Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 24 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 382 Dr. Dlocb's HAocbenscbrM. Nr. 24 in welcher Neid und Haß und Selbstsucht nur durch die eiserne Faust des Gesetzes niedergehalten werden, ist keine Gottesstadt. In einer solchen muß das Rechte aus freiem Antriebe, muß das Gute geübt werden, ihre Bürger müssen das Gesetz, wie der Greis in Gorki's Nachtasyl im Herzen tragen, und die messianische Zeit wird, wie der Talmud folgerichtig sagt, (der Sohn Davids wird) nicht eher kommen, bis die Strafrichter überflüssig geworden". *) Damit ist aber das Verhältnis des sinaitischen Gesetzes nicht nur zu den Rechtsbestimmungen Hammurabis, sondern zum Rechte überhaupt, klargelegt. Babel hat den Osten in altersgrauer, wie Rom den Westen in späterer Zeit gelehrt, Recht sprechen; die Bibel hingegen verfolgt als höchsten Zweck der Gesetzgebung: das Recht überflüssig zu machen, dem Unrechte durch entsprechende Präventiv-Maßregeln und Gesetze vorzubeugen und die Verbrechen zu verhüten. Ihr Ziel ist, die Menschen durch die Befriedigung der natürlichen Bedürfnisse einerseits und durch die Erziehung des sittlichen Willens zum Guten andererseits zu verbessern und zu veredeln, um sie zu befähigen, das Reich Gottes auf Erden zu gründen, ein Reich, in welchem nicht das strenge Recht, sondern Güte, Milde und Liebe regieren werden. * * Daß sich um das Banner dieser Lehre, welche „von vornherein so sehr die Kulturstufe ihres Volkes überragte, daß sie — nach den Worten eines der überzeugungstreuesten jüdischen Denker — seit den dreitausend Jahren ihres Bestandes noch nie eine Zeit dieses Volkes gehabt, die ihr ganz adäquat gewesen, in welcher sie bereits ihre volle Vollendung und Wirklichkeit gefunden" (S. R. Hirsch, Gesam. Schriften, S. 84) noch immer nur Wenige scharen, darf uns nicht entmutigen, darf unsere Kraft nicht lähmen. Eine solche Umbildung der Volksseele geht nur langsam, fast unmerklich vor sich. Die „aufwärts sich bewegende Entwicklung" der großen Menschenfamilie ist nicht zu verkennen und beträchtlich ist die Zahl derer, die an die einstige Verbrüderung der Menschen glauben. „Die zarten und darum prophetischen unter uns Empfindenden — sagt ein großer nichtjüdischer Forscher — blicken auf das Reich der Liebe und des Friedens nicht mehr wie auf eine bloße Utopie". Die Gründung von Friedensvereinen in allen Ländern, die Friedensbestrebungen der Völker und ihrer Regierungen; die angekündigte Absicht der deutschen Regierung, ein Gesetz über die Versicherung der Arbeitslosen, der Waisen und Witwen zu schaffen, die geplante Einführung einer Alters- und Invalidenversicherung der Privatbeamten in Oesterreich und Frankreich; die in vielen Staaten eingeführte progressive Einkommensteuer, die vom Staate erhaltenen Schulen, die den Strom des zum Leben unbedingt notwendigen Wissens dem Armen wie dem Reichen in gleicher Weise zuführen: die zahlreichen Wohlfahrtseinrichtungen und Vereine, die von Tag zu Tag wachsende Schar derer, die sich bemühen, die Not der Aermsten zu lindern — dies alles zeigt, daß die Menschheit, mit modernen Mitteln ausgestattct, rüstig auf dem Wege fortschreitet, der zur sinaitischen Höhe führt. Freilich, der Gipfel des Gottesberges ist noch immer in Nacht und Nebel gehüllt. Unser Gesichtskreis ist noch beengt und unser Blick vermag nicht die ihm von der Natur gezogenen Schranken zu überschreiten. Es wird mal eine Zeit kommen, in welcher man, wie der große Rechtslehrer Jhering bemerkt, auf uns und unsere Einrichtung mit demselben Befremden und Staunen herabblicken wird, wie wir auf frühere Kulturepochen, auf die Zeit des Plato und des Aristoteles mit ihren Lehren von der Rechtmäßigkeit der Sklaverei herabblicken." (Jhering: Der Zweck im Rechte, II., S. 130). Ob aber die Wissenschaft — wie Jhering erwartet — diesen Umschwung in unserer Denkart herbeiführen, ob die Soziologie zur „Führerin der Irrenden" werden und ob der Mensch, der das Tier und die Pflanze in seine Gewalt bekommen, indem er die Palme der Tropen in den Treibhäusern des Nordens, die Tierwelt des Meeres in den Aquarien des Festlandes zür Reife bringt, ob er auch „an dem menschlichen Willen seine Kunst und die Macht seines Geistes bewähren" und „die gesellschaftliche Zucht des Willens zum Sittlichen in einer Weise vervollkommnen wird, von der eine Zeit wie die heutige sich schwerlich eine Vorstellung machen" kann — und welche Mittel, die ihm erst die noch unentdeckte „Theorie der gesellschaftlichen Bildung" an die Hand geben soll, er verwenden wird — das sind Fragen, die wohl noch kein Sterblicher beantworten wird. Sicher ist nur, daß es mit schönen Worten, mit schönen Lehren und geistreichen Unterweisungen nicht gehen wird und daß nach den bisher gemachten Erfahrungen in diesem sozialen Erziehungssysteme die Befriedigung der einfachen Bedürfnisse und die Angewöhnung an Enthaltsamkeit, Mäßigkeit und Opferfähigkeit durch entsprechende Handlungen und Uebungen eine große, wenn nicht die Hauptrolle spielen werden. Es ist vielleicht darum einer der tiefsten prophetischen Blicke, den der größte Dichter in die Zufunft getan, als er von der Bibel, dem Buche der Bücher, im Gegensätze zu jenen Forschern, die derselben in der Weltliteratur, dem großen Friedhofe aller geistigen Schöpfungen, ein einfaches oder ein Ehrengrab anweisen möchten, in seiner Farbenlehre sagte: „Je höher die Jahrhunderte an Bildung steigen, desto mehr wird die Bibel zum Teil als Fundament, zum Teil als Werkzeug der Erziehung, freilich nicht von naseweisen, sondern von wahrhaft weisen Menschen genützt werden." An diesem Goethewort wollen wir festhalten. In der Zukunft weiter Ferne, der die Menschheit wie „nachtwandlerisch nach verhülltem Ziel" entgegengeht, kommen die sinaitischen Ideale zur Blüte. Und bringen uns auch die Ereignisse der Gegenwart diesem Ideale nicht näher, leben wir auch in einer Zeit beklagenswerter Verirrungen und Rückschläge, den Mut, die Hoffnung und das Vertrauen auf die ewige Vorsehung werden wir nie und nimmer verlieren. An diese wollen wir uns in trüben Tagen wenden und mit dem großen Freunde Mendelssohn's sprechen: „Geh deinen unmerklichen Schritt, ewige Vorsehung! Nur laß mich dieser Unmerklichkeit wegen an dir nicht verzweifeln. Laß mich an dir nicht verzweifeln, wenn selbst deine Schritte mir scheinen sollten, zurück zu gehen!" Korrespondenzen. Annullierte antisemitische Wahlen. Bekanntlich wurde seitens des Wahlkomitees der deutschfreisinnigen Partei im neunten Bezirke gegen die Personaleinkommensteuer-Wahlen in der dritten Kategorie, bei welcher die antisemitischen Kandidaten als gewählt erklärt worden waren, eiu Protest überreicht. Insbesondere wurde geltend gemacht, daß seitens der Steueradministration an die Gemeindekanzlei 24 Stunden vor der Wahl 1482 von der Post als unbestellbar erklärte Wahldokumente übergeben worden sind, welche gegen Identitätsnachweis von den Wahlberechtigten hätten behoben werden können. Von diesen wurden nach Abschluß des Wahlaktes nur 884 an die Steueradministration zurückgestellt, so daß sich ein Manko von 598 Stück ergab. Es wurde nun eruiert, daß derartig unzustellbare Wahllegitimationen zu Zwecken der Stimmenabgabe benützt worden sind und in den Wahlakten als abgegebene Stimmen vorgefunden wurden. An die Herren Gemeinderat Friedrich Allmeder und Anton Oerley, welche seinerzeit den Protest namens des Wahlkomitees gefertigt hatten, ist nun die vom 4. Juni datierte Verständigung der Steueradministration für den 8. und 9. Bezirk herabgelangt, durch welche dem Proteste stattgegeben wurde und die angefochtenen Wahlen kassiert werden. In der Entscheidung heißt es unter anderem: „Maßgebend für diese Entscheidung ist die Erwägung, daß, wie durch die gepflogenen Erhebungen sichergestellt wurde, in einer für die Beurteilung des Wahlresultats relevanten Anzahl von Fällen die abgegebenen Stimmzettel von Personen herrührten, beziehungsweise unterfertigt waren, welche sich als Wahlberechtigte im Sinne des Gesetzes zweifellos nicht dar- *) Sabbat 139 a v'-ivivi ll'vDIV 1P 8- T2 j-K