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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-06-10 · 24 (10.6.1904) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
24 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 388 Dr. Dlocb's Mlocvenscbrlrr. Nr. 34 Welch ungeheuerlich«' Dinge von solch einem Rabbi erbeten werden, darüber wurde ich durch einen Zufall genau informiert. K o m a r n o (Galizien) hat nämlich das Glück, solch einen wundertätigen, und zwar einen bestakkreditierten Rabbi, Namens S a f r i n, zu besitzen, und so werden gar oft Depeschen, Briefe und Postsendungen, die an den Rabbiner inKomarno adressiert sind, irrtümlich an den Rabbiner in Komorn gesendet. Diesem Jrrtume habe ich es zu verdanken, daß ich im vorigen Jahre von dem ungarischen Steueramte des Marmoroser Komitats aus 180 Kronen für Erb st euer gepfändet wurde, weil ein dortiges jüdisches Ehepaar dem Rabbiner in K o m a r n o 1800 Kronen testamentarisch vermacht hatte, bis ich endlich den Exekutor aufilärte und vorerst die Ausfolgung der Erbschaft forderte. Es überraschte mich also durchaus nicht, die verschiedenen absonderlichen Bitten zu hören, welche in meiner Gegenwart von Chajim ben ßeisel und Joche bass Beile dem Gabbe in die Feder diktiert wurden. Auch an mich wendete sich der Gabbe mit der Frage: „Was ist Euer „Bekusche (Begehr)?" „Ich habe gar kein Bekusche, ich will nur den Rebbe kennen lernen." Verwundert und mißmutig über den Entgang des Einkommens schüttelte er den Kopf, aber er gewährte mir Einlaß. Ich trat in ein geräumiges, sehr ärmlich möbliertes Zimmer und am oberen Tischende saß d e r „R e b b e", der aber durchaus nichts Imponierendes, Ehrfurchtgebietendes an sich hatte. Ein kleines Männchen, mager bis zur Durchsichtigkeit, mit einem schütteren, schwarzen, bereits ergrauenden Bart, schlicht und einfach in seinem ganzen Wesen, dem ohne, vielleicht auch gegen seinen Willen das Geschäft der Wundertätigkeit aufgehalst wurde. Reb Herschele war ftüher ein armer Talmudlehrer in Ujhely gewesen, der mehr gefastet als gegessen hat und von dem Wenigen, das er hatte, „Chomesch“, d. i. den fünften Teil, statt des biblischen „Zehenten" den Armen gab. Das aber hätte ihm noch immer nicht den Nimbus der Heiligkeit verliehen. Er hatte aber das besondere Wohlgefallen des als Talmudgelehrten und Kabbalisten weitberühmten Rabbiners Mosche Teitelbaum erlangt, der eine ganze Dynastie von „Wunderrebbes" gegründet hat — sein Ur-Urenkel ist der junge Marmaros-Szigeter Rabbiner Chaim Hirsch Teitelbaum. Interessant ist es, wie Teitelbaum's Enkel, R. Salman Löb Teitelbaum, als Kind von fünf Jahren die Weihe als „Rebbe" erhielt. Teitelbaum saß mit seinen Getreuen im Empfangszimmer. Plötzlich schrie das anwesende Enkelkind : „Seide (Großvater), im Stübel brennt's!" Dieses „Stübel" war die Geheimstube des Rabbi, wohin er sich zurüchog, wenn er allein sein und mit Gott unmittelbar verkehren wollte. Diesen Raum betrat außer dem Rabbi niemand, er war gleichsam seine Werkstatt. Die Chassidim öffneten die Türe und fanden keine Spur von Feuer. „Nur gemach", sagte der Großvater, „Ihr seht nichts, aber das Kind sieht in der Stube 8ro f im und 0f anim Serafim und Engel, umgeben von himmlischen Flammen. Die Getreuen beugten das Haupt — die Weihe des Kindes war vollbracht, seine Zukunft als „Rebbe" gesichert! Bezeichnend für R. Moses Teitelbaum ist folgende nette Geschichte. Die Gemeinde Ujhely, eine der bedeutendsten Gemeinden Ungarns, hatte schon zur Zeit Teitelbaum's eine große Anzahl intelligenter, aufgeklärter Elemente, welche die Richtung und — wie s i e es nannten — das „Geschäft" ihres Rabbiners verurteilten, besonders aber war es die angesehene, weitverzweigte Familie Sch., welche dem Rabbiner offene Fehde erklärte. Nur ein hervorragendes Mitglied dieser Familie, Dr. Sch., der Komitatsphysikus, machte zur Verwunderung aller eine Ausnahme; er, der in religiösen Dingen den radikalsten Standpunkt einnahm, gab sich öffentlich als Anhänger und Verehrer des Wunderrabbi. Einmal, am Kol Kickre-Abend, als er ausnahmsweise das Gotteshaus besuchte, war er Zeuge einer seltsamen Szene. Vor der heiligen Lade stand der greise Rabbi in den Sterbekleidern und um ihn herum eine große Schar von Knaben. Und der Rabbi begann, an die Kinder sich wendend: „Jüdische Kinderlech, wenn haschem horuch hn (Gott, gelobt sei Er), von euch verlangen wird, ihr sollt euch für Ihn schlachten lassen, werdet ihr es tun?" „Ja, Rebbe, j a!" klang es in hundertfachem Kinderchor. „Nun denn, Kibono sehel olem (Herr der Welt), da rechnest Du es unserem Stammvater Jizchak als solch großes Verdienst an, daß er sich hat opfern wollen für Dich; siehe, da stehen Hunderte von Kindern bereit, für Dich ihr Leben hinzugeben, wirst Du nicht um ihretwillen unsere Sünden verzeihen?" Von dieser Stunde an wurde Dr. Sch. der heftigste Gegner des Rabbi. Um die Ursache dieser Gesinnungsänderung beftagt, sagte er: „Ich habe den Rabbiner für einen klugen Mann gehalten, der die Dummheit der Menschen auszubeuten versteht; als solchen habe ich ihn geachtet, aber der Kerl meint e s j a e r nst!" Nun, Teitelbaum hatte es wirklich ernst gemeint, und nach Tausenden zählte die Schar jener, welche seine einflußreiche Vermittlung beim lieben Gott sich erbaten. Es ist bekannt, daß auch die Mutter Ludwig K o s s u t h's mit ihm, der ein leidendes, schwächliches Kind gewesen, den Rabbi a u s s u ch t e und dessen Segen für ihr Kind sich erbat. Noch heute wallfahrten an der Jahreswende seines Todes Tausende zu seinem Grabe, um in das Zelt, das über dessen Ruhestätte sich erhebt, „Quitt e l" mit all-n möglichen Desiderien zu legen, deren Erfüllung sie erhoffen. Die Anerkennung und das Wohlwollen eines solchen Mannes wirken Wunder, und die haben auch dem Reb Herschele in Liszko zum Ruse eines Wundertäters verholfen. Der Rabbi nahm mich sehr freundlich auf, wir sprachen über mancherlei Dinge, unter anderem auch von den zwei verschiedenen Riten im Judentum, dem aschkenasischen und sephardischen, welch letzteren die Chassidim angenommen haben, und da stellte der Rabbi eine Behauptung auf, die dem Gedankenkreis vieler Leser etwas abseits liegt, aber ich werde mich bemühen, sie gemeinverständlich wiederzugeben. Der Rabbi sagte: „Bekanntlich legt auch Gott Tefillin, und wenn in unfern Tefillin die Anerkennung des einig-einzigen Gottes enthalten ist, so steht in den Tefillin Gottes der Schriftvers: „Wer ist wie dein Volk Israel — ein einziges Volk auf Erden?" Sowie wir aber — und da meinte er die Chassidim, (Sephardim) — zweierlei Tefillin legen, solche, welche nach der Meinung Rasch i's, und andere, welche nach der Ansicht des Rabbenu Tam verfertigt werden, so legt doch „natürlich" Gott auch zweierlei Tefillin, und da sage ich: die Raschi-Tefillin, welche doch die eigentlichen, allgemein anerkannten sind, trägt Gott zu Ehren der Sephardim, zu denen wir gehören, die minderwertigen Rabbenu Tam-Tefillin aber nur für die Aschkenasim." Ich ging auf diesen sonderbaren Jdeengang ein und ftagte: „Rebbe, was tut aber Gott Chol-hamoed (Halbfeiertage)? Legt er an diesen Tagen Tefillin, wie wir, oder folgt er dem Beispiele der Sephardim und legt sie gar nicht?" „Nun," rief der Rabbi mit selbstzufriedener Ueberlegenheit, „natürlich legt er nur Rabbenu Tam-Tefillin". Im Vorzimmer wurden die Wartenden ungeduldig und ich empfahl mich. Am Sabbat ging ich zum Morgengottesdienst in die Klaus. Was war das für ein Hexensabbat! Während der Rabbi ruhig, mit allem Anstand seine Andacht verrichtete,

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