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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-06-17 · 25 (17.6.1904) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
25 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 25 Dr. Dlocb's MocdenscbrM. Seite 397 Es ist aber nochmals zu betonen: die Aufklärung der Massen, die wachsende Volksbildung, das zunehmende Verständnis für Sauberkeit und das Bedürfnis nach ihr wird in diesem Kampfe mehr leisten als jede Zwangsbehandlung. Das souveränste Mittel aber zur Bekämpfung des Trachoms wird ebenso wie die letztgenannten ein nicht spezifisches sein; es wird in der Verbesserung der allgemeinen hygienischen Zustände bestehen. Je gesünder die Wohnnngsverhältnisse der Kolonisten — späterhin der Massen — sich gestalten werden, je mehr Gerätschaften, je mehr Raum dem einzelnen Individuum zur Verfügung stehen werden, um so rascher wird sich das Trachom auf ein solches Minimum der Verbreitung reduzieren lassen, daß es ähnlich wie in Nordenropa nicht mehr als eine Geißel des Landes wird bezeichnet werden können. In diesem Sinne müßte eine systematische Bekämpfung des Trachoms durchgeführt werden, wenn sie von einem radikalen Erfolge gekrönt sein wollte. Sie erfordert allerdings eine starke Staatsgewalt. Sie würde aber zu denselben günstigen Resultaten führen müssen, die im Großen bei der Bekämpfung der Pockengefahr in Europa» im Kleinen bei der Ausrottung der Jahrhunderte alten Typhusendemien in München durch die hygienischen Maßnahmen Pettenkofer's erzielt worden sind. Leider sind wir aber gewohnt, uns bei der Seuchenbekämpfung in den meisten Fällen auf die allernotwendigsten Maßnahmen zu beschränken. Die Ursache hierfür liegt entweder in außereuropäischen Ländern — in dem Mangel an einer starken und willigen Staatsgewalt oder — wie es bei der Bekämpfung der Tuberkulose und der Geschlechtskrankheiten in Deutschland der Fall ist — daran, daß die Durchführung der zur idealen Bekämpfung der Seuchen notwendigen Maßnahmen in ihren Einzelheiten auf praktische Schwierigkeiten stößt. Beide Momente treffen leider mehr oder minder für die Bekämpfung des Trachoms in Palästina zu. Und dennoch sind die Ehancen der Bekämpfung selbst bei Beschränkung auf die notwendigsten Maßnahmen weit günstlger, als beispielsweise beider Bekämpfung der Tuberkulose und der Geschlechtskrankheiten. Was das Fehlen einer mächtigen Staatsgewalt betrifft, so verweist dieser Mangel unseren Blick vom Staate auf die kleinere Gemeinschaft, die einzelne Stadt, die Kolonie; mit welchem Erfolge hier gearbeitet werden kann, soll noch gezeigt werden. Was aber den zweiten Punkt betrifft, so liegt der Unterschied zwischen der Bekämpfung der Tuberkulose und des Trachoms bei gleichem Verzicht auf die idealsten Jiolierungsmaßregeln auf der Hand. Die zwangsweise Behandlung der Tuberkulose müßte sich über lange Jahre erstrecken, und auch danik%iLße sich nur eine mehr oder minder problematische Heilung erzielen, wenn man von den in den allerersten Anfangsstadien stehenden tuberkulösen Prozessen absieht; jedenfalls wäre eine Uebertragung der Krankheit auf Gatten, Kinder rc. auch nach erfolgter Zwangsbehandlung keineswegs ausgeschlossen. Die Trachombebandlung aber würde in Wochen oder Monaten fast durchwegs zur Heilung im Sinne der Ertötung der Uebertragungsfäkigkeit führen. Zu bedenken ist ferner, daß der Trachomkranke sich der Behandlung seines lästigen Leidens gern unterwerfen wird, wenn er sich von dem Nutzen der Kur bei anderen Kranken überzeugt haben wird. Ferner käme hier das Moment überhaupt nicht in Betracht, das die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten ohne das utopische Mittel der Zwangsinternierung gänzlich illusorisch macht, selbst wenn alle Fälle zur Behandlung gelangten: daß das Verbot des geschlechtlichen Verkehres bis zum Eintritt der Heilung unter dem Einflüsse übermächtiger Triebe immer wieder durchbrochen wird. Wenn wir also auch, deu tatsächlichen Verhältnissen Rechnung tragend, auf die Zwangsinternierung verzichten und uns auf ein Mindestmaß von Vorschriften beschränken, das kaum über das niedrige Maß jener Vorschriften hinausgeht, auf die sich Deutschland bei der Bekämpfung der Tuberkulose und der Geschlechtskrankheiten hat beschränken müssen, so darf nach dem Gesagten daraus nicht der Schluß gezogen werden, daß die Erfolge jener wenigen Maßnahmen bei der Bekämpfung des Trachoms ebenso nominale sein werden, wie sie es bei der Bekämpfung jener anderen Seuchen bislang tatsächlich sind. Ist denn aber wirklich ein so weitgehender Verzicht in Palästina nötig, wenn wir den Kampf gegen das Trachom nickt am Ende, sondern am Anfang beginnen, d. h nicht durch staatliche Maßnahmen, sondern durch den zielbewußten Einzelkampf in jeder Kolonie? Man darf wohl behaupten, daß sich die Durchführung aller erwähnten Maßnahmen — außer der Zwangsinternierung, auf die man ohneweiters wird verzichten müssen — in einer einzelnen Kolonie von einer energischen Leitung mit Leichtigkeit bewerstelligen lassen muß: die Anzeigepflicht, die zwangsweise operative Behandlung bis zum Schwinden der Bindehautverdickung (eventuell unentgeltlich, die Aufklärung der Kolonisten, ihre Erziehung zur Sauberkeit, periodische ärztliche Untersuchungen, Entfernung trachomatöser Kinder aus der Schule. Was allein durch die Erziehung zur Sauberkeit erreicht werden kann, beweist eine Angabe iu dem erwähnten Aufsatze G r e g o r i d'Arbell a's. In einer Kolonie bei Jaffa litten die Inden infolge ihrer größeren Reinlichkeit nur zu 7»% an Augenkrankheiten, von denen die Araber zu 30% ergriffen waren. Diese Zahl, die eine Verminderung der Krankheitsziffer um über 99'/» bedeutet, zeigt deutlich genug, welch dankbares Arbeitsfeld die Trachombekämpfung auch unter Verzichtleistung auf die idealsten hygienischen Erfordernisse darstellt. Wenn der Kampf hier im kleinen als Vorbereitung zu einer späteren systematischen, umfassenderen Bekämpfung energisch einsetzeu wird, so wird es allmählich gelingen, die Krankheit ohne kostspielige Mittel aus ein bescheidenes Maß einzudämmen und damit das nosologische Gesamtbild Palästinas beträchtlich zu verbessern. In einer späteren Zeit wird man vielleicht von der einstigen Geißel des Landes in ähnlicher Weise sprechen, wie heute in München von den Typhusendemien - als einem historischen Kuriosum. Kahal, Chewra und der „Jüdische Ardeilertmrrd" in Rußland.*) Bis vor Kurzem existierte kein umfassendes Werk über das obige Thema. Erst mit dem 1903 erschienenen Buche von Tr. Sarah Rabinowitsch: „Die Organisationen des jüdischen Proletariats in Rußland" wurde die oft empfundene Lücke aus diesem Gebiete ausgefüllt. Es liegt nicht in unserer Absicht, die Vorzüge dieses Buches hier nochmals wiederzugeben. Sie sind von zuständiger Seite oft genug hervorgehoben worden. Wir setzen diese Schrift hierher, weil wir sie zur Grundlage eines großen Teiles unserer Ausführungen gemacht haben und uns auf diese Weise aller Zttiernugen und Verweisungen auf das Buch enthalten möchten. Bevor wir uns der Behandlung unseres eigentlichen Themas znwenden, mögen einige Streiflichter die Zeit der Entstehung der ersten dieser Organisationen, des Kahal, beleuchten. Es ist das XIV. und XV. Jahrhundert, eine Epoche der Blüte, wie sie nie wieder in der Geschichte der Juden Rußlands erreicht wurde. Sie erhalten durch Privilegien der Fürsten, deren besonderen Protektion sie unterstehen, das Recht, frei Gewerbe und Handel zu treiben, Grund und Boden zu erwerben, ihre Angelegenheiten autonom unter Appellation an den Großfürsten zu regeln. Dies sind die Gründe für eine Assimilationsepoche, wie sie einzig dasteht: Die oberen Schichten nähern sich immer mehr der Schlachta; ein Teil derselben tritt zum Christentum über, ein anderer ist nahe daran, dasselbe zu tun. Die soziale Differenzierung droht die Bande, die die jüdische Ration zusammenhalten, vollständig zu sprengen. Da tritt gegen 1450 ein Gegner auf, der sich dem wirtschaftlichen Aufschwung der Juden hemmend entgegenstellt. Es ist dies die polnisch-litauische Zunft. Diese befindet sich in keineswegs glänzenden Verhältnissen. Mit der patrizischen Städteverwaltung zerschlagen, nut dem mächtigen Feudaladel im offenen Gegensätze, kommt der Jude als Blitzableiter im wirtschaftlichen Kampfe gerade recht, zumal da die jüdische Konkurrenz zu derjenigen gehört, gegen die man am leichtesten ins Feld ziehen kann. Religiöse und Rassenvorurteile sind mächtige Bundesgenossen der Handwerker! So folgte auf die Zeit der Blüte eine Epoche der Verfolgung, die mit der vollständigen Verbannung der Juden aus Litauen im Jahre 1495 endigte. Das drohende Gespenst der fortwährenden Gefahr bringt die Inden wieder enger aneinander und läßt jede Differenzierung verschwinden. Wird acht Jahre später das Verbannungsedikt aus egoistischen Motiven wieder aufgehoben, so hat es doch Eines vollständig erreicht: Die Zertrümmerung der jungen Assimilation. Nach Litauen zurückgekehrt, schließen sich die Juden zu jener eigentümlichen Organisation, dem „Kahal", zusammen, der bis vor kurzer Zeit das soziale und wirtschaftliche Leben der Juden Polens und Rußlands vollständig regelte. Es sind drei Momente, die für die Entstehung des Kahals von Bedeutung find: 1. ein soziologisches, 2. ein religiöses und 3. ein fiskalisches. — Was das soziologische betrifft, hat Brentano nachgewiesen, daß dort, wo eine Gruppe von Menschen schwer um ihre Rechte kämpft, imnier eiu engeres Aneinanderschließen der Unterdrückten stattfindet, daß aber auch dann, einmal im Besitz der erkämpften Rechte, diese eifersüchtig über das Erreichte Wachen. Den eklatantesten Beweis dafür bilden die westeuropäischen Zünfte. So entstanden aber auch jene „Staaten im Staate" nach dem treffenden Ausspruch Fichte's. - Der Einfluß der Religion und besonders des Kultus auf die Einigung liegt auf der Hand. Dazu kam für Litauen und Polen noch folgendes: Im Interesse der Finanz- Verwaltung lag es. nicht das jüdische Individuum, sondern die ganze Gemeinde zu besteu-rn. Es bedurfte daher einer Behörde, welche den vorgeschriebenen Steuerbetrug auf die einzelnen Mitglieder der Gemeinde verteilte. Was nun die Tätigkeit des Kahals anbetrifft, so war diese letztgenannte Funktion, die Vertretung der Gemeinde der Steuerbehörde gegenüber, wohl die wichtigste. Insofern als er _ das Recht hatte, die Gewerbetreibenden zum Beitrag zur Handwerkersteuer zu zwingen und ihre Zahl nach Belieben zu verändern, monopolisierte der Kahal das Recht, Handwerk zu treiben, und schuf dadurch eine starke Organisation, die im Namen der jüdischen Gewerbetreibenden sogar diplomatische Verhandlungen anknüpfen durste. Er hatte mehr als einmal schwierige Kämpfe mit den christlichen Zünften Polens und Lltauens zu besteben, deren Haß den jüdischen Konkurrenten gegenüber sich oft in blutigen Aufständen Luft machte. Doch die Wirkungssphäre des Kahals ging noch weiter. Er hatte die Befugnisse der Gewerbepolizei, der Inspektion von Maß und Gewicht, und stellte Marktrichter an, deren Amt es war, Streitigkeiten während der Maßzeit zu schlichten. Der Kahal bildete ferner eine *) „Der Jüd. Student" Nr. I.

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