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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-06-17 · 25 (17.6.1904) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
25 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 398 Nr. 35 Dr. Llocd's Art von Kreditinstitut, indem er Bürgschaft für Waren llbernahm, die von vertrauenswürdigen jüdischen Kaufleuten auf Kredit gekauft wurden. Was die geistigen Leistungen und philanthropischen Bestrebungen anbelangt, so sorgte der Kahal vor allem für Schulen und unterhielt seine arbeitsunfähigen Mitglieder. So bildete diese Organisation mit ihrem weiten Arbeitsgebiet und ihrer Verantwortung einen „Staat im Staate", der im 17. und am Anfang des 18. Jahrhunderts in vollster Blüte stand. 1772 kam der größte Teil des heutigen sogenannten Ansiedlungsrayons unter russische Herrschaft. Dies ist der Anfang für ein Hinsiechen dieser Körperschaft, bis 1840 die juristisch formale Auflösung erfolgte, während sie tatsächlich schon lange vorher jedwede Autorität und Bedeutung verloren hatte. Nicht zum mindesten war der Umstand daran schuld, daß die Kahalverwaltrng am Ende des 18. Jahrhunderts in eine drückende Oligarchie ausartete, indem eine Anzahl von Mächtigen die weiteren Volksschichten zu ihreni eigenen persönlichen Vorteil ausbeutete. Als auch die religiös-rabbinische Autorität mehr und mehr, besonders durch das weitere Ausbreiten der chassidischen Sekte, gelockert wurde, ging es rasch bergab, bis der Kahal am Anfang des 19. Jahrhunderts zur vollständigen Bedeutungslosigkeit herabsank. Doch nicht umsonst war die Entwicklung und Organisation zur Zeit des Kahals. Wir werden ans dem Folgenden ersehen, wie viele seiner Funktionen, allerdings durch moderne Ansprüche reformiert, später wieder auftauchen, und wie besonders das Proletariat sich der religiösen Traditionen bemächtigt. Bevor wir jedoch zur gegenwärtigen Organisation der jüdischen Gewerbetreibenden übergehen, möchten wir mit einigen Worten die allgemeine Lage der Juden Rußlands beleuchten. Es ist nicht der Ort hier, all die herzzerreißenden Bilder zu wiederholen, die uns von dem menschenunwürdigen Dasein des größten Teils der Juden Rußlands Kunde geben. Sagt doch ein Wort wie Kischenew und das daran sich schließende Unrecht, das sich den hochtönenden Namen Prozeß beilegt, mehr als uns Bände erzählen können. Zur Charakterisierung mögen zwei Zitate dienen: Ein russischer Staatsmann (Pobedonoszcff) gibt folgende Lösung der Judenfrage: Ein Drittel der russischen Juden stirbt, ein Drittel emigriert und das dritte assimiliert sich. Wahrlich, Hunger und Typhus sorgen dafür, daß man den ersten Teil der Behauptung nicht Lügen strafen kann- Auch der zweite hat seine Richtigkeit: fast ganz Westeuropa und Amerika ist heute überschwemmt von ostjüdischen Auswanderern, so daß selbst „liberale" Staaten, wie England, ihre Tore zu schließen beginnen. Geben wir der Behauptung, daß ein Drittel der jüdischen Bevölkerung Rußlands sich assimiliert, näher auf den Grund, so finden wir eine merkwürdige Tatsache: Gerade so wie in jener Assimilationscpoche vor der Zeit der Entstehung des Kahals sich die oberen Schichten der Juden der „Schlachta" näherten, geradeso rekrutieren sich auch heute jene Verräter am Judentume, die teils aus Feigheit, teils aus Habsucht den bedrohten Posten verlassen, fast nur aus den Kreisen der jüdischen Bourgeosie Rußlands. Dr. S. Rabinowitsch, die die Verhältnisse persönlich kennt, und der man wahrlich Uebertreibung nicht vorwerfen kann, entwirft von der Lage der Juden Mohilews am Dnjepr (einer Stadt von 50.000 Einwohnern) folgendes Bild: „Kommt man in die peripherisch gelegenen, fast ausschließlich von Juden bewohnten Stadtviertel, so bieten sich hier Bilder eines Elends, die man eben nur wieder in Rußland finden kann. In diesen Teilen, die auch nickt allen Einheimischen bekannt sein werden, sind zwischen schmutzigen, uugep flüsterten Straßen, in welchen auch bei sonnenklarem Himmel die Füße in Kot versinken. kleine Holzhäuschen mit niedrigen Fensterchen und zerbrochenen Schornsteinen planlos zerstreut. Ein Elend herrscht in diesen Häuschen, das nur noch mit dem Elend der hungernden Bauern Rußlands zu vergleichen ist: Hunger, Frost. Maffensterblichkeit der Kinder und ganz trostlose Abhängigkeit vom Wucher, jenem Blutsauger am Körper des jüdischen Volkes. Und dies Elend ist — wie dort auf dem Lande, wo die Laune der Natur mit Menschenleben spielt, nicht sicher vor Verschlimmerung : von Tag zu Tag droht diesen Proletariern die Gefahr, auch jene küuimerlichen Erwerbsgelegenheiten zu verlieren, durch die sie sich kaum mit ihrer Familie durchs Leben durchfristen." — Dies die Worte einer Jüdin über die jämmerliche Lage der russischen Juden. Wir finden sie wieder, vielleicht noch pessimistischer, in dem Werke eines Christen: Schulte-Gäveruitz.*) Was Wunder, wenn die Inden sich enger aneinanderschließen, um dies Elend gemeinsam zu ertragen, und wenn möglich, mit gemeinsamen Kräften etwas zu mildern. Dies der Zweck der .Chewra", am besten und treffendsten mit „Brüderschaft" übersetzt. Sieht man von den „Wohltätigkeits-Chewras"**) einer rein philanthropischen Einrichtung, ab, so versteht man unter einer Chewra die Organisation der Handwerker, hauptsächlich zum Zwecke der Unterstützung der hilfsbedürftigen Mitglieder, besonders im Falle der Krankheit und Arbeitslosigkeit. Verschiedene Faktoren spielen bei der Gründung dieser Organisation der jüdischen Handwerker in einzelnen Städten Rußlands eine Rolle. Neben den wichtigsten charitativen sind es auch religiöse Momente, die nicht ohne Einfluß auf die innere Organisation der Chewra geblieben sind. Sie scheinen aus der Kahaltradition übernommen zu sein, wie man überhaupt die Behauptung aufstelleu kann, daß die Chcwras direkt aus den dem *) Schulte-Gävernitz: Volkswirtschaftliche Bilder aus Rußland. **) Diese haben mannigfache Aehulichreit mit den westeuropäischen Chewras. Mocdenscbrtrl. Kahal unterstellten jüdisch-litauischen Zünften hervorgegangen sind. Manche auffallende Aehnlichkeit haben sie noch heute. Außer dem Zwang, eine eigene Thorarolle zu besitzen, unter günstigen finanziellen Umständen eine eigene Synagoge zu bauen, finden wir bei beiden Organisationen dir gleichen umständlichen Feierlichkeiten bei der Wahl des Vorstandes und den Zwang, die Statuten in hebräischer Schrift auf einer Pergamentrolle (Pinkuß) geschrieben zu besitzen. Meine folgenden Ausführungen beziehen sich auf die Chewras Mohilews, da sie die einzigen sind, über welche deutsches statistisches Material, und zwar wieder in dem Buche Dr. Sarah Rabinowitsch' vorliegt. — Obzwar die Chewras vornehmlich Handwerker-Organisationen sind, in denen der Gegensatz zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gewöhnlich nicht so scharf hervortritt, hat doch das im Aufflammen begriffene Klassenbewußtsem einen Keil in die ftühere Harmonie zwischen Meister und Gesellen der Chewra getrieben. Nur noch drei von den zehn Chewras Mohilews befinden sich noch in diesem Zustand der Einigkeit zwischen Meister und Gesellen. Wir wollen sie (im Anschluß an Dr. Rabinowitsch) „Elementare Chewras" nennen. In diesen sind von den Handwerkern Molihews die Schuster, Blechner und Uhrmacher organisiert. Es ist zu beachten, daß dies Gewerbe sind, in denen ein Meister mit einem, höchstens zwei bis drei Gesellen arbeitet, die ziemliche Aussicht haben, einst selbst Meister zu werden. Wo dieser Fall nicht zutrifft und sich der soziale Gegensatz so vergrößert hat, daß eine gemeinschaftliche Organisation der Meister und Arbeiter unmöglich wird, entwickeln sich aus der ursprünglichen Chewra zwei neue Organisationen, die sich mehr oder minder feindlich gegenüberstehen. Zwei Fälle können eintreten: Entweder die Meister-Chewra sinkt zur bloßen Uuterstützungskasse herab, oder die Arbeitnehmer treten zu einer neuen Organisation auf dem Boden des gemeinsamen Klassenbewußtseins zusammen. In diesen „Doppel-Chewras" (dies ist der gemeinschaftliche Name für beide neu entstandenen Organisationen) sind außer den Damenschneidern und Tischlern, deren Gesellen-Chewras sich in schönster Blüte befinden, noch die Färber und Ofensetzer organisiert. Der Gang des sozialen Prozesses, der schließlich zu einem vollständigen Gegensatz von Meister und Gesellen führt, ist kurz skizziert folgender: die Gesellen fühlen sich in der Chewra von den Meistern ausgebeutet; und mit Recht: denn die letzteren verfahren nach jenem Prinzip, das einst den Kahal zu Grabe tragen half. Es besteht darin, daß wenige Mächtige ihre Vorteile auf Kosten der übrigen Masse rücksichtslos auszunützen wissen. Die Gesellen treten aus der Chewra aus, bilden eine neue Organisation, deren Hauptzweck vorläufig ist, das Standesbewußtsein zu stärken und die Standesehre vor Uebergriffen der Meister zu schützen. Doch bald erweitert sich das Verhältniß dahin, daß die in den Chewras organisierten Gesellen Lohndifferenzen durch vorbereitete Streiks zu ihrem Vorteil zu beeinflussen suchen. Eine dritte Gruppe von'Chewras bilden die „Arbeiter-Chewras", in denen fast älle Arbeiter eines Gewerbes organisiert sind, und die es durch Streiks dahin gebracht haben, daß Unternehmer nur Arbeiter beschäftigen, die in der betreffenden Chewra organisiert sind. Hierher gehören äußer der starken und zielbewußten Tabakarbeiter-Chewra noch jene der Gerber und Buchdrucker. Wenden wir uns nun zum dritten und wichtigsten Teil: dem „Jüdischen Arbeitcrhund". Aus dem Vorhergehenden ist ersichtlich, daß auch in dem, im allgemeinen staatsfreundlichen Organisationsprinzip der jüdischen Handwerker Rußlands das Klassenbewußtsein zu keimen beginnt. Daneben ist in Rußland ein anderes Proletariat emporgewachsen, das, durch den Kapitalismus gezeitigt, angefangen hat, stolz und frei sein Haupt zu erheben Es ist das russisch-jüdische Fabriksproletariat, das. obzwar naturgemäß beeinflußt von der allgemeinen russisch-sozialistischen Arbeiterbewegung, doch immer seine eigenen Wege gegangen ist und schließlich sein Organisationswerk mit einem stolzen Bund gekrönt hat, der ein offenes jüdisches Gepräge trägt. Bevor wir jedoch die Gründung und Tätigkeit des „russisch - jüdischen Arbeiterbundes" betrachten, seien über den russischen Sozialismus und über seine Theoretiker einige Worte vorausgeschickt. Vor allem sei auf eine volkstümlich-sozialistische Schule: die der Narodniki, aufmerksam gemacht, die bis vor kurzem das Geistesleben der russisch-revolutionären Jugend absorbierte, jener Intelligenz, der man im Ausland mit großer Sympathie begegnet und die leider so oft auf den Eisfeldern und in den Bergwerken Sibiriens ihren Opfermut büßen muß. Jni Mittelpunkt dieser Lehre steht die „russische Feldgemeinschaft", jene historische Tradition, daß die Bauern desselben Dorfes das Gemeindeland gemeinschaftlich bearbeiten. Das Objekt dieses Sozialismus ist der russische Bauer. In der Feldgemeinschaft sehen die Narodniki und ihr bedeutendster Führer Tschernewski das Ideal, dem die ganze Kultur zustrebt und das sie gerne über Westeuropa ausgedehnt wissen möchten. Sie glaubten, daß Rußland mit einer sprunghaften Geschichte den anderen zivilisierten Ländern vorangehen werde, indem es sich förmlich des Resultates der jahrtausendlangen Kultur, der Forderung an gleichem Grund und Boden bemächtigt. Ist diese Theorie später besonders dadurch, daß nachgewiesen wurde, daß Europa auch die Feldgemeinschaft besessen und überwunden hatte, in sich zusammengebrochen, so ist doch Eines ersichtlich: daß diese Lehre im Gegensatz zum Kosmopolitismus anderer sozialistischer Systeme einen direkt nationalen Charakter trug. Begeistert folgte die studierende Jugend Rußlands in den Sechziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts ihren Führern. Ein deutliches, erschreckendes Bild davon geben die Zahlen der in jener Zeit politischer Vergehen wegen nach

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