Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 25 (17.6.1904)
- Date
- 1904-06-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 25 Dr Vlocb's TKHocbenscbrltt Beite 399 Sibirien Verbannten. Ihr Streben war es, durch eine begeisterte Agitation die Bauern dahin zu bringen, in der Feldgemeinschaft ihr Ideal zu erblicken, das sie im Falle der Revolution mit all ihren Mitteln gegen die Regierung zu verteidigen hätten. Den gewerblichen Arbeiter berücksichtigt die Agitation nur insofern, als er zum Gelingen des Planes förderlich erschien. Doch als trotz allen Opfermutes die Agitation unter der stupiden, habgierigen Bevölkerung keine Früchte brachte, besonders nach jener Zeit, wo die russischen Bauern ihre beste Freundin, die studierende Jugend, um einen Judaslohn an die Polizeischergen des Zaren verrieten, da änderten sich die Verhältnisse. Immer mehr gewannen jene die Oberhand, die behaupteten, die Intelligenz Rußlands selbst, und nicht der Bauernstand, sei dazu berufen, die Regierung dem Zarismus aus den Händen zu winden. Es gelang, all die sozialrevolutionären Gruppen Nordrußlands zu einem Verband „Lind und Freiheit" zusammenzuschließen, der aber noch immer im Bauern den Träger der Zukunft Rußlands erblickte. Es dauerte nicht lange, da begann man einzusehen, daß die Theoretiker der Narodniki die Rechnung ohne den Wirt gemacht hatten. Rußland begann gerade damals in die Fußtapfen eines Industriestaates zu treten. Durch jene Russen, die an den westeuropäischen Hochschulen studierten, drangen die Lehren Marx und seiner Schule immer mehr in die akademischen Kreise ein. Immer mehr begann man einzusehen, daß nicht der reaktionäre, konservative Bauer, sondern das viel wissensdurstigere Fabriksproletariat, das sich nicht in die Armut als eine Fügung Gottes ergab, zum Träger sozialistischer Ideen bestimmt sei. Mit frischem Mut und Eifer ging man an die Agitation und es gelang, jenes mächtige, der polizeilichen Spitzfindigkeit Hohn iprecheilde Organisationswerk des jüdischen Arbeiterbundes zu schaffen, das heute die Sozialdemokratie Rußlands repräsentiert. Sehen wir uns das Material, in dem die erste sozialistischjüdische Agitation Fuß fassen sollte, näher an, so finden wir, daß der russische Jude sich in einer allerdings nicht allzu lebhaften Opposition der Regierung gegenüber befindet, da er letztere als die Urheber all seines Elends und seiner Zurücksetzung ansieht. In nationalökonomischer Hinsicht erblickt er gleich dem westeuropäischen Juden in der freien Konkurrenz das Allheilmittel. Die oppositionelle zu einer revolutionären Kampfstimmung anzufachen, die etwas rückständigen Ansichten über die freie Konkurrenz durch tiefe sozialistische Ueberzeugung zu überholen, mußte vor allem die Aufgabe einer sozialistischen Agitation sein, die auch die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden erkämpfen wollte. Diese Taktik hatte glänzende Erfolge: Es gelang in einer kurzen Zeit, ein dichtes Organisationsnetz über die in Betracht kommenden Rayons zu spannen. Bald war die Agitation soweit gediehen, daß man im September 1897 auf dem ersten jüdischsozialdemokratischen Kongreß zur Konstituierung des „Allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes in Rußland und Polen" schreiten konnte. Den Grundpfeiler der Organisatlon bilden die Streikkassen. Fast in jedem größeren Industriezentrum finden wir ein Lokal-Komitee, dem außer der Verwaltung und Förderung der Kasse, der zweckmäßigen Verteilung der Streikgelder, noch die Veranstaltung politischer Demonstraticnen, Kundgebungen und Aufrufe obliegt. Sie geben in der Regel ein eigenes Organ heraus, welches im allgemeinen viel zur Hebung des Klassenbewußtseins der Arbeiter beiträgt. Die Lokalorganisationen unterstehen einem selbstgewählten Zentral-Komttee, welches die Herausgabe der beiden wichtigsten Organe: der „Arbeiterstimme" und einer im Ausland gedruckten wissenschaftlichen Revue „Der jüdische Arbeiter" unternimmt. Wir finden in Belostock 24 %, „ Wilna 30 °/n, „ Homel 45 %, „ Minsk 45 % der Arbeiter im Bund organisiert. Von den Gerbern befinden sich t0u/n/ von den Bürstenmachern v5"/„ in den Organisationen des „Bundes". Welche Resultate die Streiks und Arbeitseinstellungen geliefert haben, gibt uns eine Statistik der Stadt Homel von 1898—99. Es wurden Lohnerhöhungen erwirkt: bei den Schneidern 40 %, „ „ Tischlern 50 °/c, „ „ Schlossern 50 %, „ „ Schustern 40 u/n des ursprünglichen Lohnes. Eine Verkürzung der Arbeitszeit um 2—3 Stunden gilt als mittleres Resultat eines Streiks. Daß diese herrlichen Erfolge nicht ohne Anerkennung von seiten der Proletarier fremder Länder geblieben sind, bestätigt ein Ausspruch auf dem Arbeiterkongreß zu London, der das jüdische Proletariat als die „Avantgarde der Arbeiterarmee Rußlands" bezeichnet. Daß der jüdische Arbeiterbund auf seine Erfolge stolz sein kann, wird man umso eher begreifen, wenn man eine Ahnung hat von den Schwierigkeiten, unter denen er seine Geheimorganisation dirchgeführt hat. Der Zarismus weiß, daß er im „Bund" den stärksten Gegner hat. der ihm bisher entgegengetreten ist. Was Wunder, wenn alle Kräfte der Polizei und Gendarmerie aufgeboten werden, um diese Organisation lahmzulegen. Freilich, das jüdische Proletariat versäumt keine Gelegenheit, um gegen Regierung und Absolutismus energischen Protest zu erheben. Eine Schilderung mag das beleuchten: „Hier werden Bestattungen von dahingeschiedenen Kameraden zu politischen Demonstrationen gemacht, welche alle Einwohner der betreffenden Stadt über die neuen Erscheinungen in Erstaunen setzen. Dort werden die bestraften „Rädelsführer" von dichten Arbeitermassen mit revolutionärem Ruf und Sang begleitet. Da mengen sich bei den Rekrntenversendungen zwischen die militärischen Kommandorufe die von der plötzlich auftauchenden Menge mit Wut geschleuderten Worte: „Nieder mit dem Militarismus!" „Nieder mit dem Zaren!" — von den bereits traditionell gewordenen Maifeiern ganz zu schweigen." Das Heer von Spionen, das ganze System der Lockspitzeleiselbst der schlaueste und rücksichtsloseste Polizist Rußlands, der Gendarmeriechef Lubatow. konnte der Organisation nichts anhaben. Heute wurden zwei Geheimdruckereien aufgedeckt — in einem Monat wird eine neue, größere errichtet. All die brutalen Verfolgungen, all die schlauen und plumpen Fallen, all die falschen Vorspiegelungen Lubatow's und seiner Büttel konnten das Wachsen nicht nur nicht verzögern, sondern förderten es im Gegenteil. Der Bund hatte sich 1898 im Anschluß an die „sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands" organisiert, wobei er nur autonom in jenen Fragen war, die sich speziell auf das jüdische Proletariat bezogen. Hie und da wurden Stimmen laut, die schüchtern und zagend mehr das Jüdische im Bunde betont wissen wollten. „Es ist nicht zu verkennen, daß diese großen Fortschritte der Arbeiterbevölkerung dem Umstand zu verdanken sind, daß sie mehr jüdisch wurde", schreibt ein christlicher Sozialdemokrat.*) — So hatten sich die Verhältnisse geändert. Immer mächtiger erscholl der Ruf nach nationaler Autonomie — immer mehr Anhänger gewann diese Partei im „Bund". Es mußte zur Krise kommen. — Und so faßte man auf dem 4. Kongreß rm April 1901 den Beschluß, daß die Juden als Nation zu betrachten seien, folglich auf Autonomie Anspruch erheben durften. Zugleich beschloß man, nur in föderative Beziehungen zur internationalen russischen Sozialdemokratie zu treten. Wir haben so die Entwicklung des „Bundes" bis zu dem Zeitpunkt geführt, wo ihm unverkennbar der jüdisch-nationale Stempel aufgedrückt wurde. Wir sehen in ihm ein mächtiges, kraftvolles Organisationswerk, das all seine großen Erfolge errang unter der doppelten Flagge des „Sozialismus und Nationalismus". Fritz Schnürer. Ikorrespondenzen. Ausstellung im Bolksheim. Das Volksheim hat in seinen Räumen eine hochinteressante Ausstellung veranstaltet. Die Schularbeiten des Zeichenkurses, den der bekannte Maler David Kohn leitet, werden den Besuchern vorgeführt. Dem Laien bietet die Ausstellung eine Fülle interessanter Köpfe, Landschaften und Stilleben in den verschiedensten Techniken. Der Fachmann aber ist erstaunt, in welch' kurzer Zeit — der Kurs besteht erst nicht ganz zwei Jahre — Maler Kohn solche Resultate zuwege gebracht hat. Der Laie läßt die Studien aus sich wirken und gewinnt einen angenehmen Eindruck, ist sich aber der Ursache dieser Wirkung nicht bewußt und kann das Zustandekommen einer solchen Ausstellung nicht beurteilen. Er weiß nicht wie der Fachmann, welch' ungeheure Schwierigkeit für den Lehrer darin liegt, wenn er ein Schülermaterial hat, dessen Elemente nicht gleichwertig sind. Der Lehrer einer Klasse hat lauter gleichwertige Schüler, sie stehen alle aus Derselben Stufe, wenn auch der eine begabter, fleißiger, rascher ist als der andere. Im Volksheim setzt sich die Schülerzahl aus allen Kreisen der Bevölkerung zusammen: es ist eine Schüssel, wo jeder zugreifen kann. Der Massenunterricht ist besonders im Zeichenkurs gleichzeitig ein Einzelnunterricht. Dazu kommt noch die pädagogische Schwierigkeit, daß der Kurs nur einmal in der Woche — am Sonntag — stattsindet. Und gerade in der bildenden Kunst ist dies sehr wenig, wenn man auch nur ein bescheidenes Ziel erreichen will. Kohn bringt hier Studien zur Ausstellung, die den vierten Jahrgang einer Akademie Ehre machen würden. Man glaubt das Resultat eines täglichen Unterrichtes vor sich zu haben, und selbst der Fachmann ist erstaunt, zn hören, daß die Schüler dieses Kurses ganz anderen Berufen angehören. Wir finden unter ihnen Techniker, Beamte, Handwerker, Arbeiter, Damen und Herren, die die ganze Woche ihrem Berufe nachgehen und am Sonntag mit heiligem Ernst und großem Eifer ihren Zeichen- und Malstudien obliegen. Mit welcher Liebe muß der Meister in seinem Berufe im Volksheim ausgehen, wenn er in so kurzer Zeit solche Resultate zustande *) E. Sorow: „Der jüdische Arbeiterbund", Neue Zeit 1901.