Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 24 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 24 Dr. Dlocb's Mocvenscbritt. Seite 383 stellen." Auf Grund der Annullierung des Wahlaktes hat, wie bereits gemeldet, Abgeordneter Professor Bendel im Namen des Wahlkomitees der deutschsreisinnigen Partei eine mit zahlreichen Daten belegte Strafanzeige an die Staatsanwaltschaft geleitet. — Nach Einbringen des Wahlprotestes durch die Fortschrittlichen hat bekanntlich Bürgermeister Dr. Lueger im Gemeinderate einen Magistratsbericht über die Vorgänge bei der Wahl im 9. Bezirke verlesen, in welchem eine scharfe Kritik an dem Vorgehen der Fortschrittlichen geübt wurde. Nachdem nunmehr die Behörde dem Protest der Fortschrittlichen stattgegeben hat, erscheint jener Magistratsbericht in einem sehr merkwürdigen Lichte. „Chesed schel emes‘: bte Geschichte eines Vereines. In unserer Zeit, in welcher Vereine wie Pilze aus der Erde schießen und nach kurzem Bestände aus verschiedenen Ursachen sich wieder auflösen, mag es den Menschenfreund gar angenehm anmuten, wenn er unter den vielen Wohltätigkeitsvereinen Wiens einige findet, welche, mehr als ein halbes Menschenalter bestehend, trotzdem unbeirrt von der Zeiten Strömung und den — gegen früher total veränderten konfessionellen und sozialen Verhältnissen unentwegt ihre segensreiche humanitäre Tätigkeit üben und die Tendenzen, welche sie vor einer langen Reihe von Jahren angenommen haben, Hochhalten und denselben treu geblieben sind. Unter diesen wenigen Vereinen sei hier eines Vereines gedacht, welcher vor 36 Jahren unter gar merkwürdigen Auspizien gegründet wurde, und wird es den Leser dieser Zeilen interessieren, zu erfahren, daß der eigentliche Gründer des durch und durch jüdischen Vereines „Chesed sehe! eines" ein — Christ gewesen ist, und es sei an dieser Stelle erzählt, auf welche Weise dieser Verein entstanden ist. Es war im Jahre 1868. Die Judengasse in der inneren Stadt war zu jener Zeit quasi die City des Handels mit alten Kleidern und von allen Richtungen — zumeist aber aus Galizien — strömten die Konsumenten nach Wien, um in der Judengasse die von den sogenannten „Platzstehern" (Hausierer), denen zu jener Zeit der Aufenthalt in dieser Gasse noch nicht verboten war, zur Veräußerung gebrachten alten Kleider aufzukaufen, um dieselben dann in ihrer Heimat mit mehr oder minderem Nutzen an den Mann zu bringen. Daß diese „Platzsteher" nicht zu den „oberen Zehntausend" gehörten, wird wohl jeder, der die damaligen Verhältnisse kannte, zugeben. Wenn nun, was häufig vorkam, einer dieser armen Hausierer erkrankte, da gab es großen Jammer, denn nicht nur, daß der Mann seinem Verdienste nicht nachgehen konnte, somit samt seiner oft zahlreichen Familie am Hungertuche nagen mußte, fehlten selbstverständlich auch die Mittel für Arzt und Apotheke. Zu jener Zeit existierte in der Judengasse ein kleines Wirtshaus, dessen Besitzer weiland Herr Johann Kropf war — ein Mann vom reinsten arischen Blute aber auch ein Mann mit einem goldenen Herzen. In diesem Wirtshaus wurde nun größtenteils Kauf und Verkauf der alten Kleider abgewickelt und Herr Kropf, der die Ver- Zltnisse seiner Gäste genau kannte, sprang oft hilfsbereit solchen amen Juden bei, indem er ihnen zu ihren Geschäften größere oder Aeinere Beträge uneigennützig vorstreckte und auch sonst gerne half, wo Not an Mann war. aber allen konnte er eben nicht Helsen und da kam ihm — den Christen — die Idee, einen Verein für diese armen Juden in's Leben zu rufen, der in Krankheitsfällen den Mitgliedern wenigstens die Möglichkeit gewährte, Doktor und Apotheke zu bezahlen und eventuell noch einen Betrag für die dringendsten Lebensbedürfnisse zu erübrigen und so vor alleräußerster Not zu schützen. Und so ist der Kranken-Unterstützungs-Verein „Chesed schel 6in68" entstanden. Gegen eine wöchentliche Einzahlung von 10 Kreuzern konnte sich das Mitglied eine Krankenquote von fl. 5.— per Woche sichern und hatte ein erkranktes Mitglied für eine jährliche Einzahlung von fl. 5.20 auf eine Krankenunterstützung bis zu fl. 120.— pro Jahr Anspruch. Der Verein prosperierte unter dem Präsidium des seligen Herrn Leopold Fried — trotz der Mißverhältnisse zwischen Einzahlung und Benefizien auf das Glänzendste, so daß im Laufe der Jahre ein Vermögen von zirka fl. 12.000 erspart werden konnte und ist dieser Betrag zugunsten der Mitglieder in pupillarsicheren und verlosbaren Wertpapieren angelegt. In dem Maße, als der Verein gedieh, wurden auch die Benefizien — ohne Mehrbelastung der Mitglieder — wesentlich vermehrt; es wurde die Krankenquote auf fl. 6.— per Woche erhöht; ferner erhält ein Mitglied, welchem ein naher Verwandter stirbt, einen Schiwo- Beitrag von fl. 5.—, falls ein Mitglied nach überstandener Krankheit einen Kurplatz aufsuchen muß, einen Reisebeitrag von fl. 10.—; wenn ein Mitglied mit Tod abgeht, wird vom Verein der Grabstein beigeflellt und die Witwe des Verstorbenen erhielt bis vor Kurzem eine Abfertigung von fl. 50. Als nach dem Ableben des seligen Herrn Leopold Fried, welcher dem Vereine während seines 26 Jahre langen Wirkens als Präses jederzeit ein Förderer und Nutzer war, Herr Jacob Mittler an die Spitze des Vereines trat,. wurde über Initiative dieses zielbewußten Mannes die Gründung eines Witwen- und Waisensonds angeregt und nach seinem aus geschäftlichen Gründen erfolgten Rücktritte unter dem Präsidium des derzeitigen sehr rührigen Obmannes Herrn Siegfried Beer weiter ausgebaut und ins Leben gerufen, so daß nunmehr die Witwe eines verstorbenen Mitgliedes einen Betrag von fl. 200 als Abfertigung erhält. Der Verein „Chesed schel eines“ ist im Laufe der Jahre zu großem Ansehen gelangt und steht unter den jüdischen Wohltätigkeitsvereinen Wiens als einer der ersten da, zählt gegenwärtig an 400 ordentliche Mitglieder und bietet denselben gegen eine geringe Einzahlung die weitgehendsten Benefizien. Außerdem gibt der Verein an unterstützungsbedürftige Mitglieder Spenden in barem Gelde und bringt alljährlich an arme Mitglieder zu Pessach Mazzoth zur Verteilung, kurz der Verein steht auf jener Höhe seiner Aufgabe, die er sich vor 36 Jahren gestellt, und diese Aufgabe heißt: „Chesed schel emes“ oder in deutscher — wenn auch nicht korrekter — aber sinngerechter Uebersetzung: „Wohltätigkeit und Pietät". Der Verein „Chesed schel emes“ verdient mit vollem Rechte das Ansehen, welches er genießt, und sei die Opferwilligkeit, das Pflichtgefühl und Zielbewußtsein, welches Präses und Vorstand allezeit zu gemeinsamer segensreicher Tätigkeit miteinander verbindet, hier besonders hervorgehoben. Julius W o t t i tz. Israelitische Allianz. (Gründung einer Filiale in B i e l i tz.) Donnerstag fand im Zunfthaussaale über Einladung der Vorstände der israelitischen Kultusgemeinden von B i e l i tz und B i a l a eine Versammlung statt, die den Zweck hatte, in Bielitz- Biala eine Ortsgruppe der Israelitischen Allianz zu gründen. Die Versammlung war sehr zahlreich besucht, der Saal erwies sich beinahe als zu klein. Der Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde in Bielitz, Herr Salomon Pollak, eröffnete die Versammlung mit einer kurzen Ansprache, in welcher er auf die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts erfolgte Gründung der Alliance israölite universelle in Paris durch den Philanthropen Cremieux hinwies. Diese Vereinigung erstreckte sich über alle Kulturstaaten und bemühte sich vornehmlich um die Hebung der Bildungsstufe der Juden in Osteuropa und dem Orient. Die späteren Verfassungsänderungen in den europäischen Staaten führten zu einer Teilung der Alliance israölite in eine Anzahl gleichstrebender Vereine, von denen jeder sich aus einen Staat beschränken mußte. Aus den früheren österreichischen Mitgliedern der Alliance israelite wurde in Wien die Israelitische Allianz gegründet. Ueber die Zwecke und Ziele dieser letzteren zu berichten. sei der Sekretär derselben, Rabbiner Dr. Kaminka, nach Bielitz-Biala gekommen, den Redner der Versammlung vorstellt. Dr. Kaminka gibt nun in zirka einstündigem Vortrage ein Bild der Tätigkeit der Israelitischen Allianz in Wien in Verbindung mit der Lage der Juden in Rußland und Rumänien. Ausführlich schildert der Vortragende die Greueltaten in Kischenew und Homel, die als Symptome für die rechtliche Lage der russischen Juden zu betrachten seien, bespricht die Beschränkungen, welche von gesetzeswegen den russischen Juden hinsichtlich ihres Wohnsitzes, ihrer Betätigung im sozialen und wirtschaftlichen Verkehr, im Heeresdienst auserlegt sind. Unter diesen Ausnahmsgesetzen leiden gegen 5 Millionen Juden, d. i. die Hälfte aller' Juden der Welt. Noch vor wenigen Jahren wohnte in Rußland die Mehrzahl aller Juden, allein seit den russischen Judenverfolgungen vor 20 Jahren sind gegen 800.000 Juden aus Rußland vorwiegend nach Amerika ausgewandert, wo sie heute die energischesten Kämpfer gegen die judenseindliche Politik Rußlands sind und durch ihr bekanntes Auftreten nach den Vorfällen in Kischenew wenigstens erreicht haben, daß solche Greueltaten nicht, wie es wohl in der Absicht maßgebender Faktoren in Rußland lag, allgemein wurden. Der Vortragende bespricht auch die Leistungen der Israelitischen Allianz für die rumänischen Juden, die darin bestanden, daß den zur Auswanderung gezwungenen Armen die Mittel zur Niederlassung in England, Frankreich und Amerika geboten wurden, den in Rumänien gebliebenen Juden dagegen durch Subventionierung von Schulen für die Zukunft die Möglichkeit geschaffen wird, sich anderwärts einen Erwerb zu suchen. Der Vortrag schließt unter sehr lebhaftem Beifall der Versammlung mit dem Ausdrucke der Hoffnung, daß in Bielitz-Biala eine Filiale der Allianz sich bilde. An den Vortrag schloß sich eine längere Debatte, die Herr