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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-06-10 · 24 (10.6.1904) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
24 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 24 Dr. Mocb's MocbenscbrM, Sette 389 machten die Andern einen ohrenzerreißenden Lärm, einer überschrie den anderen, und sie sprangen und liefen umher, so daß ich glaubte, unter tanzenden Derwischen zu sein; besonders einer hatte die Kunst erlernt, mit beiden Füßen zugleich aus den Pantoffeln zu springen und wieder in dieselben hineinzuspringen. Und das nennen sie Gebet! Und diesen zu Ehren — legt Gott Tefillin! Schließlich wollte ich mir noch das gemeinsame Sabbatmal der Chassidim anschauen, von dem man mir erzählt hatte. Da saßen — und standen mehr als hundert Fremde an einer langen Tafel, darunter auch viele polnische Arbeiter, welche zur Weinlese kamen, um „Koscherwein zu machen", und auch die „Katschalabnike", das sind die Parasiten des Rebbe, die wochenlang dort herumlungern, Weib und Kind zuhause hungern lassen und auf Kosten der Fremden und des Rebbe leben, dafür aber die Wunder des Rebbe erzählen und für ihn Reklame machen. Das ist die Claque. Als ich ins Zimmer trat, winkte der Rabbi und man brachte mir einen Sessel an seine Seite. Er nahm ein Glas Wein in seine zwei Handflächen und reichte es mir. Dann gab er ein kleines Stückchen Fisch von seinem Teller, — das nennen sie „Scherajim" (Ueberbleibsel) vom Rebbe, aber kaum war es auf meinen Teller gelegt, war es bereits verschwunden. Denn solch ein Ding ist ein viel umstrittenes Objekt, das einer dem andern zu entreißen sucht, denn das soll sehr heilsam — für die Seele sein. Hierauf begann Einer einen Gesang — Semiros — anzustimmen, und die andern fielen ein; aber ein Gast hatte einen neuen „Niggen" (Melodie) mitgebracht, den sang er ihnen so lange vor, bis sie ihn Alle nachsangen und das ging so stundenlang. Ich konnte das Tischgebet nicht abwarten und entfernte mich. Sonntag Früh kamen zwei „Katschalabnike" zu mir betteln. Ich reichte ihnen eine Gabe, die sie aber für zu klein fanden. „Ihr könnt mehr geben, Ihr seid ein „N o g i d" (ein reicher Mann). „Woher wißt Ihr das?", fragte ich. „Weil Euch der Rebbe viel Ehre ertoiefen hat." Gegen dieses Argument konnte ich nicht ankämpfen. Zu einem solchen Wunderrabbi und seinem chassidischen Sabbatmahle kam einst, wie mir e^ählt wurde, ein talmudisch gebildeter, aber „aufgeklärter" Jude aus Oberungarn. Da saß der Rabbi von seinen „Heiligen" umgeben. Der Fremde trat vor, verneigte sich tief vor dem Rabbi und feierliche Stille trat ein. „Rebbe", Hub er an, „ich hatte heute Nacht einen seltsamen Traum und bitte Euch, mir ihn zu deuten. Ich sah zuerst eine w e i ß e W o l k e, in die ein W a s s e r st r a h l sich ergoß. Und eineHand kam hervor, die griff hinein und Wolke und Wasser mischten sich und wurden nun zu ei ns. Da — hell und heller ward's in meinem Geiste — da sah ich — mälig und allgemach — ein „O f an", ein Rad, das immer größer wurde, plötzlich aber in kleine Vierecke zerfiel, die jedes ein schwarzes Auge hatten. Das waren die „CHajos", übernatürliche Lebewesen dachte ich, mit den „arba kenof aim“, den vier Ecken, an denen sie sich loslösten. Nun sah ich ein „6 8 6b misslakachas“, ein loderndesFeuer, und nun ein siedendes Wasser und eine Hand kam wieder hervor und schleuderte die „C h a j o s" in den brausenden, zischenden Gischt..." Das alles sah ich und ich fiel auf mein Antlitz und hörte eine Stimme, die also sprach: „Menschensohn, stelle dich vorerst auf deine Füße, dann werde ich mit dir reden". — Und ich sprang aus dem Bette und erwachte. „Rebbe, nun deutet mir den Traum. Ich habe die Ofanim und Serafim, die Räder und die Flammen, gesehen und dann die C h a j o s mit den schwarzen Augen, wie sie in dem über den Flammen siedenden Gischt auf und nieder wogten... Das Alles habe ich gesehen, aber mir fehlt die sichere Deutung. — Der Rebbe wird's mir sagen." — Atemlose Stille. . . Heiliges Weben spann in dem Raume. . . Fromme Verzückung malte sich im Angesichte des Rabbi und teilte sich den Seinen mit .. . Jetzt erhob er sich. Abglanz des Himmels strahlte aus seinen Augen — tief verneigte er sich vor dem Fremden und mit ihm seine „Heiligen". Und er sprach: „Ihr seid ein großer Z a d i k, Ihr seid ein C h u s s i d, mehr als wir (ein gerechter, frommer Mann), den Gott begnadet hat, wie einst unseren großen Jecheskel hanuwi (unseren Propheten Ezechiel) . . . Ihr habt gesehen Maasseh merkuwuh (übernatürliche Erscheinung zur mystischen Lösung des Welträtsels)! Ich fühle mich zu schwach, um solches zu verstehen... Ihr kennt besser die Bedeutung der Erscheinung ... Ich bitteEuch, sagt sie uns! — Und heiliges Weben spann wieder in dem Raume und heilige Stille war wieder eingetreten. Und in feierlich gemeffenen Schritten trat der Fremde, sich immer verbeugend, immer mehr — zurück — bis zur Türe, die er weit geöffnet an der Klinke fest in seinen Händen hielt. Und von hier aus sprach er in gehobenem prophetischen Tone: „Ich bitte Euch Rebbe im Voraus rneebile (um Verzeihung), wenn Euch meine Deutung nicht gefallen sollte. Denn wahrlich ich sage Euch, ich hatte gewiß keine über natürliche Erscheinung und ich bin viel zu gering, als daß ich mich der Gnade wert halten sollte, mit Prophetenblick in das mir selbst heilige Haasseh merkuwuh zu schauen und es begreifen zu können. — Was ich gesehen habe, war nur Natürliches und Einfaches . . ." Jetzt sprach er immer hastiger: „Die w e i ß e W o l k e, die ich sah, die war Mehl, und die Han d, die gekommen war, war die d e r K ö ch i n, die das Mehl m i t W a s s e r gemischt und zu einem Ofan, zu einem Rad geknetet hat, aus welchem sie dann die kleinen viereckigen Chajos mit schwarzer Füllung geschnitten und sie dann über dem Feuer in den siedenden Gischt zum Kochen geworfen hat — und das waren Poividel-Krepplech." Wer malt das Entsetzen der Frommen? Der Rabbi deckt sein Antlitz mit den Händen und seine Heiligen stürmten dem Fremden mit dem Ruse nach: „Posche Jissroel“ (Abtrünniger in Israel). — Doch der hatte sich längst in Sicherheit gebracht, weil er rechtzeitig das bessere Teil der Tapferkeit, die Vorsicht seines Rückzuges, schon besorgt hatte. — Der Mann gab Fersengeld anstatt eines „O. u i tt e l" und der Wunderrabbi hatte das Nachsehen durch die offene Tür, zu der ihm das Maasseh merkuwuh so davongelaufen war... Nie mehr wollte er dieses heilige Mysterium freventlich ergründen... Die Geschichte soll wahr sein, aber meinem Wunderrabbi in Liszkü, dem ich selbst meinen Besuch gemacht hatte, war sie nicht passiert. Ich reiste von da ab und kam nach dreitägiger Fahrt in früher Morgenstunde nach Hause, wo die Tür noch gesperrt war, und ich hatte nicht den Mut, zu klopfen. Es war das drückende Bewußtsein meines „Schlemihltums", welches mich mutlos machte. Ohne Geschäft und ohne Geld heimzukommen — dazu sollte ich meine Leute aus dem Schlafe wecken?! Ich wartete daher bis zur Zeit des Morgengottesdienstes und ging in die Synagoge, wo ich dem Schwiegervater referierte. „Sorge nicht, mein Kind!", sagte er, „mein Bruder wird das Geld nicht behalten." Wir gingen nach Hause und nach der ersten Begrüßung mußte ich berichten. Ich erzählte ein Langes und Breites vom Rebbe und seinen Chassidim, von Braut und Bräutigam, was ich gegessen und wie ich heimgekommen.... „Aber das Geschäft?", unterbrach mich die Schwiegermutter. „Hast du etwas gekauft? Wieviel hast du verdient?"

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