folgenden Tages (1. Juni