Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 24 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 24 Dr Dlocd's Mocbenscbritt. Seite 365 gänzlich war. Die Leitung der ungarisch-jüdischen Statistik durch ein Zentralbureau im Auslande wäre aus zahlreichen Rücksichten unerwünscht und undurchführbar; die ungarische Judenheit müsse die statistische Erfassung ihrer Lebensäußerungen durch ein eigenes Organ in völlig selbständiger Weise ins Werk setzen. Doch könne in Ungarn nicht die Gründung eines Vereines für jüdische Statistik, wie in anderen Ländern, sondern bloß die Einsetzung einer dotierten wissenschaftlichen Kommission ins Auge gefaßt werden. Auch Redakteur Max Szabolcsi, Herausgeber des „Egyenlöseg“, sprach sich für die Unabhängigkeit der ungarischen Organisation aus. Rechtsanwalt Dr. David Pap, welcher sich auf dem Gebiete der Statistik der Juden in Ungarn bereits betätigt hat, plaidierte für die Verteilung der einzelnen Zweige der Statistik an arbeitslustige und qualifizierte Persönlichkeiten. Dem gegenüber wies D. Franz Mezei auf die Ausdehnung des Arbeitsfeldes hin, welche die Einsetznng einer organisierten Kommission unerläßlich mache. Doch sei es ratsamer, statt eine selbständige Körperschaft zu gründen, die Bearbeitung der Statistik der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft zu überweisen, welche eine spezielle Kommission hierfür einsetzen, die erforderlichen Mittel beschaffen und alle arbeitslustigen Kräfte kooptieren würde. Da die Mehrzahl der Direktionsmitglieder der I. L. G. anwesend war, so wurde der Vorschlag Dr. Mezei's eingehend erörtert und durchaus praktisch befunden. Es ergab sich ans den Ausführungen von Prof. Schächter, Prof. Mahler, Prof. Retby und Dr. Farkas, daß die I. L. G. tatsächlich die besten Garantien für eine echt wissenschaftliche und dauernde Führung der Statistik der Juden in Ungarn biete. Prof. Schächter schloß die Versammlung, der auch Oberrabbiner Dr. Kayserling und andere Vertreter des Bndapester Rabbinats beiwohnten, indem er die baldige Eröffnung der jüdisch-statistischen Arbeiten unter der Aegide der I. L. G. in Aussicht stellte. Marquis von Bnte. Der verstorbene Marquis of Bitte ist nicht nur ein großer Freund der Juden gewesen, sondern hat sich seit Jahren viel mit jüdischer Literatur und Geschichte beschäftigt. Der bekannte Schriftsteller Lucien Wolf veröffentlicht in der „Jewish Chronicle" Erinnerungen an den verstorbenen Edelmann, denen wir folgendes entnehmen: Meine Forschungen über jüdische Genealogie führten mich zum ersten Mal mit Lord Bnte zusammen. Seine Vettern aus den Familien Elision und Hastings hatten jüdisches Blut in den Adern und eine seiner Kousinen wünschte für sich einen Stammbaum mit den zugehörigen Wappenschildern aufgestellt zu haben. Auf den Rat eines Freundes wendete Lord Bnte sich mit diesem Wunsch an mich und das Resultat war meine kleine Geschichte über Trier. Bis zu jener Zeit war sein Interesse für jüdische Kommunalgeschichte nur gering gewesen, aber nach der Vollendung meines Artikels widmete er ihm große Aufmerksamkeit und schrieb mir darüber eine Woche hindurch täglich lange Briefe mit ausführlichen und gelehrten Kommentaren. Schon damals besaß er bedeutende Kenntnisse in der Geschichte des Marranismus, die er bei einem Aufenthalt auf den Kanarischen Inseln erworben hatte. Jetzt begann er sich für den jüdischen Ursprung anderer englischer Familien zu interessieren und studierte mit Fleiß und kritischem Eifer die Veröffentlichungen des Jüdischen Geschichtsvereins. In der Geschichte der Stadt Trier begeisterte Marquis von Bnte sich besonders für die Bezugnahme auf einen mittelalterlichen Midrasch, demzufolge Elchanan aus Mainz, ein Onkel des Rabbi Simon von Trier, als Kind geraubt worden und späterhin Papst geworden sein sollte. Er schrieb mir über diese Angelegenheit verschiedene Briefe, die als wertvolle kleine Essays gelten können und die ich als Basis für ein besonderes Kapitel über den erwähnten Midrasch in der Schlußausgabe meiner Trierer Geschichte verwertet habe. Er hielt die historische Wahrheit dieser Legende für erwiesen und schloß sich der Annahme des Historikers M. Charleville an, der Elchanan von Mainz mit dem Papst Gegor VI. identifiziert. Der folgende kurze Auszug aus einem früheren Brief des Marquis wird die jüdischen Leser interessieren: „Die Geschichte von Elchanan, alias Papst Gregor VI. scheint nicht unmöglich und ist gründlicher Erforschung wohl würdig. Der Anfang zeigt große Aehnlichkeit mit dem Mortara-Fall; der junge Mortara ist zur Zeit Kanonikus in irgend einem Kapitel in Rom. In Döllinger's „Erzählungen von den Päpsten des Mittelalters" wird mitgeteilt, daß die Päpste Benedikt, Gregor und Hildebrand der schwarzen Kunst beschuldigt worden waren. Dieses weist auch nach der jüdischen Richtung, denn den Juden hat man oft dasselbe vorgeworfen; die sogenannte „Blutbeschuldigung" gehört dazu." Am nächsten Tag schreibt er noch eingehender: „In den „Petits Bollandistes" finde ich (unter dem 25. Mai), daß Hildebrand der Große ein Schüler von Johann Gratian «daS ist (Gregor VI. - Elchanan) gewesen; vorher hatte er unter Laurentius von Amalfi, dem Erzzauberer, studiert, der sowohl Benedikt, wie Gregor die schwarze Kunst beigebracht haben soll. Gregor Elchanan soll, nachdem er auf den päpstlichen Stuhl verzichtet, den Hildebrand aufgefordert haben, mit ihm nach Deutschland zu gehen. Sie gingen zuerst nach Cluny, wo Hildebrand Mönch wurde, so daß Gregor-Elchanan seine Begleitung verlor. Döllinger spricht davon, daß Gregor-Elchanan es gewesen, der Hildebrand in die Geheimnisse der Zauberkünste eingeweiht habe. Je mehr ich in dieser Sache herumstöbere, um so interessanter scheint mir alles zusammenzuhängen." Späterhin hat Lord Bitte auch den Lord Acton veranlaßt, sich mit der Prüfung dieser Angelegenheit zu beschäftigen, und die Ergebnisse dieser Forschungen werden gelegentlich veröffentlicht werden. Jedenfalls war Lord Acton geneigt, sich der Ansicht von Jellinek und Chonnery anzufchließen, die Elchanan mit dem Gegenpapst Anaclctus II. identifizieren. Lord Bnte hat überhaupt gründliche Studien in den esoterischen Pseudo-Wissenschaften des Mittelalters gemacht, und es gibt wenig Menschen, die in der Geschichte der Zauberei, Astrologie und ähnlichen Auswüchsen des mittelalterlichen Geistes besser Bescheid wußten als er. Seine Sammlung von Manuskripten der Inquisition mit Gerichtsverhandlungen über Zauberei, Häresie und Judentum ist einzig in ihrer Art. In der Philologie war Lord Bute kein bloßer Dilettant; seine Kenntnisse des Hebräischen waren bedeutend, und auch in anderen orientalischen Sprachen war er wohlbewandert. Der Palast, den er in London bewohnte, St. John's Lodge, ist ursprünglich jüdischer Besitz gewesen und Lord Bnte sprach gern von den jüdischen Traditionen dieses Hauses. Es hat früher der Familie Goldsmid gehört. In seinen Räumen hat im Jahre 1810 jene Versammlung der Londoner Juden statt gefunden, in der die Mission Sir Moses Montefiore's nach dem Orient zur Befreiung der Märtyrer von Damaskus beschlossen wurde. Im Jahre 1881 wurde in den Bibliotheksräumen von St. John's Lodge unter dem Vorsitz des damaligen Besitzers Sir Francis Goldsmid die Organisation der Anglo- Jüdischen Ausstellung beraten. In denselben Räumen hat Sir Jsaac Lyon Goldsmid in Gemeinschaft mit dem Dichter Thomas Campbell die ersten Pläne für eine Londoner Universität ausgearbeitet. In den Jahren 1836—1850 hat Sir Jsaac in diesem Haus die hervorragendsten Zeitgenossen beherbergt, unter ihnen Macaulay, Professor Owen, Brougham, Daniel O'Connell, Admiral Beaufort, und hauptsächlich hier ist der Feldzug für die Abschaffung der den Juden auserlegten Beschränkungen organisiert worden. Hier hat auch einmal (1853) die Königin Victoria mit dem Prinzen Albert unangemeldet Sir Jsaac einen Besuch abgestattet, als sie von der Besichtigung einer Blumenausstellung in dem St. John's Lodge gegenüberliegenden Botanischen Garten zurückkehrte. Als Lord Bnte dieses Haus von einem jüdischen Besitzer kaufte und es später in märchenhafter Pracht ausstattete, verkaufte er sein bisheriges Wohnhaus in London ebenfalls an einen Juden, Herrn Bischoffsheim. Der Uebertritt des Lord Bute zum Katholizismus hat seinerzeit großes Aussehen erregt: man wird sich erinnern, daß der Held des Disraelis Roman „Lothaire" kein anderer als der eben verstorbene Marquis von Bute gewesen. Die ungeheueren Reichtümer, die er von seinem Vater ererbt und die während seiner langen Minderjährigkeit sich noch bedeutend vermehrt harten, sind von ihm zu großartigen Bauten und zu Verbesserungen auf seinen verschiedenen Gütern verwendet worden. Er hat die Kohlenstadt Cardiff zu ihrer jetzigen Blüte entwickelt und hat dort viertausend Musterwohnungen für Arbeiter gebaut. Dem „jüdischen Rabbiner in Schottland" hat Marquis von Bute 1000 Psd. St. hinterlassen, die zur Unterstützung jüdischer Studenten an der St. Andreas-Universität in Schottland dienen sollen. Im Jahre 1896 stellte der verstorbene Edelmann 200 Psd. St. dem Chief-Rabbi Dr. Adler zur Verfügung, der