Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 24 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 390 Dr. Blocb’s MocdenscdrM. Nr. 24 Darauf konnte ich nicht antworten, aber endlich kam die gefürchtete Frage: „Wo hast du das Geld?" Kleinlaut und zaghaft fagte ich die Wahrheit: da brach das Gewitter los, ein Hagel von schwiegermütterlichen Vorwürfen prasselte auf mein armes Haupt hernieder, und der Schluß war: „Nu, Mendel, was sagst du dazu?". „Gehen wir lernen", war feine Antwort. Und wir gingen lernen. Ich lernte mit umso größern Eifer, als ich es einsah, daß ein großes Gefchäftsgenie in mir nicht verloren gegangen. Ich merkte und fühlte es, wie ich im talmudifchen Wissen immer mehr erstarke und der Umgang mit diesem edelsten der Menschen wirkte reinigend, veredelnd, erhebend: der freundschaftliche Verkehr mit dem klassisch gebildeten Dr. Heinrich Zirndorf, dem Nachfolger Löwenstein's, und mit dem gelehrten Kodak, dem Herausgeber des hebräischen „Jesch urun", der nach Dr. Zirndorf gekommen war, regte mich an, wissenschaftlich fortzufchreiten, wogegen der tolerante Schwiegervater nichts einzuwcnden hatte. Nur Eines bat er mich zu unterlassen, und zwar: öffentlich hervorzutreten. Um für meinen künftigen Beruf mich vorzubereiten, wollte ich am Sabbat nachmittags homiletische Vorträge halten. Er aber sagte: „Tue es nicht", ..«eben' a 1 taasse odif — „Unterlassen ist besser." Als im Jahre 1861 der Vorstand in Miklos an mich herangetreten war, über Graf Stefan S z e ch e n y i, den „größten Ungar", an der ersten Jahreswende seines Todes die Gedenkrede zu halten, und ich dieselbe bereits fertig hatte, bat er mich abzufagen. Er wollte nicht, daß fein Schwiegersohn in Miklös als „Predige r" fungiere. Der „Prediger" war damals in konservativen Kreisen noch anrüchig. Die drei Jahre „Kost" eilten ihrem Ende zu und es trat an mich die ernste Frage heran, die schon Vater Jakob an sich gestellt hatte: „Wann werde ich für mein Haus etwas tun?" Es galt vor allem die ^Üaturub", das Rabbinatsdiplom als Autorisation zur Ausübung des Rabbineramtes zu erlangen. In meinem Ehrgeize wollte ich mich auch durchaus nicht mit einer einzigen Haturuh begnügen, ich wollte deren mehrere und zwar von den anerkanntesten rabbinischen Autoritäten. So gab mir denn mein Schwiegervater einige Zeilen auf den Weg mit, in denen er schlicht und bescheiden, wie er war, bezeugt, daß ich drei Jahre in seinem Haufe mit ihm zusammen — nicht b e i ihm — gelernt habe und daß ich von den „vier Ellen der Halacha" (Religionsgesetz) nicht abgewichen bin. Das erste Diplom erhielt ich vom Hunsdorfer, das zweite vom Gyöngyöfer Rabbiner, aber mein Streben hatte sich ein höheres Ziel gefetzt — ich wollte von der höchsten rabbinischen Autorität in Ungarn, dem Preßburgcr Rabbiner, vom K:ssav-«ofer. die Approbation erhalten. Er kannte meinen Schwiegervater und mich, weil wir ihm ein Jahr früher im Bade Szliäcs, wo er zur Kur geweilt, einen Besuch gemacht hatten. Der Schwiegervater hatte einen solch tiefen Eindruck auf den Rabbiner gemacht, daß dieser ihn beim Abschiede bat, „Reb Mendel möge feiner im Gebete gedenken", und nach unserer Abreife kamen mehrere Briefe wöchentlich von ihm, viele Bogen voll Thora. In einem derselben schrieb er, daß das Wechselfieber, das sonst täglich um diese Stunde ihn anfalle, während des Briefschreibens ausgeblieben sei, „denn", schrieb er, „die Thora bringt Heilung". Der Preßburgcr Rabbiner war eine schöne, imposante Gestalt, und wenn auch das Bewußtsein seiner hohen Würde in allen seinen Bewegungen sich kundgab und er mit einer Grandezza auftrat, die jeden fühlen ließ, er stehe vor „Preschborger Ruw", so war er doch sehr leutselig und der Grundzug seines Wesens war pure Herzensgüte. Seine Rede sprühte von Geist, jedes Wort war ein Witz, und so konnte es nicht fehlen, daß man manchem dieser Witze es anmerkte, er sei erjagt worden. Mit einem Empfehlungsschreiben des Schwiegervaters versehen, trat ich die Reise nach Preßburg an: dort erfuhr ich, daß der Rabbiner auch in diesem Jahre in Szliücz sei; ich reiste dahin. Er nahm mich ungemein freundlich auf; trotzdem verschwieg ich ihm den Zweck meiner Reise, da es doch taktlos gewesen wäre, ihn im Kurorte, wo er Heilung und Ruhe suchte, mit meiner Bitte zu behelligen. Ich zeigte ihm meine Dokumente, er las sie durch und bemerkte: „Das ist alles sehr schön, aber diese paar Zeilen von I h r e in S ch lv i e g e r v a t e r sind mehr w e r t, als die schönsten Haturos. Seitdem ich ihn gesehen, geht er mir nicht aus dem Sinn; das ist ein Mann, von allen Seiten rund, nirgends spitzig" (d. h. nirgends zu fassen). Ob er geahnt hat, was mich zu ihm führte, weiß ich nicht, aber er war so liebenswürdig, mich einzuladen, ich möge einige Tage bei ihm bleiben, welche unerwartete, mich höchst ehrende Einladung ich natürlich bereitwilligst annahm. Das waren genußreiche, mir noch heute unvergeßliche Tage. Ich wohnte mit dem Sohne des Rabbi, d e m j e tz i g e n P r e ßburgcr Rabbiner, der damals 18—19 Jahre alt gewiesen sein mochte, aber schon ein vorzüglicher Talmudist und ungemein wißbegierig gewesen. Er ward nicht müde, mich aufzufordern, ihm „Thora" zu sagen", und erst am anderen Tage, als der Rabbi auf dieselben Themnte zurückkam, merkte ich, daß er in seinem Wohnzimmer, das von dem unsrigen nur durch eine dünne Wand abgeteilt war, ein aufmerksamer Zuhörer gewesen; von da ab war ich vorsichtiger in der Auswahl meiner „Thora". Der Rabbi machte stundenlange Fußpartien im Walde, auf bcueit ich ihn begleitete, und da, in stiller Waldeinsamkeit, war er so mitteilsam mir gegenüber, daß er die intimsten Dinge aus seinem Leben mich wissen ließ, Dinge, von denen selbst seine eigenen Kinder kaum Kenntnis haben dürften. Ich will von allen diesen Mitteilungen nur zwei hervorheben. (Fortsetzung folgt.) Neue Bücher. Unsere Hoffnung Monatsschrift für die reifere jüdische Jugend. Redaktion und Administration: Wien, I1I/2, Untere Viaduktgasse 25. I. Jahrgang, Heft Nr. 3. Juni 1904. Inhalt: Ben Samuel: Unsere Ziele. I. Uprimny: Ad hoc* Taufen. Josef Weiß l: Zur Frage des jüdischen Nationalismus. Hugo Z u ck e r m a n: An Judas' Jugend. Hugo Bergmann: Ueber die Bedeutung des Hebräischen für die jüdischen Studenten N. S o k o l o w: An unsere Erstlingsfrüchte am Schebuothfeste. David Jizchaki: Einiges über die poetischen Schönheiten des Fünsbuches Mosis. A. C o r a l n i k: Vor der Prüfung. Rundschau. Erne Ansicht ist der Titel eines Dramas aus der Verlassenschaft des im Vorjahre verstorbenen jungen Vieländer, dessen frühen Tod nicht nur die Familie beklagt, sondern alle diejenigen, die den hochstrebenden, von Idealen erfüllten jungen Mann kennen und schätzen gelernt. „Eine Ansicht" (Drama in einem Aufzug) jüngst im Verlage von F. Lang erschienen, ist eigentlich ein Dialog zweier Freunde; sie tauschen ihre Ansichten über freie Liebe, Eourtisanentum, Rehabilitierung der Gefallenen, die zu einem geordneten Leben zurückkehren wollen, aus; wer diese philosophischen Gespräche liest, glaubt kaum, daß ein junger Mann, der im Vollgenuß des Lebens stand, sie geschrieben; es spricht aus ihnen weise Weltkenntnis, tiefes Mitleid mit den Unglücklichen, die das Opfer fremder Lüste geworden und von Stufe zu Stufe sinken. Egon Vieländer hätte das beste Talent zu einem Weltverbesserer gehabt und vielleicht, nach den Ansichten zu urteilen, die er uns in dem Drama „Eine Ansicht" entwickelt, viel auf humanitärem Gebiete leisten können. Briefkasten. L. Gottesfeld in Bukarest. Der italienische Finanzminister L. Luzzati ist keineswegs getauft, sondern ein treuer Jude. B. M. Darüber kann blos der jeweilige Rabbiner eine Entscheidung treffen. Auswanderer. Die amerikanische Regierung verfügte, daß Einwanderer mindestens 10 Dollars haben miissen, auch wenn sie ein Bahnbillet haben und Verwandte sie erwarten. „Deutschnational." Auf seiner Weltenreise im „Poggfred" schildert Detlev von Lilienkron Moses in wundervollen, herrlichen Versen: „Ich sah die Sterne durcheinanderjagen, Als ob im Himmel gold'ne Kugeln schnellen, Wie Gaukler tun an Sommerjahrmarktstagen.